Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die große Geldschwemme. Oder: Wo wächst die nächste Blase?

| 28 Lesermeinungen

Die Notenbanken sollen den Euro mit viel Geld aus der Krise holen. Dabei hat ihn das viele Geld vermutlich erst hineingebracht. Von Patrick Bernau.

Geld ist Trumpf – so scheint es zumindest. Was war das für ein Fest gestern an der Börse! Die Banken auf der Welt bekommen Milliarden Dollar zu niedrigeren Zinsen geliehen – prompt rauschten die Aktien nach oben. Und wenn es nach den Eurorettern im Rest der Welt geht, dann war die Flutung der Märkte mit Geld gestern nur ein kleiner Vorgeschmack zur großen Sintflut. Die Europäische Zentralbank muss Geld drucken und Staatsanleihen kaufen, sagen sie. Das sei die letzte Chance auf eine Euro-Rettung. Und wenn sich die EZB querstellt, dann müssen eben die amerikanischen Kollegen von der Fed ran. (Auch so kann man es betrachten, dass die Fed jetzt auf dem Umweg über die EZB Dollar zur Verfügung stellt.)

Inflationsbekämpfung, Sparanreize, Unabhängigkeit der EZB – all das ist den Verfechtern der EZB-Löschkanone nicht mehr so wichtig. Schließlich stehe der Euro vor dem Abgrund. Da müsse man Anleihen kaufen, ohne Rücksicht auf Verluste.

Bild zu: Die große Geldschwemme. Oder: Wo wächst die nächste Blase? Doch was, wenn das Geld die Welt erst richtig in die Bredouille bringt? Wenn all die Liquidität das falsche Mittel ist – wenn die Eurozone nicht brennt, sondern jetzt schon im Geld ertrinkt? Das klingt paradox, zugegeben, fehlt es doch den meisten Euro-Staaten gerade am Geld. Aber es wird gleich klarer.

In der Eurozone insgesamt gibt es nämlich eigentlich genug Geld. Sogar zu viel davon. Seit Jahren ist die Geldmenge viel schneller gewachsen als das Bruttoinlandsprodukt. (Die Grafik links zeigt aus technischen Gründen das inflationsbereinigte BIP, das nicht-inflationsbereinigte BIP ist bis auf etwa 150 Indespunkte gewachsen). Noch im Juni sprach die Europäische Zentralbank selbst von „überschüssiger Liquidität” (PDF, S. 35/36) – und ihre Worte waren warnend: „Die angesammelte Liquidität kann Preisdruck in Vermögenspreisen und Produktpreisen verursachen, selbst wenn die Geldmenge nur langsam wächst.”

Was die EZB da sagt, heißt übersetzt: Geld kann nicht nur die Inflation in die Höhe treiben. Pedro Teles und Harald Uhlig haben das gezeigt: Irgendwann gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts hat sich die Welt geändert. Seitdem verursachen Zentralbanken nur noch selten Inflation, wenn sie die Geldmenge schnell wachsen lassen. Einst hieß diese Phase „Great Moderation” (Große Mäßigung): Die Zentralbanken schienen alles im Griff zu haben. Wer so denkt, druckt auch heute noch Geld. Denn die Inflation scheint weit weg zu sein. Doch die „Great Moderation” hat sich als Illusion entpuppt.

Denn Inflation ist nicht das einzige Risiko an großen Geldmengen – auch das haben die vergangenen 20 Jahre gezeigt. „Liquidität findet immer ihren Weg”, sagt der scheidende EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark im Interview mit der F.A.S. Wir müssen fürchten, dass er Recht hat. Ansgar Belke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und zwei Kollegen jedenfalls haben festgestellt, dass das Geld auf der Welt inzwischen leichter die Preise für Geldanlagen nach oben treibt als die Preise im Supermarkt. Das hat schon mehrmals böse geendet. In Amerika hat Alan Greenspan über Jahre hinweg zu viel Geld verteilt. Er bekam immer größere Blasen – bis zur Immobilienblase und der Finanzkrise. Großbritannien ging es nicht besser.

