Fazit – das Wirtschaftsblog

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Karl Marx und die gegenwärtige Finanzkrise

| 22 Lesermeinungen

Die Finanzkrise untermauert die Schwächen der Marx'schen Kapitalismusanalyse. Unter anderem unterschätzte Marx die Rolle der Politik. Ein Gastbeitrag von Malte Faber und Thomas Petersen.

Ein Gastbeitrag von Malte Faber und Thomas Petersen *)
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Die Finanzkrise als Bestätigung der marxschen Kapitalanalyse?

Im Jahre 2007 entstand in den USA, ausgelöst durch zahlreiche notleidende Immobilienkredite, eine Finanzkrise, die ein Jahr später durch den Zusammenbruch der Bank Lehmann Brothers Inc. die ganze industrialisierte Welt erfasste. Um einen Kollaps des Bankensystems zu verhindern, haben zahlreiche Staaten mit großem finanziellem Einsatz bedrohte Banken gestützt. Das führte zu einem weiteren Anstieg der Staatsschulden, insbesondere in den USA und Europa. Diese Entwicklung löste in Europa eine Staatsschuldenkrise, die sogenannte Eurokrise aus.

In der öffentlichen Wahrnehmung wurde die Krise durch die hemmungslose Gewinnsucht von Banken und anderen Finanzinstituten wie Hedgefonds und Versicherungen, deren Mitarbeiter sowie von Kapitalanlegern verursacht. Diese Akteure gingen profitable, jedoch hoch riskante Geschäfte ein und belohnten ihre Mitarbeiter mit exorbitanten Bonuszahlungen.1 Dass diese Finanzakteure, als sie in ernste Schwierigkeiten gerieten, durch staatliche Gelder „gerettet“ wurden, wurde weithin als eine „Umverteilung von unten nach oben“ interpretiert. Die Staaten erschienen als Handlanger des Großkapitals.

Die Marx-Renaissance, die bereits seit dem Ende des sozialistischen Regimes in Osteuropa zu beobachten war, bekam durch die Finanzkrise neuen Auftrieb, denn diese Krise schien die marxschen Diagnosen der kapitalistischen Wirtschaft eindrucksvoll zu betätigen. Wenn man nämlich nicht den schlechten Charakter und die hemmungslose „Gier“ von Bankern für die Krise verantwortlich machen wollte, so ließ sie sich doch offenbar gut auf den von Marx diagnostizierten Selbstvermehrungstrieb des Kapitals zurückführen. Dieser Selbstvermehrungstrieb, so hatte Marx dargelegt, ist in einem Produktionsverhältnis begründet und institutioneller oder struktureller Natur. Die Gier der Finanzakteure ließ sich dann gut als eine „Charaktermaske“ dieses anonymen Triebes verstehen. Marx hatte im dritten Band des Kapital festgestellt, dass in der Finanzwirtschaft „das Kapitalverhältnis seine äußerlichste und fetischartigste Form“ (MEW 25: 404) erreicht habe. „Der sich selbst verwertende Wert“ wird „Geld heckendes Geld“: „Das gesellschaftliche Verhältnis ist vollendet als Verhältnis eines Dings, des Geldes, zu sich selbst.“ (405) Im „zinstragenden Kapital“, so hieße das, ist der „sich selbst verwertende Wert“ ganz bei sich selbst, da dieses sich anscheinend direkt vermehrt, ohne den Umweg über die materielle Produktion zu nehmen. Und der Vermehrungstrieb des Wertes oder des Geldes hatte doch offenbar die globale Krise herbeigeführt. Vor dem Hintergrund des marxschen Wert- und Kapitalbegriffs konnte man die 2007 beginnende Finanzkrise als den Auftakt einer finalen Krise des Kapitalismus interpretieren.2 Zugleich schien sich die marxsche Einschätzung des Staates zu bestätigen: In der „Bankenrettung“ hatte sich der Staat offenbar als „ideeller Gesamtkapitalist“ (MEW 20, 260) erwiesen.

 

Eine kurze Geschichte der Finanzkrise

Anders als die verbreitete Sicht, die Finanzkrise von 2007 sei als der Auftakt einer finalen Krise des Kapitalismus zu interpretieren, die die Prognosen von Marx bestätige, sind wir der Auffassung, dass die Finanzkrise nicht die Stärken, sondern im Gegenteil die Schwächen der marxschen Analyse offenlegt. Das zeigt sich, wenn man die Finanzkrise einmal näher betrachtet.3 Der Auslöser für die Krise war die extreme Erhöhung des amerikanischen Diskontsatzes (primary rate) der Federal Reserve Bank New York (FED) von 2 % am 25.06.2003 auf 6.25 % am 29.06.2006 (Labonte und Makinen 2008: 2)4, aber andere Faktoren haben die Folgen wesentlich vergrößert. Einer dieser Faktoren war die großzügige Vergabe sogenannter „Subprimekredite“ für Immobilien. Subprimekredite sind Kredite, bei denen nicht die üblichen „prime“-Bedingungen gelten. An die Bonität des Schuldners wurden wesentlich geringere Anforderungen durch die Kreditgeber gestellt, insbesondere benötigten die Kreditnehmer kein Eigenkapital. Außerdem konnte die Kreditsumme den Wert des Hauses bis zu 20 Prozent übersteigen, so dass die Kreditnehmer mit dieser Summe nicht nur das neue Haus, sondern auch dessen neue Einrichtungen kaufen konnten. Um möglichst viele Immobilienkäufer zum Abschluss eines solchen Kreditvertrages zu bewegen, gewährten die Kreditgeber in den ersten Jahren niedrige Zinsen.

Hinter dieser großzügigen Kreditvergabe standen aber nicht nur Geschäfts- und Gewinninteressen der Banken, sondern vor allem politische Entscheidungen. Zum einen drängte der Staat auf die Vergabe von Subprimekrediten an einkommensschwache Personen, um möglichst vielen Bürgern den Erwerb eines eigenen Hauses zu ermöglichen.5 Auf der anderen Seite ermöglichte die FED durch ihre Politik des billigen Geldes jahrelang günstige Zinsen. Da die Preise der Immobilen in den letzten zwei Jahrzehnten vor dem Ausbruch der Krise im Jahre 2007 ununterbrochen gestiegen waren, wurden allgemein weitere Preissteigerungen erwartet. Die großzügige Vergabe von Subprimekrediten erschien daher als ein vergleichsweise sicheres Geschäft, da die Kredite ja durch die zu erwartenden weiteren Wertsteigerungen der Immobilien gesichert zu sein schienen.

