Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Der Streit um Reinhart/Rogoff in Grafiken

| 15 Lesermeinungen

Der Ökonomenkrach um Staatsschuld und Wachstum kommt nicht zur Ruhe. Ein Überblick über den Stand der Debatte in Grafiken.

Die Ökonomen-Debatte um den Zusammenhang von Staatsschuld und Wirtschaftswachstum kommt nicht zur Ruhe. Die Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff haben ihr fehlerhaftes Papier korrigiert, wehren sich aber weiter gegen einige der Vorwürfe. Princeton-Ökonom Paul Krugman stichelt weiter. Gerade erst hat er den Stand der Debatte aus seiner Sicht zusammengefasst.

Auch in diesem Blogeintrag gibt es einen Stand der Dinge – weitgehend in grafischer Form. Deutlich wird zweierlei: Selbst die korrigierten Zahlen und Berechnungen zeigen, dass höhere Staatsschulden mit einem geringeren Wachstum einhergehen. Der Zusammenhang ist aber nicht mehr so deutlich wie ursprünglich von Reinhart und Rogoff aufgezeigt.

Darüber hinaus zeigt der grafische Vergleich, dass die Kritik der Ökonomen Thomas Herndon, Michael Ash und Robert Pollin an Reinhart und Rogoff in den Ergebnissen bei weitem nicht so dramatisch ausfällt, wie es in manchen Darstellungen anklang. Der Streit der Ökonomen ist eben vor allem auch ein Medienereignis.

Runde 1: Die Vorwürfe

Thomas Herndon, Michael Ash und Robert Pollin, im folgenden HAP abgekürzt, machen Reinhart und Rogoff (RR) im Kern drei Vorwürfe:

Vorwurf 1: Der Rechenfehler im Excel-Programm. RR hätten sich bei der Datenanalyse im Excel-Programm vertan, so dass fünf Länder (Australien bis Dänemark) im Endergebnis nicht berücksichtigt wurden.

Der Vorwurf stimmt, das ist sehr peinlich für Reinhart und Rogoff. In der Korrektur ihres Aufsatzes von 2010 haben sie en passant auch noch ein paar andere kleinere Ungenauigkeiten korrigiert.

Vorwurf 2: Einige andere Länderdaten, vor allem von Neuseeland, seien für einige Jahre “selektiv” ausgelassen worden – mit der impliziten Unterstellung, RR hätten das Ergebnis zu ihrem Vorteil verfälscht.

Das stimmt insoweit, dass RR Ende 2009, als sie ihre Analyse erstellten, an manchen Länderdaten Zweifel hatten und diese lieber wegließen – ohne das klar zu kommunizieren. Bei einigen Daten ist unklar, weshalb sie fehlten. Haben RR das bewusst getan, um sich einen Vorteil zu verschaffen? Das kann man wie HAP bösartig andeuten. Doch die RR-Erklärung, warum sie die Daten wegließen, klingt plausibel: Im Zweifel für den Angeklagten.

Vorwurf 3: Die Daten seien auf eine “unkonventionelle” Art und Weise zusammengefasst worden.

Hier steht Aussage gegen Aussage. Es geht um eine bestimmte Methode der Aggregation der Daten. HAP halten diese für ungewöhnlich, RR in Übereinstimmung mit anderen Ökonomen aber für normal und überlegen. Das ist eine ganz normale technische Debatte unter Ökonomen, die es üblicherweise nie in die Öffentlichkeit geschafft hätte.

Runde 2: HAP versus RR als Grafik

So weit, so gut. Aber entscheidend ist allein, wie sehr sich die Ergebnisse ändern, wenn die Kritik berücksichtigt wird. Dazu bedarf es zwei Vorbemerkungen. RR arbeiten in dem Papier von 2010 mit drei Datensätzen:

A) 20 Industriestaaten von 1946 bis 2009.
B) 20 Industriestaaten von 1791 bis 2009.
C) 20 Schwellenländer von 1970 bis 2009.

Die Kritik von HAP bezieht sich nur auf Datensatz A.

RR berechnen die Ergebnisse zudem immer als Durchschnitt und als Median. Sie bevorzugen die letztere Analyse, weil damit die „Ausreißer“ im Datensatz weniger stark gewichtet werden. Auch in ihren öffentlichen Äußerungen haben RR weitestgehend immer auf die Mediandaten fokussiert. HAP greifen die Mediandaten in ihrer Kritik freilich nicht auf, sie liefern auch nur Durchschnittswerte.

Warum die Kritik von HAP so „selektiv“ ist, wird deutlich, wenn man sich die Ergebnisse in Grafikform anschaut. Hier zuerst die Ergebnisse der Originalstudie von RR 2010.