Die Eurozone war ebenfalls nicht immun. Sie hatte von ihrem Geld nicht nur eine Immobilienblase in Irland und Spanien. Sie hatte offenbar auch eine veritable Blase in Staatsanleihen. So manche Bank hat sich Geld von der EZB geliehen und davon postwendend Staatsanleihen gekauft – gegen die konnte die Bank sich noch mehr Geld leihen und davon noch mehr Staatsanleihen kaufen. Für die Banken war das ein gewinnbringendes Geschäft. Und die Kreditzinsen für die Staaten sanken viel zu tief.

Geld - Foto: Getty Images / AFP Genau das macht mir große Sorgen. Denn das Geld ist jetzt noch nicht weg, es ist nur woanders. Und schickt sich dort an, die nächsten Blasen zu befüllen. Das merkt man sogar schon in der Praxis: Investoren stehen heute schon ratlos vor den Finanzmärkten, weil kaum noch eine Geldanlage angemessen bepreist scheint – alles sieht zu teuer aus. Wer sich noch Gewinn erhofft, der setzt auf spekulative Kurssteigerungen. Das ist ein Alarmzeichen.

Normalerweise heißt es: Die Zentralbanken müssen jetzt Geld verteilen, in besseren Zeiten sammeln sie es wieder ein. Ich glaube das nicht, die Erfahrung der vergangenen 20 Jahre macht mich skeptisch. Aber vielleicht ist es dieses Mal anders – vielleicht kommt dieses Mal gar keine gute Zeit nach.

Denn: Wenn die Investoren jetzt noch ihre Peripherie-Anleihen an die Zentralbank verkaufen und dafür neues Geld bekommen – wo sollen sie denn das noch hinlegen, ohne die Blase zu vergrößern?

In Rohstoffe? Bis heute ist umstritten, ob Investoren die Lebensmittelpreise nach oben getrieben haben – das ist zumindest möglich. Der Goldpreis ist auf jeden Fall in die Höhe geschossen. Wenn das alles wäre, wäre es noch in Ordnung. Eine Blase im Goldpreis lässt sich noch recht gut abfedern.

Doch Blasen werden richtig gefährlich, wenn sie mit Krediten verbunden sind. Und für Kreditblasen gibt es auch einige Kandidaten. Zum Beispiel die Immobilien in deutschen Metropolen. Gefühlt jeder zweite Deutsche, der Angst vor Inflation hat, kauft sich eine Wohnung oder ein Haus. Oft auf Kredit. Die Preise schießen in die Höhe. Und wenn dort eine Blase entsteht, wird’s gefährlich.

Noch gefährlicher könnte es aber werden, wenn eine Blase in deutschen Staatsanleihen platzt. Gestern hat Deutschland zum ersten Mal Geld dafür bekommen, dass es sich Geld leiht. Das kann nicht dauerhaft so bleiben. Irgendwann müssen deutsche Anleihen im Preis zurückgehen, die langfristigen Anleihen tun es schon. Mit etwas Pech stehen wir dann vor einer Blase, die die aktuelle Euro-Krise wie ein Ponyreiten aussehen lässt. Denn dann hätte potenziell das Euro-Kernland Probleme – und mit ihm alle Banken, die ihr Geld jetzt vermeintlich sicher in Bundesanleihen angelegt haben. Das ist nur ein Worst-Case-Szenario, zugegeben, aber ein sehr abschreckendes.

Was also ist zu tun? Ich stehe auf der Seite von Gerald Braunberger (in der F.A.Z. vom Dienstag) und Martin Feldstein, die sagen: Sieben Prozent Anleihenrendite sind nicht das Ende, anders als es die Politiker gerne predigen. Italien wird nicht daran zugrundegehen, wenn es mal für ein paar Anleihen mehr bezahlen muss. Das Land hat immer noch genug Zeit für ein richtiges Sparpaket. Auf jeden Fall müssen die Kredite zurückgezahlt werden, denn nur so lässt sich das Geld aus der Welt bringen. Das ist die kurzfristige Lösung.

