Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Ökonomen im Gespräch (6): Thomas Piketty über seine Bewunderung des Kapitalismus

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Manche bezeichnen ihn als Rockstar-Ökonom, andere als den neuen Marx: Thomas Piketty hat mit "Das Kapital im 21. Jahrhundert" einen internationalen Bestseller verfasst, der unter Ökonomen und in einer breiten Öffentlichkeit zahlreiche Diskussionen ausgelöst hat.

Das vorliegende, ausführliche Gespräch wurde am 22. Mai 2014 in Thomas Pikettys Büro in der Paris School of Economics geführt.  Zwei Tage nach diesem Gespräch veröffentlichte Chris Giles in der Financial Times einen  Beitrag, in dem er Piketty schwere Fehler bei der Zusammenstellung und der Präsentation von Daten vorwirft und dessen Kernthese – eine wachsende Konzentration von Vermögen – zumindest für Europa in Frage gestellt sieht. Pikettys Antwort auf eine Anfrage zu dieser Kritik kam noch am Wochenende per Mail und sie steht am Beginn des Interviews. Da seine unterdessen sehr heftig gewordene Kontroverse mit der Financial Times eine ausführlichere Behandlung verdient, habe ich an das Interview eine Dokumentation dieses Streits mit einigen Links angefügt. Am 29. Mai hat Piketty detailliert der FT geantwortet und alle Vorwürfe zurückgewiesen. Mittlerweile richtet sich in der Debatte das Feuer gegen die FT und ihre Darstellung. (gb.)

 

1. Das Interview mit der F.A.Z.

Professor Piketty, in einem aktuellen Beitrag in der „Financial Times“ wurden Ihnen Fehler und Versäumnisse im Umgang mit Daten vorgeworfen. Wird dadurch die Aussagekraft Ihrer Analysen beeinträchtigt?

Nein, der Beitrag in der Financial Times ändert nichts an meinen Schlussfolgerungen. Eine Untersuchung der Ökonomen Emmanuel Saez und Gabriel Zucman, die nach meinem Buch veröffentlicht wurde, bestätigt meine Ergebnisse über den wachsenden Anteil der sehr Vermögenden am Gesamtvermögen in den Vereinigten Staaten. Dass die Financial Times dies ignoriert, untergräbt ihre Argumentation erheblich. Außerdem zeigt jedes Ranking, dass die großen Vermögen prozentual schneller wachsen als der Durchschnitt (hier sind Zahlen von Piketty). Falls der FT ein anderes Ranking vorliegt, soll sie es doch veröffentlichen.

Eine zentrale These Ihres Buches (hier eine Rezension in FAZIT) lautet: Langfristig leben wir in einer Welt, in der die Rendite auf das Kapital („r“) mit einer schnelleren Rate wächst als die Wirtschaft („g“). Daraus folgt nach Ihren Analysen unter anderem eine zunehmende Konzentration des Kapitals in den Händen besonders reicher Menschen. Warum soll das ein Problem sein? Fürchten Sie, dass die Reichen den Staat kapern können – ein Phänomen, das in Amerika „crony capitalism“ genannt wird?

„Crony capitalism“ ist viel eher ein Problem in den Vereinigten Staaten als in Europa. Ich würde nie behaupten, dass eine ungleiche Vermögensverteilung heute das wichtigste Problem in Europa wäre. Mir ist in Besprechungen meines Buches vorgeworfen worden, ich würde Pessimismus verbreiten. Das stimmt nicht, vielmehr verbreite ich viele gute Nachrichten. Denn ich bewundere den Kapitalismus…

…das scheinen manche Ihrer Kritiker noch nicht bemerkt zu haben.

Ich bewundere den Kapitalismus, ich bewundere das Privateigentum und ich bewundere die Marktwirtschaft. Natürlich sehe ich, dass Wirtschaftswachstum vornehmlich im Kapitalismus entsteht. Natürlich hänge ich am Privateigentum, weil es eine Grundlage unserer Freiheit darstellt. Es gab noch niemals so viel Kapital wie heute. Ich war 18 Jahre alt, als die Berliner Mauer fiel. Ich gehöre einer Generation an, die niemals Sympathie für den Kommunismus besaß.

Und wo sehen Sie ein Problem?

