Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Warum sind Börsenkurse so wackelig geworden? An den Spekulanten liegt’s nicht.

| 11 Lesermeinungen

Die Börsenkurse schlagen immer heftiger aus. Aber die Ausschläge geschehen vor allem kurzfristig - wer die Börse länger betrachtet, sieht keine größeren Schwankungen. Von Patrick Bernau

Die Börsenkurse schlagen immer heftiger aus. Aber die Ausschläge geschehen vor allem kurzfristig – wer die Börse länger betrachtet, sieht keine größeren Schwankungen.

Von Patrick Bernau

Als ich zum letzten Mal eine halbfertigen These hier im Blog zur Diskussion gestellt habe, habe ich großen Spaß gehabt und viel gelernt. Deshalb kommt heute eine neue halbfertige These von mir:

Kann es sein, dass Spekulanten die Märkte eher stabilisieren als destabilisieren?
Ich meine damit auch die Hochfrequenz-Trader, also die Computer, die in Millisekunden automatisch Aktien kaufen und verkaufen.

Der Ausgangspunkt ist die Beobachtung, die Thomas Strobl bei unseren Kollegen vom Feuilleton der F.A.Z. machte: Die täglichen Ausschläge an den Börsen wachsen. Im Börsendeutsch: Die Volatilität steigt. Viele Leute glauben, das läge an den Hochfrequenz-Händlern, die so viele Aktien kaufen und verkaufen. Dahinter steckt ein alter, beliebter Schluss: Wo viele Leute handeln, müssen die Ausschläge größer werden.

Das ist ein beliebter Schluss, zumal häufig gerade dann viel Handel passiert, wenn die Ausschläge groß sind. Dabei heißt das an sich noch gar nichts, denn an der Börse werden viele Leute gerade dann aktiv, wenn es neue Nachrichten gibt – der eigentliche Grund der Kursausschläge ist dann nicht die große Aktivität, sondern die Nachricht. Welchen Einfluss der Handel hat, ist trotzdem noch unklar.

Bild zu: Warum sind Börsenkurse so wackelig geworden? An den Spekulanten liegt's nicht.
(Ich habe die prozentualen Ausschläge genommen. Die sind das bessere Maß. Warum sie das sind, erkläre ich in einem Extra-Artikel.)

Ich habe noch eine andere These darüber, wo die Ausschläge herkommen. Die ist recht simpel: In allen Bereichen wird das Leben schneller. Dank Internet & Co. fließen Nachrichten schneller um die Welt, Menschen auf unterschiedlichen Erdteilen kommunizieren leichter miteinander, die Forschung beschleunigt sich. Warum sollten da die Börsenkurse nicht auch innerhalb eines Tages so ausschlagen wie früher innerhalb von dreien?

Ich glaube inzwischen, dass das die bessere Erklärung ist. Denn ich habe mir angesehen, wie sich die längerfristigen Kursausschläge entwickelt haben. Also nicht nur die täglichen Schwankungen, sondern auch die monatlichen und die jährlichen.

Wenn die Hochfrequenz-Händler an den Ausschlägen schuld sind, müsste die Börse in den längeren Abständen noch zittriger werden als in den kurzen. Es ist nämlich weitgehend unstrittig, dass ein großes Handelsvolumen die kurzfristigen Ausschläge eher senkt (den Mechanismus dahinter erkläre ich lieber extra). Die Angst vor Hochfrequenz-Händlern kommt ja daher, dass die Computer verrückt spielen könnten: Das sehen wir sowieso. Oder  die vielen Trendfolger könnten eher die großen, langfristigen Trends verstärken. Das müsste man also in den längerfristigen Schwankungen sehen.

Wenn aber der schnelle Nachrichtenfluss an den Ausschlägen schuld ist, müssten die Kurse auf längere Sicht im gleichen Maß wackeliger werden wie auf kurze Sicht. Dass sich die Welt beschleunigt, gilt kurz- wie langfristig.

Also habe ich den F.A.Z.-Index ausgewertet, denn der geht zurück bis 1961. Betrachtet habe ich die tatsächlichen Schwankungen, nicht etwa die erwarteten, die in klassischen Volatilitäts-Indizes abgebildet werden. Hier sind also die monatlichen Schwankungen seit 1961. Die rote Linie, zu der die rechte Achse gehört, zeigt den Durchschnitt der jeweils letzten 20 Monate.

Bild zu: Warum sind Börsenkurse so wackelig geworden? An den Spekulanten liegt's nicht.

