Eins gegen Eins

Eins gegen Eins

Immer am Ball – das Fußball-Blog. Mal spielen wir Doppelpass, mal kommen wir gut in die Zweikämpfe, und mal suchen wir allein den Abschluss.

Sein – und nichts

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Er saß in der Höhle und sah nur die Schatten der Dinge, weil er sich zwar auf der Pressetribüne des Berliner Olympiastadions befand, aber das Spiel...

Er saß in der Höhle und sah nur die Schatten der Dinge, weil er sich zwar auf der Pressetribüne des Berliner Olympiastadions befand, aber das Spiel überwiegend auf dem Monitor verfolgte. Wir saßen allein zu Haus wie Kevin und grübelten über die erkenntnistheoretischen Probleme, die ein von Steffen Simon kommentiertes Spiel aufwirft: War da überhaupt etwas – und nicht etwa nichts? Was hat er überhaupt gesehen? Er sprach, als ob er nie aufs Spielfeld schaute, und wenn man mal die formale Definition einer Übereinstimmung von Begriff und Sache zugrunde legt, war da nicht gerade viel „Wahrheit“.

 Dafür hatte er das „zweite Gesicht“. Einem Spieler „merkt man an“, dass er sechs Wochen verletzt war oder Grippe hat; nur beschreiben konnte der Reporter es nicht, weil er nur sah, was ihn sein Zettel glauben macht. Spielte Ebert einen Fehlpass, erreichte Woronin einen Ball nicht, „merkt man ihm etwas an“, obwohl in genau den Momenten nichts zu merken war außer einem ungenauen Pass, wogegen der ungewohnt geringe Aktionsradius des Ukrainers und die fehlende Dynamik Eberts sehr sichtbar waren, wenn man mal dort hinschaute, wo der Ball gerade nicht war, was beim Bildausschnitt, den das Fernsehen bietet, allerdings ziemlich schwer ist. Warum Galatasaray so überlegen war, konnte Simon auch nicht sagen; dass sie überlegen waren, konnte er zur Halbzeit verkünden, weil die Statistiker ihm 62 Prozent Ballbesitz errechnet hatten. Das Warum brachte erst nach Spielschluss Lucien Favre auf den Punkt, der sich erschreckend unwohl fühlte im ARD-Studio: Weil Lincoln „ständig zwischen den Linien war“.

Als fürsorgepflichtiger Trainer konnte er natürlich nicht sagen, dass dem sonst im Spielaufbau so wichtigen Kacar kaum etwas gelang, dass Marc Stein auf links überfordert war, wie überhaupt Herthas Abwehr bis auf die letzten zehn Minuten in der Vorwärtsbewegung agierte, als trügen sie alle eine elektronische Fußfessel: Abrupter Stopp kurz vor der Mittellinie, kurzes Abspiel möglichst ohne Risiko und vor allem ohne raumöffnende Wirkung.

Das Pendant dazu, von mir aus auch: die Entsprechung von Begriff und Sache, fand sich im Fernsehstudio. Mehmet Scholl wurde schon beim Versuch der kreativen Gesprächseröffnung von der gewohnt ahnungslosen Monika Lierhaus gebremst wie ein Spieler, dessen Kollegen seine Ideen einfach nicht begreifen. Setzte er analytisch an, wurde er mit Befindlichkeitsphrasen überschüttet und erstickt. Mein Respekt gilt daher dem gequälten Coach Favre, auch wenn der schon noch ein bisschen an seiner Medienpräsenz und Rhetorik arbeiten dürfte. Gefragt, was ihm bei dem entscheidenden Elfmeter von Milan Baros „durch den Kopf ging“, antwortete er: „Nichts.“


2 Lesermeinungen

  1. Woronin sagt:

    <p>Gut. Aber Steffen Simon ist...
    Gut. Aber Steffen Simon ist tatsächlich das trübste Licht in der Reporter-Szene. dann schon lieber Alan Simonsen.

  2. Woronin sagt:

    <p>Eine Abwehr, deren Chef...
    Eine Abwehr, deren Chef Arne Friedrich heißt, wird in der Vorwärtsbewegung bis ans Ende ihrer Tage nicht aktiver sein, als ein – Oliver Kahn oder so.
    Aber wieso die sympathische Monika Lierhaus jetzt schon ahnungslos sein soll, bleibt rätselhaft. Wenn da gestern jemand Phrasenmeister war, dann doch wohl der mühsam sein Glätzchen verbergende Mehmet Scholl. Immerhin seine Ursachenforschung der Hertha-Schwäche war originell: Die Berliner seien international so unerfahren, dass sie vergessen haben, rechtzeitig das Spielfeld zu betreten. Das hatte bis dahin noch keiner beobachtet.

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