Mir kommt es darauf an, dass die wirtschaftliche Kraftentfaltung des Kapitalismus im Dienste des Gemeinwesens stattfindet. Mit anderen Worten: Der Kapitalismus soll nicht die Demokratie beherrschen, vielmehr soll die Demokratie für den Kapitalismus einen Rahmen setzen.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich finde es gut, dass in Europa im Unterschied zu den Vereinigten Staaten Grenzen für die Finanzierung von Parteien durch Unternehmen existieren. In den Vereinigten Staaten ist es möglich, dass Versicherungsunternehmen wohl orchestrierte Wahlkampagnen gegen staatliche Elemente in der Krankenversicherung finanzieren, obgleich die Ineffizienz des privat finanzierten amerikanischen Systems sehr gut dokumentiert ist.

Und was ist nun das große europäische Problem?

Wir haben ein sehr niedriges Wirtschaftswachstum und wir müssen mehr für unsere Zukunft tun, indem wir mehr in Bildung und in moderne Technologien investieren. Das ist auch eine Staatsaufgabe, aber die hohe Verschuldung vieler Staaten in Europa verhindert notwendige Investitionen. Mir scheint aber, dass die Art und Weise, wie wir die hohe Staatsverschuldung bekämpfen, nicht die richtige ist. Sie ist ökonomisch nicht richtig und sie sorgt zudem für großes Unbehagen in den betroffenen Nationen. Und hier kommt als Alternative meine Idee einer Besteuerung hoher Vermögen ins Spiel.

Wie soll man gegen die hohe Staatsverschuldung vorgehen?

Es gibt im Prinzip drei Möglichkeiten. Die erste, auf die wir heute in Europa setzen, beruht darauf, dass durch eine Kombination aus Austeritätspolitik und sehr niedriger Inflation ein Wirtschaftswachstum entsteht, mit dessen Hilfe sich die Staatsverschuldungen reduzieren lassen.

Was gefällt Ihnen nicht an dieser Strategie?

Der Blick in die Geschichte: Großbritannien hat genau auf diese Strategie gesetzt, um nach den Napoleonischen Kriegen seine Staatsverschuldung von rund 200 Prozent des BIP zurückzuführen. Während des 19. Jahrhunderts gab es Wirtschaftswachstum bei sehr niedriger Inflation und so konnte der britische Staat Primärüberschüsse erzielen. Aber es hat rund 100 Jahre gedauert, bis die Staatsverschuldung deutlich zurückgeführt war.

Was ist daran schlimm?

Schlimm ist, dass Großbritannien in dieser Zeit wenig in sein Bildungssystem investiert hat. Die Tatsache, dass die britische Arbeitsproduktivität noch heute deutlich unter der deutschen und der französischen liegt, ist möglicherweise eine Spätfolge eines ineffizienten Bildungssystems, dessen Wurzeln lange zurückreichen. Daran sollte man denken, wenn heute Südeuropa empfohlen wird, durch eine vielleicht Jahrzehnte währende Austeritätspolitik seine Staatsfinanzen zu konsolidieren.

Sie fürchten einen Verlust an Humankapital?

Mir liegt als Professor nun einmal die Universität besonders am Herzen. Ich sehe heute in Amerika und in Asien Universitäten, die besser in Schuss sind als viele europäische. Wir geben mehr Geld für Zinsen auf Staatsanleihen als für die Universitäten aus. Dabei geht es mir nicht vorrangig um den Zustand der Universitätsbauten, sondern auch um die Abwanderung von Wissenschaftlern.

Das stimmt. Gerade auch junge Ökonomen gehen aus Europa weg.

Ach, es geht nicht einmal so sehr um Ökonomen. Der Verlust an Naturwissenschaftlern ist viel schwerwiegender.

Okay, Austeritätspolitik funktioniert Ihres Erachtens nicht. Wie wäre es mit höherer Inflation zur Entschuldung von Staaten? Das wird von nicht wenigen Ökonomen vorgeschlagen.

