Karriere im Takt

Macht bitte keine Umstände!

Jedes Jahr das gleiche Lied. Nein, nicht „Oh du fröhliche…“, sondern „Wo feiern wir Weihnachten?“ Spätestens ab der Adventszeit, die in unseren Breiten schon Mitte November beginnt, türmt sich Frage und Frage matterhornhoch auf. Als das wären:

 Dürfen wir als junge Familie einfach mal zu Hause bleiben, um gemeinsam mit den Kids ein ganz intimes Fest nach unserem Geschmack gestalten? Was sagen dann die Eltern und Großeltern dazu? Fühlen sie sich einsam und aufs Nebengleis gestellt? Gibt es womöglich Ärger, wenn wir diesmal nicht bei ihnen feiern? Sollten wir lieber ein Eltern- oder Großelternpaar (oder -teil) zu uns einladen, um nicht undankbar zu wirken? Wenn ja, welche der Altvorderen, denn alle passen ja nicht um den Tisch? Und können wir Tante Agathe allein trauern lassen, wo der Onkel doch kürzlich verstorben ist?  Oder: Sollten wir einfach in den Skiurlaub oder die Südsee abhauen, um die Qual der Wahl zu vermeiden?

 Wochenlang laufen die Telefondrähte heiß, um das Für und Wider aller Möglichkeiten mit den Betroffenen zu diskutieren. Wer in Patchwork-Familien lebt, hat ein noch größeres Palaverpensum zu absolvieren. Kind beim Vater oder bei der Mutter? Was ist mit den drei oder vier Omas und Opas? Kein Wunder, dass vor dem eigentlich heiligen Fest regelmäßig Stress aufkommt. Dabei sollte ja eigentlich besinnliche Vorfreude auf dem Terminplan stehen.

 Allein schon der Gedanke, dass Weihnachtsreisende damit rechnen müssen, mit dem Auto endlos lange im Stau zu stehen oder in der überfüllten Bahn (so sie denn kommt) stehen zu müssen, ist ein Horror. Und wer schließlich auserkoren wurde, das Fest auszurichten, muss putzen, Betten beziehen, große Mengen einkaufen (die Verwandten fahren am nächsten Tag ja noch nicht weg, weil sich sonst die Reise nicht lohnt), kochen, dauernd reden und sich kümmern, das Bad teilen und was sonst noch so alles anfällt. Auch wenn alle  vorher gesagt haben: „Macht doch bitte keine Umstände!“ lässt sich diese Mammutarbeit nicht vermeiden. Nebenbei muss dann auch noch die aufgekratzte Kinderschar in Schach gehalten werden.

 Aber ja, Weihnachten ist das Fest der Liebe, wir sehen das nicht so eng. Und dass nach den Festtagen mit Scheidung gedroht wird, ist doch ein willkommener Nervenkitzel im tristen Ehealltag. Denken wir an die leidenschaftliche Versöhnung nach der Explosion…

 Eins ist klar: Alle Familientraditionen kann niemand berücksichtigen. Dazu gehören auch das Weihnachtsessen, der Baumschmuck, der Kirchgang, die Kleidung, Bescherung vor oder nach dem Mahl. Kompromisse sind ja gut und schön, aber nie eine perfekte Lösung, die jedem gefällt. Also bleibt nur, die totale Überbewertung des Heiligen Abends als Großfamilientreffen endlich abzuschaffen.

 Was spielt es schon für eine Rolle, ob man sich genau am 24. Dezember oder später besucht? Das ist doch zu jeder Zeit (meistens) ein Freude, unabhängig vom Datum. Und am Weihnachtsabend mal allein oder zu zweit zu feiern, muss für die Älteren – bei einem Minimum an Verständnis – kein Weltuntergang sein. Im Gegenteil, es gibt keinen Stress durch den Einfall familiärer Horden.

 Lassen wir doch den Jungen die freie Entscheidung, was sie mit dem Weihnachtsfest anstellen wollen! Solche Großzügigkeit der Älteren zahlt sich immer aus und der Familienfrieden ist gewahrt. Was gibt es Schöneres?

 

 

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