Eins gegen Eins

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Immer am Ball – das Fußball-Blog. Mal spielen wir Doppelpass, mal kommen wir gut in die Zweikämpfe, und mal suchen wir allein den Abschluss.

Werder Bremen oder: Die Nerven möchte man haben

Man kann Anhänger einer Mannschaft sein, weil man es schon immer war und es die Mannschaft der eigenen Kindheit ist. Weil sie aus der Stadt kommt, in der man...

Man kann Anhänger einer Mannschaft sein, weil man es schon immer war und es die Mannschaft der eigenen Kindheit ist. Weil sie aus der Stadt kommt, in der man aufwuchs. Oder weil man sie in einem prägenden Moment hat spielen sehen. Weil man ihre Farben oder ihr Stadion mag. Oder ein paar Spieler, von denen man dann hoffen muss, dass sie bleiben. Man kann glauben, dass der Verein, dem man anhängt, einen besonderen Geist repräsentiert, dass er also irgendetwas bedeutet. Oder man kann ihm anhängen, weil es Schalke 04 gibt und man unbedingt etwas dagegen tun muss.

Man kann aber auch Anhänger eines Vereins sein, weil es der merkwürdigste Verein im Umkreis von tausend Kilometern ist. Werder Bremen. Braucht es seit gestern dafür eine lange Erklärung? Fangen wir mit einem Detail an: Werder Bremen wird von einem ehemaligen Verteidiger trainiert (262 Bundesligaspiele, 11 gelbe Karten!), wurde es auch schon unter Otto Rehagel – und ist der Verein unter den besten deutschen, der mit Abstand am meisten Tore kassiert. Das war sogar dann so, als die Abwehr praktisch nur aus Spielern aus Nationalteams bestand. Und wie diese Tore fallen! Man ist als Anhänger fast bei jedem Ballbesitz des Gegner auf dem Sprung zur Verzweiflung. Auch gegen Hoffenheim arbeitete Werder wieder am Schulungsvideo „Hundert Abseitsfallen, die nicht funktionieren“. Es war unfassbar, wie Pasanen sich auf dieses Thema einließ.

Doch das muss den Anhänger gar nicht kümmern, denn Werder spielt seit Jahren nach der Devise, dass man ruhig drei bekommen kann, wenn man vier schießt. Die Null muss stehen? Da lacht die Weser. Da lacht auch seit jeher fast jeder Torwart von Werder, ich sage nur Olli Reck, ich sage nur Turin. Und wenn die Mannschaft einmal vier bekommt, ohne fünf zu schießen, dann holt sie es eben im folgenden Spiel nach und gewinnt, indem sie zwei schießt, so dass der Gegner fünf schießen müßte, was er aber nicht tut, weil er ja nicht Werder ist, sondern nur Genua.

Die Nervenfrage ist bei Werder jedoch nicht nur auf dem Spielfeld akut. Werder gibt seit Jahren Spieler ab, die es groß gemacht hat oder die jedenfalls ihre beste Zeit bei Werder haben. Özil, Diego, Klose, Borowski, Frings, Pizarro, Ismael, Micoud usw. In der Regel spielen sie beim nächsten Verein schlechter als bei Bremen. (Erwähnen wir an dieser Stelle, der nervenzehrenden Vollständigkeit halber, nur kurz Carlos Alberto: 7,8 Millionen Euro Ablösesumme, 193 Minuten für Werder, macht ohne Berücksichtigung des Gehalts und der späteren Verleiheinnahmen gut 40.000 Euro pro Minute…)

Liegt hierin der „Geist“ dieses Vereins? In den Nervenstrapazen, denen er von Saison zu Saison seine Fans aussetzt? Sechzehn Punkte Rückstand hatte die Mannschaft in der vergangenen Spielzeit – nach fünf Niederlagen in Folge, mit Unentschieden gibt man sich doch nicht ab, wenn man schwächelt! – auf Leverkusen. Am Ende lag sie zwei Punkte vorn und konnte uns darum jetzt den Irrsinn von Genua liefern. Das 1:4 gegen Hoffenheim kommentierte Trainer Schaaf gestern sinngemäß so: Das sei doch normal, dass zu Beginn der Saison noch nicht alles funktioniere. Werder. Normal.