Zudem sollten Ökonomen versuchen zu verstehen, was sich am Ende des vergangenen Jahrhunderts in der Weltwirtschaft geändert hat. Dort vermute ich das Gegengift für die vielen kleinen und großen Blasen der vergangenen Jahre. Wann genau hat sich die Geldmenge von der Inflation entkoppelt? Und warum? Ich sehe mehrere Möglichkeiten: Die Deregulierung des Wirtschaftslebens, den Abbau von Zöllen, den Eintritt von Osteuropa und Asien in die Welt-Marktwirtschaft, undsoweiter. Da gibt es noch einige offene Fragen.

Dank an Olaf Storbeck für den Hinweis auf das Uhlig-Paper. Das Chart, das die Geldmenge im Vergleich zum BIP zeigt, ist aktualisiert und korrigiert.

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28 Lesermeinungen

  1. Die Annahme, daß sich...
    Die Annahme, daß sich “irgendwann gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts … die Welt geändert” habe und “Zentralbanken nur noch selten Inflation” verursachten, “wenn sie die Geldmenge schnell wachsen lassen”, dürfte leider ziemlicher Unsinn sein. Ansonsten wäre zu guter Letzt doch noch die nebenwirkungsfreie mephistophelische Geldschöpfung gelungen. Ein sehnlicher Wunsch, den die Menschheit lange gehegt hat, ohne daß die bisherigen Versuche jemals mit Erfolg gekrönt gewesen wären. – Diesmal ist das natürlich anders, um den spöttischen Titel der Monographie von Reinhart und Rogoff aufzugreifen…
    Der Haken an dem Paper von Teles und Uhlig ist, daß darin nur Daten aus OECD-Ländern betrachtet werden. Angesichts der zunehmend globalisierten Wirtschaft wäre jedoch zu fragen, inwieweit die zusätzliche Liquidität in diejenigen Länder abfließt, in denen die OECD-Länder produzieren lassen: Betrachtet man die BRICS-Staaten, dann weisen diese hohe Inflationsraten auf!
    Teles und Uhlig betonen zudem selbst, daß ihre Daten durch das Inflation targeting der Zentralbanken seit den 1990er Jahren nur schwer einen Zusammenhang zwischen Inflation und Wachstumsrate der Geldmenge erkennen lassen. Dieser Ansatz der Geldpolitik verstellt mithin den Blick für wesentliche Indikatoren, und er ist letztlich auch nur eine Nabelschau: Die Wirkungen der Geldpolitik jenseits der jeweiligen Währungsräume fließen schließlich nicht in die Bewertung ein. Da die Globalisierung jedoch keine Einbahnstraße ist, wirkt die Politik des „billigen Geldes“, der „quantitativen Lockerung“ oder wie auch immer man das Anwerfen der Druckmaschinen euphemistisch umschreiben mag, langfristig ebenfalls auf ihren Ausgangpunkt zurück.

  2. faz-bern sagt:

    Aloa: Das ist ein spannender...
    Aloa: Das ist ein spannender Ansatz! Spontan fällt mir kein Gegenargument ein. Ich denke mal noch eine Weile darüber nach.
    Lukas Hugl (zur Antwort auf Google+): Ein Staatsdefault in flexibler Währung? Wie wäre es mit Deutschland 1948? Da gab es zwar theoretisch einen Goldstandard, aber eben nur theoretisch. Ich habe übrigens grundsätzlich ein Problem mit der Vorstellung, Arbeitsmarktregulierung könnte viel am Lohntrend ändern. Wenn der Lohn nach oben tendiert, weil die Arbeitnehmer eine starke Verhandlungsposition haben, tun sie das sowieso. Wenn der Lohn nach unten tendiert, haben die Arbeitnehmer eine schwache Verhandlungsposition. Die Arbeitsmarktregulierung entscheidet dann nur den Tradeoff zwischen Arbeitslosigkeit und sinkendem Lohn. Der Lohntrend ist da die Ursache, die Arbeitsmarkregulierung eher die Folge.