Ich bin gegen eine höhere Inflation, obwohl wir nicht vergessen sollten, dass unsere beiden Länder nach dem Zweiten Weltkrieg durch sehr hohe Inflation ihre damaligen Staatsschulden entwertet hatten und sozusagen von Neuem anfangen konnten. Mit Blick auf die Vergangenheit gibt es nicht nur in Deutschland einen Traumatismus bezüglich der Inflation, sondern auch in Frankreich. Ich lehne eine höhere Inflation ab, weil sie zu Lasten der ärmeren Schichten der Bevölkerung ginge. Damit bleibt nur die dritte Option – eine Besteuerung der Vermögenden.

Das heißt: In Europa befürworten Sie eine Vermögenbesteuerung nicht, weil Sie in der Konzentration der Vermögen eine Gefahr sähen, sondern weil eine Besteuerung der Vermögen aus Ihrer Sicht der geeignetste Weg ist, die hohe Staatsverschuldung zu bekämpfen?

Genau. Wir können die Kosten der Bekämpfung der Staatsverschuldung nicht den Lohn- und Gehaltsempfängern aufdrücken, solange es großen internationalen Konzernen gelingt, keine oder wenig Steuern zu zahlen und solange es gelingt, auch Privatvermögen in Steueroasen zu verlagern. Man muss anerkennen, dass gerade die Vereinigten Staaten gegen die Steueroasen vorgehen. Davon profitieren auch Länder wie Frankreich und Deutschland. Was die Gewinnverlagerung internationaler Konzerne angeht, ist aber noch nichts erreicht worden. Unsere europäischen Institutionen sind zu schwach, mit diesem Problem umzugehen. Daher müssen wir sie stärken. Um das auch klar zu sagen: Ich will die internationalen Konzerne nicht enteignen. Aber es kann nicht sein, dass sie de facto niedrigere Steuersätze zahlen als kleine und mittlere Unternehmen.

Eine Heranziehung der Vermögenden zur Tilgung von Staatsschulden in Krisenländern haben auch der Internationale Währungsfonds und die Deutsche Bundesbank ins Spiel gebracht. 

Das ist in der Tat sehr interessant und deutet an, wie sich die Mentalitäten zu ändern beginnen. Die Position der Bundesbank zeigt, dass auch sie keine einfache Lösung für das Schuldenproblem zu sehen scheint.

In Deutschland existiert anders als in Frankreich und in den Vereinigten Staaten keine Vermögensteuer. Nehmen wir ein erfolgreiches mittelständisches deutsches Unternehmen, das sich in Familienbesitz befindet. Nach Ihrem Vorschlag würden diese Familieneigentümer sich schlechter stellen, weil ihnen noch eine Vermögensteuer aufgelastet würde.

Ich bin mir nicht sicher, dass meine Lösung wirklich nachteilig für diese Familie wäre. Denn wenn eine schnellere Entschuldung der Staaten in Europa gelänge, würde das Wirtschaftswachstum zunehmen. Davon profitierte dann das mittelständische Unternehmen und seine Eigentümer. Von der aktuellen wirtschaftlichen Stagnation Europas profitiert hier doch niemand – auch nicht Deutschland.

Wie soll man sich diese Vermögensteuer konkret vorstellen?

Ich trete für einen pragmatischen Ansatz ein, bei dem man mit sehr niedrigen Steuersätzen beginnen kann. Man kann auch über eine unterschiedliche Besteuerung je nach den Ertragsraten nachdenken. Ein wesentlicher Vorteil einer solchen Steuer bestünde darin, dass man endlich präzise Erkenntnisse über die Höhe der Vermögen und ihrer Verteilung erhielte. Es ist eine Sache, für die Heranziehung großer griechischer Vermögen zur Sanierung der griechischen Staatsfinanzen einzutreten. Aber die Forderung hilft nichts, solange niemand weiß, wie hoch diese Vermögen überhaupt sind.

Sie treten für eine Stärkung der europäischen Institutionen ein. Wie realistisch ist das?

Auf die Dauer wird meines Erachtens die Währungsunion einer stärkeren politischen Integration bedürfen. Ich verstehe die deutschen Vorbehalte, wenn die französische Politik für eine europäische Schuldenunion eintritt, aber die nationale Budgethoheit nicht in Frage stellen will. Ich versuche, hier kohärenter zu sein. Wenn man für eine zumindest teilweise Vergemeinschaftung der Staatsschulden eintritt, muss man auch ein Parlament für die Euro-Staaten akzeptieren, dass Entscheidungen über das Ausmaß der Neuverschuldung treffen darf.

