Eins gegen Eins

Vor dem Türkei-Spiel: Özil, Sarrazin und die Integration

„Wir sind eine gut intrigierte Truppe”, hat Lothar Matthäus vor Jahren mal festgestellt. Das kann er jetzt als bulgarischer Nationaltrainer in Wales beweisen, auf einem der Nebenschauplätze des Fußballwochenendes, die schon lange sein Hauptschauplatz sind.

Dass die deutsche Mannschaft eine gut integrierte Truppe sei, wird ja in diesen Tagen kein DFB-Funktionär müde zu betonen. Da ist die Erinnerung an Mesuts Moscheebesuch in Südafrika, um dessen nachträgliche Bekanntmachung er gewiss nicht gebeten hat, und Özils Präsentation als Integrations-Botschafter, die ihm sichtlich unbehaglich ist, weil er zu den – grundsympathischen – Menschen gehört, die sich im medialen Fadenkreuz nicht wohlfühlen und vermutlich lieber gar nichts sagen würden. Und die beschworene Umarmung zwischen dem schwarzen Katholiken Cacau und dem Muslim Özil ist nun sicher kein gesellschaftliches Zeichen, sondern, sobald man sie aus dem Kontext des Spiels reißt, allenfalls das Rohmaterial für einen vor gutem Willen nur so triefenden Werbespot.

Dass Özil dann auch noch allerorten nach Sarrazin gefragt wurde, ist ungefähr so erkenntnisstiftend, als würde man den Ex-Bundesbanker danach fragen, wie gut sich die deutsche Viererkette im Spiel gegen Argentinien verschoben hat. Warum sollte Özil das Buch gelesen haben, wenn nicht mal die Kanzlerin es gelesen hat? Sarrazin hat bei einer Münchener Veranstaltung ja wohl auch gesagt: „Also, dieser Özil hat bei der Nationalhymne nicht gesungen. Das wäre in Frankreich nicht möglich.” Er muss ja nicht wissen, dass 1974 kein Franz, Josef, Paul, Jürgen oder Berti mitgesungen, dass auch längst nicht jeder in der gut intrigierten französischen Truppe bei der WM die Marseillaise mitgesummt hat. Und es wartet auch niemand auf Sarrazins Analyse von Özils Laufwegen und deren womöglich genetischer Bedingtheit.

Der scheinbar unausweichliche diskursive Zwang, vor dem Spiel gegen die Türkei mit jedem Fußballer, Funktionär oder Fan über Integration reden zu müssen, weil dieses Spiel nun mal zufällig nach der Publikation des Sarrazin-Buchs stattfindet, führt ebenso wenig zu einer Diskussion wie eine Illner- oder Will-Talkshow zum vernünftigen Austausch von Argumenten. Es ist dann doch wieder nur eine dieser kosmetischen Veranstaltungen, bei denen der Fußball zurechtgeschminkt wird als Sinnbild der deutschen Gesellschaft.

„Diese so bunte Mannschaft”, welche der Bundespräsident lobte, um die Buntheit ausgerechnet an den Vornamen festzumachen, als wäre nicht jeder Kindergarten mit seinen Kevins, Lucas, Leons oder Finns ein Indiz für Buntheit, obwohl da womöglich bloß Kinder aus deutschen Familien ohne englischen, skandinavischen oder sonstigen Migrationshintergrund sind, diese bunte Mannschaft ist in Wahrheit ziemlich einfarbig: eine Versammlung extrem leistungsorientierter junger Millionäre, deren Vielfalt sich nicht an der Zahl der Vornamen und Herkunftsländer der Familien misst, sondern an der Kombination ihrer fußballerischen Talente. Wer von Integration im Fußball sprechen will, sollte sich lieber die Jugendmannschaften der kleineren Vereine anschauen, wo es nicht um Spitzenleistungen geht, sondern neben dem Spaß am Spiel auch um ein soziales Miteinander, wo also tatsächlich Prozesse gesellschaftlicher Integration gelingen – oder scheitern.

Allein der gebürtige Gelsenkirchener Hamit Altintop, der für die Türkei spielt, hat im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung” bei den rhetorischen Sinnstiftungsübungen den Spielverderber gegeben. „Als deutscher Nationalspieler hat Mesut mehr Lobby, einen höheren Marktwert, er verdient mehr Geld, hätte er sich für die Türkei entschieden, hätte er keine WM gespielt und wäre jetzt nicht bei Real Madrid. So einfach ist das”, hat der auch nicht schlecht verdienende Bayern-Spieler gesagt. Das kann man erst mal auf sich wirken lassen.

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