 

Und das sind die Schwankungen im jeweils vergangenen Jahr, gemessen jeden Monat seit 1962 (als Linie auf der rechten Achse der Durchschnitt der jeweils letzten 20 Monate):

Bild zu: Warum sind Börsenkurse so wackelig geworden? An den Spekulanten liegt's nicht.

Diese beiden Grafiken sehen für mich so aus, als seien die längerfristigen Schwankungen vor allem in den vergangenen Jahren nicht stärker gewachsen als die kurzfristigen Ausschläge. Für Aktionäre ist das erst mal beruhigend. Ihr Vermögen ist in Aktien heute nicht viel unsicherer als früher.

Die andere Folgerung ist: Der viele Handel steigert die längerfristige Volatilität zumindest nicht stärker als die kurzfristige – dass die Kurse so ausschlagen, liegt also eher am Nachrichtenfluss. Mutmaßlich wäre die Volatilität noch viel höher, wenn es nicht so viele Händler an der Börse gäbe.

Oder es gibt noch einen ganz anderen Faktor, den ich übersehen habe. Was meinen die geneigten Leser?

 

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11 Lesermeinungen

  1. Inzwischen habe ich mich mit...
    Inzwischen habe ich mich mit dem ganzen noch mal in Ruhe auseinandergesetzt und auch das Cornell-Paper aufmerksam gelesen.

    Vorausgeschickt: Die Frage, ob Maschinen Verträge schließen dürfen, ist ja eine andere. Das kann man so oder so sehen – die Marktwirkungen sind davon erst mal unabhängig. Ich habe mit solchen Verträgen übrigens erst mal kein Problem. Im Zimmer nebenan steht eine Maschine, die das ebenfalls tut: Der Drucker bestellt seinen Toner selbst. Ich finde das ziemlich bequem.

    Zurück zur Marktwirkung. Das Cornell-Paper finde ich gar nicht überzeugend. Mir fehlt eine Angabe, wie die Autoren auf ihre Definition kommen und warum gerade die gezählten Marktbewegungen problematisch sein sollen. Die Autoren erzählen nicht mal, warum solche Marktbewegungen ungewöhnlich sein sollen. Es gibt keinen Vergleich mit anderen Zeiträumen – die Zahlen stehen einfach nur da, ohne Einordnung, ohne Vergleich. Die Autoren unternehmen nicht mal den Versuch auszuschließen, dass es solche Preisstürze ohne HFT auch gab, es aber ohne HFT länger dauerte, bis sie ausgeräumt waren. Ihre Methode ist auf diesem Auge völlig blind.

    Generell bin ich bei Papers wie diesem skeptisch. Die Methoden sind aus der Mathematik/Physik/Ingenieurwissenschaft geliehen – und müssen sich aus meiner Sicht erst noch beweisen. (Viele Leute machen ja gerade die Mathematik erst für die Krise verantwortlich.) Grundsätzlich hat es mich noch nicht überzeugt, technische Prozesse mit menschlichen zu vergleichen. Die Autoren blenden strukturell aus, dass Menschen auf Veränderungen ihrer Umgebung reagieren, anders als beispielsweise der im Paper zitierte Flugzeugrumpf.
    Der Star dieser Zunft jedenfalls, Didier Sornette, der auch im vorliegenden Paper mehrfach genannt wird, hat mit seinen Blasen-Vorhersagen noch keinen Erfolg gehabt. Er bewertet zwar die meisten seiner Prognosen selbst als Erfolg. Tatsächlich aber sagt er einen Kurssturz vorher und bekommt meistens nur eine Korrektur, wie sie in jedem Kursverlauf vollkommen normal ist und ständig vorkommt.

    Ich erinnere auch gerne noch mal daran, dass der Flash-Crash nicht etwa geschah, weil die Computerprogramme so viel verkauft haben (jedenfalls nicht im größeren Maß als die Menschen). Sondern er geschah gerade, als die Computerprogramme sich vom Handel zurückgezogen haben. Die SEC schreibt: „automated trading systems used by many liquidity providers temporarily paused“. Wir sehen an diesem Beispiel gerade, wie wichtig die Liquidität wirklich ist – und wie problematisch es ist, wenn sie fehlt.

    Vielleicht ist die Sache ganz einfach: Das Marktgeschehen hat sich beschleunigt, die zugehörigen Regeln hatten das – vor dem Flash-Crash – noch nicht. Handelsunterbrechungen gab es an den betroffenen Börsen Amerikas nicht automatisch. Mutmaßlich reicht es schon, wenn man die Regeln an die neue Geschwindigkeit anpasst.

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