Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Keine Angst vor der Deflation

| 34 Lesermeinungen

Bei sinkenden Preisen kaufen die Verbraucher mehr. Alles andere ist Propaganda.

Woher kommt eigentlich die panische Angst einiger Ökonomen, Politiker und Journalisten vor einer Deflation, also einer Phase sinkender Verbraucherpreise? Im Euroraum ist die Inflationsrate auf ein sehr niedriges Niveau gefallen. Schon seit Wochen hören wir deshalb apokalyptische Warnungen vor einer möglichen Deflation.

Die Deflation werde dem Euroraum ökonomisch das Genick brechen, heißt es nicht selten. Und warum? Zwei Argumente hört man: Erstens wird bei einem sinkenden Preisniveau die reale Schuldenlast der finanziell angeschlagenen Krisenländer größer. Zweitens, so heißt es, führe eine Deflation in eine wirtschaftliche Abwärtsspirale. Verbraucher verschieben Ausgaben, weil sie auf weiter sinkende Preise hoffen. Auch EZB-Chef Mario Draghi hat diese These von der spekulativen Konsumzurückhaltung schon vorgebracht. Aber stimmt sie denn wirklich?

Die These steht auf wackeligen Beinen. Das zeigt eine neue empirische Studie des Instituts für Weltwirtschaft (IfW): Eine fallende Nachfrage bei sinkenden Preisen ist keineswegs die Regel, sondern eher die Ausnahme. In der Realität ist häufiger eine steigende Nachfrage bei sinkenden Preisen zu beobachten. Die Kieler Ökonomen Henning Klodt und Anna Hartmann haben dazu teils unveröffentlichte Zeitreihen des Statistischen Bundesamtes untersucht, das detailliert die Preisentwicklung der verschiedensten Waren erfasst.

Zahlreiche Güter sind im Untersuchungszeitraum 1991 bis 2013 trendmäßig billiger geworden. Von 78 Gütergruppen war dies bei 13 der Fall, am stärksten bei Unterhaltungselektronik, Computern oder großen Haushaltsgeräten wie Waschmaschinen. Diese Güter verbilligten sich zwischen 1994 und 2013 im Durchschnitt um 18 Prozent, wenn man die Qualitätsverbesserung berücksichtigt. Und gleichzeitig stieg die Nachfrage weiter. Ein Beispiel: Wie teuer waren die ersten Digitalkameras, wie billig sind sie heute? Trotz des stetigen Preisverfalls haben Kameraliebhaber keineswegs den Kauf ewig aufgeschoben. Die Deflation der Kamerapreise hat die Industrie nicht in eine Abwärtsspirale getrieben.

Besonders interessant sind für die Forscher solche Datenreihen, wo die Preise zeitweilig stiegen und dann sanken oder umgekehrt. Die IfW-Ökonomen haben untersucht, wie sich die Nachfrage änderte, wenn sich ein Preistrend umdrehte. Das Bild war gemischt. Aber es unterstützte nicht die These der Konsumzurückhaltung. Bei 43 untersuchten Gebrauchsgütern, deren Preistrend sich änderte, sprachen zehn Fälle für, aber 33 gegen die These von der Konsumzurückhaltung in Erwartung fallender Preise. Es gebe mithin “kaum Evidenz für die konsumhemmende Wirkung sinkender Preise”, schreiben die IfW-Forscher. Henning Klodt rät den Zentralbanken, sie sollten dem Deflationsgespenst “gelassen ins Auge blicken”.

Doch wenn es um Inflation und Deflation geht, bleiben nur die wenigsten Ökonomen und Bürger gelassen. Dabei gibt es eine mentale Kluft zwischen den Debatten in Deutschland und Amerika. Hierzulande sind die Ansichten noch immer vom Inflationstrauma der frühen 1920er Jahre geprägt. In den Vereinigten Staaten hat hingegen die Depression der frühen 1930er Jahre mit der begleitenden Deflation tiefe Narben hinterlassen.

Wenig Erinnerungen hat die Öffentlichkeit indes an die vielen Deflationen im 19. Jahrhundert. Im Zeitalter des klassischen Goldstandards waren Inflationen die Ausnahme und deflationäre Phasen recht häufig, wie auch der frühere Fed-Chef Ben Bernanke in wirtschaftshistorischen Analysen festgestellt hat.

