Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Eine radikale Geldreform: Das Aktiengeld

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Es gibt mehrere Vorschläge, wie unser Geldsystem radikal verändert werden könnte. Beispiele sind die Rückkehr zum Edelmetallgeld oder die Beschränkung der Geldschöpfung („Vollgeld“). Wir holen eine völlig andere, äußerst originelle Idee aus der Versenkung: Das Aktiengeld des Frankfurter Ökonomen Wolfram Engels.1) Und damit schaffen wir unter anderem den Zins ab.

 

Dieser Beitrag wird sich darauf beschränken, das Konzept einführend zu beschreiben – und das ist schon keine Kleinigkeit.2) Falls Interesse besteht, kann das Thema in weiteren Beiträgen vertieft werden.

Die Suche nach langfristig wertstabilem Geld

Engels‘ Beschäftigung mit diesem Thema begann in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts; nicht zufällig einer Zeit mit im Vergleich hohen Inflationsraten. Nach seiner Ansicht war das Papiergeld keine zuverlässige Geldordnung, weil es keine Sicherheit über die zukünftige Wertentwicklung gab. Engels plädierte für eine Geldordnung, die ein auf Jahrzehnte wertsicheres Geld versprach und damit die langfristige Kapitalbildung erleichterte – für Engels die Voraussetzung wirtschaftlichen Wohlstands: „Als ein Teil der Bevölkerung dazu überging, Kapital zur Altersvorsorge anzusammeln, statt sich von den eigenen Kindern ernähren zu lassen, gingen erstens die Geburtenraten zurück, und es entstand zweitens ein Kapitalstock. Der einzelne Arbeitsplatz konnte mit Maschinen ausgestattet werden: Arbeitsproduktivität und Löhne stiegen.“

Die Vorsorge durch Kapitalbildung erfordert ein „verlässliches Bindeglied von Gegenwart und Zukunft“. Engels vertrat die Ansicht, „dass die Menschen weder ihr zukünftiges Geldeinkommen noch ihren realen Konsum planen, sondern ihren sozialen Status“. Als Risiko werde ein Verlust an Sozialstatus empfunden: „Daraus folgt, dass das Band zwischen Gegenwart und Zukunft … eine statusgesicherte Einheit sein sollte.“

Die nächste wesentliche Erkenntnis ist, dass „Konsummöglichkeiten auf dem Wege der Kapitalbildung nur in Form von Sachvermögen in der Zeit transportiert werden – jedenfalls, wenn man die Gesellschaft als ganzes betrachtet.“ Denn das Geldvermögen ist (in einer geschlossenen Wirtschaft) Null, weil finanziellen Forderungen finanzielle Verbindlichkeiten entgegen stehen.

An dieser Stelle entwickelt Engels die Verbindung zur Geldordnung: „Eine kapitalistische Gesellschaft als Ganzes kann allenfalls dafür sorgen, dass die Ersparnisse möglichst produktiv angelegt  werden, dass die Investitionen gut gemanagt und wirksam überwacht werden., und sie kann dieses Sachvermögen diversifizieren und mobilisieren. Die höchste Stufe dieser Mobilisierung wäre die Transformation von Sachvermögen zum Geld.“

Das ist noch nicht neu, denn auf dieser Basis würde eine Edelmetallwährung funktionieren oder eine Währung, die auf einem Bündel von Rohstoffen beruht. Entscheidend ist für Engels die Art des Sachvermögens, mit dem das Geld unterlegt wird, und da kennt er viel Besseres als Gold und Silber. Er bedient sich bei der modernen Kapitalmarkttheorie 3), die besagt: Es ist aus Gründen der Risikodiversifikation optimal, als Sachvermögen Anteile am sogenannten Marktportfolio zu halten, also am gesamten Sachvermögen einer Volkswirtschaft.4) Der Staat könnte somit Folgendes vorschreiben (Engels schrieb vor der Einführung des Euros): „Eine Deutsche Mark ist der billionste Teil des deutschen Volksvermögens am 1. Januar 1999.“ Das hier auf die D-Mark angewandte Prinzip ließe sich prinzipiell auch auf den Euro7) oder jede andere Währung übertragen.

Wie soll das in der Praxis gehen?

