Eins gegen Eins

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Immer am Ball – das Fußball-Blog. Mal spielen wir Doppelpass, mal kommen wir gut in die Zweikämpfe, und mal suchen wir allein den Abschluss.

Barcelona erklären, geht das?

| 11 Lesermeinungen

Überirdisch, besser als alle, besser vielleicht als jemals eine Mannschaft - nach dem gestrigen Sieg schwingen sich die Beschreibungen, besser: die Anrufungen...

Überirdisch, besser als alle, besser vielleicht als jemals eine Mannschaft – nach dem gestrigen Sieg schwingen sich die Beschreibungen, besser: die Anrufungen des FC Barcelona in letzte Höhen auf. Wie die Kollegen von „Zonalmarking“ – www.zonalmarking.net – anmerken, können damit alle leben: Barcelona sowieso, aber auch Manchester, dessen Niederlage dann, wenn sie gegen Überirdische erfolgte, so schwer ja auch nicht war. Vor allem aber die Jubelreporter können sich mit dem Hinweis aufs Unfassbare ihrer Aufgabe entledigen, das Geschehen zu erklären. Dabei hatte der SAT1-Reporter in den ersten Minuten durchaus Manchester United am Drücker gesehen, die Frage dann aber unterdrückt, wie es sein kann, dass eine Mannschaft sieben Minuten lang das Spiel ihres Gegners empfindlich zu stören vermag, für den Rest des Spiels dann aber die Sache völlig aus der Hand gibt. Man behilft sich dann mit Formulierungen wie „Barca ist jetzt ins Spiel gekommen“. Aber wer hat sie hereingelassen? Die Fernsehleute interessiert jedoch nur das, was sie gerade sehen, ihrem Kurzzeitgedächtnis entfällt, was auch nur drei Minuten her ist. (Ein besonders dramatisches Beispiel war gerade wieder Steffen Simon, der beim Spiel von Gladbach gegen Bochum genau so lange Bochum überlegen und Gladbach in Schwierigkeiten sah wie es 1:0 für Bochum stand).

Nun also: Gibt es außer verdienter Bewunderung auch eine Erklärung für Barcelonas 75minütige grandiose Überlegenheit? Ein Element der Erklärung könnte dieses sein: Am Stil der Mannschaft fällt auf, wie sie immer wieder auf dieselben Routinen zurückgreift. Der Spieler, der den Ball zugespielt bekommt, spielt ihn sehr häufig genau (und oft auch in der Vertikalen) zu dem Spieler zurück, von dem er ihn erhalten hat. Das sind dann keine Doppelpässe im hergebrachten Verständnis, sondern es ist ein Hin und Her, das aus dem One-touch-Pass einen One-touch-Redundanz-Pass macht. Das Vorgehen ist ganz logisch, denn derjenige, der den Pass gegeben hat, ist sehr oft danach frei, weil er ihn erstens ja gar nicht hätte spielen können, ohne relativ frei zu sein, und – wichtiger – weil sich zweitens, da er den Ball nicht mehr hat, für Sekunden die Aufmerksamkeit der Verteidiger von ihm abgewendet hat. Barcelona setzt die Aufmerksamkeit, die sich auf den Ball, den ballhabenden Spieler und auf die Stars lenkt, am konstruktiuvsten von allen Mannschaften Europas ein.

Weil sich während dieses Hin und Hers die Mannschaft leicht verschiebt und das Hin und Her auch die vollen 360 Grad des Kreises nutzt, in dem sich ein spieler drehen kann (Iniesta dreht sich das ganze Spiel über das Feld), entstehen auf diese Weise fast zwanglos offene Räume. Und eben Orientierungsschwierigkeiten beim Gegner. Mitunter hatte man den Eindruck, dass Manchester einem Aufwärmtraining zuschaut, in einer Art entspannten Lähmung, die von dem selber anstrengungslosen Habitus der Katalanen hervorgebracht wird. Messi beispielsweise steht bei solchen Redundanzpässen oft herum, als habe er die Hände in den Hosentaschen. Barcelona drückt nicht, es fordert die Verteidiger gar nicht dazu auf, um den Ball zu kämpfen. Erst sehr spät und manchmal fast unwillig wird die Mannschaft energisch. Das ist auch der Grund dafür, dass Fouls an Xavi, Iniesta oder Messi – wie gestern die zahllosen Fouls von Valencia – so ungebührlich hart erscheinen, weil sie oft wie Fouls an einem Spieler erscheinen, der selber gar keine Aggression ausstrahlt. Die Pass-Routinen Barcelonas haben also zugleich spieltaktische und mentale Folgen.