  3. HansMeier555 sagt:

    <p>Vielleicht darf ich die...
    Vielleicht darf ich die Ökonomen mal mit folgender Überlegung konfrontieren:
    .
    Die Blasen liessen sich leicht auflösen, wenn wir in einer Gesellschaft leben würden, in der die reichsten Personen, Korporationen und Familien zur öffentlichen Präsenz verpflichtet wären, wie dies früher einmal der Fall war.
    .
    Wenn sie sich nicht, wie heute üblich, einfach anonym bleiben könnten.
    .
    Schauen Sie sich nur die mittelalterlichen gotischen Kathedralen oder die Barocken Fürstenschlösser an. Wäre die heutige Elite der, nennen wir sie einmal “Leistungsträger” auch nur annähernd ähnlichen Repräsentationspflichten unterworfen wie früher Kirche und Adel, dann würde am Ende vielleicht sogar der Trickle-down-Effekt eintreten: Seine Relevanz der Vorstandssprecher fahren sechsspännig zum Dom vor, steigen mit Perücke und Degen aus dem Wagen, schreiten zum Domeingang, begleitet von livrierten Dienern, die jedem der Spalier knienden Waisenkinder eine Münze in die Hand legen…
    .
    Das wäre doch mal ein schönes Bild, finden Sie nicht auch?
    .
    Und was haben wir stattdessen? Uniform gekleidete Manager in uniformen Büros, die sich über Zahlentabellen beugen und ihr ganzes Leben nur darüber nachdenken, was man tun muss, damit die Zahlen größer werden.
    —-
    Oder anders gesagt: Die jetzige Wirtschaftsordnung könnte durchaus funktionieren, wenn nur die politischen Verhältnisse angepasst werden könnten: Etwa indem man die kommunistischen Elemente der Verfassung beseitigt und durch eine feudale Ordnung ersetzen würde.
    Dann könnten die Banken eine ähnliche Rolle spielen wie unter dem ancien die privilegierten Korporationen (Domkapitel, Ritterordnen, Ständeversammlung, etc.) und endlich wieder für ein wenig Kunst und Kultur sorgen.

  4. aloa5 sagt:

