Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Warum die Inflation nicht kommt

| 24 Lesermeinungen

Viele Ökonomen hatten seit mehreren Jahren wegen der Geldpolitik der EZB eine deutlich höhere Inflationsrate für Deutschland beschworen. Das Gegenteil ist geschehen - die Inflationsrate ist gesunken und befindet sich in der Nähe ihres niedrigsten Standes seit 1949. Das ist nicht erstaunlich, heißt es in einer Studie der Deutschen Bank: Für eine hohe Inflation fehlen wichtige Voraussetzungen.

Die gerade in Deutschland verbreitete Inflationsfurcht ist schon mehrfach Thema in FAZIT gewesen, zum Beispiel in unserem “Planeten-Beitrag” oder in einer Beschreibung der widersprüchlichen geldpolitischen Analysen liberaler Ökonomen. In einem Überblick über Inflationstheorien hatten wir vor rund zwei Jahren die Vermutung geäußert, dass Inflation solange kein ernsthaftes Thema sein wird, wie die private Kredittätigkeit nicht deutlich zunimmt.

In einer neuen Arbeit konstatiert Stefan Schneider, Ökonom bei der Deutschen Bank, dass eine ausgeprägte Inflationsfurcht von Beginn an unbegründet war: “Seit Beginn der europäischen Staatsschuldenkrise war offensichtlich, dass die konjunkturellen Auswirkungen sowie die durch die Krise ausgelösten angebotsseitigen Reformen einen erheblichen Abwärtsdruck auf die Inflationsrate in der Eurozone auslösen würden, und dies ungeachtet der Vorhersagen der Schwarzseher, die davon ausgingen, dass die in einem solchen Ausmaß noch nie da gewesene Lockerung der Geldpolitik die Inflation in allen großen Volkswirtschaften kräftig anheizen würde.”

Nun hätte man denken können, dass vielleicht zumindest in Deutschland die Inflationsrate in den vergangenen Jahren spürbar zugelegt hätte, denn anders als zum Beispiel in Spanien oder Italien ging die deutsche Wirtschaft nicht durch eine Krise und besonders der Arbeitsmarkt ist in Deutschland sehr stark, was eigentlich deutliche Lohnerhöhungen und in der Folge Erhöhungen von Preisen der Güter und Dienstleistungen zur Folge hätte haben können. Aber warum haben Preise und Löhne in Deutschland in den vergangenen Jahren nicht spürbar zugelegt?

Schneider schreibt: “Wichtige Gründe sind kulturelle Faktoren und sogar individuelle Charaktereigenschaften, die zu einer hohen Inflationsaversion führen und damit zum Entstehen der speziellen deutschen Institutionen beigetragen haben. Im Kern scheint die deutsche Gesellschaft mit Verteilungskonflikten und Zeitinkonsistenzproblemen besser umzugehen als viele andere Länder.”

Daraus folgt nach Ansicht des Ökonomen: “Nahezu alle die Inflationsneigung beeinflussenden Faktoren haben in Deutschland eine Ausprägung, die für eine hohe Inflationsaversion spricht. In zwei Schlüsselbereichen für die Inflationsneigung – dem Kreditprozess und der Lohnbildung – finden wir quantitative Evidenz für die begrenzte Inflationsanfälligkeit Deutschlands.”

Berechnungen führen Schneider vor allem zu zwei wichtigen und institutionell begründeten Schlussfolgerungen:

– Erstens ist die Gefahr gering, dass in Deutschland die Kredittätigkeit der Banken und Sparkassen aus dem Ruder läuft. Schneider verweist auf den hohen Marktanteil von Sparkassen und Genossenschaftsbanken, deren Geschäftsmodelle empfindlich gegenüber schnellen Anstiegen der Inflationsrate sei.

– Zweitens sorgt die Verfassung des deutschen Arbeitsmarkts – eine enge Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Gewerkschaften in einer mittelständisch geprägten Wirtschaft – für eine insgesamt zurückhaltende Lohnpolitik.

 


24 Lesermeinungen

  1. Liquie sagt:

    Man braucht keinen Dr. Prof. oder Uni Abschluss in Wirtschaft
    Meiner Meinung braucht man keinen hohen Bildungsstand um dies zu erkennen, sondern man muss den Menschen zuhören:

    – Hohe Steuern
    Wo kein Geld zum Ausgeben ist, wird auch nichts ausgegeben, oder? 45% sind schon Recht unverschämt und jemand der 30 Jahre alt ist und gerade Uni-abschluss gemacht hat wandert lieber aus als 6 Monate im Jahr für den Staat zu arbeiten.

    – Kein Vertrauen in Wirtschaft und Politik
    Seit der letzten Krise sind Anleger mit Recht skeptisch geworden und Bunkern lieber ihr Geld als es Anzulegen. Ich zum Beispiel warte auch lieber bis die nächste Krise kommt um es Anzlegen – aber eine Sparzinsbestrafung soll abhelfen für diejenigen, die das Spiel durchschaut haben… Naja dann bleibt halt das Bunkern von Gold als Alternative.

