Eins gegen Eins

Glandorf

Wenn ich über etwas froh bin, dann darüber, dass ich mit 20 aufgehört habe, richtig Handball zu spielen, weil ich mir nicht mal fünf Sekunden ausmalen möchte, welche Schmerzen ich jetzt an welcher Stelle hätte. Kiril Lazarovs Ellenbogenschlag ins Gesicht von Dominik Klein gestern wäre aus jedem Stallone-Film herausgeschnitten worden, wegen der Altersfreigabe, Oliver Roggisch benötigte im Grunde einen Waffenschein bei der Ausübung seiner Tätigkeit, doch am meisten beeindruckt mich immer wieder das Gesicht von Holger Glandorf.

Der Mann ist der Hänfling unter den Helden, mit seinen auf 1,95 m verteilten 88 Kilo, wo andere bei gleicher Größe locker 100 auf die Waage bringen, er sieht schon beim Anpfiff aus, als habe er einen ganz, ganz schweren Tag mit viel Körperkontakt hinter sich, und wenn er nach einem Tor jubelt und man sein Gesicht in Großaufnahme sieht, die eingefallenen Wangen, die gespannten Muskeln, die knochigen Konturen, dann scheint es, als sei jeder Schritt dem Schmerz abgerungen, als sei jede Sehne, jeder Knöchel, jeder Muskel von diesem Einsatz derart strapaziert, dass er keinen einzigen Wurf mehr machen kann. Ob das Erleichterung ist oder schon wieder die neue Anspannung, die sich da in seinem Gesicht spiegelt, ist kaum zu sagen.

Neun Mal konnte man diesen hochkomprimierten Gefühlen gestern zuschauen, weil Glandorf endlich einmal nach gutem Spielauftakt nicht zusehends aus dem Spiel verschwand, und in gewisser Weise verkörpert dieser Schmerzensmann das Bild, das die deutsche Mannschaft bei dieser WM bislang hinterlassen hat: Sie glänzt nicht, aber sie ist auch nicht klein zu kriegen, sie kommt wieder, auch wenn es weh tut, und sie erreicht (vom Russland-Spiel abgesehen) in den entscheidenden Momenten eine körperliche Spannung, die sich in der Mimik als Rätsel niederschlägt: Ist es Verzweiflung oder Entschlossenheit? Auf jeden Fall ist es Knochenarbeit und kein Märchen.

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