In Deutschland gab es nach dem geplatzten Gründerzeitboom 1873 eine recht ausgeprägte Deflation bis Mitte der 1880er Jahre. Zwar klagten viele Zeitgenossen über nominal sinkende Löhne und Einkommen. Aber sie übersahen, dass der reale Wert ihrer Einkommen zunahm (die typische Geldillusion). Nach dem heutigen Stand der Forschung wuchs die Wirtschaft des Deutschen Reichs wieder kräftig, nachdem sie den “Gründerkrach” verdaut hatte. Es gab keine “Große Depression”. Neue Industrien und steigende Produktivität trieben einen Konjunkturaufschwung in den 1880ern an. Das Preisniveau sank, weil die Wirtschaft produktiver wurde und der Output wuchs, während die Geldmenge nur langsam expandierte. Durch die Deflation konnten sich die Menschen mehr leisten und wurden real reicher.

Zu sagen, dass es “gute Deflationen” gibt, gilt heute aber als ketzerisch. Keynesianische und auch die meisten Mainstream-Ökonomen fürchten Deflationen wie den Gottseibeiuns. Sie sollten den neuesten Jahresbericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), des Ober-Instituts der Zentralbanken der Welt, genau lesen. Darin steht: Es gebe “zuhauf Beispiele ,guter’ oder zumindest ,gutartiger’ Deflationsepisoden in dem Sinne, dass diese Episoden mit Phasen einhergingen, in denen die Wirtschaftsleistung trendmäßig wuchs oder nicht leicht und vorübergehend schrumpfte”. Solche gutartigen Deflationsepisoden waren typisch in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, während in der Zwischenkriegszeit kostspieligere Deflationen zu verzeichnen waren, die das reale BIP-Wachstum belasteten. “Die Deflationsepisoden der letzten zweieinhalb Jahrzehnte”, schreibt die BIZ, als die Globalisierung die Preise drückte, “entsprechen im Schnitt eher dem Typus der guten Deflation.”

Es gebe “kein inhärentes Risiko einer Deflationsspirale”, betont die BIZ, die sich dabei auf eine Studie ihres Volkswirts Claudio Borio und von Andrew Filardo beruft. Starke und anhaltende Preisrückgänge seien ziemlich selten. In Japan fielen die Preise über mehr als ein Jahrzehnt kumuliert nur um 4 Prozent. Das war nicht besonders viel.

Ein größerer Schaden für die Volkswirtschaft ergibt sich aber dann, wenn es zu “Vermögenspreisdeflation” und einer “Debt Deflation” kommt. Dieses Phänomen hat als Erster der Ökonom und Investor Irving Fisher in der Weltwirtschaftskrise analysiert: Anleger verkaufen in Panik ihre Wertpapiere und Beteiligungen, was den Preisverfall noch beschleunigt. Gleichzeitig wächst die reale Last der Kredite der Investoren und Haushalte.

Damit nähern wir uns dem Kern des Problems: Deflation ist vor allem eine Belastung für Schuldner. Die derzeit in der Eurozone so niedrige Inflation besorgt die EZB, Politiker und Ökonomen, weil den Schuldnern Geldentwertung fehlt, die ihnen die Last abnimmt. Wenn die EZB nun wieder große Geldspritzen vorbereitet, dann primär mit Blick auf die Schuldnerländer. Inflation bedeutet Umverteilung. Sie bewirkt einen Transfer von den Gläubigern (vor allem in Deutschland) zu den Schuldnern (in Südeuropa). Wäre es nicht ehrlicher, diesen Transfer offen zu benennen, statt falsche Argumente über die Deflation vorzuschieben?

Der Beitrag erschien zuerst als “Sonntagsökonom” in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Die Illustration stammt von Alfons Holtgreve.


34 Lesermeinungen

  1. Idris_30 sagt:

    Dieser Artikel bestätigt ...
    meine persönliche Meinung zur Angst vor der Deflation. Alles nur Panikmache um schön weiter Papier drucken zu können.

  2. muellerthomas78 sagt:

    Titel eingeben
    Was für eine schwache Studie des ifw. Der Autor würde die sicher komplett auseinandernehmen, wenn dort seien Weltsicht nicht so halbwegs bestätigt würde. Tatsächlich widerlegt die Studie ja nicht einmal die Argumente gegen Deflation, es wird lediglich gesagt, dass die Belege auf mikroökonomische Ebene nicht so eindeutig sind.

