Eins gegen Eins

Eins gegen Eins

Immer am Ball – das Fußball-Blog. Mal spielen wir Doppelpass, mal kommen wir gut in die Zweikämpfe, und mal suchen wir allein den Abschluss.

Rot für Götze – Choreographie eines Fouls

| 1 Lesermeinung

Wenn Trainer meinen, ihre Spieler in Schutz nehmen zu müssen, sind sie meist nicht wählerisch. Vor allem, wenn es sich um Trainer handelt, deren Stärke nicht...

Wenn Trainer meinen, ihre Spieler in Schutz nehmen zu müssen, sind sie meist nicht wählerisch. Vor allem, wenn es sich um Trainer handelt, deren Stärke nicht in ihrer Dummheit liegt. Dann werden gern ziemlich philosophische Argumente in Bewegung gesetzt. „Der Junge ist 19 Jahre. Seit 13 Jahren wird er in harte Zweikämpfe verwickelt, und er hat noch nicht einmal nachgetreten. Warum sollte er heute damit anfangen?“, sagte beispielsweise Dortmunds Jürgen Klopp über das kontroverse Foul von Mario Götze an Hanno Balitsch (Leverkusen), für das jener Rot sah.

Wieviel harte Zweikämpfe Götze schon im Alter von 6 Jahren zu bestehen hatte, wissen wir nicht. Doch der Schluss vom Bislang-nicht-nachgetreten-Haben aufs Heute-nicht-nachgetreten-Haben, ist natürlich Nonsens. Klopp sollte nicht aus Intelligenz überschlau werden und seine großen Fähigkeiten durch bloße Rhetorik der Rechthaberei opfern. Denn selbstverständlich hat jeder, der überhaupt einmal nachgetreten hat, auch ein erstes Mal nachgetreten. Würde man Klopps Satz ernst nehmen, wäre umgekehrt jede zweifelhafte Bewegung von jemandem, der schon drei-, viermal nachgetreten hat, darum automatisch schon ein Nachtreten. Die Gegenfrage lautet darum schlicht: Warum sollte Götze eigentlich nicht am Samstag damit angefangen haben?

Die Szene, die zu solchen Überanstrengungen der Logik führte, war ziemlich kompliziert. Man bräuchte im Grunde einen fußballerfahrenenen Choreographen, um sie aufzuschlüsseln. Schon das sollte der Schelte für Schiedsrichter Stark Grenzen setzen: Wie soll er denn binnen Sekunden anders als aufgrund eines Eindrucks urteilen? In den Fernsehbildern – https://www.youtube.com/watch?v=Ud4kYwHkS4A – ist immerhin recht gut zu erkennen, dass Götze seinen Unterschenkel samt Fuß in Richtung Gegner ausfährt (der Ball hat sich da schon in Gegenrichtung davongemacht). Davon, dass die beiden „sich verhaken“ und „Hanno zieht das Bein von Mario mit hoch“ (Klopp), kann keine Rede sein. Götze stößt Balitsch vielmehr mit dem rechten Arm, Balitsch zieht sein linkes Bein nach hinten weg, um Götzes Bein herum, es kommt aber zu keinem richtigen Kontakt. Wenn das eine Bein das andere „gehoben“ hätte, wäre die ausfahrende Bewegung Götzes gar nicht möglich gewesen.

„Es sind doch beide Beine in der Luft“ versetzt Klopp, aber dass Götzes Bein wegen Balitschs Bein in der Luft ist, dazu muss man schon der Meinung sein, anders lasse es sich gar nicht erklären. Denn sehen kann man das nicht. Wenn Hanno Balitsch darum redlicherweise mitteilt, gar nichts gespürt zu haben – und das dem Schiedrichter auch gesagt hat -, ist das eher ein Argument für als gegen die Rote Karte – denn wenn Klopp recht hätte, müsste er ja etwas gespürt haben. Der versuchte Tritt gegen Balitsch ging ins Leere, war also gar nicht zu spüren.

Besonders scharfsinnig ist hier allerdings eine Verteidigung Götzes, die sich im Internet findet und gewissermaßen die Umkehr des erst Klopp-Arguments darstellt: Wenn Götze Balitsch hätte treffen wollen, dann hätte er ihn auch getoffen. Da er ihn aber nicht traf, wollte er ihn auch nicht treffen. So reden wahre Fans. Doch das läuft auf die These hinaus, dass zwar der Versuch strafbar ist, doch Genies keine Versuche, sondern nur Vollendungen kennen.

Nichtsdestoweniger trifft auch diese phantastische Logik etwas an dem Foul: Dass der Schiedsrichter es mit Rot bestrafte, obwohl es gewiss kein besonders drastischer Verstoß war, könnte nicht nur an seiner Kleinlichkeit, sondern daran gelegen haben, dass Götze seinen Willen, den Gegner zu treffen, auch noch auf andere Weise körpersprachlich unterstrichen hat. Durch den Stoß des Arms, durch das Fernspucken, vor allem aber dadurch, dass er in seiner weiteren Bewegung nicht dem Spielgeschehen folgt, sondern Balitsch nachschaut, so als erwarte er, dass dieser merke, was ihm „mitgegeben“ wurde. Man meint zu sehen, dass Götze selbst sich einfach in einer Situation des Verhaktseins fühlte. Das ist oft so: Nicht die eigentliche Aktion führt zur Strafe, sondern die begleitenden, ergänzenden Handlungen, denen der Schiedsrichter in Sekunden Informationen entnimmt.

Viel Diskussion um Nichts? Ja, davon lebt der Fußball, vom Nachkarten in Kleinigkeiten. Götze wird für das bißchen In-die-Luft-Treten keine lange Sperre bekommen. Aber Klopp und die Seinen sollten sich gerade deswegen ein wenig beherrschen und keine Argumente ins Feld führen, die so offenkundig schwach sind.


1 Lesermeinung

  1. <p>Ich wußte es doch: Das hat...
    Ich wußte es doch: Das hat ein Herner geschrieben… :-)

Kommentare sind deaktiviert.