Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Reinhart/Rogoff attackieren Krugman!

| 13 Lesermeinungen

Das offene Schreiben beginnt mit “Dear Paul”, aber danach halten sich Carmen Reinhart und Ken Rogoff nicht mehr lange mit Höflichkeitsfloskeln auf:

https://www.carmenreinhart.com/letter-to-pk/

Sie halten Paul Krugman nicht nur ehrabschneidende persönliche Attacken vor: “So it has been with deep disappointment that we have experienced your spectacularly uncivil behavior the past few weeks.” Sondern sie werfen ihm mehr oder weniger Unkenntnis der modernen Literatur und fehlende Logik in seiner eigenen Argumentation vor: “Perhaps, acknowledging the updated literature-not to mention decades of theoretical, empirical, and historical contributions on drawbacks to high debt-would inconveniently undermine your attempt to make us a scapegoat for austerity.” Ziemlich ungehalten klingt auch: “The accusation in the ‘New York Review of Books’ is a sloppy neglect on your part to check the facts before charging us with a serious academic ethical infraction.”

Trotz der Kritik an ihren eigenen Arbeiten sehen sie weiterhin einen Zusammenhang zwischen hoher Staatsverschuldung und schwachem Wirtschaftswachstum, wobei die Kausalität nicht eindeutig ist: “As for ways debt might affect growth, there is debt with drama and debt without drama.”

Der Tropfen, der das Fass aus der Sicht von R/R zum Überlaufen brachte, war ein Beitrag Krugmans in der New York Review of Books, in dem er noch einmal seine Kritik an Austeritätspolitik deutlich machte:

https://www.nybooks.com/articles/archives/2013/jun/06/how-case-austerity-has-crumbled/?pagination=false

Krugman hatte in den vergangenen Wochen in seinem Blog bereits mehrfach Kritik an R/R anklingen lassen, zum Beispiel hier:

https://krugman.blogs.nytimes.com/2013/05/25/europes-keynesian-problem/?gwh=B70778000F4C88C932ADA6C8CD2C1DBC

R/R warnen Krugman auch davor, sich unkritisch auf John Maynard Keynes zu berufen: “You often cite John Maynard Keynes.  We read Keynes, all the way through.  He wrote ‘How to Pay for the War’ in 1940 precisely because he was not blasé about large deficits – even in support of a cause as noble as a war of survival. Debt is a slow-moving variable that cannot – and in general should not – be brought down too quickly.  But interest rates can change much more quickly than fiscal policy and debt. “

Aktualisierung: Paul Krugman hat in seinem Blog geantwortet – eher kurz und mit Bezug auf das, was er als analytische Fehler von R/R betrachtet; vor allem eine missverständliche Interpretation des “90-Prozent-Kriteriums” bei der Staatsverschuldung. Seines Erachtens werden aus einer empirischen Beobachtung zu weitreichende Schlüsse für die Politik gezogen: “I’m sorry, but the failure to clear up this misconception has done a great deal of harm — and this harm is not significantly mitigated by various remarks in passing to the effect that austerity might be overdone.”

Aktualisierung 2: Wir haben am Ende dieses Beitrags ein paar Zahlen über Ökonomen und ihre Follower auf Twitter.

 

Macro no giod p *)

Der Ärger über Krugman (Spitzname: “Kruggles”) ist in der Fachwelt seit langem nicht gering – und das hat viel mit Krugmans Popularität außerhalb der Fachwelt zu tun. Wäre der Nobelpreisträger einfach ein wenig bedeutender heterodoxer Ökonom mit eigenem Blog – es gibt davon nicht wenige -, wäre er für den Mainstream nicht sehr aufregend. Aber Krugman und sein Blog sind außerordentlich populär, wie alleine die Zahl von mehr als einer Million Follower bei Twitter belegt (wir verfügen nicht über direkte Zugriffszahlen auf sein Blog). Kein  anderer Ökonom kommt auch nur annähernd auf eine solche Zahl von Interessenten **) – und die Interessenten sind nicht irgendwer. Nicht zuletzt in Asien und dort auch bei sehr großen institutionellen Anlegern wird Krugman gelesen – und nicht einfach als Spinner abgetan.

Aber es ist nicht alleine Krugmans Popularität, die viele Kollegen stört. Es ist vor allem die Neigung des Princeton-Professors, über makroökonomische Fragen zu schreiben, ohne sich sehr stark in die aktuelle makroökonomische Forschung einzubringen (hier ist eine Ausnahme) – Krugman ist eigentlich ein Spezialist für Außenhandelsfragen und ökonomische Geografie, und hier genießt er auch hohes Ansehen. Statt dessen hantiert Krugman in der Makroökonomik mit dem alten keynesianischen IS/LM-Modell , das heute zwar oft noch im Grundstudium gelehrt, aber nicht mehr als Grundlage moderner Forschung verwendet wird.

Krugman selbst kennt die Schwächen seines Handwerkszeugs, aber er vertritt die Ansicht, dass er damit die Realität immer noch besser erklären könne als moderne Makroökonomen: “Yes, IS-LM simplifies things a lot, and can’t be taken as the final word. But it has done what good economic models are supposed to do: make sense of what we see, and make highly useful predictions about what would happen in unusual circumstances. Economists who understand IS-LM have done vastly better in tracking our current crisis than people who don’t.”  Und dass die moderne Makro sich nicht gerade auf dem Höhepunkt ihres Ansehens befindet, räumen selbst manche modernen Vertreter ein.

So angreifbar Krugman auch ist – eine Konkurrenz in der Blogwelt hat er, gemessen an der Popularität, nicht zu fürchten. Im konservativen Lager gibt es zwar Aspiranten, die gerne die Rolle eine modernen Milton Friedman ausfüllen würden, aber etabliert hat sich niemand. ***) John Cochrane aus Chicago, der als “Grumpy Economist” bloggt, zählt bei Twitter kaum mehr als 1.000 Follower.

