Eins gegen Eins

Neuer und die Schickeria-Deppen

Hat ein Verein die Fans, die er verdient? Manche Fans würden diese Frage sofort mit Ja beantworten, erst recht, wenn es um Bayern München geht, den zugleich beliebtesten und verhasstesten Club in Deutschland. Es ist wohl schon ein wenig komplizierter, denke ich als Nicht-Fan der Bayern. Zumindest haben die Bayern jene Fangruppierung nicht verdient, die sich mit einem so albernen wie dürftigen Versuch zur Ironie „Schickeria” nennt und neben vier weiteren Fanclubs gegen den Ex-Schalker Manuel Neuer stänkert. Der bedauernswerte Nationaltorwart hat sich nun sogar mit diesen Idioten getroffen, weil der Verein, völlig verständlich, auf Deeskalation bedacht ist. Man möchte lieber nicht wissen, wie es bei diesem Treffen zugegangen ist. Man weiß jetzt bloß, was dabei herausgekommen ist.

„Ihm wurde von uns mitgeteilt, wie er sich zukünftig in Bezug auf unsere Kurve zu verhalten hat”, hieß es in einer von der „Schickeria” und den anderen Fanclubs publizierten Erklärung. „Wenn sich Manuel Neuer aber an die besprochenen Verhaltensregeln und eine respektvolle Distanz hält”, wird da weiter gefaselt, „wird es keine weiteren organisierten Proteste und Aktionen geben”

Das übertrifft nicht nur die grenzdebilen Plakate der letzten Saison, auf denen sich der armselige Kalauer „Koan Neuer” ausbreitete, oder die jüngsten Anti-Neuer-Parolen rund um das Bayern-Trainingslager am Gardasee. Diese neue Verlautbarung verrät schon leicht wahnhafte Züge, die ihre Urheber mit Selbstbewusstsein verwechseln mögen, obwohl sie Ausdruck eines tiefen Minderwertigkeitskomplexes ist. Für diese Diagnose braucht man nicht mal einen Psychologen. Sie ergibt sich ganz zwanglos aus der verkrampft-bürokratischen Wortwahl und aus der Verblendung, mit einem solchen Text überhaupt an die Öffentlichkeit zu gehen. Und der kindliche Omnipotenzwahn, der darin steckt, ist umso gefährlicher, als es sich eben nicht um Kinder handelt, sondern um randalebreite Erwachsene.

Natürlich kann der Verein das nicht dulden, natürlich können sich Heynckes, Hoeneß oder Rummenigge das nicht gefallen lassen: Dass sich ein paar hundert der 69.000 Zuschauer, die regelmäßig in die Allianzarena kommen, aufspielen, als repräsentierten sie irgendjemanden außer sich selbst. Wie man so dämlich sein kann, eine Neuverpflichtung abzulehnen, obwohl sie die eigene Mannschaft verstärkt, ist ohnehin nicht zu verstehen. Mich erinnert das an einen albanischen Film, den ich neulich gesehen habe, wo das Gesetz der Blutrache den vermeintlich Strafwürdigen zum Abschuss freigibt. Mit dem kleinen Unterschied, dass es um Leben und Tod geht und dass die beiden verfeindeten Parteien die Geltung des archaischen Gesetzes akzeptieren.

Davon kann hier nicht die Rede sein. Hier geht es vor allem darum, dass viele Fans, die sich als Ultras verstehen, das Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeit zwischen Verein und Anhängern nicht begreifen wollen. Dieses Verhältnis ist nämlich nicht, wie die Deppen von der „Schickeria” und andere glauben, symmetrisch. Ohne den Verein, ohne die Mannschaft hätten die Fans gar kein Objekt für Liebe, Hass und Identifikation, für Ausgrenzung und Vereinnahmung. Der Verein dagegen hat auch ohne diese Gruppierungen genügend Anhänger. Vielleicht wäre es am besten, die „Schickeria” und ihre Verbündeten gäben ihre Dauerkarten zurück und boykottierten den FC Bayern. Ich bin sicher, die damit wieder in Umlauf kommenden Dauerkarten wären innerhalb einer Stunde verkauft. Und Manuel Neuer könnte sich auf das Wesentliche konzentrieren, anstatt mit geltungssüchtigen Schwachköpfen seine Zeit verplempern zu müssen.

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