Lassen Sie uns noch über eher theoretische Themen sprechen: Sie befassen sich in ihrem Buch mit der langfristigen Bildung von Vermögen. Gibt es überhaupt langfristig gültige Gesetze in den Wirtschaftswissenschaften?

Es existiert kein Determinismus. In den Wirtschaftswissenschaften geht es um den Menschen, um Institutionen, um politische, soziale und wirtschaftliche Kompromisse. Begriffe wie Privateigentum oder Aktiengesellschaft sind in der Welt nicht einheitlich definiert, sondern an die konkrete Situationen in einzelnen Ländern angepasst. Andererseits lassen sich durch starke Vereinfachungen Prinzipien entdecken, die nicht die Wirklichkeit komplett abbilden, aber eine Annäherung an die Wirklichkeit erlauben. Man könnte sie als „kleine Gesetze“ bezeichnen.

Damit meinen Sie unter anderem Ihre mittlerweile berühmte Formel „r größer g“; also die These, dass die Rendite des Kapitals in einer Wirtschaft über der Rate des Wirtschaftswachstums liegt?

Ja, sowohl die Wachstumsrate des Kapitals als auch die Wachstumsrate der Wirtschaft sind abstrakte Begriffe, soziale Konstrukte.  Das gilt gerade in historischer Betrachtung: Was sagt eine langfristige Rate eines Wirtschaftswachstums für ein Land aus, wenn vor 50 oder 100 Jahren ganz andere Güter und Dienstleistungen produziert wurden als heute? Es ist auch sehr schwierig, auf der Basis sehr unterschiedlicher Warenkörbe langfristige Untersuchungen der Inflationsrate anzustellen.

Gilt das auch für Analysen des Kapitals?

Sicherlich. Eine Rendite des Kapitals lässt sich unmittelbar gar nicht erfassen. Nehmen wir als Beispiel die Rendite von Land. Damit das Land eine hohe Rendite bringt, muss der Eigentümer Arbeit aufwenden, um darauf zu achten, dass seine Beschäftigten das Land ordentlich bearbeiten. Der Begriff der Kapitalrendite ist nichts anderes als eine Abstraktion. Das heißt aber nicht, dass man aus Analysen des Kapitals nichts lernen könnte. Wir sehen zum Beispiel: In Volkswirtschaften, die alleine schon wegen ihrer Demographie nur mehr langsam wachsen, besitzt ein in der Vergangenheit gebildetes Kapital eine größere Bedeutung als in Ländern, die ein dynamischeres Wirtschaftswachstum ausweisen.

Was sagen Ihre Kollegen dazu?

Es gibt Kritiker, die sagen, meine in dem Buch enthaltenen Gesetze seien zu einfach. Ich solle mehr mathematische Modelle bringen und dafür weniger Bezüge zu Balzac und Jane Austen herstellen.

Und was antworten Sie?

Die Welt ist nicht eindimensional. Es gibt in der realen Welt keine Geschichte des Kapitals. Es gibt eine Geschichte über den Boden, es gibt eine Geschichte über Immobilien und so weiter. Jede Form des Kapitals besitzt ihre eigene Geschichte. Ich möchte auch betonen, dass die Erfassung, die Bewertung und die Addition verschiedener Formen von Kapital eine sehr komplizierte und abstrakte Angelegenheit ist. Das gilt gerade auch dann, wenn man sehr lange Zeitreihen analysiert und Ländervergleiche vornimmt. Diese Vorgehensweise besitzt Grenzen und mein Buch ist ja gerade deshalb so lang geworden, weil ich es mir mit diesem Thema nicht einfach machen wollte.

Eine von dem deutschen Ökonomen Stefan Homburg geäußerte Kritik lautet sinngemäß: „Thomas Piketty argumentiert dialektisch. Erst postuliert er ein Gesetz und ansschließend relativiert er es. Man kann ihn nicht fassen, weil er sich andauernd bewegt.“

Es ist nicht meine Schuld, dass die Welt kompliziert ist. Es gibt zu diesen Fragen aber auch sehr technische Artikel in Fachzeitschriften, zum Beispiel von Gabriel Zucman und mir. Wer weniger Balzac und mehr Mathematik sucht, wird in diesem Artikel mehr Aufklärung finden.