© Patrick Welter 

Die Länderdaten sind in Gruppen sortiert je nach Höhe der Staatsschuld und die zugehörigen Wachstumsraten sind als Säule aufgezeigt. Deutlich ist die Kernbotschaft, dass in Ländern mit hohem Schuldenstand von mehr als 90 Prozent des BIP das Wachstum spürbar geringer ist. In der Durchschnittsbetrachtung zeigten RR für diese Länder gar eine Schrumpfung, in der Medianbetrachtung ist das Wachstum rund 1,3 Prozent niedriger als in der Ländergruppe mit Schulden von 60 bis 90 Prozent. Das ist der Vergleich, auf den RR mit ihrer Aussage von „rund 1 Prozent weniger“ immer wieder abstellten.

Grafik 2 vergleicht die korrigierten Datenreihen von HAP mit den Originaldaten von RR. Das Wachstum in der Ländergruppe mit Schulden von mehr als 90 Prozent liegt mit durchschnittlich 2,2 Prozent erheblich höher als die von RR berechneten minus 0,1 Prozent. Das ist der böse Fehler von RR.

© Patrick Welter 

Aber RR beriefen sich weitgehend immer auf die Mediananalyse. Der Aufruhr um den Fehler ist deshalb ziemlich übertrieben. Grafik 3 vergleicht die Durchschnittsanalyse von HAP und die von RR bevorzugte Mediananalyse aus dem Jahr 2010. Die Ergebnisse liegen nicht weit auseinander. HAP zeigen einen Wachstumsverlust von der dritthöchsten zur höchsten Schuldengruppe von 1 Prozentpunkt, RR einen Wachstumsverlust von 1,3 Prozentpunkte. Diese Differenz ist kaum der Rede wert.

© Patrick Welter 

 

Runde 3: Das Neuseeland-Problem

Mittlerweile haben RR ihre ursprüngliche Analyse korrigiert und ergänzt. Unter anderem fügten sie historische Daten aus Spanien für mehrere Jahre ein, die vor drei Jahren noch unklar waren. Wichtig ist dabei: RR haben die als „unkonventionell“ kritisierte Aggregation der Daten nicht geändert. Selbst ihre korrigierten Daten unterscheiden sich unter anderem deshalb weiterhin von den Daten von HAP.

© Patrick Welter 

Ein drastischeres Problem aber gibt es wegen Neuseeland – und es hilft, die Schwierigkeiten der historischen Analyse zu verstehen, mit denen RR zu kämpfen haben. Offizielle Wachstumsdaten für Neuseeland gibt es nach Angaben von RR erst von 1955 an. Daten davor beruhen teils auf wirtschaftshistorischen Arbeiten, die notgedrungen unscharf sind. Nun gab es in den frühen fünfziger Jahren in Neuseeland einen kräftigen Wirtschaftsboom, der in einem scharfen Abschwung ein Jahr später endete. Das Problem ist: Eine Datenreihe (Maddison) legt den Boom in das Jahr 1950, eine andere (Historical Statistics) legt ihn in das Jahr 1951. RR sind mittlerweile von der Maddison-Datenreihe auf die Datenreihe des Statistikamts gewechselt (Historical Statistics). Das hat für die Analyse entscheidende Folgen, wie Grafik 5 zeigt.

© Patrick Welter 

 

Runde 4: Reinhart und Rogoff’s korrigierte Daten

Hier als Überblick zwei Grafiken, die die von RR selbst korrigierten Daten zeigen – einmal für die Industriestaaten nach dem Zweiten Weltkrieg und einmal für die Industriestaaten in langfristiger Betrachtung, wobei es die ersten Daten (für die Vereinigten Staaten) von 1791 an gibt.

© Patrick Welter 

 

© Patrick Welter 

Deutlich wird, dass eine höhere Staatsschuld mit niedrigerem Wachstum einhergeht, wenn auch der Zusammenhang nicht mehr so stark ausgeprägt ist wie in der fehlerhaften Analyse von 2010. Vor allem ist bei einer Staatsschuld von 90 Prozent des BIP und mehr nicht mehr eine wirkliche Wachstumsschwelle zu erkennen.

Runde 5: Schulden im Frieden

Schon lange vor der HAP-Kritik wurde an der RR-Studie kritisiert, dass die Ergebnisse verzerrt seien, weil sie die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und damit einige außergewöhnliche Ereignisse berücksichtige. Die Demobilisierung in den Vereinigten Staaten und der damit verbundene Wirtschaftseinbruch etwa sind kaum auf die damals sehr hohe Staatsschuld zurückzuführen. Das ist ein valider Punkt. Aber gerade deshalb fokussieren RR in ihren Analysen ja auch weniger auf die Durchschnittswerte, sondern auf die Medianwerte, in denen solche Ausreißerdaten eine geringere Rolle spielen.