    @PatrickBernau

    Zum...
    @PatrickBernau
    Zum ausführlicheren antworten nun auch angemeldet. Twitter ist zu kurz und das in ein Blogposting zu packen erscheint unpraktisch.
    Beginnen wir hinten. Hugl hat mit dem Zeitraum nicht ganz unrecht, aber mit der Begründung. Die Erklärung liefert m.E. Schulmeister 2009 unter dem Punkt 2.2 (S. 5 und 6):
    https://stephan-schulmeister.priv.at/fileadmin/homepage_schulmeister/files/Grosskrise_AK_MuWG_106.pdf
    Auf mein Blogposting hatte ich ja verwiesen. Letztlich war es also neben der Zentralbank u.a. die Umstellung des Pensionssystems in den USA welche Geld in den Sparmarkt. Damit ist in Kombination mit der Hochzinspolitik ein Kapitalanlagemarkt entstanden welcher über Jahre hinweg mehr Rendite abgeworfen hat als es die Realwirtschaft. Das ist in etwa der gleiche Effekt wie ein großer Konjunkturzyklus mit einem langen verbleiben im Konjunktur-Tief.
    Keynes Methode um aus der Liquidistätsfalle herauszukommen wirkt so etwas natürlich entgegen. Schulden machen, in die Reralwirtschaft pumpen und damit dafür sorgen das dort wieder Renditen zu machen sind. Das sorgt für Investitionen und für Konsum.
    Damit das nachhaltig funktioniert müssen jedoch Bedingungen erfüllt sein. Solch ein Zustand kann nicht dauerhaft künstlich auf der Seite der realwirtschaftlichen Rendite im Gleichgewicht bzw. realwirtschaftlichen Übergewicht gehalten werden. Denn man verschuldet sich ja nach Keynes letztlich für die realwirtschaftlichen Renditen der vermögenden Sparer und schiebt damit noch mehr Geld in diesen Bereich. Wenn der Effekt nicht sehr viel größere Kreise zieht, also viele Bereiche mit einem riesigen Rendite-Volumen erfasst, ist man hinterher nicht nur so weit wie davor sondern hat nur noch eine größere Blase.
    Was daraus folgert ist manchem sicherlich unbequem aber schlecht anders interpretierbar. Die Renditen müssen auf der anderen Seite der Waage sinken. Das kann es aber nur wenn der Zufluss abnimmt und der selbstreferenzielle Vermehrungszyklus des Geldes damit stoppt. Das geht m.E. fast nur fiskalisch, hat aber auch etwas mit der Kreditgeldschöpfung zu tun. Je mehr man aber die Kreditgeldschöpfung regulieren möchte, desto höher sind die Anforderungen an die fiskalische Seite. Denn ansonsten dreht man allen den Hahn ab, entweder auf die eine oder auf die andere Weise.
    Leider drehen die Politiker bislang “lieber” Däumchen. Wobei ich eher hoffe das sie Däumchen drehen. In Wahrheit sind sie vermutlich hilflos ohne zu wissen was zu tun ist. Zu lange hat man sich darauf verlassen was auch die Ökonomenzunft sie hat glauben lassen, nämlich das die Zentralbanken es schon immer alleine richten werden und alle Macht dort konzentriert ist. Ob man wohl in Deutschland daran denkt das wir mit unserem Riester-Renten-Pakt und auch solchen Dingen wie nur beispielsweise der Ökosteuer kräftig zum Euro-Dilemma beigetragen haben? Würde mich nicht wundern. Womöglich sollen manche in der Politik einmal Dullien lesen:
    https://www.project-syndicate.org/print_commentary/dullien2/German
    Zitat:
    /Ferner würde ein Außenwirtschaftlicher Stabilitätspakt die Regierungen verpflichten, beim Ausarbeiten nationaler Wirtschaftsreformen die Folgen für andere Mitgliedsstaaten zu berücksichtigen. Wenn ein „Überschussland“ wie Deutschland die Lohnnebenkosten senken und die Mehrwertsteuer erhöhen wollte, um seine eigene Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, so müsste es gleichzeitig eine expansive Fiskalpolitik einführen, um die negativen Effekte für den Außenhandel seiner Partner zu kompensieren./
    Tja. Das war wohl nicht gerade der Fall, nicht? Und nun hat die EZB das lösen dieses Problemes als Aufgabe gestellt erhalten – und die Politiker schieben alleine Bankern und Griechen den schwarzen Peter zu. Dabei sind sie doch selbst in einem nicht unerheblichen Maße, wenn nicht maßgeblich an der Misere Schuld. Das kann man an jeder Grafik seit Euro-Einführung sauber ablesen. Die eigentlichen Bankster sind die Politster.
    Grüße
    ALOA

  5. faz-bern sagt:

    Gegen ein ausführlichere...
    Gegen ein ausführlichere Begründung der EZB-Entscheidung hätte ich ebenfalls nichts, lieber JR42 – schon allein aus journalistischen Gründen.

    Es gibt noch einige Diskussionen zu beantworten, die auf anderen Plattformen gelaufen sind:

    a) Auf Twitter findet @eFlation, es gebe noch genügend günstige und stabile Firmen am Aktienmarkt zu kaufen. Ich stimme zu: Die sehen mir noch nicht direkt nach einer Blase aus. Richtig günstig sind aber auch die nicht mehr. Microsoft kostet ungefähr den neunfachen Jahresgewinn, das ist wirklich nicht teuer. Aber Ihr Lieblingsbeispiel McDonald’s andererseits kostet den 18-fachen Jahresgewinn, und das gemessen an einem Gewinn aus dem Aufschwung – das ist zu viel.

    b) Ebenfalls auf Twitter schlägt @aloa5 vor, aus der aktuellen Blase langsam die Luft entweichen zu lassen. Ich bin extrem skeptisch – das haben seit Alan Greenspan mehrere Notenbanken probiert, richtig gut geklappt hat das in Marktwirtschaften nie. Ob China in seinem Modell damit mehr Erfolg hat, werden wir bald sehen; im Moment scheint die Lage dort in beide Richtungen kippen zu können.

