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“Eine Hexenjagd” – Kenneth Rogoff über seinen Excel-Fehler

| 23 Lesermeinungen

Kenneth Rogoff hat gezeigt, wie schädlich Staatsschulden sind. Dann wurde ihm ein Excel-Fehler vorgeworfen. Jetzt verteidigt er sich: Die Geschichte sei ein orchestrierter Angriff von linken Bloggern gewesen, "wie in den 50ern unter McCarthy".

© Rainer WohlfahrtKenneth Rogoff bei einem F.A.Z.-Interivew

Er hatte die intellektuelle Grundlage für die Sparpolitik in den Krisenstaaten gelegt: Kenneth Rogoff. Gemeinsam mit seiner Kollegin Carmen Reinhart hatte er ausgerechnet, dass Staaten mit hohen öffentlichen Schulden kräftig an Wachstum verlieren. Irgendwo oberhalb von 90 Prozent Staatsverschuldung bricht das Wachstum zusammen, so rechneten die beiden aus. Es war eine einfache Zahl, politisch gut verpackt, von einem ehemaligen Chefökonomen des Internationalen Währungsfonds – die halbe Welt glaubte ihm, sogar der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble. In der Eurokrise einigten sich die Politiker auf Sparmaßnahmen, die viele Länder zu hart fanden.

Doch dann kam ein Student aus Massachusetts und entdeckte einen Excel-Fehler in den Rechnungen von Kenneth Rogoff. Er mischte noch einige eigene Einschätzungen hinein und behauptete, das Ergebnis sei falsch. Reinhart und Rogoff antworteten halbherzig – und verloren das Ansehen ihrer Ergebnisse noch schneller, als sie es gewonnen hatten. (Patrick Welter hat die Vorwürfe im Detail untersucht.)

Derweil triumphierten die Befürworter höherer Staatsschulden. Vor allem der keynesianische Nobelpreisträger und Blogger Paul Krugman, der sich selbst als links bezeichnet, griff Rogoff scharf an.

Jetzt allerdings ist Rogoff in die Offensive gegangen. Er fühlt sich als Opfer einer “Hexenjagd”, sagt er in einem Interview mit dem Magazin “Capital“. „Das war keine Debatte. Das war eine haltlose persönliche Attacke, von Leuten mit einer starken politischen Agenda.” Er sieht einen orchestrierten Angriff von linken Bloggern und Lobbyisten “wie in den 50ern unter McCarthy”, der seine gesamte Arbeit diskreditieren sollte. “Es gab keinen Kampf. Das war ein Massaker.”

“Mein Kernergebnis steht: Sehr hohe Schulden sind verbunden mit niedrigerem Wachstum”

Der Fehler sei peinlich, sagt Rogoff, aber er hätte keine große Bedeutung. Seine Gegner hätten ihn “aufgeblasen und bewusst falsch interpretiert und polemisiert”.

Rogoff hält noch an seinem Ergebnis fest. “Der wichtigste Punkt ist, nach der ganzen polemischen Hitze, dass mein Kernergebnis steht: Sehr hohe Schulden sind verbunden mit niedrigerem Wachstum”, sagt er. Und: “Wenn irgendjemand denkt, dass Rekordschulden in Ordnung sind, dann liegt er falsch. Die Geschichte lehrt das Gegenteil”, so Rogoff. Den europäischen Schuldenstaaten rät Rogoff immer noch zu einer schnellen Umschuldung.

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23 Lesermeinungen

  1. Tell590 sagt:

    Ob Hexenjagd oder nicht, ob zweifelhafte Basisdaten oder nicht...
    ist weder dem Artikel von Patrick Bernau, noch Rogoffs Aussagen, noch den Kommentaren hier zu entnehmen.

    Zweifelsfrei ließe sich das nur feststellen, wenn man die Excel-Tabelle irgendwo herunterladen könnte und dann noch eigene Nachforschungen zur Glaubwürdigkeit und Plausibiliät der ermittelten Archivdaten anstellt. Mit anderen Worten, es bedarf einer seriösen und profunden Nacharbeit von Rogoffs Behauptungen, um deren Richtigkeit oder Irrtum zu beweisen.