Die Kreditvergabe wurde nicht zuletzt durch neue Finanzinstrumente erleichtert. Die Banken gingen dazu über, Kredite in Schuldverschreibungen zu verbriefen und diese Schuldverschreibungen dann weltweit zu verkaufen. Dabei wurden Kredite unterschiedlicher Bonität gebündelt. Eine solche Bündelung ist als ein Instrument der Risikoabsicherung grundsätzlich sinnvoll. Wird nämlich einer der Kredite notleidend, das heißt, kann er von dem jeweiligen Schuldner nicht mehr bedient werden, so hat man gute Chancen, dass die übrigen Kredite in dem entsprechenden Bündel dies nicht tun und Verluste sich begrenzen lassen. Die Verbriefung und der Verkauf von Kreditverträgen brachte den Banken neues Geld und damit die Möglichkeit, weitere Kredite zu vergeben. Derartige Schuldverschreibungen werden als CDOs (Collateralized Debt Obligations) bezeichnet, deren Komplexität noch einmal gesteigert wurde zu sogenannten RMBS (Residential Mortgage-Backed Securities) „mit mit Hypotheken auf Privatimmobilien besicherten Wertpapieren besicherte Schuldverschreibungen“ 6(Ferguson 210: 242).

Im Laufe der Zeit wurden nun zahlreiche Subprimekredite notleidend, und zwar vor allem dann, als die Phase der billigen „Lockzinsen“ vorbei war. Mit höheren Zinsen konnten viele Schuldner ihre Kredite nicht mehr bedienen. In dieser Situation erwies sich nun überdies die Sicherung der Kredite aufgrund des amerikanischen Haftungsrechts als unzureichend. Nach diesem Recht nämlich haftet der Kreditnehmer nur mit der Immobilie, nicht aber mit anderen Vermögenswerten oder mit seinem Einkommen. Er konnte seiner Verpflichtungen einfach ledig werden, indem er aus seinem Haus auszog und den Hausschlüssel seiner Bank mit der Post zusandte. Weil auf diese Weise viele Kreditnehmer ihre Häuser an die Banken zurückgaben, kam es zu einem Überangebot auf dem Immobilienmarkt. Die Preise für Häuser fielen. Alle die Banken gerieten nun in Schwierigkeiten, die Kredite hielten oder CDOs in ihren Depots hatten, welche ebenfalls einen erheblichen Wertverlust erlitten. Hieraus entstand die internationale Bankenkrise: Banken drohten, insolvent zu werden und waren nicht mehr bereit, sich untereinander Geld zu leihen. Ein Kollaps des gesamten Bankensystems schien möglich. Die Staaten sahen sich daher gezwungen, das Bankensystem durch Bereitstellung großer Geldmittel zu stützen.

 

Was kann Marx nicht sehen?

Aus unserer Sicht sind dabei drei Dinge von entscheidender Bedeutung.

(i) Die Politik spielt in diesem Geschehen eine autonome Rolle und hat sogar die Initiative: sie ist ein Antreiber dieses Prozesses.

(ii) Der Zins und die Bedingungen der Kreditvergabe haben eine allokative Funktion, d.h. sie haben einen entscheidenden Einfluss darauf, wie wirtschaftliche Ressourcen verwendet und welche Investitions- und Produktionsentscheidungen getroffen werden.

(iii) Im Laufe der Entwicklung vor dem Ausbruch der Krise spielen neuartige Finanzinstitute (z.B. Hegefonds) und Finanzinstrumente (z.B. Verbriefungen) eine Rolle. Diese Institute und Instrumente werden oft verdächtigt, ein im Grunde betrügerisches Handeln zu maskieren, d.h. sie erscheinen dann nur als Instrumente, mit denen sich Gewinne auf Kosten anderer machen lassen. Man kann nicht bestreiten, dass diese komplexen Instrumente dazu benutzt worden sind, da man gerade auf ihre Undurchschaubarkeit vertraute. Doch das darf nicht übersehen lassen, dass der Sinn dieser Instrumente in Effizienzgewinnen und Risikoabsicherungen liegt. Diese Instrumente haben ebenso wie der Zins eine allokative Funktion. Verdeutlichen kann man sich das an einem klassischen Finanzinstrument, nämlich dem der Versicherung. So wurde der umfangreiche Seehandel der Niederlande im 17. Jahrhundert erst dadurch möglich, dass die Kaufleute die Möglichkeit bekamen, ihre Schiffe und deren Ladung gegen Schiffbruch, Sturm und Seeräuberei zu versichern (vgl. Ferguson 2010:115-123).

Alle diese drei Punkte, die in der Finanzkrise eine entscheidende Rolle spielen, können von einem Ansatz her, wie ihn Marx formuliert, nicht richtig gesehen werden.

Zu (i). Die Dominanz, die Marx dem Ökonomischen einräumt, führt, wie wir gesehen haben, zu einer unzureichenden Staatstheorie (siehe oben Abschnitt 9.1). Für Marx ist der Staat in den wenigen spärlichen Formulierungen, die sich bei ihm finden, nur ein Agent der Bourgeoisie oder der Kapitalistenklasse. Doch auch wenn man Marx, wie Jon Elster (1986), eine Auffassung des Staates zubilligt, in der der Staat als autonomer Akteur gesehen wird, ist damit die Rolle der Politik in der gegenwärtigen Finanzkrise nicht zu erfassen. Denn auch in dieser „staatsfreundlicheren“ Auffassung ist die Ökonomie nur eine Beschränkung für den Staat, nicht aber ein Bereich, den der Staat beeinflussen kann; er kann daher in der Wirtschaft keine eigenen Ziele verfolgen oder das wirtschaftliche Geschehen beeinflussen.

Zu (ii). Dass Marx die beiden anderen oben genannten Faktoren, nämlich die allokative Funktion des Zinses und die Rolle von Finanzzinnovationen nicht in den Blick bekommt, hängt mit der Produktionslastigkeit seines Ansatzes zusammen. In diesem Ansatz ergeben sich allokative Entscheidungen nur aus dem Fortschritt der Produktivkräfte oder der Technologie, kurz aus dem technischen Fortschritt. Die Kapitalisten investieren dort, wo die Technologie am fortgeschrittensten ist und die höchsten Profite zu erwarten sind. Der technische Fortschritt ist ein wichtiger Faktor für Investitionsentscheidungen, aber er ist nicht der einzige. Die Sache wird nun dadurch kompliziert, dass die Kapitalisten als Eigentümer der Produktionsmittel das Kapital, das sie investieren wollen, nicht zur Gänze zur Verfügung haben. Sie müssen sich einen Teil des zu investierenden Kapitals leihen, nämlich bei Besitzern großer Vermögen oder bei Akteuren, die über Ersparnisse verfügen. Diese Besitzer von Geldkapital verleihen ihr Geld gegen einen Zins.