Gibt es denn überhaupt eine Theorie, die „r größer g“ stützt?

Natürlich. Man kann hierzu ein einfaches neoklassisches Wachstumsmodell heranziehen. In Modellen mit überlappenden Generationen (OLG) gibt es einzelne Fälle, in denen r unter g fallen kann. Das hängt von der Modellierung ab. Wenn man zum Beispiel annähme, die Menschen sparten und sparten, weil sie erwarteten, 120 Jahre alt zu werden, dürfte dies eine niedrige Kapitalrendite zur Folge haben. Mir ist der Hinweis wichtig, dass ich in meinem Buch keine Prognose über die langfristige Entwicklung von Kapitalrenditen gebe. Ich kann eine solche Entwicklung nicht vorhersehen. Es ist aber wahr, dass man bei diesem Thema auch in der Fachwelt Verwirrung findet.

Wieso?

Ich möchte das gerne klar stellen: Wir vergleichen die Kapitalrendite und das Wirtschaftswachstum, aber die beiden Größen haben nicht viel miteinander zu tun. Auf das Wirtschaftswachstum wirkt unter anderem die Bevölkerungsentwicklung ein, auf die Kapitalrendite nach der neoklassischen Theorie die Grenzproduktivität des Kapitals, in der Realität aber auch Einflüsse wie die Macht von Gewerkschaften und anderes. Es gibt zunächst überhaupt keinen Grund, warum die beiden Größen identisch sein sollten und es gibt auch nur eine unrealistische Theorie, die dies behauptet. In dieser Theorie wird unterstellt, dass die Kapitalbesitzer ihre Kapitalerträge zu 100 Prozent sparen. Aus praktischer Sicht ist diese Annahme aber völlig verrückt; der materielle Reiz des Kapitaleigentums besteht ja gerade darin, dass man mit seiner Hilfe viel konsumieren kann. Auf lange Sicht kann man beobachten, dass oft etwa 20 Prozent der Kapitaleinkommen gespart und 80 Prozent konsumiert werden.

Können Sie noch etwas über die Empirie von „r größer g“ sagen?

Für die vorindustrielle Zeit ist der Zusammenhang offensichtlich. Hier hatten wir sehr lange Zeit eine Rate des Wirtschaftswachstums von nehe Null, aber durchaus Renditen auf Landbesitz. Das Interessante ist, dass die Industrialisierung die Verhältnisse nicht grundlegend verändert hat. Die Industrialisierung erlaubte zwar Raten des Wirtschaftswachstums von größer Null, aber um die Kapitalrendite zu erreichen, hätte das Wirtschaftswachstum dauerhaft bei 4 oder 5 Prozent liegen müssen. Auf sehr lange Sicht lässt sich aber kein solches Wirtschaftswachstum durchhalten.

Warum müssen wir uns heute darum kümmern, wenn jetzt „r größer g“ ist, in ein paar Jahrzehnten aber vielleicht nicht mehr?

Weil ein paar Jahrzehnte eine lange Zeit sind und wir meines Erachtens heute Institutionen schaffen müssen, die es uns erlauben, eine größere Transparenz über das existierende Kapital herzustellen. Um es klar zu sagen: Falls die Rate des Wirtschaftswachstums künftig  auf den Stand der Kapitalrendite steigt oder umgekehrt die Kapitalrendite künftig auf die Rate des Wirtschaftswachstums sinkt, würde ich zufrieden sein.  Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass ein Zusammenfallen der Kapitalrendite und der Rate des Wirtschaftswachstums zwar in der Zukunft durchaus möglich ist, aber angesichts der historischen Erfahrung ein außerordentliches Ereignis wäre.

Nun gibt es Ökonomen, die mit Blick auf die gegenwärtigen atemberaubenden technischen Fortschritt in der Digitalisierung behaupten, dass wir künftig wieder spürbar steigende Raten des wirtschaftlichen Wachstums haben werden.

Natürlich lässt sich das nicht ausschließen. Trotzdem erscheinen mir solche Prognosen etwas naiv, denn wir haben zu Beginn des 20.Jahrhunderts eine ganze Menge Innovationen wie das Auto gesehen, die den Massenkonsum stark beeinflusst haben und trotzdem sind die Raten des Wirtschaftswachstums damals nicht dauerhaft sehr hoch geblieben.