  3. muellerthomas78 sagt:

    Titel eingeben
    Die Argumente gegen Deflation mit mikroökonomischen Beispielen widerlegen zu wollen, ist schon lustig. Die großen Wirtschaftskrisen waren fast immer Deflationskrisen. Fallende Einkommen führen zu sinkender Nachfrage und die zu sinkenden Preisen, die Unternehmen investieren nicht mehr, die Arbeitslosigkeit steigt weiter. Die Zusammenhänge sind klar und eindeutig. Aber klar, dass die konservativen bei der FAZ das anders sehen. Unter der Deflation hatten ja auch vor allem die unteren Einkommensgruppen zu leiden, deren Einkommen sanken oder die direkt arbeitslos wurden.

  4. Rotzki sagt:

    So ist es richtig
    wenn wegen eines fallenden relativen Preises und den daraus resultierenden Substitutionsvorgänge in Konsumportfeuillles die Nachfrage nach diesen relativ zu anderen Gütern preiswerteren Gütern steigt, heißt das noch lange nicht, dass, wenn die Preise für alle Güter sinken, dann auch die Nachfrage steigt.

    Ein typischer “Kurzschluß”, würde der Wissenschaftstheoretiker sagen.

  5. Antimer sagt:

    Immer diese Vereinfachungen und einfachen Wahrheiten.
    In Zeiten der Euphorie und Übertreibung des Herdenverhalten steigen die Güter- und Dienstleistungspreise ebenso überschwänglich.
    In der folgenden Phase der Ernüchterung korrigieren die Preise für Güter und Dienstleistungen sowie die Vermögenspreise bei Immobilien und Aktien und anderen Geldanlagen.
    Diese Korrektur ist erneut von Übertreibungen gekennzeichnet. Börsengurus sprechen dann von Überverkauft. Die Zeit bleibt aber nicht stehen. Sind die Preise auf dem Boden der Tatsachen angelangt, steigen sie auch wieder. Dieses Muster gilt seit Entstehung der Marktwirtschaft vor fast 300 Jahren. Warum sollte es diesmal anders sein? In Phasen des Aufschwungs und in Phasen des Abschwungs wollen die “Experten” Geld verdienen und suchen nach ängstlichen Mitbürgern, die sie ausnutzen können. Die können leicht gefunden werden.
    Sind die ängstlichen Deutschen die leichteren Opfer?
    Der Verlauf der Krise zeigt eigentlich große Zurückhaltung gegenüber den Versprechen auf leichten Reichtum ohne Arbeit. In der Niedrigzinsphase zieht das Argument nicht: “Lassen sie ihr Geld für sich arbeiten.” Man braucht zu viel Geld, um von dessen “Arbeit” leben zu können.
    Wie ist das nun mit der These: “Bei sinkenden Preisen kaufen die Verbraucher mehr.”
    Es mag solche Produkte geben. Es gibt mindestens genauso viele Gegenbeispiele. Trotz sinkender Zinsen haben die Privathaushalte in D nicht stärker Kredite nachgefragt oder Häuser gebaut, obwohl es hier noch viel Nachholebedarf gäbe.
    Kleinere Preisschwankungen ändern das gewohnheitsmäßige Verbraucherverhalten kaum. Die Vorstellung mancher Ökonomen, dass die Verbraucher auf jede Preisänderung sofort ihre Kaufentscheidung ändern, ist realitätsfern. Man könnte den Grad der Preisänderung berechnen, der eine Kaufentscheidung begründet. Das will gar keiner, weil einfache Wahrheiten viel lieber sind.
    Das gilt dann auch für die Themen von Arbeitslosen, Investitionen, Rohstoffpreise, auch Strompreise nach dem EEG usw. Nirgendwo gründliche Analyse – nur Palaver.

  6. Rotzki sagt:

    Leider Unsinn
    Man kann nicht von einem eher mikroökonomisch erklärbaren Zusammenhang auf makroökonomische schließen.

    Vollkommener Unfug, diese Studie!

  7. friedrich_leipzig sagt:

    Danke.
    Sehr erfreut, daß das in dieser Zeitung mal jemand so deutlich sagt.

