Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Kleine Tropfen, große Wirkung: Das Taufbecken

| 40 Lesermeinungen

Eine Taufe ist schnell über die Bühne gebracht. Sie markiert ja bloß den Anfang der Glaubensbiographie. Was kommt dann? Zählen wir es mal an drei Fingern ab.

Eine Taufe scheint von außen betrachtet recht simpel. Ein bißchen Wasser über den Kopf und fertig ist der jüngste Christ. Der Täufling, immerhin die Festsau, nimmt davon so gut wie nichts wahr. Wie sollte das Baby auch unterscheiden zwischen seiner Taufe und einem gewöhnlichen Montag? Das Kind erschrickt kurz über das plötzliche Nass und döst dann wieder in seine Babywelt ab. Die Taufgesellschaft hört den Reden der Paten zu, gibt sich einer mittelgewichtigen Völlerei hin und erfüllt ihre Pflicht mit dem Taufgeschenk. Dann reisen die Gäste wieder ab und die Spülmaschine schwemmt den Rest Cocktailsauce vom Teller.

Erwachsenentaufe werden nun die Ersten schreien. Dann erst in die christliche Gemeinschaft eintreten, wenn man die Bedeutung verstanden hat. Dann erst, wenn man seine eigene Meinung zum Glauben gebildet hat, statt in eine fremdbestimmte Richtung gewiesen zu werden.

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Doch bis dahin sind Jahrzehnte klanglos verstrichen! Die Glaubensbiographie beginnt indes schon früh:

In den ersten Jahren sind die Entwicklungsschritte gewiss klein bis nicht vorhanden. Die ganze Welt passt in die Gegenwart eines Tages: in ein paar Stunden spielen und motzen, folgen und trotzen. Die Welt ist einfach da und in ihr tausend Dinge, die man anfassen kann und tausend, die unsichtbar sind. Alle Unsichtbaren leben nach dem ersten Kennenlernen gleichberechtigt in der kindlichen Phantasie: Lillifee, Nils Holgerssohn und das Jesus Kind. Die kleine Meerjungfrau, der Weihnachtsmann und Maria, Mutter Gottes. Sie alle passen in die Vorstellungswelt und kein Kind hat jemals die Wahrheit gesprochen, wenn es behauptet, noch nie an den Osterhasen geglaubt zu haben. Es gibt erstmal gar keinen Zweifel daran, dass es den Osterhasen gibt oder die Zahnfee oder den Engel Gabriel.

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Es gibt auch solche, die wollen bei diesem Entwicklungsstand bleiben und halten stur fest an der kindlichen Vorstellung von Gott als altem Mann mit langem, weißen Bart und goldenem Gewand. Wollen keinen Zweifel zulassen. Sollen sie doch machen wie sie wollen, – es braucht sich nicht jeder an den Rätseln göttlicher Morphologie abzuarbeiten. 

Im Rest gärt irgendwann zwischen zwölf und zwanzig Lebensjahren der Zweifel. Der Platz im Kopf reicht bei ersten Philosophie-Übungen nicht für beiderlei Disziplinen und die alte Theodizee-Frage zerschmettert noch das letzte Verständnis für Gott.

Damit nicht genug: Der Glaube scheint fürs Leben nicht gemacht, denn kein Mensch verhält sich im Einklang mit den Tugenden Christi. Es ist keiner zu finden, der sie authentisch verkörpert und gleichzeitig fest im Leben steht. Keiner, der so großmütig ist. Keiner, der einzig auf das Wohl anderer ausgerichtet ist. Keiner, der alles verzeiht. Keiner, der im Glauben Autonomie erlangt, sodass er ihn über das Leben und sich selbst erhaben macht. Keiner, der glasklar erkennt, was richtig, weil es zu Gutem, und was falsch ist, weil es zu Schlechtem führt.

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Bis dann sich demjenigen, der weiter forscht, demjenigen, der in der Kirche Mitglied bleibt, die Frage stellt „Warum gehöre ich eigentlich dazu?“

Was ist eine hübsche Frage ist, viel hübscher als „Warum bin ich davon ausgeschlossen?“

Der Katholitk prüft also seine mystischen Fähigkeiten in den Wunderwäldern der Heiligen, der Protestant seinen abstrakten Purismus. Beide grübeln sie, wie die metaphysische Kraft Gottes ebenso lebendig sein kann.

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Bis sich die Pforten öffnen. Bis man erkennt, dass Gott immer dort zu finden ist, wenn die gesamte Schönheit allen Lebens in einer losen Geste steckt.

Ein Beispiel? Wenn Mann und Frau, die sich als Liebe des Lebens gefunden haben, mit ihrem Kind vorm Taufbecken stehen – ihm also den christlichen Weg empfehlen – und ein älteres Geschwisterchen dem kleinen Wonneproppen vorsichtig die Haare abtrocknet.

Ach, es sieht so simpel aus!


