Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Tiefe Zinsen schaden den Reichen

| 22 Lesermeinungen

 

Wer verstehen will, wie Deutschlands Geld zwischen Armen und Reichen verteilt wird, der hat es nicht leicht. Mal heißt es: Die Schere geht auseinander, dann heißt es wieder: „Die Armen finden viele neue Jobs und werden reicher.“ Was stimmt denn jetzt? Darauf gibt es eine Antwort. Wenn man genau hinguckt, findet sich zwischen den vielen widersprüchlichen Meldungen ein relativ einfacher Konsens.

Weltweit steigen in den meisten Ländern schon seit mehr als 20 Jahren die Einkommen der Reichen schneller als die der Armen. Dafür werden vor allem zwei Gründe genannt. Der erste Grund ist der technische Fortschritt. Neue Entwicklungen machen manche Arbeit überflüssig, vor allem Routinearbeit und Stellen für schlecht qualifizierte Leute. Dort kommen die Einkommen unter Druck. Auf der anderen Seite aber entstehen neue Stellen, für die man technisch qualifiziert sein muss – die gebildeten und einkommensstarken Mitarbeiter werden umso gefragter.

Der zweite Grund ist die Globalisierung. Die Welt wächst immer weiter zusammen, Grenzen werden immer häufiger überschritten – also ähneln sich auch die Armen und die Reichen auf der Welt immer stärker. Reich zu sein, bedeutet heute in China ungefähr das Gleiche wie in Amerika. Deshalb sind die Differenzen innerhalb der Länder gewachsen.

Heute messen die Statistiker in jedem Land einzeln, dass die Ungleichheit in jenem Land wächst. Wirft man aber die Länder wieder zusammen und betrachtet alle Weltbürger gemeinsam, dann schrumpft der Abstand zwischen Arm und Reich wahrscheinlich.

Der Arbeitsmarkt ist nicht alleine Schuld

Deutschland hatte es in den vergangenen Jahren besonders gut. Seit 2006 sind die Einkommen der Armen schneller gewachsen als die der Reichen. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ist die Ungleichheit jahrelang zurückgegangen, ohne allerdings den Wert aus dem Jahr 2000 wieder zu erreichen. Gemessen wird das Ganze mit dem sogenannten „Gini-Index“, der den Wert eins bekommt, wenn einer das ganze Einkommen hat, und den Wert null, wenn alle das Gleiche bekommen. So werden alle Entwicklungen bei Armen und Reichen gleichzeitig zu einer Zahl verdichtet.

Weil die Trendwende ausgerechnet im Jahr 2006 kam, ungefähr gleichzeitig mit der Einführung der Hartz-Reformen und dem Beginn des Arbeitsmarkt-Wunders, galt lange der gute Arbeitsmarkt in Deutschland als wahrscheinlichster Grund. Es leuchtet ja auch ein: Viele Arbeitslose bekamen Stellen, verdienten mehr – da profitierten in den vergangenen Jahren viele Arme. Doch eine neue Untersuchung sagt: Der Arbeitsmarkt spielt nur eine kleine Rolle.

Die Rechnung stammt von gewerkschaftsnahen Autoren: Miriam Rehm arbeitet bei der Arbeiterkammer in Österreich, Kai Daniel Schmid beim Institut für Makroökonomik und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung, Dieter Wang studiert in Tübingen. Sie gucken sich an, wie sich die einzelnen Einkommensarten entwickelt haben. Und stellen fest: Das Arbeitseinkommen der Deutschen ist zwar in den Jahren des besseren Arbeitsmarkts nicht mehr ungleicher geworden und hat so Deutschland schon mal vom internationalen Trend gelöst, angeglichen haben sich die Arbeitseinkommen aber auch nicht. Deshalb kann der Arbeitsmarkt nur einen Teil der Annäherung von Arm und Reich erklären.

Entscheidender ist, dass die Kapitaleinkommen sich angenähert haben: Mieteinkünfte, Zinsen, Dividenden und so weiter. Eine vollständige Erklärung dafür haben sie noch nicht. Der Trend beginnt ja schon im Jahr 2006. Sicher ist: Von 2008 an haben die Kursstürze an der Börse wegen Finanz- und Eurokrise die Reichen viel Geld gekostet.

Die Armen müssen reicher werden, nicht die Reichen ärmer

Wenn die Reichen ärmer werden, bringt das die Einkommensschichten auch wieder zueinander – der beste Weg ist das trotzdem nicht. Das macht nicht nur arm, sondern es ist auch nicht gut für das Wachstum in der Zukunft.

Dazu hat ein Ökonom der Industrieländer-Organisation OECD gerade erst genauere Daten geliefert. Federico Cingano hat zwar ausgerechnet, dass hohe Ungleichheit auch in Industrieländern auf das Wachstum schlägt. Dafür ist aber nicht entscheidend, ob die Reichen mehr Geld haben als die Mittelschicht – das bleibt eine Neiddebatte. Das Wirtschaftswachstum verbessert sich dann, wenn die Armen aus ihrer Armut herauskommen und sich der Mittelschicht annähern.