Ihrem Aufsatz zur Fehlerkorrektur haben RR dazu eine bemerkenswerte Notiz und Tabelle (mit gleichfalls korrigierten Daten) angehängt, deren wichtigste Ergebnisse hier als Grafik dargestellt sind.

© Patrick Welter 

Analysiert werden Schuldenstand und Wachstum von 21 Industriestaaten nach dem Zweiten Weltkrieg, wobei die Datenreihen erst 1955 (und nicht 1946) beginnen. Damit ist sichergestellt, dass Sondereinflüsse direkt nach dem Zweiten Weltkrieg die Analyse nicht verzerren (und ganz nebenbei auch das Neuseeland-Problem entfällt). Auch diese Analyse für Friedenszeiten zeigt, dass hohe Schulden mit niedrigerem Wachstum einhergehen. Der Zusammenhang ist sogar noch schärfer ausgeprägt als in dem Zeitraum, der direkt nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt. Die jüngste Einlassung von Krugman, es habe eigentlich fast nur an Neuseeland gelegen, ist damit zweifelhaft. Der Wachstumsverlust von der dritthöchsten zur höchsten Schuldenstandsgruppe beträgt übrigens wieder 1 Prozentpunkt – gerade so, wie es RR 2010 festgestellt hatten, bevor ihnen Rechenfehler nachgewiesen wurden.

Einen ähnlich hohen Wachstumsverlust in der höchsten Schuldengruppe zeigt im übrigen auch die erweiterte und vertiefte Studie des Ehepaars Reinhart und von Rogoff aus dem Jahr 2012. Manche der Kritikpunkte, die HAP noch im Jahr darauf an dem Papier von 2010 ausmachen, waren damit schon lange behoben – aber den Kritikastern war das keine Erwähnung wert.

 

Nachtrag vom 7. Juni

Viele Leser haben in den Kommentaren die Frage der Kausalität angesprochen, also die Frage, ob höhere Staatsschuld zu weniger Wachstum führt oder ob geringeres Wachstum zu höheren Schulden führt. RR sprechen in dem originären Aufsatz vorsichtig von einem empirischen Zusammenhang zwischen Schulden und Wachstum und vermeiden wohlweislich, eine Kausalität zu behaupten. Im Tenor auch ihrer Erklärungen an anderen Stellen aber ist der Aufsatz schon als Mahnung zu lesen, dass es für Länder brenzlig werden kann, wenn die  Staatsschuld mehr als 90 Prozent des BIP erreicht. In ihren Reaktionen auf die Kritik haben RR erklärt, dass sie vermuten, dass die Kausalität in beide Richtung wirkt, also vom Wachstum zu Schulden und umgekehrt.

M.E. ist die Frage der Kausalität nicht entschieden und kann von der Wirtschaftswissenschaft auch nicht entschieden werden. Siehe etwa diesen Kommentar zu dem Thema: Grenzen der Wirtschaftswissenschaft.

 

 

Quellenhinweis. Die Daten in den Grafiken stammen aus diesen Aufsätzen:

Thomas Herndon, Michael Ash und Robert Pollin (2013): „Does High Public Debt Consistently Stifle Economic Growth? A Critique of Reinhart and Rogoff“, Political Economy Research Institute, University of Massachusetts Amherst, Working Paper Nr. 322, April 2013.
Carmen M. Reinhart, Kenneth S. Rogoff (2010): „Growth in a Time of Debt“, NBER Working Paper No. 15639, Januar 2010.
Carmen M. Reinhart, Kenneth S. Rogoff (2013): „Errata: Growth in A Time of Debt“, 5. Mai.

 

Im FAZIT-Blog und auf FAZ.NET sind zu der Kontroverse um Reinhart/Rogoff bislang diese Beiträge erschienen:

Grenzen der Wirtschaftswissenschaft
Reinhart/Rogoff attackieren Krugman!
Wie schädlich sind Staatsschulden?
Der Krisenökonom
Haben sich Reinhart/Rogoff geirrt? Attacke und Verteidigung

 

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15 Lesermeinungen

  1. Verstärkung von der Stephen Checcetti (Chefvolkswirt der BIS)
    „Our reading of the evidence, especially because of our own work, is (Mr. Rogoff and Ms. Reinhart) are right in their original claims,“ Mr. Cecchetti said.
    (June 24, 2013, page A14, U.S. edition of The Wall Street Journal)

    Im gleichen (lesenswerten) Artikel wird Stephen Chechetti übrigens mit folgender Aussage zitiert:

    „It is becoming increasingly clear that central banks cannot do ‚whatever it takes‘ to return still-sluggish economies to strong and sustainable growth.“

  2. Danke!
    Vielen Dank für diese Analyse. Erstaunlich im nachhinein wie schnell RR von Kolumnisten und Politikern verrissen worden sind. Es lohnt sich doch immer, erstmal zu analysieren und dann eine Meinung zu bilden.

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