Eins gegen Eins

Genug Guardiola!

Seit einiger Zeit schon taucht die rhetorische Figur immer wieder auf, dieses oder jenes Team könne nicht Fußball spielen. Meist sind dann Clubs wie Atlético Madrid oder der FC Chelsea gemeint, denen besonders aufgeweckte Fernsehleute beim Bezahlsender Sky komplette Untauglichkeit attestieren; bisweilen mit leichter chauvinistischer Note, als zum Beispiel Manchester United den Bayern das Leben schwer machte.

Abgesehen davon, dass Atléticos Trainer Diego Simeone für die beiden Viertelfinalspiele gegen den FC Barcelona jeweils einen erstklassigen Matchplan entworfen hatte, den sein Team so klug wie aufopferungsvoll in die Tat umsetzte; abgesehen davon, dass auch Jose Mourinho in den letzten Jahren mit verschiedenen Mannschaften vorgeführt hat, wie elementar taktische Überlegungen und deren Realisierung auf dem Feld sind – es ist doch immer so, dass die beiden Systeme einander bedingen, weil erst der exzessive Ballbesitz eines Ensembles hochklassiger Spieler die jeweiligen Gegner, die nicht über das Personal für diesen Spieltypus verfügt, dazu treibt, eine Taktik zu entwickeln, mit der man nicht in die Fallen rennt, welche die endlosen Ballstafetten bereit halten.

Man kann das von mir aus dialektisch nennen, weil da nicht zwei Stile schlicht aufeinander prallen, sondern einander wechselseitig bedingen, abhängig von den Qualitäten in den Kadern beider Mannschaften. Im Spiel von Real Madrid gegen Bayern München war das mal wieder sehr gut zu beobachten, wobei vor allem der smarte Plan von Carlo Ancelotti auffällt, der es geschafft hat, die ganze Offensickraft der Madrilenen, die andere Gegner geradezu niedergewalzt hat in dieser Saison, zu disziplinieren. Das ist keine geringe Leistung, weil sie nicht nur aus richtigen taktischen Vorgaben besteht, sondern voraussetzt, dass Ancelotti die selbstbewusst bis egozentrischen Fachkräfte in seinem Team von dem Potential dieses Plans hat überzeugen können. Und zwar nicht erst vom Ende, vom Ergebnis her, sondern vom Anpfiff an, weil alle Spieler die nötige Disziplin und Konzentration aufbrachten.

Pep Guardiola hingegen, den manche ja mal für eine Art Fußball-Messias gehalten haben, dieser prinzipienfeste Trainer hat Ancelottis Matchplan wenig entgegenzusetzen gehabt. Trotz seiner Ankündigung vor Saisonbeginn, das System müsse sich an den Möglichkeiten des Kaders ausrichten, hat er mehr und mehr versucht, den Kader nach seiner Systematik zu formen. Einigen Akteuren ist das besser bekommen, andere sahen einen Teil ihrer Möglichkeiten verkümmern. Aber wenn man einmal nicht allein nach den Erfolgen und Resultaten geht,  dann war diese Form der Spielkontrolle ab einem gewissen Zeitpunkt in einer Partie auch nicht mehr besonders attraktiv, zumindest auch nicht attraktiver als das Spiel der sogenannten destruktiven Teams. Die Monotonie hatte etwas Einschläferndes, wenn die Tempowechsel ausblieben, oder etwas Fatales und Hilfloses wie gestern in Madrid.

Unter Jupp Heynckes, man muss doch noch mal wiederholen, war die Deckungsarbeit kompakter, war das Vertikalspiel ausgeprägter und effektiver. Guardiola hat noch immer praktisch dieselben Spieler, um solche taktischen Korrekturen vorzunehmen – oder muss man sagen: er hätte sie gehabt, und jetzt ist es zu spät, um noch einmal zu variieren? Womöglich will er aber gar nicht, weil der Glaube an die Kraft seiner Idee von Fußball stärker ist als der schwankende Eindruck, den die Mannschaft in den letzten Wochen hinterlassen hat. Selbst als Nicht-Fan der Bayern finde ich das schade: Dass eine wirklich große Mannschaft, die Heynckes dazu gemacht hat, dazu genötigt wird, jenes Auslaufmodell von Tiki-Taka zu spielen, bis sie aussehen, so hat das heute eine spanische Sportzeitschrift formuliert, „wie Barcelona ohne Messi“. Der ja bekanntlich auch nicht mehr geholfen hat.

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