Das Sachvermögen besteht aus „Grundstücken, Häusern, Bauernhöfen, Wäldern, Unternehmen, Eisenbahnen etc.“. Offensichtlich ist es unmöglich, den Wert des gesamten Sachvermögens täglich neu zu ermitteln: „Man braucht deshalb eine leicht ermittelbare Näherungsgröße.  Wenn es leicht und billig wäre, Realinvestitionen in die Form der Aktiengesellschaft zu kleiden und diese Aktiengesellschaften wieder aufzulösen, dann wäre ein Performance-Index der Aktienkurse eine geeignete Näherungsgröße.“ Und damit sind wir beim Aktiengeld: Der Wert des Geldes bemisst sich an der Entwicklung eines repräsentativen Aktienindex, wobei es sich um einen Index handelt, der ausgeschüttete Gewinne wieder in die Kurse einrechnet. Das ist mit der Bezeichnung Performance-Index gemeint. Die Festlegung des Geldwertes geschieht dadurch, dass der Performance-Index konstant gehalten wird.

Das heißt: „Eine Banknote auf 100 Deutsche Mark wäre also ein Investmentanteil an einem Fonds, der das Volksvermögen enthält und dessen Preis unter der Fiktion ermittelt wird, dass alle Erträge reinvestiert wurden.“

Die Tatsache, dass erstens  im Performance-Index Ausschüttungen wie Dividenden und Zinsen enthalten sind und zweitens der Wert des Geldes gegenüber dem Index konstant bleibt – das Geld verzinst sich ebenso wie das Sachkapital -, bedeutet auch, dass der Nominalzins unter der Annahme eines Konkurrenzmarktes im Bankwesen in dieser Welt Null ist! Was heutzutage vielen Menschen als Skandal gilt, betrachtete Engels im Verein mit älteren Theoretikern 5) als Auszeichnung: Demnach ist die Qualität des Geldes umso höher, je niedriger der Nominalzins ist und bei einem Nominalzins von Null ist die höchste Qualität des Geldes erreicht!

Und was geschieht bei einem positiven Realzins zum Beispiel als Folge technischen Fortschritts? Er schlägt sich in Form fallender Güterpreise bei konstantem Nominallohn nieder! Engels schrieb: „Der Produktivitätsfortschritt äußert sich also nicht in steigenden Löhnen, Renten etc., sondern in wachsender Kaufkraft konstanter Löhne. Da es nominal keinen Zins gibt, gibt es nominal auch keine Kapitaleinkommen. Die reale Kapitalverzinsung äußert sich ebenfalls in steigender Kaufkraft. Die Quote der Arbeitseinkünfte am Volkseinkommen wird nominal mit 100 Prozent ausgewiesen.“ So führt der Produktivitätszuwachs zu einem höheren Reallohn. Auch die Idee, dass sich technischer Fortschritt nicht in höheren Nominallöhnen, sondern in sinkenden Güterpreisen bei konstantem Nominallohn niederschlägt, ist in den Wirtschaftswissenschaften schon sehr lange bekannt, auch wenn sie in den vergangenen Jahrzehnten keine große Rolle spielte.

Als Engels sein Konzept vorstellte, warf es viele Fragen auf. Eine lautete: Wie kann man stabiles Geld durch Bindung an einen Aktienindex erwarten, wenn Aktienkurse stark schwanken? Engels vertrat die Ansicht, dass die hohen Kursausschläge (Volatilität) an den Finanzmärkten vor allem die Folge des Papiergeldes und der aus dem Papiergeld folgenden Geldpolitik sind. Nach Ansicht von Engels sollten Preise von Sachvermögen normalerweise gar nicht stark schwanken, denn der Marktpreis eines Vermögensgutes errechnet sich aus den diskontierten künftigen Erträgen eines Sachvermögensgutes. Wenn die Basis des Geldes aber nicht ein einzelnes Gut wie das Gold, sondern der Sachkapitalbestand einer ganzen Volkswirtschaft ist, können erhebliche  kurzfristige Schwankungen nicht erwartet werden.