Und wie geht es jetzt weiter? Was die Armen angeht, wird das von der weiteren Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt abhängen. Wenn die weiter so gut bleibt wie in den vergangenen Jahren, dann könnten die Armen mindestens den Anschluss an die Reichen halten.

Trotzdem ist nicht gesagt, dass auch der Gini-Index in Deutschland weiter sinkt. Wenn tatsächlich die Kapitaleinkommen der Grund für die zunehmende Gleichheit waren, könnte der Trend bald wieder enden. Denn in den vergangenen Jahren sind die Aktienkurse wieder heftig gestiegen. Auch die Gesamt-Ungleichheit ist im Jahr 2012 wieder nach oben gezuckt. Aber nichts ist sicher. Denn die Zinsen weisen in die Gegenrichtung. Sie sind so niedrig wie kaum je zuvor in der Geschichte. Das trifft eher diejenigen, die überhaupt etwas gespart haben, und das ist ungefähr die reichere Hälfte Deutschlands.

 

Eine Bonusfrage für die Fazit-Leser: Beim DIW sinkt der Gini-Koeffizient seit 2006, bei Rehm/Schmid/Wang stagniert der Koeffizient nur. Das DIW bezieht seine Zahlen auf äquivalenzgewichtete Nettoeinkommen, berücksichtigt also, wie viele Menschen in einem Haushalt leben. Zudem berücksichtigt es private Transfers. Hat jemand eine Idee, wie Haushaltsgrößen oder private Transfers zur Senkung der Einkommens-Ungleichheit beitragen können?

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22 Lesermeinungen

  1. uups, in satz vergessen
    „wer deutschland heute so sähe, würde evtl. auch erkennen können, dass der teils über große flächen schlechte zustand deutschlands – sowohl an öftl. infrastruktr als auch z.b. an den privaten immobilen – „investitonsstau“ wg. unterlassung vielfach überall – hier partiell möglicherweise mit auf eine solche psychologische blockade zurückzuführen wäre: hier bleiben viele der einfachen arbeiten alle liegen, „weil alles zu teuer“, rsp. „weil alle längst viel zu teuer“. (aber welche „alle“ eigentlich?)

    und so sähe es hier dann teils auch aus. dabei müsste das nicht so sein. es wäre wahl, kein naturgesetz.

    keine preiswerten arbeitskräfte in aureichender zahl zu haben, schadete den reichen also noch viel mehr, als nur niedrige zinsen.“

  2. Vermieter
    können die miete erhöhen. und da käme dann ggfls. relativ schnell der einwand, aber nur noch in begrenzter höhe, falls reguliert würde.

    daher erhöhten vermieter die miete in schlechten zeiten auch schon mal auch unbar – ich komme heute abend zu ihnen zum essen, und anschließend schlafen sie mit mir.

    weshalb die soziologen unter den lesern längst nebenbei die medienlandschaft auch auf das erste auftreten solcher berichte und meldungen hin mit abscannten, „to know the busines your in, to know your people you live amongst“, sozusagen. mittelschichten auf dem ab(wärts)weg.

    @ „Neue Entwicklungen machen manche Arbeit überflüssig, vor allem Routinearbeit und Stellen für schlecht qualifizierte Leute. Dort kommen die Einkommen unter Druck. Auf der anderen Seite aber entstehen neue Stellen, für die man technisch qualifiziert sein muss – die gebildeten und einkommensstarken Mitarbeiter werden umso gefragter.“

    das evtl. noch zu „eng deutsch“, also zu national nur gedacht, zu sehr evtl. auch nur im vorfindlichen paradigma dieses kulturkreises?

    man fahre z.b. nach dubai – und sehe, dass dort in größten stil einfache arbeiten gemacht würden. preiswert, aber nicht im akkord, aber in 2x 12h-schichten. (man sagt für ca. 300/monat) also z.b. von ausländischen „gastarbeitern“, aus pakistan oder indien, oder auch von immobilien- oder finanzmaklern aus england, oder hotelier aus mitteleuropa. die aber etwas teurer. aber jede durchschntl. einheimische familie inzw. 15 mio. dollar privatvermögen. und kämen gut damit zu recht.

    speziell die vielen sehr preiswerten gastarbeiter aber brächten es enorm: der einheimische bräuchte die einfachen arbeiten nicht selber machen, könnte aber anleiten, machte so deutlich viel mehr bruttosozialprodukt, als würde er die niederen tätigkeiten selber ausführen.

    wer deutschland heute so sähe, würde evtl. auch erkennen können, das der teils über große flächen schlechte zustand deutschlands – sowohl an öftl. infrastruktr als auch z.b. an den privaten immobilen – „investitonsstau“ wg. unterlassung vielfach überall – hier partiell möglicherweise mit auf eine solche psychologische blockade zurückzuführen wäre: hier bleiben viele der einfachen arbeiten alle liegen, „weil alles zu teuer“, rsp. „weil alle längst viel zu teuer“.

    und so sähe es hier dann teils auch aus. dabei müsste das nicht so sein. es wäre wahl, kein naturgesetz.

    keine preiswerte arbeitskräfte in aureichender zahl zu haben, schadete den reichen also noch viel mehr, als nur niedrige zinsen.