Manchester stellte sich tief, hatte einen Mann zu wenig im Mittelfeld und einen Stürmer zu viel: Hernandez, der zuerst scharf störte, dann aber so oft ins Abseits lief, bis er gar nicht mehr lief. Wenn Manchester noch einen zweiten Park im Team gehabt hätte, der sich schon früh auf die Gegner stürzen hätte können, wäre der mitunter fast gemächliche Aufbau Barcelonas vielleicht länger erschwert worden als nur in den ersten fünf Minuten. An der Kondition kann es nicht gelegen haben. Ausschlaggebend war vielmehr, dass Giggs und Carrick überbeschäftigt waren, weil sie oft erst attackierten, wenn Messi schon in Angriffsnähe stand. Dann aber zieht er eben, weil er so gut ist wie er ist und weil die Verteidiger Angst haben, dass er noch viel besser ist, die Gegner und deren Aufmerksamkeit auf sich. Letzteres ist mindestens so wichtig: Beim ersten Tor für Barcelona macht der Verteidiger, der Pedro Rodriguez zu bewachen hatte, fast reflexhaft einen Schritt in die Mitte, weil dort der Xaviniestamessi-Komplex werkelte  – und das war der Schritt, der ihm dann fehlte, um den Torschuß zu stören.

Dies alles erklärt natürlich nicht den Sieg, nicht einmal komplett die Überlegenheit von Barcelona. Aber man sollte jedenfalls das Vertrauen darauf, dass sich etwas daran erklären läßt, unter dem Eindruck der blumigen Redensarten von den Überirdischen nicht ganz aufgeben.

 


11 Lesermeinungen

  1. @gisbert4
    Sehr richtig. Die...

    @gisbert4
    Sehr richtig. Die „One-touch-Redundanz-Pässe“ sehen auf den ersten Blick nutzlos aus, sind es aber aus genau den genannten Gründen nicht. Wie reagiert man auf so etwas? Antizipiert man zu früh, werden Spieler wie Iniesta, Xavi oder Messi ansatzlos in die neu entstandene Lücke stoßen; wartet man zu lange, wird der ohnehin offene Weg, und mag er noch so schmal sein, gewählt. Und zwar, wie von Herrn Kaube schon gesagt, unter der vollen Nutzung der 360 Grad des Kreises. Zidane war auch so ein Spieler, der – intuitiv? – anscheinend immer wußte, wer wo was auf dem Platz macht. Der augenunabhängige Panoramablick; zumindest schien es so in seinen besten Momenten. Werden tatsächlich alle Paßwege zugestellt, was schwer genug ist angesichts der ständigen Bewegung der gesamten Mannschaft, stößt der Spieler in Ballbesitz einfach selbst mit urplötzlichem Antritt und feinster Ballbehandlung in den dann notwendigerweise vorhandenen freien Raum, der, wegen der überragenden Technik der meisten Spieler, auch sehr eng sein kann. Konzentriert man sich dabei zu sehr auf das Dreigestirn Messi-Xavi-Iniesta, fallen Tore wie das 1:0 durch Pedro Rodriguez. Der verteidigenden Mannschaft wird dabei nicht nur eine enorm hohe Laufbereitschaft, sondern auch höchste Konzentration auf das gegnerische Spiel und die eigene mannschaftliche Organisation neben einer großen Frustrationsbereitschaft abverlangt, was selbst gestandene Champions-League-Spieler anscheinend auf Dauer überfordert; und da genügen ja manchmal schon kurze Phasen. Ist man aus dem Sekundenschlaf wieder aufgewacht, hat es hinten schon geklingelt.