    c) Auf unserer Google-Plus-Seite sieht Lukas Hugl – kurz zusammengefasst – die amerikanische Deregulierung der 80er als Beginn des Übels. Seine Lösung: mehr Staatsschulden sind nötig, v.a. in einer Welt ohne Goldstandard. Die ausführliche Diskussion hier: https://plus.google.com/116565576741912380307/posts/BitAjzPSAan
    Das ist ein spannender Gedanke, der überzeugt mich aber nicht überzeugt. Korrigiere mich, wer mag: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Deregulierung aus dem Nichts heraus kam – es gab die ersten Probleme auf dem Arbeitsmarkt, bevor die Deregulierung von M.Thatcher und R.Reagan begann. Sonst hätte das ja niemand gemacht.
    Wer Reinhart/Rogoff gelesen hat, kann hinterher nicht mehr für zusätzliche Staatsschulden sein. Hugl zweifelt das Ergebnis an, weil Reinhart/Rogoff nicht zwischen Ländern mit und ohne Goldstandard unterschieden haben. Sie haben durchaus immer wieder verschiedene Zeitspannen unterschieden. In dem wichtigen Paper “Growth in a Time of Debt” betrachten sie zum Beispiel die Schwellenländer nur für die Zeit nach 1970, also de facto ohne Goldstandard. Am Ergebnis ändert sich nichts.
    Und wenn meine Betrachtungsweise hier zu monetaristisch ist für Notenbank-Insider, wie Lukas Hugl vermutet, dann ist das aus meiner Sicht ein Problem der Notenbanken. Ich weiß schon, dass dort inzwischen diverse, unterschiedlich bezeichnete Formen des Keynesianismus in Mode sind. Aber der Keynesianismus ist eben eine inhärent kurzfristige Theorie. Das ist für die Notenbank-Praxis im Normalfall auch ganz in Ordnung. Aber inzwischen fehlt mir – wie oben schon gesagt – die längerfristige Frage, ob die Politik der vergangenen Jahre im ganzen sinnvoll ist, v.a. wenn sie in die Zukunft weitergeführt wird. Keynes würde sagen “In the long run, we are all dead” – aber das dauert bei mir hoffentlich noch eine Weile; ich habe ein großes Interesse an meinem “long run”.

  6. JR42 sagt:

    Lieder Patrick Bernau,
    direkte...

    Lieder Patrick Bernau,
    direkte Kontrolle der Zentralbank durch eine Institution – Regierung, EU-Kommistion o.ä. – habe ich nicht im Auge. Ich meine eher die Nachvollziehbarkeit bei nachträglicher Überprüfung – zuvor dann auch Offenlegung.
    Vergleichbar ist ja das deutsche BVerfG, dass seine Urteile auch des Längeren begründet; und nicht in einer klandestinen Aktion entscheidet – und das war es dann!
    Zur Gefahr, dass “die langfristigen Anliegen hinter den kurzfristigen zurückbleiben” … Diese Gefahr sehe ich auch, nicht zuletzt anlässlich der konzertieren Aktion vom Montag. Die mittlerweile übliche Hast und die zugehörigen Kurzzeit-Entscheidungsmechanismen wecken kein Vertrauen in die fachliche Gründung dieser Entscheidungen. Da tritt mehr oder vermutlich weniger fundierte Heuristik an die Stelle von sorgfältiger Begründungen. Und das Kurswunder vom Montag abend weicht am Mittwoch schon wieder dem Urteil “verpufft”.

  7. faz-bern sagt:

    <p>Ich würde nicht daran...
    Ich würde nicht daran zweifeln, lieber JR42, dass unabhängige Zentralbanken besser sind. Würden sie kontrolliert, würden sie vom Kontrolleur abhängig – aber die Geschichte (und die Theorie) haben mehrfach gezeigt, dass dann die langfristigen Anliegen hinter den kurzfristigen zurückbleiben. Sogar jetzt habe ich eher den Eindruck, dass die kurze Frist übergewichtet wird – zu Lasten der langen.