  8. hpmalter sagt:

    Die Schuldner wollen Inflation
    Endlich ein Artikel, der nicht aus einer Modezeitschrift kommt.
    Ich habe mich immer gefragt, woher all diese „Experten“, die fast alle Beamte oder nachplappernde Schreiberlinge sind, so genau wissen, daß Deflation schädlicher sei als Inflation?
    Tatsache ist: bei Deflation werden Sparer belohnt und Schuldner bestraft, bei Infaltion werden Schuldner belohnt und Sparer betraft. Sehr wahrscheinlich soll es so sein! Denn der politische Einfluß der Schuldner ist schlicht größer als der der Sparer, die hart arbeiten und keine Zeit haben zu protestieren. Anders bei den Schuldnern . Die leihen sich diese Zeit in unverfrorener Weise und lassen andere dafür arbeiten und bezahlen! Daß sich fast die gesamte Elite für für die Rechtfertfung dieses Falschspiels hergibt, ist skandalsö, wenn nicht sogar kriminell, aber gut zu verstehen, denn die Elite gehört überwiegend zu den Schuldnern, deren Schulden bei Infaltion ohne eigenes Zutun einfach abnehmen – wie schön!
    Daß Deflation bei den durch Gier und Wohlstandsillussion aber nicht durch Wertschöpfung in den Südländern hoch getriebenen Preisen, notwendig ist, sagt einem schon der gesunde Menschenverstand.
    Der scheint jedoch keine Stärke einer Elite zu sein, die bis vor 4 Jahren noch nicht einmal wußte, was Target2 ist und die bis heute nicht weiß, daß der Euro nicht eine Einheitswährung, sondern eine Währungsunion ist! Oder ist das einfach nur Gerissenheit zwecks Sicherung des eigenen Vorteils??

  9. RLee sagt:

    Beispiel für Deflation aus der Praxis
    Computer u. Fernsehen. Da ist der technologische Fortschritt über Jahrzehnte gewaltig dass die Preise ständig sinken.

    Wenn man sich heute eine neue Grafikkarte kaufen will, könnte man auch noch 4 Wochen warten, denn dann ist sie wahrscheinlich 10 % günstiger. Man wartet aber nicht denn sonst kann man ewig warten weil die Preise eben kontinuierlich fallen.

    Man kauft somit in der Deflation weil man das Gut JETZT benötigt und nicht weil es in ein paar Monaten günstiger ist.

    Warum also hat die Politik so große Angst vor der Deflation? Ganz einfach weil die Großschuldner nur von Inflation profitieren.

    • UweReissner sagt:

      Betrachten wir doch mal ihr Beispiel aus der Betriebswirtschaftlichen Seite
      Sie haben ein Planungsbüro und kaufen für ihre Mitarbeiter für die Summe X Computerarbeitsplätze ein. I.R. ein großer Teil davon über einen Kredit. Sie kalkulieren einen Stundensatz ein, den man braucht um alle Kosten zu decken.
      Ein Jahr später gründet ihr Nachbar ein Büro, weil er sieht, dass sie Erfolg haben. Er muss nun aber 20% weniger investieren und kann entsprechend niedrigere Stundensätze annehmen und damit den Rivalen aus dem Markt drängen.
      Dieser muss seine Kosten drücken. Er entlässt. Schlimmstenfalls geht er Pleite.
      Der PC-Bereich ist ein sehr gutes Beispiel, weil man sehen kann, wie wenige Geschäfte aus der Anfangszeit überlebt haben, bei denen Produkte nicht rechtzeitig verkauft werden konnten.

      Wenn das nur eine Branche betrifft, verteilen sich die entlassenen auf den anderen Sektoren. Betrifft es die gesamte Wirtschaft, sinkt die Kaufkraft rapide, weitere Kosteneinsparungen sind die Folgen, i.R. durch Entlassungen, und die Kaufkraft sinkt weiter. Der Staat hat weniger Einnahmen und höhere Kosten, muss diese durch höhere Schulden oder höhere Steuern auffangen, was die Kaufkraft weiter sinken lässt.
      Deshalb hat man Angst vor einer Deflation. Für den Endverbraucher hört sich das erst einmal gut an. Bis er Arbeitslos ist und schlimmstenfalls seine langfristigen Kredite nicht mehr begleichen kann. Es folgt das Bankenproblem…..

  10. InYourDreams sagt:

    Mag alles sein,...
    ich würde sie nur gern irgendwo sehen, die sinkenden Preise und die steigende Kaufkraft. Wo finde ich die denn? Ich wäre für sachliche Hinweise dankbar :)*

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