Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Ruinieren die Bildungsfernen die ökonomische Wissenschaft?

| 25 Lesermeinungen

Leider kein Aprilscherz. Ein deutscher Professor behauptet: Für die (kritisch zu sehende) Mathematisierung der Volkswirtschaftslehre ist unter anderem das Vordringen von Professoren und Studenten aus bildungsfernen Schichten verantwortlich. Denn diese Leute können zwar schlecht Deutsch, sind aber wenigstens in der Lage, Mathematik zu lernen.

Wir wollen uns weitgehend mit einem Zitat begnügen:

“Dass die Ökonomen die Flucht in die Logik angetreten haben, hat jedoch einen weiteren Grund. Die vertikale Mobilität zwischen den sozialen Schichten hat im 20. Jahrhundert stark zugenommen, was zweifellos zu begrüßen ist. Der Anteil der Professoren und Studenten, die aus einfachen Verhältnissen stammen, ist heute weitaus größer als im 19. Jahrhundert. Das gilt auch für die Ökonomen. Wer in einem bildungsfernen Elternhaus aufgewachsen ist, bringt geringere sprachliche Fertigkeiten mit und ist daher im Bereich der verbalen Logik benachteiligt. Die mathematische Logik wird dagegen weniger durch das Elternhaus als durch die Schule vermittelt. Die Aufsteiger präferieren daher die mathematische Logik. Wer heute Volkswirtschaftslehre studiert, tut es nicht selten nur deshalb, weil er oder sie nicht gut Deutsch kann, sich aber ein naturwissenschaftliches Studium nicht zutraut. Da die Aufsteiger eher “linke” Positionen vertreten als die Kinder aus bügerlichem Elternhaus, würde man bei den Modellökonomen eine stärkere Linksorientierung erwarten. Für die amerikanischen Pioniere der mathematischen Modellierung (Paul A. Samuelson, Robert Solow, Kenneth Arrow) trifft dies eindeutig zu. Außerdem könnte eine Rolle spielen, dass sich der Modelllogiker weniger mit der Welt als mit seinem eigenen Gedankengebäude beschäftigt. Er nimmt die Welt weniger zur Kenntnis. Bei einem deutschen Ordoliberalen wird man nur selten logische Übungen finden.”

 

(Ein Ordoliberalismus, der solche Vertreter besitzt, muss sich über seine nicht ernsthaft bestreitbare wissenschaftliche Marginalisierung nicht wundern. Und wenn sich nicht wenige junge Menschen, die aus Neigung und aus Begeisterung für dieses Fach Volkswirtschaftslehre studieren, hart an der Uni arbeiten, aber leider nicht aus einem Professoren-Elternhaus stammen, durch diese Zeilen beleidigt fühlen sollten, wäre es ebenfalls nicht verwunderlich.)

Das Zitat stammt von Professor Dr. Roland Vaubel, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Mannheim.

Quelle: Roland Vaubel: Empirie versus Logik in der Wirtschaftswissenschaft. Aus: Das Zeitalter von Herbert Giersch. Herausgegeben von Lars P. Feld, Karen Horn und Karl-Heinz Paqué. Tübingen 2013.

 


25 Lesermeinungen

  1. Staffelberg2 sagt:

    Empririker brauchen natürlich auch die mathematische Logik, es kommt aber darauf an, was
    ich zu meiner Arbeitsgrundlage erkläre:
    1. den real zu erfahrenden Grund, den ich zu erkennen versuche oder
    2. ein Modell, an dessen Struktur (ideologische Verbindlichkeit) ich glaube, weil es IN SICH (= in MIR!) so schön LOGISCH ist und mich darüber als Person äußerlich- formal dauerhaft stärkt! Das ist der Theoretiker.

    Wer das Glauben (mathem- Logik) allzu sehr vorzieht, ist eben kulturell – mental schwach, also aus (allzu) oberflächlich- einfachen – oder auch gestörten – Verhältnissen kommend.
    Damit ist aber nicht ein materiell, sondern kulturell reiches oder armes Elternhaus gemeint.