Doch welche Höhe hat dieser Zins? Abgesehen von der Feststellung, dass „die Durchschnittsrate des Profits als die endgültig bestimmende Maximalgrenze des Zinses zu betrachten“ ist, (MEW 25: 372; MEGA II/15: 351) glaubt Marx, über die Höhe des Zinses lasse sich wissenschaftlich nichts sagen: „Die Minimalgrenze des Zinses ist ganz und gar unbestimmbar.“ (370)7

Zu diesem Schluss kommt Marx ohne große Umstände. Er hält sich mit der Frage nach der Höhe des Zinses vermutlich deshalb nicht lange auf, weil sie in seinen Augen nur von nebensächlicher Bedeutung ist. Denn Marx hat keinen Blick für eine mögliche allokative Funktion des Zinssatzes. Diese Funktion wird aber wesentlich von der Höhe des Zinses bestimmt. Marx schreibt dem Zins nur eine distributive Funktion zu. Der Zins bestimme nur, welchen Anteil des Profits den Besitzern von Geldkapital zufällt: „Es ist in der Tat nur die Trennung der Kapitalisten in Geldkapitalisten und industrielle Kapitalisten, die einen Teil des Profits in Zins verwandelt, die überhaupt die Kategorie des Zinses schafft; und es ist nur die Konkurrenz zwischen diesen beiden Sorten Kapitalisten, die den Zinsfuß schafft.“ (MEW 25: 383; MEGA II/15: 361) Im marxschen Ansatz hat die Höhe des Zinses also mit der Investitionsentscheidung selbst gar nichts zu tun. Die Höhe des Zinses gibt nur eine Art Kompromiss an, wie die beiden Kapitalisten“sorten“, die Unternehmer und Geldkapitalisten, sich den aus der Investition entstandenen Profit teilen. Was dabei nicht in den Blick kommt, ist, dass die Bereitschaft, Geld zu verleihen, an Bedingungen geknüpft ist. Profitable Investitionen können so unterbleiben, weil der geforderte Zins zu hoch ist. Der Grund dafür liegt in der Bedürfnisstruktur der Geldkapitalisten. Diese ist in der Regel durch Minderschätzung zukünftigen Konsums gekennzeichnet. Minderschätzung zukünftigen Konsums bedeutet kurz gesagt: man will eine Einheit eines Konsumgutes lieber heute als morgen haben. Der Zins, den man dafür verlangt, ist der Preis dafür, dass man in der Gegenwart auf den Konsum verzichtet. Der Zinssatz hängt damit von Präferenzen oder eben von den Bedürfnissen ab. Bedürfnisse sind jedoch in sich komplex und spielen eine autonome Rolle bei der Entwicklung der Wirtschaft. Diese Rolle wird bei Marx verkannt, der zu der Meinung neigt, Bedürfnisse seien selbst entweder naturgegeben oder Resultat einer Produktion oder „Erzeugung“ (vgl. MEW 3, 28; siehe auch oben Abschnitt 8.1).

Zu (iii). Für Marx ist der Finanzsektor eine im Grunde parasitäre Erscheinung; er reduziert sich im Wesentlichen auf die Verleihung von Geld gegen Zins und hat nur die Funktion, die Geldkapitalisten an dem in der Produktion erwirtschafteten Mehrwert zu beteiligen: „Qualitativ betrachtet ist der Zins Mehrwert“ (MEW 25: 390). Pointiert könnte man sagen, dass die marxsche Perspektive auf das Kreditwesen in den Grenzen der aristotelischen Auffassung vom Zinswucher bleibt. Marx hält das Finanzwesen für unproduktiv, und der Geldverleiher schneidet sich nur einen Teil des Profits des Kapitalisten ab. Wie der Zinswucher des Aristoteles ist auch der Geldverleih bei Marx ein Nullsummenspiel, in dem Gewinne der einen nur mit Verlusten der anderen erkauft sind.

In seinem Buch Das Finanzkapital (1910/1973), das auf marxschen Kategorien aufbaut und manchmal sogar als „der vierte Band des marxschen Kapital bezeichnet worden“ (Hilferding 1973: 5) ist, analysiert Rudolf Hilferding, wie der Finanzsektor die Konzentration des Kapitals befördert. Diese Wirkung des „Kreditwesens“ hatte Marx im Kapital I auch schon gesehen, ihr jedoch nur wenige Zeilen gewidmet. Immerhin sieht Marx darin „eine ganz neue Macht“, die „bald eine neue und furchtbare Waffe im Konkurrenzkampf wird und sich schließlich in einen ungeheuren sozialen Mechanismus zur Zentralisation der Kapitale verwandelt.“ (MEW 23: 655).8 Doch sowohl bei Marx9 als auch bei Hilferding werden wichtige Funktionen des Finanzsektors nicht gesehen. Insbesondere bleibt die schon damals zu beobachtenden Entstehung immer neuer Finanzinstitutionen und Finanzprodukte weitgehend unbemerkt, sieht man einmal von Hilferdings Würdigung der Aktiengesellschaft ab (136-172).

Die Funktionen des Finanzsektors (einschließlich des Versicherungssektors) bestehen zum einen in der Entscheidung, welche Investitionsprojekte Kapital erhalten und somit durchgeführt werden können. Weiter leistet der Finanzsektor eine Verteilung der Risiken und trägt damit zur Reduzierung der Unsicherheit bei. Unsicherheit ist zunächst eine Unsicherheit der Natur (so beeinflussen Wetterbedingungen den Agrarmarkt), es gibt Unsicherheiten auf den Rohstoffmärkten, Schwankungen der Wechselkurse etc. Schließlich sind auch die wechselnden und sich wandelnden Bedürfnisse eine Quelle der Unsicherheit.

