Eins gegen Eins

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Immer am Ball – das Fußball-Blog. Mal spielen wir Doppelpass, mal kommen wir gut in die Zweikämpfe, und mal suchen wir allein den Abschluss.

Philipp Lahm und die Heuchler

  Der erste Satz in Philipp Lahms Buch lautet „Ich bin 27 Jahre alt", der letzte „Bei der nächsten WM bin ich dreißig". Lahm ist 1983...

 

Der erste Satz in Philipp Lahms Buch lautet „Ich bin 27 Jahre alt“, der letzte „Bei der nächsten WM bin ich dreißig“. Lahm ist 1983 geboren. Mit 19 erhält er den Anruf, der ihn von Bayerns Amateuren zum VfB Stuttgart holt. Mit 14 hat er zum ersten Mal in einem Auswahlteam gespielt, mit 15 ist er mit der Bayernauswahl deutscher Ländermeister, mit 16 in der U17-Nationalelf. Mit 11 hatte er drei Mal in der Woche Training und am Wochenende Spiel. Hinzu kommen dann die Trainingslager in den verschiedenen Auswahlmannschaften und Turniere, später wird, noch in der Jugend, fünfmal pro Woche trainiert.

Man kann also sagen, dass Philipp Lahm, wie die allermeisten Berufsfußballspieler, seit seinem 14. Lebensjahr so gut wie nichts anderes mehr macht. Er trainiert, spielt, achtet auf seinen Körper, erholt sich, kuriert Verletzungen aus, spielt und trainiert wieder. Während dieser Zeit wird der Fußballspieler einerseits erwachsen. Andererseits hat er so gut wie kein Privatleben. Entweder es beobachten ihn die Trainer und Mitspieler, oder es beobachten ihn die Medien, oder es beobachten ihn die Leute. Dazwischen noch strategische Gespräche mit dem Berater, Werbetermine, Flüge und Busreisen, die Ärzte.

Hinzu kommt, dass die Medien dem Spieler ständig Fragen stellen, die er nicht beantworten darf. Lahms Buch weist deutlich darauf hin, wie scharf der Verein darauf achtet, dass nicht zu offen geredet wird. Die Reaktionen auf Lahms Buch, einschließlich derjenigen vieler Sportjournalisten, beseitigen den letzten Zweifel. Sogar über ehemalige Trainer soll der Spieler nichts sagen dürfen, nicht einmal all das Freundliche, was Lahm über Louis van Gaal zu Protokoll gegeben hat. Wenn er es doch tut, muss er sich Beschreibungen wie „Selbstdarstellungsdrang des kleinen Mannes“ gefallen lassen. Wie viele von denen, die so daherreden, wären in der Lage, auch nur ein Jahr öffentlich so schweigsam zu sein, wie es Sportler zwei Jahrzehnte lang sein sollen? Leute, deren Beruf es ist, an „Hintergrundsinformationen“ zu kommen, beschimpfen Lahm, er habe das Vertrauen seiner Mitwelt gebrochen, weil er aufschreiben ließ, was alle wissen? Wie weit will man die Heuchelei eigentlich treiben?

Nimmt man das alles zusammen, weiß man, wofür Fußballprofis die hohen Summen bekommen, die sie bekommen. Nicht für ihre Leistung allein, sondern dafür, dass sie ihre Prominenz durch ein Leben erkaufen, das nicht erwachsen werden darf und in dem das, was allen anderen erlaubt ist, als Pflichtverletzung gegeiselt wird und zwar besonders gern von Leuten, die selber nicht die geringste Hemmung haben, solche Pflichtverletzungen zu bewirtschaften oder selber zu begehen. Lahms Buch ist, der Kollege Körte hat es geschrieben – https://www.faz.net/artikel/C30127/philipp-lahms-buch-sorry-war-doch-genauso-gemeint-30492794.html -, bemüht, moderat, ein bisschen fad, auf Wohlwollen kalkuliert. Niemand wird darin angegriffen. Es bietet keinerlei Grund, eine Affäre daraus zu machen. Niemand, der es nicht liest, hat viel verpasst. Aber dass ein Spieler das Recht auf Mitteilung solcher Selbstverständlichkeiten – Völler Kind seiner Zeit, Magath recht hart, Klinsmann kein Trainer, van Gaal zu offensiv eingestellt – haben sollte, ist ebenso klar.