    Insofern sind die Tabellen in Patrick Welters Nacharbeit von hohem Interesse, weil sie ganz klar darlegen, daß die gesamte “Studie” in ihrem Ergebnis eine großartige Scharlatanerie ist. Denn was zeigt sie?

    Sie zeigt in den Tabellen “Staatschuld und Wachstum” I bis VII, daß das Wachstum seit 1946 bis 2009 in unterschiedlichen Prozentsätzen zurückgeht (je nach Parametern “Durchschnitt”, “Median” und “Neuseeland” und den Unterschieden zwischen der “RR” und HAP”-Theorie) . Na und? Welch großartige Erkenntnis, die für jeden 12-jährigen, der die Prozentrechnung gelernt hat kein Geheimnis sein kann!

    Denn was hier passiert ist nichts anderes, als daß die prozentualen Unterschiede zwischen kleineren Basiszahlen eines in US$ angesetzten BIP und deren Anwachsen in US$ in den Nachkriegs- und Aufbaujahren nach dem WK2 naturgemäß in Prozenten HÖHER ausfallen, als – wesentlich höhere Zuwächse in US$ – in den Jahren vor 2009, die sich aber – wiewohl HÖHER in US$ – durch die bereits sehr hohen BIP-Basiszahlen in US$ der letzten Vergleichsjahre naturgemäß geringer im prozentualen Vergleich darstellen.

    Zum besseren Verständnis: Ein Wachstum von 0,5% des BIP von Deutschland ist – in € angegeben – immens viel höher, als ein Wachstum von 20% von z.B. Mali (ohne das jetzt verifiziert zu haben). Oder anders ausgedrückt: Ein BIP-Wachstum Deutschlands um 2% erfordert eine weit größere Anstrengung der Wirtschaft, als 7% BIP-Wachstum für China – ganz einfach weil das Potential der vollentwickelten Wirtschaft Deutschlands nicht mehr die gleichen Prozentsätze aufweisen kann, wie die eines prosperierenden Entwicklungslandes.

    Es sei denn Deutschland entwickelt irgend eine überirdische Technologie, die keines der anderen Länder weltweit nachbauen kann, und kann diese über die nächsten Jahrzehnte konkurrenzlos in alle Welt exportieren. Das wäre dann so etwas wie “technologischer Kolonialismus”, in der Nachfolge des Eroberungskolonialismus des 15-18 Jh. und des Hegemonialkolonialismus bis Mitte des 20 Jh.

    Wer also einen Zusammenhang zwischen BIP-Wachstum und Staatsverschuldung herstellt, könnte das genausogut zwischen BIP-Wachstum und Klimaerwärmung, oder dem Wachstum der Weltbevölkerung, oder dem Anstieg der Lebenserwartung, oder was immer sich statistisch rechnen läßt.

    Mit Excel-Tabellen kann man so ziemlich alles darstellen. Deshalb ist die Untersuchung der wahren Ausgangsdaten und ihre logischen Zusammenhänge um so wichtiger.

    Und wenn man das ganze in eine professionelle Power-Point Show verpackt, auf einem großen Kongreß darbietet und “aussagekräftige” Prozent-Tabellen daruntermischt, dann sitzen die Delegierten ehrfurchtsvoll davor – und eine neue Scharlatanerie ist geboren. Schon das Orakel von Delphi funktionierte auf diese Weise.

    Und gewisse Interessenten und Geldgeber nicken huldvoll. Nämlich jene, die heute schon von den Zinsen der Staatsverschuldung(en) in Saus und Braus leben, aber nun langsam merken, daß es so nicht endlos weiter gehen kann.

    • Linus.Huber sagt:

      Titel eingeben
      Staatsschulden sind Teil des systemweiten Kreditvolumens. Wenn das Kreditvolumen dauerhaft aufgrund der inflationaeren Geldpolitik der Zentralbanken staerker waechst als die Wirtschaft, handelt es sich um eine nicht nachhaltige Entwicklung, welche eine massive Umverteilung vom Sparer zum Schuldner sowie von der Mittelklasse an die Finanzelite beinhaltet. Alles andere ist Wudu-Economics und gehoert ins Reich der Maerchen.

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