All dies sind Dinge, die bei Marx keine wirkliche Rolle spielen. Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang, dass die Versicherung gegen Risiken selbst allokative Wirkungen hat; denn sie ermöglicht, dass profitable, aber riskante Unternehmungen, etwa im Übersee- oder ganz allgemein im Außenhandel, sowie industrielle Produktionen mit großen Betriebsgefahren durchgeführt werden, die sonst unterbleiben würden.

Die Entwicklung des Finanzsektors kann, wie der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson (2010: 308-17) darlegt, als ein evolutionärer Prozess verstanden werden. In diesem Prozess bilden sich, wie Ferguson zeigt, immer neue Funktionen heraus, die auf wechselnde Bedürfnisse reagieren und auch Entwicklungen der Produktion entscheidend beeinflussen. Illustrieren kann diese Beobachtung die Entstehung moderner Aktiengesellschaften in Deutschland, die ganz wesentlich die große Dynamik der deutschen Wirtschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert bestimmt hat. Denn durch diese Gesellschaftsform wurde es möglich, das für die großen Investitionen erforderliche Kapital bereitzustellen. In heutiger Zeit wären die Entstehung von Pensions- und Hedgefonds zu nennen, aber auch die Herausbildung immer neuer komplexer Finanzinstrumente (wie Derivate und Zertifikate). Aus diesem Grund hält Ferguson die Konzentrationstendenzen im Finanzsektor zwar für unübersehbar, sie scheinen ihm aber weit weniger bedeutsam als die Entstehung immer „neuer Typen von Finanzinstitutionen“ (312).

Die Evolution der Finanzinstitutionen und –instrumente ist nach Ferguson ein Prozess, in dem nur wenige dieser Institutionen und Instrumente überleben. Und im Ganzen hält Ferguson diese Evolution für ein erfreuliches Phänomen, das maßgeblich zur Effizienz der Wirtschaft und zu Sicherheit vor Krisen beigetragen hat. Man muss sich dieser vorteilhaften Sicht des Finanzsektors nicht anschließen. Man kann auch geltend machen, dass die neuen Finanzinstitutionen und –instrumente auch das Gegenteil bewirken können. In beiden Fällen aber haben sie allokative Wirkungen, die in einer marxschen Perspektive nicht gesehen werden können.

In der gegenwärtigen Finanzkrise haben aber vor allem die neuen, komplexen Finanzinstrumente eine große Rolle gespielt. Das zeigt zwar, dass diese Instrumente in ihrer Komplexität und ihrer Tendenz, eine immer größere Verflechtung der Banken („interconnectedness“) zu fördern, große Gefahren in sich bergen (Admati und Hellwig 2013). Doch weil der marxsche Ansatz die eigentliche Funktion solcher Instrumente nicht in den Blick bekommen kann, bietet er auch keine Einsicht in ihre gefährlichen und im Extremfall desaströsen Wirkungen. Das bedeutet: Aus dem marxschen Ansatz ergibt sich nicht nur keine solide Strategie, wie die Krisen der kapitalistischen Wirtschaft und ihres Finanzsektors überwunden werden können. Dieser Ansatz leistet nicht eine adäquate Diagnose.

Ist die marxsche Perspektive auf die Finanzkrise also vollkommen wertlos? Das wird man so nicht sagen können. Was die vielfach zitierte Gier der Banken, der Anleger und sogar der kleinen Sparer angeht, kann Marx ein gutes Korrektiv gegen den Moralismus mancher Debatten bieten. Schon Aristoteles war ja aufgefallen, dass alle, die sich mit Geldgeschäften befassen, ihren Reichtum ins Unermessliche vermehren wollen. Aristoteles bemerkt also, dass die Pleonexia in einer spezifischen Weise mit dem Geld zusammenhängt und sich vornehmlich auf das Geld richtet. Im Grunde stößt Aristoteles darauf, dass zwischen der Pleonexia und dem Geld eine intime Beziehung besteht. Die Pleonexia ist kein Laster, zu dem die Menschen im Allgemeinen mehr oder weniger neigen, sondern eines das bestimmte institutionelle Bedingungen hat. Die Frage, warum Menschen Gier oder Habsucht entwickeln, ist daher eine Frage nach den institutionellen Bedingungen solcher Dispositionen. Und Marx hat eine solche Antwort gegeben, selbst wenn die nicht in jeder Beziehung zu überzeugen vermag. In jedem Fall lehrt er uns, plötzlich endemisch auftretende Gier nach Geld als ein sekundäres, seinerseits zu erklärendes Phänomenen zu sehen.

Weiterhin haben wir oben die Tendenz zur Konzentration angesprochen. Dieser Tendenz schenkt Ferguson nur geringe Aufmerksamkeit. Doch sie ist ein klassisches Thema der marxschen und der marxistischen Kapitalanalyse. Die Probleme, die sich aus der Konzentration von Banken ergeben, sind freilich keinesfalls gering zu schätzen (vgl. z.B. Admati und Hellwig 2013). Denn sie erhöhen den Druck auf Staaten, große Banken vor der Insolvenz zu bewahren, und machen die staatliche Politik erpressbar.

Im Übrigen bleiben noch drei Punkte, zu denen Marx’ Analyse möglicherweise noch etwas beizutragen hat, nämlich die Rolle des Staates, das Verhalten der Banken und die Einkommensverteilung.

1. Wir kommen zunächst zur Rolle des Staates. Aus marxscher Perspektive kann der Staat nichts anderes tun, als den Interessen des Kapitals, in diesem Fall den Interessen der Banken und der Anleger, zu dienen – zumindest kann er diesen Interessen nicht zuwiderhandeln. Für diese Auffassung scheint nun in der Tat einiges zu sprechen. Der Finanzsektor hat auf die Politik einen erheblichen Einfluss. Sowohl bei der Aufstellung von Regeln wie bei der faktischen Regulierung sind die Akteure des Finanzsektors maßgeblich beteiligt, und sie haben offenbar einen privilegierten Zugang zur Politik; in Fragen der Finanzpolitik haben sie in besonderer Weise das Ohr des Machthabers (Schmitt 1973: 437-439; Admati und Hellwig 2013: 190 ff.). Dieser privilegierte Zugang wird durch die Neigung der Politiker erleichtert, die Aufgabe der Banken vor allem in der Staatsfinanzierung zu sehen (Admati und Hellwig 2013: 200-204). Man kann daher mit einem gewissen Recht von einem „staatlich-finanzindustriellen Komplex“ sprechen. Dies alles verleiht der marxschen Staatsauffassung eine gewisse Plausibilität und macht sie suggestiv. Doch dieser Suggestivität gilt es gerade durch eine solide polit-ökonomische Analyse (ibid.) zu widerstehen.

