Fazit – das Wirtschaftsblog

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AEA-Meeting (1): Verstärkt die Globalisierung die Ungleichheit? Ja, aber nicht auf lange Sicht.

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Die Welt wird ungleicher. Daran ist auch die Globalisierung schuld. Aber ihr Trend soll sich umkehren - sagen Modelle, die beim AEA-Meeting in San Diego vorgestellt werden. Von Patrick Bernau

Die Welt wird ungleicher. Daran ist auch die Globalisierung schuld. Aber ihr Trend soll sich umkehren – sagen Modelle, die beim AEA-Meeting in San Diego vorgestellt werden.

Von Patrick Bernau

In der öffentlichen Diskussion ist sie schon zum Klischee geworden, die Schere zwischen Arm und Reich, die sich immer weiter öffnet: Zuletzt ist sie im Armutsbericht der Bundesregierung und in der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten aufgetaucht. Dabei haben sich die Einkommen von Arm und Reich in Deutschland in den vergangenen Jahren nur vergleichsweise schwach auseinanderentwickelt. Anderswo hat die Ungleichheit mit deutlich höherem Tempo zugenommen, vor allem in den Vereinigten Staaten.

Illustration: Alfons HoltgreveGenug Diskussionsstoff für Ökonomen also. In dieser Woche können sie gleich damit loslegen: Am Freitag beginnt in San Diego in Kalifornien das Jahrestreffen amerikanischer Ökonomen, das größte Wirtschaftsforscher-Treffen der Welt. Für das Konferenzprogramm sind schon einige Vorträge über Ungleichheit angemeldet. Der französische Ökonom Emanuel Saez wird beispielsweise begründen, warum er einen Spitzensteuersatz von 80 Prozent für möglich hält.

Viele andere Forscher konzentrieren sich dagegen auf die wirtschaftlichen Ursachen der neuen Ungleichheit. Zumal in den Vereinigten Staaten angesichts andauernder Arbeitslosigkeit gerade eine Debatte Fahrt aufnimmt, die es in Deutschland schon seit der Zeit der großen Arbeitslosigkeit vor zehn Jahren gibt: Wie wichtig ist die Globalisierung, die Auslagerung einfacher Jobs an billige Arbeiter in China? Und was bedeutet es für die Ungleichheit, wenn Maschinen immer mehr Arbeit erledigen und vielen ungelernten Leuten die Stellen wegnehmen?

Drei angesehene Forscher haben sich dieser Fragen angenommen. Und machen Hoffnung: Gerade das Wechselspiel zwischen Globalisierung und technischem Fortschritt könnte die Ungleichheit wieder verringern, argumentieren Daron Acemoglu vom Massachusetts Institute of Technology, Gino Gancia von der Pompeu-Fabra-Universität in Barcelona und Fabrizio Zilibotti von der Universität Zürich. Auf dem Jahrestreffen werden sie ihr mathematisches Modell vorstellen, mit dem sie dieses Argument entwickelt haben. Der Ökonom und Blogger Tyler Cowen lobt die Studie jetzt schon als “eine der wichtigsten des Jahres”.

Der iPod zeigt wunderbar, wie das funktioniert. In Amerika findet die hochspezialisierte Entwicklung statt, zudem gibt es einige einfache Arbeitsplätze im Verkauf. Insgesamt bleibt mehr als die Hälfte des Geldes in den Vereinigten Staaten. Doch die Produktion muss nicht mehr in Amerika stattfinden. Billige Arbeiter in heruntergekommenen chinesischen Fabriken ermöglichen es Apple, die Herstellung dorthin auszulagern. Darum entstehen die Produktionsjobs in China, nicht in Amerika. iPods werden günstiger, Apple kann mehr verkaufen. Davon profitieren die Entwickler und Verkäufer, aber die amerikanischen Fabrikarbeiter haben immer noch keine Stelle. So entsteht zunächst einmal Ungleichheit. Auch das Modell der drei Forscher zeigt, dass beim Auslagern anfangs die Ungleichheit wächst. Doch wenn mehr und mehr Arbeit nach China ausgelagert wird, dreht sich der Trend irgendwann. Die Ungleichheit geht wieder zurück. Das liegt daran, dass die Arbeiter in China mit der Zeit immer zahlreicher werden. Dann lohnt es sich für die Firmen, auch in China in ordentliche Fabriken zu investieren – und ordentliche Fabriken können ihren Arbeitern meist auch ordentliche Löhne zahlen. Plötzlich wird die Konkurrenz aus China schwächer, und auch die Fabrikarbeiter in Amerika haben bessere Chancen auf einen sinnvoll bezahlten Arbeitsplatz. So geht die Ungleichheit wieder zurück.

Die Ergebnisse von Acemoglu, Gancia und Zilibotti stammen zwar aus einem theoretischen Modell. Doch die Praxis scheint ihre Ergebnisse zu bestätigen. Die Löhne gleichen sich vielerorts schon wieder an. Ein Forscherteam von den Universitäten Princeton, Harvard und San Diego ist zwar einen anderen Weg gegangen, kommt aber zum selben Ergebnis: Je länger die Globalisierung andauert, umso eher schrumpft die Ungleichheit wieder. Diese Forscher haben solche Tendenzen in Brasilien gefunden.

Auch die Fabriken in China entwickeln sich so, wie es die drei Theoretiker erwarten. Mit immer neuen Maschinen werden die Fabriken immer moderner. Die Arbeitsbedingungen verbessern sich, die Löhne steigen. Rund die Hälfte von Chinas Lohnerhöhungen nach dem Jahr 2000 geht wirtschaftlich auf den Globalisierungseffekt zurück, schätzen die Forscher.

Auch in den Industriestaaten kommt die Trendwende an. Als erstes in Deutschland. In all den Diskussionen um den Armutsbericht der Bundesregierung ist nämlich untergegangen, dass das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung bereits aktuellere Zahlen veröffentlicht hat. Und die zeigen, dass die Einkommen von Gut- und Schlechtverdienern sich schon seit einigen Jahren wieder annähern. Die Forscher schätzen: Bald wird dieser Trend auch auf die Vermögen durchschlagen – dann werden auch die gleicher verteilt sein.

Der Beitrag ist der Sonntagsökonom aus der F.A.S. vom 2. Dezember. Die Illustration stammt von Alfons Holtgreve.

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11 Lesermeinungen

  1. faz-bern sagt:

    Völlig einverstanden, und...
    Völlig einverstanden, und vielen Dank für die guten Wünsche!

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