    Es mir auch nicht darum, lieber hgebhardt, alle Erkenntnisse der Vorjahre über den Haufen zu werfen und eine “neue Theorie” zu “spinnen”. Im Gegenteil: Mir wäre es am liebsten, die alte Theorie so anzupassen, dass sie die Realität genauer abbildet und zum Beispiel die folgende Frage beantworten kann: Unter welchen Bedingungen findet Inflation eher in Güterpreisen statt (und bildet das, was normalerweise als “Inflation” bezeichnet wird) und unter welchen Bedingungen findet sie in Güterpreisen statt (und bildet das, was normalerweise als “Blase” bezeichnet wird)?

    Im Moment sieht es ja nicht so aus, als könne man heute einfach “Inflation” in den Güterpreisen beschließen, lieber manschneider – die Wirtschaft sucht sich (unter unbekannten Bedingungen) aus, ob die Inflation in Güterpreisen oder in Vermögenspreisen stattfindet. Ihre Lösung läuft darauf hinaus, dass man die aktuelle Blase zu halten versucht – im vollen Bewusstsein, dass dann später eine größere droht? Das ist nicht meine Güterabwägung, ich hielte das für zu kurzsichtig.

    Haben sich Finanzmärkte und Firmen entkoppelt? Ein Stück weit ja, das Misstrauen ist groß – ich würde Ihnen zustimmen, lieber JackMurphy. Aber von den genauen Problemen habe ich einen ganz anderen Eindruck als Sie. Mir scheint es nicht so, dass die Firmen zu wenig Geld bekommen. Viele begeben selbst Anleihen und zahlen dafür so niedrige Zinsen, dass schon das blasenverdächtig ist. Viele Firmen halten enorme Summen an Vorsichtskasse. Umgekehrt suchen ungezählte Investoren verzweifelt nach vielversprechenden realwirtschaftlichen Projekten, in die sie investieren können. Allein: Die Firmen haben keine Lust, ihnen Aktien zu verkaufen. Mir scheint es nicht so, als würden die Firmen dringend Geld brauchen. (Im Übrigen gehören die Aktien heute ja auch nicht – mehr – den Banken, sondern zumindest indirekt den Privatleuten, und sei es in Form von Fonds oder Pensionskassen.)

  8. JR42 sagt:

    <p>Lieber Herr Bernau,...
    Lieber Herr Bernau, zunächst Dank und Annerkennung für Ihren aktuellen Beitrag. So kann aus dem “Fazit” etwas werden.
    .
    Zum Inhalt, hier gebe ich JackMurphy Recht mit seiner Feststellung: “Die Finanzwirtschaft führt mit der EZB ein Eigenleben, völlig losgelöst von volkswirtschaftlicher Verantwortung.” Ihr Feuilleton-Kollege Steinbeis hat mit seinem Rührei-Artikel vom 30.11 im vergleichbaren Kontext die Formulierung “vom autoritären, expertokratischen Super-Europa” gebraucht. Die Unabhängigkeit der EZB in allen Ehren, aber wer sorgt für Nachvollziehbarkeit und Kontrolle der Beschlüsse und Maßnahmen, ggf. im Nachhinein?
    Sie selbst gebrauchen in Ihrem Artikel das Bild von der Blase; ich hätte aus technischer Sicht eine (positive) Rückkopplung elektronischer Verstärker zum Vergleich angeführt. Ohne Begrenzung der Energiezufuhr bzw. ohne die richtigen Dämpfungsglieder brennt der Verstärker dann durch – die Blase platzt. Derartige, finanzwirtschaftliche Dämpfungsglieder mahnt JackMurphy in seinem Kommentar als “Regulierung der Finanzwirtschaft” berechtigterweise an. Daneben sollten m.E. bestehende Regeln (vgl. Bail-out Verbot) und Gesetze erst einmal eingehalten werden.
    Dem vorletzten Fazit-Beitrag von Herrn Braunberger …
    faz-community.faz.net/…/aus-der-werkstatt-1-wann-man-seine-kreditkarte-wegwerfen-sollte.aspx
    habe ich vermutlich Unrecht getan; er kann mit seiner Empfehlung, überschuldete Personen sollten zunächst ihre Kreditkarte wegwerfen, durchaus als subversive Handlungsanweisung für die Finanzwirtschaft in der aktuellen Situation gelesen werden.
    —-Nachtrag:
    Vor einiger Zeit habe ich interessante Ideen über die Wiedereinführung privat begründeter, miteinander im selben Wirtschaftsraum konkurrierender Währungen gelesen, habe leider keine “Bibelstelle” dafür parat.
    Damals habe ich das für weit hergeholten Quatsch gehalten, aber angesichts der akrtuellen Lage … ?