2. Banken werden auf Kosten der Staatshaushalte und damit der Steuerzahler „gerettet“, während gleichzeitig exorbitante Boni an Bankmitarbeiter und ähnliches gezahlt werden. Das verstärkt die Ungleichverteilung von Einkommen. Diese Tendenz wird weithin als ungerecht empfunden. Ist dies nicht eben das, was die marxsche Kapitalanalyse voraussagt? In der Tat entwickelt Das Kapital die These, dass bei zunehmender Produktivität der Lohnanteil des erwirtschafteten Reichtums gegenüber dem Anteil des vom Kapitalisten angeeigneten Mehrwertes immer weiter zurückgeht. Doch ist daran zu erinnern, dass Marx keine Grundlage bietet, bestimmte Einkommensverteilungen als ungerecht zu kritisieren. Im Gegenteil hat er Forderungen nach einer gerechteren Verteilung in einer kapitalistischen Wirtschaft als ungereimt zurückgewiesen. In der kommunistischen Gesellschaft dagegen, so seine Erwartung, werde das Problem der Gerechtigkeit ohnehin verschwinden. Auch ist die Behauptung, die Tendenz zu einer immer größeren Ungleichverteilung sei unausweichlich, nicht überzeugend. Sie kann aber dazu verleiten, eine polit-ökonomische Analyse der Faktoren zu unterlassen, die zu dieser Ungleichverteilung führen. Einen solche Analyse kann zeigen, dass es in einer kapitalistischen Marktwirtschaft keinen unumkehrbaren Trend zu immer größeren Ungleichverteilung geben muss (Admati und Hellwig 2013, Stiglitz 2010)

3. Eine ähnlich problematische Suggestion übt Marx auch auf die populäre Kritik der Banken aus. Wenn oft gesagt wird, die Banken erfänden neue und komplexe Finanzinstrumente, um Anleger und Sparer über Risiken zu täuschen und dadurch ihren Gewinn zu steigern, dann bietet die marxsche Perspektive diesem Argument Unterstützung. Gerade weil in dieser Perspektive die allokative Funktion dieser Instrumente nicht zu erkennen ist, können diese Instrumente nur als Mittel erscheinen, durch die die „Geldkapitalisten“ sich einen größeren Anteil des von den Industriekapitalisten erwirtschafteten Profits verschaffen.

Anmerkungen: 

1 “The average salary, including bonus, of a Goldman Sachs employee exploded at the end of the first decade of the millennium to 600 000 Dollars.[ …]In 2011, Goldman Sachs reported of 4 billion dollars [earnings, die Verf.], the average salary was less-than expected 367 000 Dollars and there was talk of great disappointment.” (Lachowski, 2012: 193)

2 Zu dieser Meinung neigt etwa Graeber (2012) und auch Ferguson (2012) stellt sich eine solche Frage, wenn auch aus ganz anderen Gründen.

3 Ausführliche Darstellungen der Geschichte der Finanzkrisen geben Kindleberger und Aliber (2005), Reinhart und Rogoff, (2011). Die gegenwärtige Finanzkrise wird ausführliche aus unterschiedlichen Perspektiven behandelt von Sarrazin (2012), Sinn (2012) sowie Admati und Hellwig (2013). Eine knappe Darstellung geben Bernholz, Faber und Petersen (2009).

4 Gegenwärtig (2013) bewegen sich die Diskontraten in den USA und in der Eurozone unter 1 %, was seinerseits extrem niedrig ist.

5 Die Politik, einkommensschwache Schichten zu Hausbesitzern zu machen, sollte sozial ausgleichend wirken. Wenn ein solcher Ausgleich nicht durch eine Erhöhung der Löhne erfolgen musste, ließ die Wettbewerbsposition der amerikanischen Wirtschaft sich besser behaupten. Bei dieser Politik spielt jedoch sicher auch eine große Rolle, dass sich die USA als eine „Hausbesitzerdemokratie“ (Ferguson 2010: 215) verstehen.

 6 Es geht also um Schulverschreibungen, die mit Wertpapieren besichert sind, welche Wertpapiere ihrerseits wiederum mit Hypotheken auf Privatimmobilien besicherte sind.

 7 Die herkömmliche Kapitaltheorie zeigt, dass diese Behauptung nicht zutrifft; vgl. dazu die Literaturhinweise in Abschnitt 8.2. – Marx’ Fehleinschätzung beruht auf dem Umstand, dass er nur die Nachfrage von Unternehmern nach Kapital berücksichtigte und nicht das Angebot an Kapital durch die Sparer und andere Geldanleger.

 8 „Konkurrenz und Kredit“ sind „die beiden mächtigsten Hebel der Zentralisation“ (ibid.).

 9 Marx’ Ansatz ist als ganzer produktionslastig, wie oben erwähnt. Daher rührt nicht nur eine Unterschätzung der Eigendynamik der Bedürfnisentwicklung, sondern wohl auch eine systematische Unterschätzung des Finanzsektors und der Funktion, die der Finanzsektor für den Sektor der Realwirtschaft hat. Für diese Vermutung spricht, dass sich Marx nur sehr kursorisch über das Finanz- und Kreditwesen äußert. Die Abschnitte über das zinstragende Kapital im dritten Band des Kapitals sind aus fragmentarischen Äußerungen von Marx hervorgegangen, die der Herausgeber Engels zusammengestellt hat.

In diesem Punkt sind auch die Beiträge im Compendium on Marxian Economics, das in der Regel eine wohlwollende Haltung gegen Marx einnimmt, recht kritisch: “Yet what we inherit from Marx comes in part as a set of disorganised notes and references to others‘ work on finance, these then reorganized by Engels in Capital III. Foundational as his ideas are, the dynamics of finance have become more developed and complex than in Marx’s time.” (Marols 2012: 138) Der Autor stellt weiter fest, dass auch nach Marx keine wesentlichen Einsichten zur Finanzwirtschaft aus marxistischer Perspektive gewonnen wurden: ”Unlike many other aspects of Marxism, there have been relatively few elaborations of the theory of finance from a Marxist perspective, and these have failed to keep up with material developments themselves.” (ibid.)