40 Lesermeinungen

  1. Nochauch sagt:

    ... und nicht die Kinder schon...
    … und nicht die Kinder schon – um mal etwas aktueller zu werden – durch körperliche Verstümmelung, Beschneidung genannt, als Zugehörige zu kennzeichnen, wie die Brandmarkung zum Eigentum von Vieh …

  2. perfekt57 sagt:

    wie recht sie hat. einmal...
    wie recht sie hat. einmal mehr. „zwei dinge vermögen alles – gewalt und folge“, meint der dichter zu wissen. „geheimniss des glaubens. erhebet die herzen. wir haben sie beim herrn.“ das ist die folge. überlegen intelligent. ewig weiblich. und danke fürs teilen. und so viele andere sind auch schon dabei.

  3. Moritz sagt:

    Werte Frau von Maltzahn,
    freut...

    Werte Frau von Maltzahn,
    freut mich sehr, dass Sie bei einer Taufe noch etwas empfinden, bei mir ist das eher so eine Art folkloristisches „Event“ wie kirchliche Trauungen und Weihnachten. Es reiht sich ein in die 80er-West-Jugend-Sozialisierung wie Mitgliedschaft im Tennisclub oder Lacoste-Poloshirts und man tradiert das dann in die jetzige Zeit, weil schon immer so gewesen.
    Liegt aber vielleicht auch am protestantisch-norddeutschem Umfeld, das ist ja sowieso eher „Kirche light“. Ich versuche lieber die christlichen Werte zu leben, dafür brauche ich aber keine Institution.
    Als Lackmustest erzähle ich gern mal in geselliger Runde, dass ich für die christliche Straffälligenhilfe spende, da wird es dann mit der Nächstenliebe plötzlich recht dünn. Eine kluge Frau sagte mir neulich zu dem Thema, dass die meisten Menschen sich ihre Nächsten dann doch sehr genau aussuchen.
    Schöne Grüße aus dem Norden, genießen Sie das herrliche Wetter am Wochenende, ich schicke Ihnen etwas Küstenwind,
    Moritz

  4. stimmviech sagt:

    Bedingt durch den Flynn-Effekt...
    Bedingt durch den Flynn-Effekt ist auch die heutige Unterschicht intelligent genug, um die Religion als Hoax zu erkennen, der ihnen nicht hilft, sondern durch die sie noch verhöhnt werden. Der Oberschicht dagegen hilft sie emotional so sehr, daß man über gewisse Widersprüche zum logischen Denken gern hinwegsieht.

  5. Konstantin sagt:

    Aber nein, wenn ich tot bin,...
    Aber nein, wenn ich tot bin, dann war ich und sonst nichts weiter. Aber ich glaube an eine Sinnvolle Gemeinschaft. Schöner Allgemeinplatz, oder? Moralisches Handeln ist mir nicht fremd. Um zu wissen was schwarz ist muss man auch wissen was weiß ist. Man kann aber auch das Feuilleton dechiffrieren. Das ist meine Erklärung, wenn ich für die Kirche spreche. Hm, und das sage ich zu solchen Leuten die ihr Leben auch nicht aus den Sternen lesen.