  9. JackMurphy sagt:

    Alle Betrachtungen zum Wert...
    Alle Betrachtungen zum Wert des Geldes/der Schulden in diesem Beitrag ignorieren die Realität und leiden unter dem heute üblichen Tunnelblick: Geld/Währung ist lediglich eine Commodity von vielen vglb Schweinebäuche.
    Wir haben heute weltweit 2 völlig unterschiedliche Wirtschaftsräume – Finanzwirtschaft und Realwirtschaft. Die Schnittstellen beider Systeme sind das eigentliche politische Problem. Die Finanzwirtschaft führt mit der EZB ein Eigenleben, völlig losgelöst von volkswirtschaftlicher Verantwortung. Die EZB versorgt Banken mit Liquidität, die damit sofort rentable Finanzanlagen sucht, damit aber keinerlei volkswirtschaftlich messbare Werte schafft. Mit Hilfe von Unternehmensbeteiligungen (Aktien) beteiligen sich Banken am unternehmerischen Erfolg der Börsen notierten Werte schaffenden Realwirtschaft. Mehr als 80% des BIP in Deutschland werden jedoch von Betrieben erwirtschaftet, die nicht an der Börse notiert und folglich auf die Finanzierung durch Banken angewiesen sind.
    Die Versorgung der Realwirtschaft mit Liquidität für notwendige Investitionen bleibt auf der Strecke, da Finanzanlagen profitabler sind. Hier liegt die eigentliche Krux einer verfehlten Bankenregulierung. Müssten die Banken ihre Privilegien der billigen Liquiditätsversorgung durch die EZB damit verdienen, dass mindestens 80% der Mittel an die Realwirtschaft weiter zu geben sind, würden Banken eine natürliche Begrenzung ihrer virtuellen und höchst riskanten Wettgeschäfte erfahren, das Wachstum der Geldmenge würde eingebremst und die Spekulation auf Rohstoffe, die die Realwirtschaft mit inflationären Preissteigerungen schädigt, würde reduziert. Die aus billiger Liquiditätsversorgung resultierende Staatsverschuldung ( Wechselreiterei mit Staatsanleihen) würde die Staaten zur Etatkonsolidierung zwingen, wenn keine Refinanzierung aus billiger EZB Liquidität mehr verfügbar ist.
    Fazit: Die Rezessions-Gefahr für die Realwirtschaft ist zuvorderst begründet durch die fehlende Regulierung der Finanzwirtschaft. Banken trauen sich gegenseitig nicht weil sie davon ausgehen müssen, dass der Andere die gleichen betrügerischen Mittel verwendet wie sie selbst. Die EZB spielt das Spiel der Banken mit und finanziert ein gigantisches Hütchenspiel zu Lasten der bürgenden Steuerzahler, die auf die Stabilität ihres Geldes angewiesen sind. Deren Schicksal/Wohlstand wird zur Spielmasse der zockenden Finanzwirtschaft.

  10. hgebhardt sagt:

    P. Bernau: "Ich glaube das...
    P. Bernau: “Ich glaube das nicht, die Erfahrung der vergangenen 20 Jahre macht mich skeptisch. Aber vielleicht ist es dieses Mal anders – vielleicht kommt dieses Mal gar keine gute Zeit nach.”
    Dieser Satz sagt doch eigentlich alles: es lohnt nicht, diesen Artikel zu lesen. Warum? Das einzige was er sagt: vergesst alles was wir über diese Dinge wissen, schaut nur auf die letzten 20 Jahre und spinnt eine neue Theorie zusammen. Und dabei beschränken wir uns auch noch auf eine Diskussion mit einigen wenigen Leuten, die nur einen schmalen Aspekt der Sache betrachten.
    Fahrlässig, finde ich.

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