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*) Dieser Beitrag ist ein Kapitel aus dem Buch Thomas Petersen/Malte Faber: „Karl Marx und die Philosophie der Wirtschaft“, das im Verlag Karl Alber erscheinen wird. Dort findet sich auch ein ausführliches Literaturverzeichnis.

Thomas Petersen ist Privatdozent für Philosophie an der Universität Heidelberg sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Helmholtz-Zentrum für
Umweltforschung Leipzig (UFZ).

Malte Faber war von 1973 bis 2004 Professor für  Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftstheorie am Alfred-Weber-Institut der Universität Heidelberg.

 

 


22 Lesermeinungen

  1. Malte Faber und Thomas Petersen reagieren auf die Leserkommentare (Teil 2)
    (Fortsetzung von Teil 1)

    Wir bleiben daher dabei, dass die von uns in unserem Beitrag genannten Faktoren die unmittelbaren Hauptursachen der Krise sind. Kurz gesagt, diese Krise folgt nicht unmittelbar und notwendig aus dem Akkumulationstrieb des Kapitals, weil diese Ursachen kontingenter Natur sind. So hätten

    · die Haftungsregeln in den USA anders aussehen und

    · die amerikanische Zentralbank eine andere Politik verfolgen und die Zinssätze anders bestimmen können.

    · Zudem hätte die amerikanische Wirtschaftspolitik die Vergabe von Krediten für Häuser nicht derart erleichtern müssen.

    Soviel zur Diagnose. Wir kommen nun zur vorgeschlagenen Therapie, nämlich zur Umverteilung von Einkommen. Wir sind keine prinzipiellen Gegner einer solchen Umverteilung. Es ist jedoch fraglich, ob eine andere Einkommens- und Vermögensverteilung tatsächlich die erwarteten Effekte auf Konsumtion und Produktion haben würde. Denn die Folgen einer solchen Umverteilung werden in den Wirtschaftswissenschaften kontrovers diskutiert. Dazu gibt es aber weniger ausgearbeitete Hypothesen als eher Meinungen und Gegenmeinungen. So zeigt die ausführliche Analyse im oben genannten IWF Papier, wie schwer es ist, Vorhersagen über kurzfristige und langfristige Wirkungen der Änderungen der Einkommens- und Vermögensverteilungen zu machen. Einige Hinweise gibt hier die Theorie rationaler Erwartungen. Die sind aber nur hilfreich, wenn die auch von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen der globalen Wirtschaft klar und damit vorhersehbar sind. Das ist aber keineswegs der Fall. Wegen dieser Unsicherheiten lässt sich daher nicht eindeutig sagen, wie sich Umverteilung von Einkommen und Vermögen auf das Wachstum von Produktion und Konsumtion auswirken würden.

    Kurz gesagt: Nach unserer Auffassung erlaubt der Stand der Wissenschaft derzeit kein bestimmtes Urteil über den vermuteten Zusammenhang von Umverteilung und Wirtschaftswachstum. Im Übrigen sehen wir keinen Grund, unser Urteil zu revidieren, die marxsche Kapitalanalyse greift systematisch zu kurz, um ein Phänomenen wie die gegenwärtige Finanzkrise adäquat zu erfassen. Dies ist auch von marxistischer Seite (vgl. Petersen/Faber 2013: 250) ähnlich gesehen worden. Die beiden Hauptgründe dafür sind aus unserer Sicht:

    1. Marx hatte keine adäquate Theorie des Zinses, und

    2. seine Staatstheorie ist unzureichend.

    Zu 1. Marx schreibt dem Zins nur eine distributive Funktion zu, aber keine allokative bezüglich der Produktion. Das liegt zu einem wesentlichen Teil daran, dass Marx die Wirtschaft nur von der Produktion her denkt und die Eigendynamik der Bedürfnisseite mit Zeitpräferenz und Erwartungen etc. nicht berücksichtigt. Die einseitige Betonung der Produktion läßt sich nicht durch die Zeit erklären, in der Marx geschrieben hat. Denn diese Verengung teilen zum Beispiel in der Philosophie Rousseau und Hegel nicht, und insbesondere tun es nicht die zeitgenössischen Ökonomen. Die einseitige Betonung der Produktion ist ein systematischer Zug nicht nur der marxschen Politischen Ökonomie, sondern auch der von in der Deutschen Ideologie von der von Karl Marx und Friedrich Engels erstmals entwickelten „materialistischen Geschichtsauffassung“.

    Zu 2. Abgesehen von der These, der Staat sei eine Art Ausschuss der Kapitalistenklasse, findet sich bei Marx keine wirkliche Staatstheorie. Nun ist der Finanzsektor mit dem Staat in vielfältiger Weise verflochten. Darauf haben wir selbst in unserem Beitrag aufmerksam gemacht. Doch der Staat ist nicht einfach ein Agent des Kapitals oder der Finanzinteressen. Und gerade die Finanzkrise und deren Verlauf zeigt, dass der Staat ein autonomer Akteur mit eigenen Zielen ist, was natürlich nicht bedeutet, dass er in der Verfolgung dieser Ziele von den Finanzakteuren und deren Interessen unabhängig ist.

    In unserem oben genannten Buch haben wir die hier zu diesen zwei Punkten aufgeführten Argumente ausführlich dargestellt.

  2. Malte Faber und Thomas Petersen reagieren auf die Leserkommentare (Teil 1)
    Antwort auf die Lesermeinungen zu dem Gastbeitrag „Karl Marx und die gegenwärtige Finanzkrise“ von Thomas Petersen und Malte Faber

    Nachdem unser Buch Karl Marx und die Philosophie der Wirtschaft. Bestandsaufnahme – Überprüfung – Neubewertung (Alber Verlag, Freiburg) im November 2013 veröffentlicht wurde, möchten wir zu den Lesermeinungen zu unserem Gastbeitrag, der ein Vorabdruck des 19. Kapitels unseres Buches ist, summarisch Stellung nehmen.