———————————————

*) Der scheinbar ominöse Untertitel “macro no giod p” ist der in der Fachwelt berühmt-berüchtigten Internetseite www.econjobrumors.com (ejmr) entnommen und der Einfachheit halber als “macro no good” zu lesen. Die Verballhornung “macro no giod p”  ist ein Witz für Insider.

 

**) Als Beispiele Zahl der Follower auf Twitter (Stand 26.5.2013)

Paul Krugman          1.023.729
Freakonomics              525.001
Nouriel Roubini          245.474
Tyler Cowen                   30.523
Brad de Long                 22.873
Richard Thaler              16.756
Mark Thoma                  15.288
Greg Mankiw                 12.350
Steve Keen                      11.505
VoxEU.org                        8.706
Why Nations Fail            8.240
Noah Smith                       7.707
Café Hayek                        7.118
Miles Kimball                   2.893
John Cochrane                 1.499
Ökonomenstimme          1.047
Justus Haucap                    796
Wirtschaftliche Freiheit   242

 

***) Krugman achtet ganz bewusst darauf, niemanden aus dem gegnerischen Lage durch häufige Erwähnung als Hauptkonkurrenten “aufzubauen”. Seine Gegenspieler fasst er häufig unter der Bezeichnung “VSP” (“very serious people”) zusammen. Unter den Altvorderen scheuten sich vor mehreren Jahrzehnten Paul Samuelson und Milton Friedman nicht, als Newsweek-Kolumnisten in eine Art öffentliches Duell einzutreten. Man braucht allerdings zwei herausragende Ökonomen – und Samuelson wie Friedman waren herausragend -, um ein solches Duell über Jahre mit Gewinn für den Leser zu führen.


13 Lesermeinungen

  1. faz-gb sagt:

    Weitere Beiträge
    Mein Kollege Patrick Welter hat einen sehr aufschlussreichen Artikel über die Debatte in Grafiken für FAZIT verfasst:
    https://blogs.faz.net/fazit/2013/06/02/der-streit-um-reinhartrogoff-in-grafiken-1953/
    Sehr empfehlenswert!

    Laurence Kotlikoff (Boston University) erinnert an die implizite Staatsverschuldung:
    https://www.pbs.org/newshour/rundown/2013/05/kotlikoff-on-the-real-problem-with-reinhartrogoff.html

  2. faz-gb sagt:

    Ein Leitartikel von Patrick Welter
    Hier:

    https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/oekonomenkrach-grenzen-der-wirtschaftswissenschaft-12203620.html

    Ich würde nur eine Ergänzung machen wollen: Die Erfahrungen der vergangenen Jahre könnten Anlass bieten, staatliche und private Verschuldung gemeinsam auf ihre gesamtwirtschaftlichen Folgen (einschließlich der Folgen für die Finanzstabilität) zu untersuchen.

  3. Zoernheim sagt:

    Blinde Kuh.
    Nun, nachdem ich den Beitrag von Rogoff in der Schweitzer Finanz &Wirtschaft vom 27.5. “Europas Keynesianer am Ende” gelesen habe, muss ich sagen, ich sehe es wie er. Was soll der blanke Keyenesianismus von Krugman bei einer Bilanzrezession denn leisten? Die Austria Schule sieht das auch nicht anders. Krugman glaubt, mit Geld drucken und staatlichen Wachstumsprorammen wäre die Krise zu meistern. Rogoff empfiehlt einen Schuldenschnitt für die Südländer in Kombination mit mäßiger Inflation und zeitlich gestreckten Strukturreformen. Langfristig kann nach seiner Auffassung die Eurozone natürlich nur als Wirtschafts- und Fiskalunion überleben. Nur dazu müssen zuerst die politischen Voraussetzungen in einem demokratischen Prozess geschaffen werden und das dauert. Warum wehren sich die Nordländer, allen voran Deutschland, gegen diese Einsicht? Warum werden solche fundierten Debatten nur in Schweitzer Zeitungen, jedoch nicht in der deutschen Mainstreampresse geführt? Nun, Rogoff gibt auch hier die Antwort: ” Im Falle einer Schuldenrestrukturierung werden die nördlichen Mitglieder der Eurozone (einschliesslich Frankreichs) sehen, wie sich Hunderte Milliarden Euro in Rauch auflösen. Die Steuerzahler im Norden werden gezwungen sein, enorme Summen an Kapital in Banken zu pumpen, auch wenn die Behörden den Grossgläubigern der Banken zu Recht erhebliche Verluste auferlegen. Diese Hunderte Milliarden Euro sind bereits verloren, und das Spielchen, dass man vorgibt, es sei alles anders, kann nicht bis in alle Ewigkeit weitergehen.” So ist es, die Politiker scheuen sich ihren Wählern reinen Wein einzuschenken, weil sie die Strafe der Abwahl fürchten. Nur deshalb Glauben sie nur allzugern Scharlatanen wie Krugman und nur deshalb “retten” sie sich von Gipfel zu Gipfel ohne etwas anderes als Zeit zu gewinnen, aber zu hohen Kosten. Sie spielen eine Art Blinde Kuh und nehmen dazu etwas Schuldenschnitt, etwas Geld drucken, etwas Wachstumshoffnung und heimliche Inflation. Damit hoffen sie die nächste Wahl zu überstehen. Das genügt jedoch nicht, um das neue Europa zu bauen. Dazu braucht es mehr Format als die heutige Politikergeneration zu bieten hat. Und auch kritischere Journalisten und Medien, die solche Spielchen kritisch beleuchten.

Kommentare sind deaktiviert.