Sie verweisen in Ihrem Buch häufig auf das Verhältnis von Kapitalbestand zu Bruttoinlandsprodukt, das in vielen Ländern steigt. Manche Leser sagen, dieser Zuwachs sei gerade in Europa stark auf Wertzuwächse bei Wohnimmobilien zurückzuführen und nicht so sehr auf Zuwächse von Produktivkapital. Stimmt das?

Das ist je nach Land sehr unterschiedlich. Der Befund gilt für Frankreich und Großbritannien, aber nicht für Deutschland. Gerade Deutschland ist ein sehr interessantes Beispiel, weil man hier sehen kann, wie sehr der materielle und der soziale Wert des Kapitals  verschieden sein können. Die Börsenwerte deutscher Unternehmen sind im Vergleich zu Unternehmen aus den Vereinigten Staaten, aus Großbritannien und auch aus Frankreich nicht sehr hoch. Aber dies verhindert nicht die Fabrikation sehr guter Autos durch deutsche Unternehmen. Der rheinische Kapitalismus der Deutschen mit seiner Sozialpartnerschaft sorgt für einen hohen sozialen Wert des Kapitals. Davon profitieren Unternehmen und Arbeitnehmer.

Welche Rolle spielt die Geldpolitik für die Kapitalbildung? Es gibt eine Kritik, nach der die Geldpolitik die Bewertung mancher Anlagen aufbläst.

Die Geldpolitik spielt eine sehr wichtige Rolle. Die Zentralbanken haben nicht die Macht, das Realkapital einer Volkswirtschaft direkt zu steigern; das wäre zu einfach gedacht. Aber mit ihrer Politik verteilen sie Vermögen um. Generell denke ich, dass man in den Vereinigten Staaten und in Europa zu viel von der Geldpolitik verlangt. Ich denke nicht, dass man mit der Geldpolitik eine hohe Staatsverschuldung bekämpfen sollte. Dafür eignete sich die Finanzpolitik viel besser in Gestalt einer Besteuerung von Vermögen, aber das stößt in den Parlamenten auf Widerstand. Natürlich haben die Zentralbanken in der Krise richtig gehandelt, indem sie das Finanzsystem vor dem Zusammenbruch bewahrt haben. Aber wir sind noch zu sehr der Vorstellung Milton Friedmans verhaftet, wonach es reicht, in einer Krise eine gute Geldpolitik zu haben.

 

2. Thomas Pikettys Kontroverse mit der Financial Times

Chris Giles hat in der Financial Times vom 24. Mai 2014 einen ausführlich formulierten Angriff auf Piketty veröffentlicht (hier und hier), in dem er dem französischen Ökonomen nicht nur konkrete Fehler bei der Erstellung seiner Daten vorwirft, sondern den Verdacht zumindest andeutet, Piketty habe Daten so „frisiert“, dass sie zu seinen politischen Thesen passten. Im konkreten Fall geht es vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, um die Vermögensentwicklung Großbritanniens in der jüngeren Vergangenheit.

Piketty hat in einer von der FT veröffentlichten Reaktion den Vorwurf der Manipulation mit dem Hinweis zurückgewiesen, er habe alle Daten veröffentlicht, damit andere Forscher mit ihnen arbeiten könnten. So etwas mache niemand, der täuschen wolle. Piketty räumt – wie schon früher – ein, dass seine Daten über die Vermögensentwicklung nicht perfekt sind, aber er bezweifelt, dass seine grundsätzliche Aussage über die Konzentration von Vermögen unzutreffend sei. Mit den konkreten Vorwürfen von Giles befasst er sich in dieser Replik nicht. Dies gilt auch für eine Stellungnahme, die Piketty noch am Samstag durch die französische Nachrichtenagentur AFP verbreiten ließ. Hier benutzt er eine kräftigere Sprache und bezeichnet die Vorwürfe der FT als „lächerlich“ und bezeichnet ihre Andeutung, aus der Arbeit Giles‘ lasse sich ableiten, Pikettys These einer Vermögenskonzentration sei unzutreffend, als „unehrlich“.

