Eins gegen Eins

Ach, Arminia – 100 Jahre Leiden(schaft)

Dem Marktwert nach ist es die teuerste Mannschaft der Liga, der Ankündigung des Trainers nach der kommende Meister, dem Tabellenstand nach reicht es derzeit gerade eben für die Relegation, und wenn man, was man nie tun sollte, die „Kicker”-Noten anschaut, liegt die Arminia auf Platz vier. Könnte besser sein – aber eben auch: schlechter.

Vielleicht versucht man deshalb lieber, die eigenen Fanleiden ein wenig abzukühlen. Was hatte man denn erwartet, nach den Turbulenzen um Vorstandswahl und Trainerfindung im Sommer, bei denen man alle masochistischen Veranlagungen mobilisieren musste, um sich, mal wieder, nicht abzuwenden? Eher weniger, aber natürlich viel mehr, das gehört zur Typologie, zum Sozialcharakter des Fans, das ist in Villareal so und in Portsmouth, in Bochum wie in Stuttgart und also auch in Bielefeld. Deshalb gärt und brodelt es jetzt in den Foren, erste Zweifel am Trainer werden laut, und man verwickelt sich wieder geradezu notwenig in den ewigen Widerspruch, dass man die eigene Mannschaft gewinnen sehen will, und schönen, mitreißenden Fußball soll sie auch noch spielen. Klappt fast nie, treibt einen schlechten Gewissens meist zu Ergebnisorientierung und reduzierten ästhetischen Ansprüchen. Und wenn auch die Ergebnisse ausbleiben, fällt einem ein, dass man ja auch noch mit der narzisstischen Kränkung, abgestiegen zu sein, fertig werden muss.

Hilft alles nichts, man muss sich zusammenreißen und vielleicht mal psychoanalytisch vorgehen: Was war die latente Botschaft des Arminia-Spiels, welche von der manifesten überdeckt wurde? Nach dem stotternden Start, dann der gloriosen Serie und den zuletzt sechs sieglosen Spielen, fragt man sich natürlich, ob das 4-1-4-1, das Gerstner hartnäckig spielen ließ, auch als der bullige Fort verletzt war und der für diese Rolle eher ungeeignete Katongo den Part übernahm, wirklich das richtige System ist? Ist es variabel genug, um sich auf den Gegner einzustellen, kehren sich seine Vorteile auswärts vor heimischer Kulisse nicht ins Gegenteil um?

Die Mannschaft hat selten begeistert, aber sie war lange enorm effizient. Es waren oft hässliche Siege, sieht man mal vom glanzvollen 3:0 in Duisburg oder vom souveränen 2:0 in Paderborn ab. Gegen St. Pauli oder in Karlsruhe war es kaum mitanzusehen, und die Niederlage gegen 1860 und das karge Remis gegen Union zeigten dann das im Erfolg nur latente Muster: Dass die Mannschaft kein Spiel gestalten kann. Deshalb machen ihr Zuhause nicht nur tief stehende Mannschaften Probleme, sondern erst recht solche, die über eine gute Spielanlage verfügen wie St. Pauli. Und psychologisch gesehen, war das 0:0 beim FSV Frankfurt der Druckpunkt, an dem die Krise sich unübersehbar ankündigte, weil der übliche unsehnliche Sieg ausblieb und die Mannschaft, trotz einer deutlichen Steigerung, auch in Kaiserslautern, mit den zwei, drei Chancen nicht auskam, um ein Tor zu erzielen, obwohl sie das Spiel in der ersten Hälfte für sich hätte entscheiden müssen.

Keiner verlangt ja, dass sie neunzig Minuten Druck aufbauen, das gegnerische Tor berennen und in der Deckung hoch stehen. Man erinnert sich nur, dass Thomas Gerstner zu Saisonbeginn neben der Zweitligameisterschaft ja auch attraktiven Fußball angekündigt hatte. Doch der überraschend spärliche Besuch bei Heimspielen hat vermutlich auch damit zu tun, dass man sich angesichts der Spielanteile oft wie bei einem Auswärtsspiel vorkommt, und wenn man das Ganze dann auch noch per Stream ansieht, in verwaschenen Bildern, mit ruckartigen Bewegungen, dann weiß man mal wieder, dass die DVD zum Vereinsjubiläum besser „100 Jahre Leiden” als „100 Jahre Leidenschaft” gehießen hätte.

Als einer, der in Berlin wohnt und einer erstligalosen Saison 2010/11 entgegensieht, der seit 40 Jahren Fan der Arminia ist und womöglich auch da mit einer erstligalosen Saison wird leben müssen, sind das keine erfreulichen Perspektiven zum Jahreswechsel. Und leider kann man als Fan ja nicht auf den Wahlspruch des italienischen Philosophen Gramsci setzen: „Optimismus des Willens, Pessimismus des Intellekts”. Was sollte man denn tun? Man kann sich allenfalls zu Weihnachten etwas wünschen und statt eines Wunschzettels ein Bild abgeben: Dieser Mann könnte womöglich helfen – wenn er mal wieder spielen würde.

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