  2. Sehr verständige Kommentare....
    Sehr verständige Kommentare. Eines vielleicht noch: das ‚One-touch-Redundanz-Paß-Spiel‘ von Barca erlaubt es beiden Spielern, sozusagen in aller Ruhe Lücken in der gegnerischen Formation zu testen, zu finden, dann aber blltzschnell zu nutzen.
    PS: Hoffentlich lesen einige BL-Trainer hier mit.

  3. @drrolandsteiner
    Das ist ein...

    @drrolandsteiner
    Das ist ein sehr charmante Weise zu sagen, dass Bayern München (Robben, Ribéry, Lahm, Müller, Schweinsteiger) eventuell Barcelona schlagen könnte. Die Abwehr haben Sie schon angesprochen, und die Frage, ob Heynckes demnächst bereit ist, so zu denken, bleibt offen. Dass es sinnvoll ist, gegen Barcelona das Mittelfeld zuzustellen, ist hingegen zwingend.

  4. Interessant wäre vielleicht...
    Interessant wäre vielleicht das Experiment, zwei extrem starke von außen kommende Offensivspieler gegen Barcelona einzusetzen, sagen wir spaßeshalber Robben und Ribery in Topform (vergleichbare Spieler fehlten z.B. Deutschland gegen Spanien bei der WM), unterstützt von entsprechend guten Außenverteidigern der Marke Lahm. Wie und ob man dann noch eine effektive Defensive aufbauen kann, weiß ich allerdings auch nicht. Vielleicht müßte man auf den zentralen offensiven Mittelfeldspieler verzichten oder alternativ sogar auf die Sturmspitze (also ohne Gomez, aber mit Müller) und mit drei extrem ballsicheren und spielintelligenten Sechsern spielen (3 x Schweinsteiger in der WM-Form). Von den enormen Anforderungen an die gesamte Abwehr einmal ganz zu schweigen. So eine Mannschaft gibt es vermutlich derzeit nicht, wenn es denn überhaupt so funktionieren könnte. Im WM-Halbfinale gegen Deutschland hat Spanien (ohne Messi) ja nicht nur einfach sein besseres Spiel durchgesetzt, sondern auch systematisch Schweinsteiger und damit die seinerzeitige Seele des deutschen Spiels ausgeschaltet. Sie können also auch taktisch variabel reagieren.

  5. @drrolandsteiner
    Das ist ein...

    @drrolandsteiner
    Das ist ein wichtiger Hinweis: Barcelona verschiebt nach hinten, wenn es früh angegriffen wird. Der Ball, scheint ihr Stil zu sagen, muss zwar irgendwann einmal ins Tor, aber es ist ein Irrtum, das Spiel zu sehr auf diese Trivialität auszurichten. Wer ihn hat, kann kein Tor bekommen, Wer ihn hat, gewinnt Zeit für Pläne. Wer ihn hat, gewöhnt den Gegner an eine Rolle, die für den Ballbesitzer günstig ist.

  6. @Peter Körte
    Man bräuchte...

    @Peter Körte
    Man bräuchte also eine ganz südkoreanische Nationalmannschaft für Barcelona. Oder viele Mexikaner, oder Uruguayer, die sich für nichts anderes interessieren, als dafür, den Ball ins Aus zu bekommen. Ein Schlüssel zum Erfolg war vielleicht auch, dass Iniesta die Quasi-Manndeckung egal zu sein scheint. Valencia konnte noch so viel auf ihn gehen, es hat ihn nicht verdrossen. Überhaupt fand ich die stoische Einstellung bei Barcelona diesmal beeindruckend. Man soll mit Superlativen zurückhaltend sein, aber ich habe wenige Spiele auf diesem Niveau gesehen, die vom Sieger so unpassioniert oder, schöner gesagt, so konzentriert bestritten worden sind. Mag aber auch sein, dass in Barcelona der charakterliche Unterschied zwischen Pepe und Carrick bekannt war und deshalb große Ruhe herrschte.

