Eins gegen Eins

1860, Arminia, Ahlen und so weiter – Tradition zwischen Relegation und Liquidation

In den Gesichtern waren die schwindenden Kräfte und die wachsende Verzweiflung zu sehen, gestern Abend, als der VfL Osnabrück nach dem Ausgleich kein Mittel fand, sich gegen Dynamo Dresden Torchancen zu erspielen, als nach dem 1:2 in der Verlängerung nur noch der Wille da war, aber nicht die Fähigkeiten, das Spiel noch einmal zu drehen. Die Relegation ist grausam, das wird auch heute eine der beiden Mannschaften erleben, die um den Platz in der Bundesliga kämpfen, und sie setzt einen Existenzdruck frei, der keine schönen Spiele hervorbringt, aber dafür Kampf und Einsatz, wie sie selbst in den letzten Spielen der abgelaufenen Saison kaum zu beobachten waren.

Für einen neutralen Zuschauer ist das genau die Dramatik, die ihn dazu bringt, sich ein solches Spiel anzuschauen. Wobei man sich als Zwangsgebührenzahler schon auch wahnsinnig darüber aufregen konnte, dass beide Spiele zwischen Osnabrück und Dresden von NDR und MDR übertragen wurden, mit verschiedenen, aber gleichermaßen unbedarften Kommentatoren, das Geld also sinnlos und mit vollen Händen rausgeschmissen wurde, obwohl ein übertragender Sender natürlich völlig gereicht hätte. Die provinzielle Verstocktheit, den Verein aus dem jeweils eigenen Sendegebiet übertragen zu wollen, sollte endlich mal den Rechnungshof beschäftigen.

Grausamer noch ist allerdings der lange Schatten des finanziellen Ruins, der über diesen Spielen liegt. Da ist es um so mehr ein Hohn, wenn das Fernsehen öffentliche Gelder  verpulvert. Dynamo Dresden musste, um die Existenz des Vereins zu sichern, aufsteigen, ohne die zusätzlichen Einnahmen aus den Fernsehrechten, ohne 2. Bundesliga hätte dem Club der Exitus gedroht, wobei man auch jetzt nicht sicher sein darf, ob der Aufstieg reichen wird, der regelmäßig eine eigene finanzielle Dynamik auslöst. Die Mannschaft muss verstärkt werden, und sobald sich in der Saison der Misserfolg abzeichnet,  wird nachgerüstet, wird ein Trainer entlassen, wird das Budget (über-)strapaziert.

Und während Osnabrück und Dresden sich noch dem Absturz widersetzten, waren andere Vereine schon weitgehend wehrlos im freien Fall. Rot-Weiß Ahlen etwa, das zwar sportlich die 3. Liga halten konnte, nun aber in den Amateurfußball durchgereicht wird, weil gegen den Verein ein Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Oder der SV Babelsberg, 13. der 3. Liga, sportlich gerettet, finanziell am Ende, trotz des niedrigsten Drittligaetats. Das Insolvenzverfahren droht, und ich sehe schon meine Aussichten schwinden, die Bielefelder Arminia in der kommenden Saison im Karl-Liebknecht-Stadion spielen zu sehen. Und das nicht nur wegen der Babelsberger Misere.

In Bielefeld sieht es sowieso schon lange ganz schlecht aus, das wissen auch die Leser dieses Blogs. Als Arminia-Fan hatte ich schon während der Saison Zeit genug, die nötige Fassung für den früh absehbaren Abstieg in die 3. Liga aufzubringen. Das schmerzt zwar, aber da muss man durch; wogegen das finanzielle Desaster der letzten Jahre einfach nur Wut auslöst. Wut über den Dilettantismus, die Misswirtschaft, über die Verantwortlichen, die ungeschoren davongekommen sind. Auch nach der Ausgliederung des Stadions (dessen grotesk fehlkalkulierte Kosten der Anfang vom Ende waren) fehlen nun 2,9 Millionen Euro. Sind sie bis zum 31. Mai nicht da, geht’s in die Oberliga – oder noch tiefer.

Oder nehmen wir zuletzt noch den TSV München 1860, der seine letzten Hoffnungen auf eine Lizenz für die 2. Liga in einen jordanischen Investor setzen muss, mit der DFL um die Details ringt – und sich, sollte er überleben, am Ende wohl auf einen Deal eingelassen haben wird, der keine neue Blüte bescheren wird, sondern auch eher in die Kategorie lebenserhaltende Maßnahmen fällt. Und schweigen wir lieber von den Zeitbomben, die anderswo ticken, von den Verschleierungskünstlern und Bilanzartisten in Gelsenkirchen oder Berlin.

Als Anhänger eines betroffenen Clubs hilf es einem wenig, an die langsame Genesung und mögliche Wiederauferstehung im Amateurlager zu glauben, da sind Zorn und Verzweiflung, einfach vom Radar zu verschwinden, weil selbst die von uns alimentierten und so ausgabefreudigen Fernsehsender ihre Kameras nicht in die Stadien der 4. oder 5. Liga stellen. Es ist das Ende unserer Clubs, wie wir sie kennen – und im Gegensatz zu R.E.M. kann man jetzt nicht einfach singen, dass es einem gut dabei gehe.

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