  6. Hallo Frau von Maltzahn, ich...
    Hallo Frau von Maltzahn, ich hoffe auch das Folgende ist ganz im Sinne von „Ding und Dinglichkeit“, wenn nicht, einfach löschen und war trotzdem schön aus dem Glauben heraus inspiriert zu sein, etwas entrückt zu sein.
    .
    Ich bin ja auch ein begeisterter Schauer von Science Fiction, ein Trekkie und da bleibt es nicht aus, das Eines irgendwann auch mal die Position eines Aussermenschlichen einnimmt, die Fähigkeit der Empathie machts möglich, also schlüpfe ich ab und an in die Position des Ausser-s ich sein und schaue das Mensch als „Fremdes“ Wesen an, – lassen Sie bitte mal ausser acht, ob das als Mensch überhaupt möglich ist, Nicht-Menschlich zu fühlen und zu spüren, also Fremd zu sein, so „Fremd“ übrigens, wie die Geschichten und Welten in der Science Fiction, hoho -, versuche also völlig die Spezies, die ich bin, auszublenden und damit auch das, was ich Selbst erlebt und erlitten habe, versuche das aufgeprägte Gefühl und die aufgenommene Meinung kurz zu vergessen und ganz und gar neutraler Beobachter zu sein. Das ist verdammt schwer, weil ich ja auch keine Vergleichsmöglichkeit habe, schliesslich kenne ich weder einen Menschen, dem das bisher gelungen ist, noch ein aussermenschliches Wesen, also zum Beispiel einen Silberfisch, eine Tomate oder auch einen Hund, alle sind irgendwie befangen und haben eine Meinung zum Menschen, mein Hund hätte gesagt: „Super der Typ, überhaupt die Menschen, ich brauch bloss ein wenig zu wedeln und auf die Nerven zu gehen, dann bekomm ich alles von dem, manchmal sogar Schokolade oder ein Wassereis, dafür muss ich nur bellen, wenn die Klingel geht, Wahnsinn!“. Meine Katzen hätten vielleicht ähnliches gesagt, ausser dem Bellen und hätten vielleicht noch lobend meine ausgiebigen Streicheleinheiten erwähnt und den Reis mit Hühnerfleisch, den ich extra für sie ohne Gewürze gekocht habe; aber neutral? Nö. Wo finden Wir Menschen neutrale Beobachter, die mit Uns vielleicht mal Klartext reden würden; die anderen Menschen (Neandertaler) haben Wir ja schon vor längerem in die ewigen Jagdgründe geschickt, nun sind Wir also als Plappermäuler und Logiker allein. Keines da zum Palavern über Gott und die Welt und überhaupt, – die Vergangenheit, die Zukunft -, ausser das Mensch-Selbst, tja, also mal das Mensch-Sein kurz weggdrücken und ganz Anders sein und von Aussen auf das Selbst und die anderen Selbst blicken und so neutral, so nüchtern, wie es geht, bewerten: Was ist denn das da? Nennt-s ich Mensch und führt-s ich auch so auf. Obwohl, als Neutrum lasse ich das „auch so“ wegg, weil das kenne ich ja nur von Innen, also: Das da ist also ein Mensch? Hmm!? Na, ich weiss ja nich? Zwei Beine, zwei Arme, aber nur ein Kopf, passt das überhaupt?, na, scheint ja zu funktionieren, aber wie isses so im Kleinen DaZwischen und im Grossen Ganzen, mal hinspüren, was Es da so hinbekommt, das Mensch. So geht also das Aussermenschliche auf Wanderschaft und spürt hin, mal abwarten, was so dabei hereinkommt?
    Ist Mensch-Sein schwer-sein oder leicht-sein, ach, es ist schon ein Kreuz-sein! Servus.

  7. FAZ-soma sagt:

    Das ist spannend. Ich musste...
    Das ist spannend. Ich musste bei den ersten Zeilen gleich an Kafkas Verwandlung denken, doch wovon Sie sprechen kommt vielleicht mehr der Vorstellung eines Nirwanas nah? Ein ruhiges nichts. Eine stille. Die den Blick offenbart auf das,was noch dadrunter liegt. Ob noch etwas dahintersteckt? Ist das Neugier? Sehnsucht? Ich weiß nicht. Wer weiß es schon? Es bleibt die Vorstellung allein zurück.

  8. lieber stimmviech,
    die...

    lieber stimmviech,
    die Beziehung zwischen Helfer und Hilfsbedürftigem ist oft schwierig, Helfer bearbeiten beim Helfen oft eigene innere Konflikte und Bedürfnisse, aber das ist nicht nur bei religiös motivierten Helfern so.

  9. Besucher sagt:

    Noch einmal zurück zur...
    Noch einmal zurück zur Taufe:
    Wer, wie in vielen Beiträgen hier, Kirche, Christentum, Taufe als entbehrliche Tradition abtut, schüttest das Kind mit dem Bade aus.
    In der Geschichte haben Kirchen und ihre Vertreter und gerne auch die jeweiligen Landesfürsten, aus der Taufe ein Instrument gemacht. Heute gilt die Taufe als Zugehörigkeit zu einer Kirche.
    Da die Kirchen letztendlich selbst an der Entleerung der christlichen Lehre mitgewirkt haben( Jesus Christus sei nicht Gottes Sohn oder die Überhöhung des Amts des Papstes) versanden die wichtigsten Inhalte und die eigentliche Botschaft . Zurück bleibt dann die vielleicht berechtigte Frage nach dem Sinn solchen Tuns. Eine liebgewordenen Tradition, ein Familienfest ist noch die einzige Bedeutung?
    Die Taufe ist eine Handlung des Taufenden, wozu lediglich die Bereitschaft des Täuflings erforderlich ist.
    In der Bibel lesen wir nichts von Kindertaufe. Sondern u.a. vom Kämmerer der an Ort und Stelle getauft werden wollte:“Wenn du von ganzem Herzen glaubst, sollst du getauft werden.“ Das war alles.
    Eine Taufe also ohne Pomp und Pate! So kann es sein.

  10. lieber Besucher,
    aber welcher...

    lieber Besucher,
    aber welcher Erwachsene glaubt schon „von ganzem Herzen“, noch dazu wenn er nicht christlich sozialisiert wurde; Glaube ist doch Identifikation mit dem überzeugenden Glauben anderer. Die erwachsenen Täuflinge der Spätantike
    haben ja einen Identitätsbruch vollzogen, etwa so wie wie Konvertiten es heutzutage tun. Der Hinduismus akzeptiert keine Konversion, man möge mit den spirituellen Wegen der religiösen Tradition in die man hineingeboren wurde, seelig werden, sehr weise, wie ich finde.

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