  7. @JürgenKaube: Das größte...
    @JürgenKaube: Das größte Rätsel, dessen Auflösung ich zuallerletzt von Wolfi Fuss erwartet hatte, war für mich Manchesters Dominanz in den ersten sechs Minuten. Da haben sie vorgeführt, wie man die Ballzirkulation von Barcelona schon im Ansatz unterbinden kann. Dass sich dieses unglaublich laufintensive Stören nicht mal eine Halbzeit durchhalten lässt, ist klar – aber warum haben sie schon so früh wieder damit aufgehört? Warum sind sie, nach dem 2:1, nicht noch mal kurzzeitig, alles auf eine Karte setzend, zu diesem Modus zurückgekehrt? Was hat Alex Ferguson in der Kabine für eine Strategie ausgegeben? Das Pressing schon bei Valdes beginnen, ein Tor in den ersten fünf Minuten erzielen, lang und vertikal spielen, und wenn das nicht klappt: Extremes Pressing wieder einstellen? Irgendein Muster muss es da geben, denn normalerweise beginnen alle Mannschaften gegen Barcelona vorsichtig und verhalten.
    Was den Gesamtverlauf betrifft, scheint mir die Erklärung bei den Experten von „Zonal Marking“ noch immer am schlüssigsten: Ferguson hätte Hernandez opfern sollen, er hätte einen „body“ mehr im Mittelfeld gebraucht. Vermutlich hätte das auch nicht gereicht, aber man hat schon bei einem der „clásicos“ gesehen, was ein Spieler wie Pepe bewirken konnte, nach dessen Platzverweis erst der Raum für Xavi-Iniesta-Messi-Dynamik enstand.

  8. @Jürgen Kaube
    In den von...

    @Jürgen Kaube
    In den von Ihnen erwähnten ersten sieben Minuten hat Manchester offenbar versucht, Barcelonas Spielaufbau schon im Keim zu ersticken, d. h. die „Spieleröffnung“ durch eher defensiv ausgerichtete Spieler zu zerstören, vermutlich, um Xavi und Inesta aus dem Spiel zu nehmen oder zumindest weiter nach hinten zu ziehen und vermeintlich weniger geniale Spieler stärker in den Spielaufbau zu zwingen. Das war für Barcelona zunächst auch ungewohnt, doch dauerte es nicht lange („sieben Minuten“) bis sich Barcelona zusehends größere Lücken boten: Zum einen, weil die extrem laufintensive Spielweise ManUswohl kaum durchzuhalten war und zunehmend mannschaftlich unkoordinierter wurde; zum anderen, weil Barcelona den gewohnten Kombinationsfußball weiter nach hinten verlagerte, bis ManU (nach sieben Minuten) der Zahn gezogen war.

  9. @drolandsteiner
    Wenn man José...

    @drolandsteiner
    Wenn man José Mourinho unterstellt, dass er der Mensch ist, der am meisten auf der Welt über den FC Barcelona nachgedacht hat, dann scheint gegenwnärtig tatsächlich die Folgerung zwangsläufig, dass diesem Spiel nicht konstruktiv, sondern nur, wie durch Inter Mailand aber mehr noch Real Madrid, destruktiv begegnet werden kann. Ferguson hat nach dem Spiel mitgeteilt, man habe „normal“ gegen Barcelona spielen wollen, und es klang ein bisschen Bedauern aber auch ein bisschen Ehrgefühl darin mit: nicht einfach alles auf Zerstörung zu setzen.

  10. Die Analyse ist erhellend und...
    Die Analyse ist erhellend und treffend, finde ich. Zusätzlich bezeichnend ist vielleicht, daß man sich nach diesem Spiel eigentlich nur fragt, wie Barcelonas Spiel zu erklären und gegebenenfalls zu stören oder zu verhindern gewesen wäre, nicht aber, wie eine konstruktive Spielweise Manchesters etwa hätte aussehen können. Dafür war, bei allem Respekt, die fußballerische Unterlegenheit ManUs einfach zu groß.

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