Die Kontroverse hat eine Reihe von Stellungnahmen von Ökonomen und Medien zur Folge gehabt. Viele Stellungnahmen sind durch drei Punkte gekennzeichnet:

1. Giles weist auf konkrete empirische Probleme in Pikettys Arbeit hin und hat damit ein wichtiges Thema entdeckt.

2. Gleichzeitig betreibt Giles aber auch ein „overselling“ seiner Erkenntnisse; sehr wahrscheinlich ändern die bisher diagnostizierten Schwächen in der Arbeit Pikettys nichts oder kaum etwas an dessen grundsätzlichen Erkenntnissen. So kommen bei der Betrachtung einzelner Länder Giles und Piketty zu nahezu identischen Erkenntnissen.

3. Piketty sollte sich aber unbedingt konkret mit den Vorwürfen der FT auseinander setzen.

Eine die Kontroverse sehr gut erklärende Stellungnahme stammt von Ryan Avent in der Onlineausgabe des Economist; geäußert haben sich aber auch viele andere, darunter Justin Wolfers, Neil Irwin und Paul Krugman. Mit Blick auf die Situation in den Vereinigten Staaten haben sich Sufi/Mian zu Wort gemeldet. In Großbritannien wirft Simon Wren-Lewis in seinem Blog dem FT-Journalisten Giles Sensationsgier vor.

Mit Ausgabe vom 26. Mai legt die FT mit einem Artikel nach, in dem sie Piketty zu einer konkreten Stellungnahme auffordert. In Forbes hat sich Scott Winship detailliert mit der Kontroverse auseinander gesetzt. Carter Price vom Washington Center for Equitable Growth meint, dass Giles überzieht.

Chris Giles hat am 28.Mai in der FT ein „Follow up“ geschrieben, in dem er auch auf diverse Reaktionen zu der Kontroverse eingeht. Interessante Erklärungen hatte auch der Ökonom Howard Reed im „Guardian“. Und hier ist ein langer Artikel aus „Businessweek“.

Die Ökonomen Per Krusell und Tony Smith haben sich in einem Arbeitspapier aus theoretischer Sicht mit Piketty befasst – in leicht lesbarer Form in Voxeu zusammen gefasst. Auch interessant aus theoretischer Sicht ist ein Arbeitspapier von Lars Kunze. Brad de Long befasst sich sehr kritisch mit Krusell/Smith.

Am 29. Mai antwortet Piketty detailliert der FT in einem langen Aufsatz, der mittlerweile auch auf Voxeu erschienen ist.Neil Irwin fasst die Replik Pikettys in der NYT zusammen. Justin Wolfers schreibt auf Twitter: „Piketty reply decimates the FT. Debate’s over folks.“ Sehr kritisch gegenüber dem Vorgehen von Giles ist Simon Wren-Lewis.

Nunmehr hat auch Chris Giles auf Pikettys Replik geantwortet und von einer „faszinierenden und wichtigen“ Debatte gesprochen. Er sieht zum Teil einen Konsens mit Piketty, zum Teil aber auch nicht und rät interessierten Lesern, selbst Pikettys Datensätze und Erläuterungen zu studieren.

Mitte Juni 2014 hat Matt Rognlie vom MIT eine theoretische Analyse vorgelegt, die sich kritisch mit einer Kernthese Pikettys auseinander setzt. Hier reagiert Brad de Long auf Rognlie.

Hier ist Justin Wolfers mit Grafiken zu Pikettys Grundthesen. Im Economist hat daraufhin Ryan Avent die Kritik von Rognlie und Wolfers behandelt.

Dirk Niepelt hat eine sehr abgewogene und unaufgeregte Rezension von Pikettys Buch verfasst.

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Frühere Beiträge aus der Reihe Gespräche mit Ökonomen:

1. Rüdiger Bachmann (RWTH Aachen) über DSGE-Modelle in der Makroökonomik

2. Daron Acemoglu (MIT) über die Anwendung seiner Institutionenökonomik auf die Eurokrise

3. Carl Christian von Weizsäcker (Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern) über die Begründung sehr niedriger Zinsen durch die Kapitaltheorie

4. Axel Ockenfels (Universität Köln) über die Grenzen der experimentellen Ökonomik

5. Raghuram Rajan (Chicago) über Exzesse der Geldpolitik und holistische Finanzmarktregulierung