  2. Staffelberg2 sagt:

    Vaubel hat doch recht: Wer aufsteigt, klammert sich viel eher an Theorien, Ideologien,
    Dogmen fest, denn er ist oftmals ein bischen überfordert, außer ist wirklich sehr begabt – dann spielt das Elternhaus eine geringere Rolle.
    Ich stelle das auch seit 30 Jahren – im Bereich des Designs u. der Architektur – fest.

    Zudem ist die dominante angelsächsische Kultur extrem theorielastig- auch weil recht religiös/ theologisch geprägt. Ganz Amerika ist mental ein Aufsteigerland.

  3. faz-gb sagt:

    Solows Dreigroschenoper
    Wir mir kürzlich aus berufenem Munde zugetragen wurde, soll der von Roland Vaubel zitierte amerikanische Nobelpreisträger Robert Solow vor wenigen Jahren anlässlich eines Treffens von Nobelpreisträgern in Lindau am Rande eines Abendessens Teile der Dreigroschenoper in deutscher Sprache vorgetragen haben.

    So viel zum Thema: Die Leute machen Mathe, weil sie nicht richtig sprechen können.

  4. faz-gb sagt:

    Buch zum Methodenstreit
    Da Roland Vaubel in dem oben angeführten Beitrag auf den sogenannten neueren “Methodenstreit” abzielt, sei hier das von Volker Caspari erwähnte und von ihm mit Bertram Schefold herausgegebene Buch zum Methodenstreit hingewiesen:

    https://www.amazon.de/Wohin-steuert-%C3%B6konomische-Wissenschaft-Volkswirtschaftslehre/dp/3593393832/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1365530419&sr=8-3&keywords=caspari+schefold

    (Der Band fasst eine Tagung an der Universität Frankfurt zusammen. Die abschließende Podiumsdiskussion wurde von mir moderiert. )

  5. faz-gb sagt:

    Sehr gute Ökonomen beherrschen Sprache und Mathematik!
    Zu den in diesem Blog am häufigsten erwähnten lebenden Ökonomen zählen Daron Acemoglu, Dani Rodrik, Raghuram Rajan und Hyun Song Shin. Alle vier genannten Ökonomen stammen aus Schwellenländern; Englisch ist nicht ihre Muttersprache. Alle vier Ökonomen sind – wie man leicht nachlesen kann – alles andere als ungelenk in der englischen Sprache, sie beherrschen formale Logik und sie sind in der Lage, empirisch zu arbeiten. Und das, was sie tun, ist in vielen Fällen politikrelevant. Die Liste von Ökonomen, die nicht entweder sprach- oder mathematikgeschädigt sind, ökonomische Theorie meistern und politikrelevant arbeiten, ließe sich leicht fortsetzen.

  6. tricky1 sagt:

    Verzweiflungstat?
    Ich habe hier im Blog schon beliebig oft über den völlig unhaltbaren Glauben an die _Anwendbarkeit_ mathematischer Modelle gelästert. Ich kann mir dies wissenschaftlich nicht erklären. R. Vaubel ist vlt. an der Problematik verzweifelt? Den Eindruck, dass man um jeden Preis die mit viel Fleiss und möglicherweise bedeutenden Mühen erlernte Statistik nun karrierefördernd anwenden muss, ist nicht von der Hand zu weisen.

    In der Physik lernt man von guten Professores, dass man _vor_ Beginn umfangreicher Berechnungen wohlweislich überlegen sollte, ob die beabsichtigte Anwendung des mathematischen Apparates Sinn macht und mit welcher Genauigkeit sinnvollerweise gerechnet werden sollte. Solch elementare Voraussetzungen sind in vielen Modellrechnungen der VWS schlicht nicht gemacht worden.

Kommentare sind deaktiviert.