    Ich wünsche den Finanzpolitikern (bzw. Finanzmafiosen) noch viel Spass auf kreative Ideen zu kommen das Geld der Bürger weiter anzuzapfen.

  2. […] Fazit: Warum die Inflation nicht kommt […]

  3. theo02 sagt:

    Inflation ist eine Lawine
    wie bei einer Schneelawine türmen sich die Schneemassen auf und es passiert eine ganze Zeit lang nichts – aber wenn die Lawine ins Rollen kommt, dann um so heftiger. Das Geld ist da – es hat sich nur noch nicht verteilt. Man merkte die Inflation an den Asset-Märkten und den Immobilien-Preisen. Auch die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ist stark zurückgegangen. Wenn aber erst einmal die Preise deutlich zu steigen beginnen, dann werden auch die Lohnforderungen nachziehen und es kommt zu einer Lohn-Preis-Spirale. Aber noch ist es für die Unternehmen wegen des zunehmenden Wettbewerbs (Preistransparenz durch das Internet) schwierig, höhere Preise durchzusetzen. Durch Globalisierung und Internet ist eben auch in der Ökonomie nichts mehr so, wie es einst war. Hinzu kommen alternative Geldsysteme – die durch Internet-Geld geschaffen werden und möglicherweise in Zukunft eine noch wichtiger Rolle spielen werden.

  4. LudovicoSettembrini sagt:

    Ist Inflation jetzt immer und überall ein rein psychologisches Phänomen?
    “Wichtige Gründe sind kulturelle Faktoren und sogar individuelle Charaktereigenschaften, die zu einer hohen Inflationsaversion führen und damit zum Entstehen der speziellen deutschen Institutionen beigetragen haben.” Michael Woodford hat mit seinen Modellen, die eigentlich keiner so ganz nachrechnen kann (was sich freilich niemand traut zuzugeben…), die Inflation zum reinen Erwartungsmanagementproblem umformuliert. Von da ist es dann freilich nur noch ein kleiner Schritt Inflation als Mentalitätsproblem aufzufassen. Und da können dann wir Deutschen wieder punkten…

  5. Buergersicht sagt:

    Eine Form von schwarzer Kunst ?
    Die Wirtschaftswissenschaften scheint die Deutsche Bank nun endgültig zu einer schwarzen Kunst zu
    erklären. Die Ingredienzien liefern ihr Soziologie und Psychologie, ein in den USA bereits bewährte
    Bausteine. Das Schöne an ihnen ist, daß sie kaum nachprüfbar sind.- Andererseits zu dumm, daß diese Künste noch nicht zur Vertfügung standen, bevor das eigene desaströse Schicksal eintrat Nun kämpft die Deutsche Bank, ohne Frage einmal die erste deutsche Adresse im Bankenbereich, fast um das eigene Überleben . – Nein, was da Herr Schneider glaubt erfühlt zu haben, kann man kaum glauben.
    Man fragt sich, warum es denn vor dem großen Crash zyklisch Formen von Inflation gab.Haben sich
    die Deutschen genetisch so schnell verändert ? Und welche Rolle spielt heute der Umstand, daß Banken praktisch keine mehr bezahlbaren Konsumentenkredite ausreichen? Hinzu kommt, daß auch
    die deutschen Unternehmen ihre Investitionen erheblich zurückgeschraubt haben. Wenn aber weder konsumiert noch investiert wird, fehlt auch jede Initialzündung für eine Inflation, im übrigen
    ein Zusammenhang, der kaum einer akdemischen Behandlung bedarf.

  6. Hephaistos sagt:

    Warenkorb
    Die Frage ist immer, welchen Warenkorb man nimmt. Der bleibt über die Jahre auch nicht konstant. Vor zehn Jahren spielten Smartphones keine Rolle, dafür sind heute CD-Spieler bedeutungslos. Da kann man viel manipulieren, wenn man die Zusammensetzung ändert. Deshalb sind andere Indizes besser geeignet, z. B. der Preis einer Laugenbrezel oder eines Hamburger im Verhältnis zum Durchschnittslohn. Das ist aber alles sehr flexibel und man kann beliebig manipulieren. Wichtig ist aber der Verschuldungsgrad der Wirtschaftssubjekte. Ist der zu hoch, knallte es irgendwann. Und genau das ist gerade unser Problem, siehe Spanien, Irland, Griechenland etc.

  7. EJung sagt:

    Arbeitsmarktflexibilisierung hat als Heilsbringer versagt.
    Mit ihrer Arbeitsmarktflexibilisierung haben uns die Neoliberalen an den Rand der Deflation getrieben. Um dort mit höheren Nominallöhnen wieder wegzukommen, braucht man nun Arbeitsmarktverstarrung.
    Die Agenda 2010 erweist sich somit als größter wirtschaftspolitischer (und wirtschaftstheoretischer) Rohrkrepierer aller Zeiten. Die gleichen Leute, die uns dorthin geführt haben, sind heute die größten Kritiker der EZB Politik. Es ist ein absurdes Schauspiel, mit jeder Menge schwarzer Nullen an der Spitze.

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