    In mehreren Diskussionsbeiträgen wird – mehr oder weniger deutlich – das folgende Argument gegen unsere Darstellung ins Spiel gebracht: Die von Marx richtig diagnostizierte Kapitalakkumulation führe zu wachsender Ungleichverteilung des Reichtums beziehungsweise zu einem stetig wachsendem Kapitalanteil und zu einem sinkenden Lohnanteil an Einkommen und Vermögen. Dadurch bleibe die Konsumnachfrage schwach und das Kapital, das nun nicht mehr produktiv investiert werden könne, ströme auf der Suche nach profitablen Anlagemöglichkeiten in die Finanzmärkte. Auf den Finanzmärkten versuchen Anleger, Banken, Hedgefonds und andere Akteure Gewinne zu erzielen, die nicht an eine Produktion realen Reichtums gebunden sind. Dies habe zur Erfindung immer neuer Finanzinstrumente und Anlagestrategien geführt und sei die eigentliche Ursache der Finanzkrise. Aus dieser Krise, so wird nahegelegt, könne eine entgegengesetzte Einkommens- und Vermögensumverteilung vom Kapital- zum Lohnanteil herausführen. Ein ähnliches Argument trägt auch Sahra Wagenknecht in ihrem Buch Freiheit statt Kapitalismus. Über vergessene Ideale, die Eurokrise und unsere Zukunft (erweiterte Neuauflage 2012) vor, in dem sie eine Enteignung der großen Vermögen zugunsten der Lohnempfänger oder des Staates empfiehlt.

    Derartige Überlegungen spielen auch beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW, 2012 https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.405699.de/12-28.pdf ) und beim Internationalen Währungsfonds (IWF,) („10 Prozent auf alles“ – IWF-Strategiepapier „World Economic and Financial Surveys – Fiscal Monitor, Oktober 2013 https://www.imf.org/external/pubs/ft/fm/2013/02/pdf/fm1302.pdf ) eine Rolle. Diese beiden Institutionen haben eine 10 prozentige Vermögensabgabe vorgeschlagen – das DIW für alle Vermögen über 250 000 Euro in Deutschland und der IWF eine einmalige Zwangsabgabe von 10 Prozent auf die Privatvermögen aller Europäer innerhalb der Eurozone. Diese Abgabe soll zwar primär der Reduktion der Staatsschulden dienen; doch sowohl das DIW als die Autoren des IWF Papiers erwarten davon auch positive Wirkungen auf das Wirtschaftswachstum.

    Das angesprochene Argument enthält eine Diagnose und einen Therapievorschlag. Zunächst: Tatsächlich befindet sich anlagesuchendes Kapital in einem „Anlagenotstand“. Allerdings stehen hinter diesem anlagesuchenden Kapital nicht nur große private Vermögen, sondern in großem Ausmaß institutionelle Anleger wie Pensionsfonds, Banken, Versicherungen etc. So ist z.B. der Wert der Pensionsfonds mit ca. 20 Billionen Dollar etwa achtmal so groß wie der der Hedgefonds mit 2,5 Billionen Dollar. Zum anderen sind die neuartigen Finanzinstrumente zum weit überwiegenden Teil nicht Elemente eines Ponzispieles (also betrügerischer Finanzgeschäfte), sondern sie sind vor allem entwickelt worden, um dem Kapital produktive Anlagen zu ermöglichen. Dass auch betrügerische Tendenzen im Hintergrund der Finanzkrise stehen und diese Krise begünstigt haben, würden wir nicht bestreiten. Jedoch haben die Finanzinstrumente tatsächlich produktive Wirkungen gehabt. Das bedeutet, dass eine Grundannahme in dem Argument, dass die Finanzkrise auf die Akkumulation des Kapitals zurückführt, nicht zutrifft. Diese Annahme lautet, dass das in die Finanzmärkte strömende Kapital sich dort nicht wirklich vermehren kann, vermehren vielmehr nur um den Preis, dass anderswo entsprechende Verluste entstehen: beim Staat oder „bei den Steuerzahlern“ und damit beim Lohnanteil. In diesem Modell funktioniert der Finanzmarkt genau so, wie sich Aristoteles den Zinsverleih vorstellt. Mit den neuen Finanzinstrumenten wird darin also ein Nullsummenspiel gespielt. Zu dieser Auffassung kommt man indes nur, wenn man die produktiven Wirkungen der Finanzinstrumente und des Zinses nicht sieht. Nur in diesem Fall kann man auch das in die Finanzmärkte strömende Kapital für die eigentliche Ursache der Finanzkrise halten.

    (Ende von Teil 1)

  3. Pingback: Zeit: Karl Marx und die gegenwärtige Finanzkrise

  4. Teil 2
    Fortsetzung zu Teil 1

    So stellt sich aus meiner Sicht das Dilemma dar. Streeck hat diese Entwicklung sehr genau beschrieben, kommt aber zu den falschen Schlussfolgerungen, wie Michael Brie in seiner Erwiderung auf Streeck eindrucksvoll analysiert hat: https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2013/juli/vorwaerts-in-die-vergangenheit

    Auf Basis dieser Erkenntnisse habe ich vor 11 Tagen einen 10 Punkteplan (ohne Anspruch auf Vollständigkeit, sondern als Aufforderung zu einem neuen Denken) zur Reformierung unseres Geldsystems ins Netz gestellt und zur Diskussion im Herdentrieb der Zeit freigegeben. Die lauten Stimmen vieler sind leider mittlerweile verstummt. Die letzten kompetenten Kritiker scheinen mir nicht mehr folgen zu können. Daher meine Bitte an Sie, Herr Braunberger, sich meine Ideen einmal anzuschauen. Es ist eine Mischung aus Binswanger, Marx, Say, Quantitätstheorie, einem Hauch von MMT und -wie ich heute früh bei Ihren Zwitschervögeln lesen konnte – Elementen des Makromonetarismus. Mein Gezwitscher finden Sie hier: https://zinsfehler.wordpress.com/

  5. Raus aus den Schützengräben sinnloser Wirtschaftsdebatten Teil 1
    Sehr geehrter Herr Braunberger,

    als einer der wenigen kompetenten Journalisten, die die Geldpolitik verfolgen und kommentieren, haben Sie sich ebenfalls an die Causa Marx herangewagt. Nicht mit einer eigenen Meinung, aber doch in gewisser Weise mit einer Provokation.

    Faber und Petersen versuchen sehr bemüht darzulegen, warum Marx doch nicht Recht hatte aber immerhin interessante Denkansätze geliefert hat. Ich bin inzwischen zu einer ganz anderen Auffassung gekommen. Ein Beitrag von Prof. Binswanger, der Anfang dieses Jahres hier abgedruckt wurde (https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/kritiker-binswanger-wachstum-braucht-geld-energie-und-imagination-12013262.html), hat mich nachdenklich werden lassen. Neben dem Beitrag bei der FAZ halte ich einen etwas älteren Beitrag von ihm für noch wegweisender. Er ist hier zu finden: https://postwachstumsoekonomie.org/Binswanger-Vortrag-OL.pdf. Ich bin inzwischen der festen Überzeugung, dass Marx in sehr vielen Punkten die Dinge klar analysiert und beim Namen genannt hat.