    (ok, unsere nennenswerten unternehmen mobilisierten sich deshalb schon lange, gingen immer dahin, wo preiswerte AN zu finden. nur der staat dieser unternehmer bliebe aber leider weiterhin immobil. reiche staaten – also die erfolgreiche kombination aus „reiche“ und „staaten“ – importierten daher preiswerte arbeitskräfte stets in ausreichender zahl – q.e.d.? neuerdings evtl. sogar wieder verstärkt?)

    ungefähr.

  3. Der reisserische Titel "Tiefe Zinsen schaden den Reichen" ist zwar nicht falsch, aber ...
    … m.E. nicht angebracht. Sie schaden offensichtlich allen, welche einen noch so kleinen Betrag auf dem Sparkonto oder in der Rentenversicherung haben und dort jede Nacht von Väterchen Staat kalt und heimlich enteignet werden!
    .
    Der Titel passt auch nicht wirklich zum abgehandelten Thema. Die Diskussion über die Auswirkungen eines steigenden Gini-Koeffizienten ist sehr komplex und übersteigt den Rahmen eines solchen Blog-Artikels.
    .
    Mir ist das Argument der (zugegebenermassen schwierig zu begründenden Fairness) wichtig: Es kann nicht gerecht sein, wenn der hart schuftende Mensch mit geringen intellektuellen Fähigkeiten kaum noch seinen Lebensunterhalt verdienen kann, weil solche Arbeiten weitgehend durch Maschinen erledigt werden können — während der Finanzjongleur mit ein paar schnellen Tricks häuft Unsummen verdient. Und wenn er sich dann in der systemrelevanten Bank zu sehr verzockt hat, bezahlt sogar die Allgemeinheit, d.h. auch der hart Schuftende dafür!

  4. "Tiefe Zinsen schaden den Reichen"
    Das ist ja nichts Neues – und jeder auch nur halbwegs gebildete Arbeiter berücksichtgte es seid 1890 schon immer für seinen „Klassenstandpunkt“.

    Nein, andere Fakoren wären interessant, wie man weiß, obwohl dies wie ein guter Artikel wirkt: Umgekehrt also

    – inflationssicher sind nur Einkünfte aus Gewerbetrieben oder ähnl. Tätigkeiten, wie man weiß, denn die können fortlaufend und in kleinen Schritten aus eigener Vollkommenheit jeden Tag, jede Woche die Preise erhöhen, oder morgen bereits zu erneut eigenen Preisen in anderer Währung fakturieren, falls eingeführt.
    – Arbeiter ohne Kapitalvermögen, die jeden Monat alles ausgeben, aber morgen schon via Gewerkschaft Lohnerhöhungen bekommen können, und wäre es in Form von unbaren Lohnersatzleistungen – ein Zentner Kohle zusätzlich für jeden – wären auch relativ immun – bis auf ihren Schadensanteil falls Schaden an auch ihren Sozialsystemen einträte.
    – Vermieter könnten entsprechend die Mieten erhöhen.
    – nur Staatsdiener und Besitzer von Kapitalervermögen wie Erspartem auf der Bank wären die Leidtragenden.

    Nein, tiefe Zinsen schaden ggfls. nicht „den Reichen“, sondern nur dem gehobenen Bürgertum – und den Dummen. (Und tiefe Zinsen nutzen vor allem den Superreichen, wie auch die FAZ weiß – denn durch tiefe Zinsen steigen die Aktienkurse – und der volkswirtschaftliche Wert, den Unternehmen relativ zu allem anderen hätten, nähme zu.)

    Wesentlich also vor allem eines: Die soziale Elastizität, rsp. Plastiztät zwischen den Schichten. Ist die hoch, so wie wechselseitige Kenntnis von- u. übereinander, ist es gut für alle.

  5. Veränderung von Assetpreisen werden bim Gini-Index doch gar nicht berücksichtigt
    Aus dem Artikel geht nur indirekt hervor, dass bei Bezugnahme auf den Gini-Index der Index für das Einkommen gemeint ist und nicht der Gini-Index für das Vermögen.

    Kursverluste (oder Gewinne) an den Börsen (oder bei Immobilienpreisen) fließen aber gar nicht direkt in die Einkommensstatistik ein.

    Tendenziell steigt der Wert von Immobilien (und ceteris pairbus auch der von Aktien sowie der Wert von festverzinslichen Wertpapieren), wenn die Zinsen sinken. Wenn man also in Immobilien investiert ist, und die Zinsen sinken, steigt das Vermögen (dies wird beim Einkommen aber gar nicht direkt berücksichtigt).

    • Nicht direkt, aber beim Verkauf des Vermögens häufig schon. Will sagen: Sobald aus der Papierzahl tatsächlich Geld wird, steckt die drin.

  6. Pingback: 5 vor 10: Zinstief, Stahlproduktion, Erwerbstätigkeit, Mindestlohn, Kosten | INSM Blog

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