    Die Probleme einer Postwachstumsökonomie, wie sie von Binswanger beschrieben werden, passen sehr gut zur tendenziell fallenden Profitrate nach Marx. Nach Binswanger gibt es einen systemimmanenten Widerspruch zwischen gesamtwirtschaftlicher Notwendigkeit und betriebswirtschaftlicher Logik in gesättigten Märkten. Wie sieht dieser Widerspruch konkret aus? Letztlich geht es um die ‘angemessene’ Entlohnung der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital. Dass es hier aus individueller Sicht gegenläufige Interessen gibt, liegt auf der Hand. Und über die ‘Angemessenheit’ entscheidet in einer Marktwirtschaft immer noch der Markt.

    Da in gesättigten Märkten Renditen schrumpfen (fallende Profitrate), Faktoreinkommen aber für die Nachfrage so hoch sein müssen, dass die Lager geräumt werden, gibt es ein Spannungsfeld zwischen angestrebten Unternehmensgewinnen (Mindestverzinsung des Kapitals) sowie den zu zahlenden Löhnen (=Kosten für Unternehmen, aber eben auch Voraussetzung für den Absatz der vorproduzierten Güter). In einer Volkswirtschaft mit nur noch homöopathischen Wachstumsaussichten wird das Risiko der unternehmerischen Tätigkeit nur noch sehr gering entlohnt und/oder es fehlt das potenziell nachfragewirksame Faktoreinkommen.

    Die systemischen Grundprobleme verschärfen sich, wenn Unternehmen in der Vergangenheit sehr erfolgreich waren (sieht man u. a. an hohen Cash-Beständen bei Apple, Siemens und Co.), jetzt aber, wegen mangelnder Nachfrage, keine weiteren sinnvollen Verwertungsmöglichkeiten mehr für ihr Geld (nicht ihr Kapital!) finden. Das Geld lagert dann, wie im Falle Siemens, bei der Bundesbank (sorgt bei Deflation sogar für Kapitalmehrung) oder wird an Aktionäre ausgeschüttet.

    Wenn dann aber der 6. Ferrari in der Garage steht, bleibt irgendwann auch im Luxussegment die Nachfrage aus. Wenn es dann auch noch wegen mangelnder Nachfrage zu breiten deflationären Tendenzen kommt, können die Unternehmen mit fehlender Nachfrage und geringen Cash-Beständen ihre Kredite nicht mehr bedienen und müssen wegen Zahlungsunfähigkeit Insolvenz anmelden. Als Folge ergeben sich eine Vernichtung des Kapitalstocks sowie eine Entwertung von menschlichem Wissen, Können sowie der eigenständigen Existenzgrundlage jenseits staatlicher Alimentation.

    Damit dies nicht passiert, haben die Banken in Interessenunion mit den Unternehmen neue Absatzfinanzierungsinstrumente kreiert, mit dem dieser Selbstzerstörungsprozess noch etwas hinausgezögert werden kann. Unterstützt wurde dies durch das populäre Deficit-Spending der Staaten (die Entwicklung der Staatsverschuldung spricht Bände und die Krugman-Jünger sollten nicht zu früh jubeln). Die schönen Wachstumszahlen der letzten Jahre basieren also vor allem auf kreditfinanzierter Konsumnachfrage.

    Solange sich die Geldvermögen (bitte den bilanziellen Unterschied zwischen Vermögen und Kapital beachten) bei einer kleinen Unternehmens- und Personenanzahl konzentrieren (und wer wollte dies bestreiten), wird es aber nicht zu einer steigenden Nachfrage kommen und damit auch nicht zur Kredittilgung.

    Warum sind die Geldvermögen bei einigen immer weiter angestiegen? Nun, solange noch systemisches Wachstumspotenzial vorhanden ist, fließt durch wachsende Verschuldung immer noch genügend neues Geld nach, das in den ersten Verwertungsstufen noch zu weiterer Nachfrage führt. Aber auf jeder Transaktionsstufe kommt es wegen der Gewinnkalkulation (kalkulatorische Zinsen) zu einer weiteren Vermögenskonzentration, die bei Marktsättigung wegen fehlender Nachfrage (musste ja für Gewinne abgezweigt werden) zu einer Investitionsverweigerung der Unternehmen führt (führen MUSS). Das Geld findet wegen fehlender Nachfrage keine weitere sinnvolle Verwertung mehr und aus der Wachstumsspirale wird eine deflationäre Schrumpfungsspirale und der wie von Zauberhand geschaffene kreditinduzierte Wachstumszyklus bricht in sich zusammen.

    Es ist nicht die Kapitalakkumulation im Marx‘schen Sinn, die zur Krise des Kapitalismus führt, sondern die Geldakkumulation ist es, die zur Krise des Finanzkapitalismus führt.

  6. Pingback: Marx: Kein Rezept gegen die Krise | WIR Der ZeitBote Saarland

  7. Adam Smith (The Wealth of Nations)
    Warum muss es immer wieder Marx sein?

  8. Frau Marx - Zitat
    Anlässlich der Beerdigung am Highgate in London. sagte die Witwe:
    „It’s a pity Karl didn’t make some capital instead of writing about it“

    (So hat man mir an der LSE erzählt, als ich da Studentin war).

    • Frau Marx - Zitat?
      1. Jenny Marx sprach Deutsch.
      2. Die Engländer sind nicht gerade bekannt, gut Deusch zu sprechen, das galt noch mehr vor 150 Jahren.
      3. Die LSE ist wohl nicht gerade eine sichere Informationsquelle für objektive Informationen über den Mann, der das Studienobjekt dieser anrüchigen Schule so radikal und überzeugend kritisiert hat.

      Dass und wie Sie dieses „Zitat“ anbringen zeigt, wie sehr Sie der Ideologie des „Bereichere Dich auf Kosten der anderen!“ verfallen sind.

      Wie sagte doch Sokrates: Die Bösen sind nicht böse weil sie böse sind, sondern weil ihnen wichtige Einsichten fehlen!

    • Spiritismus
      Vermutlich eine für das England des 19. Jahrhunderts nicht ganz untypische spiritistische Erscheinung, denn Jenny Marx war bei der Beerdigung von Karl Marx schon zwei Jahre tot.

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