Währungswettbewerb in staatlichem Rahmen

Angenommen, in einem Land gäbe es im Moment keine Geldordnung und die Menschen dürften eine Geldordnung wählen. Engels war der festen Überzeugung, dass in einem solchen Falle „sein Geld“ gewinnen würde. Allerdings ist die Situation künstlich, denn in Ländern existiert gewöhnlich bereits eine Geldordnung und Engels war auch der Ansicht, dass in diesem Falle der „Platzhirsch“ einen Vorteil gegenüber einem neuen Wettbewerber besäße. Daher hielt Engels es für notwendig, dass der Staat das Aktiengeld – das Engels nicht so nannte; es finden sich bei ihm für das Konzept Begriffe wie „Assetwährung“ oder „Real-asset-Currency“ – als Währungsordnung vorschreibt. Ordnungspolitisch hatte Engels mit dieser Rolle des Staates kein Problem – für ihn war Geld wie die Sprache eine Institution, deren Nutzen mit der Zahl der Nutzer stieg. 6) Innerhalb dieses Ordnungsrahmens war er sehr für einen Wettbewerb zwischen privaten Emissionsbanken; von einem Geldmonopolisten hielt er nichts. Geld entsteht, indem Emissionsbanken Anteile am Aktienindex kaufen und dafür Geld ausgeben; im Grunde verhalten sie sich wie Manager eines Indexfonds.

Engels bezeichnete seine Währung als „Standard“ und nach seiner Ansicht wäre die Welt eine völlig andere, wenn der Standard schon früh Realität geworden wäre: „Die Geschichtsbücher würden wiederum anders aussehen, hätte man mit dem Marktportfolio gerechnet… In dieser Maßeinheit wäre in der ganzen Geschichte weder Zins noch Gewinn aufgetreten…. Die Ideengeschichte der Wirtschaft wäre freilich völlig anders verlaufen… Kurzum: Der Kapitalismus wäre mit dem Standard als Währungseinheit nicht nur effizienter und rationaler gewesen; er wäre auch als ehrbar erschienen. Vielleicht waren Moses, Aristoteles, Jesus und Mohammed einfach nur die besseren Geldtheoretiker.“

 

 

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1) Angemerkt sei, dass ich dieses Konzept vorstelle, um eine Diskussion anzuregen und um, 20 Jahre nach seinem Tode, an Wolfram Engels (1933 bis 1995) zu erinnern. Ich bin jedoch kein Anhänger des Aktiengeldes; ich halte es allerdings auch nicht für abwegiger als Edelmetallgeld oder Vollgeld.

2) Die nachfolgende Darstellung orientiert sich wesentlich an:
– Wolfram Engels: Der Kapitalismus und seine Krisen. Stuttgart 1996 (Alle deutschen Zitate stammen aus diesem Buch.)
– Wolfram Engels: The Optimal Monetary Unit. Frankfurt 1981 (Alle englischen Zitate stammen aus diesem Buch.)
Daneben hatte Engels das Konzept in Fachaufsätzen behandelt. Nach meiner Kenntnis ist keiner dieser Texte frei im Internet erhältlich.

3) Es handelt sich um das – in der Fachwelt – berühmte Preismodell für Kapitalgüter („Capital Asset Pricing Model“ CAPM), für dessen Entwicklung Nobelpreise vergeben wurden und das bis heute zur Grundausrüstung in Vorlesungen über Finanztheorie zählt.

4) Nach Engels lässt sich das Prinzip der Sachkapitalbindung des Geldes bis auf James Steuart (1713 bis 1780) zurückführen.

5) Engels nannte Gottfried Haberler, Albrecht Forstmann und Milton Friedman als Vertreter dieser Auffassung.

6) Nach dieser Sichtweise war es konsequent, sein Geld im Weltmaßstab zu etablieren: „The best conceivable money is a world monopoly money, the unit of which is defined as a constant fraction of the value of the world market portfolio.“

7) Im Falle des Euros käme beispielsweise der 100 Werte umfassende F.A.Z.-Euro (TR)-Index in Frage. TR steht für „total return“.


20 Lesermeinungen

  1. Der Wert des Geldes ist nicht an bestehende Sachwerte gebunden...
    …sondern an potentiell dafür verfügbare Waren und Dienstleistungen, auch die, die erst deshalb produziert werden, weil es Geld und damit kaufkräftige Nachfrage gibt.
    Eine starke Währung ist immer ein Ausdruck der Wirtschaftsleistung eines Währungsraumes. Wer darauf vertraut, für sein Geld etwas kaufen zu können, für den ist Geld etwas Wert – wenn nicht, kann man es noch so sehr mit Gold, Boden oder Industrieanlagen decken.
    Vollgeld ist dagegen keineswegs zwangsläufig eine Beschränkung der Geldschöpfung; es gibt diese nur in andere Hände und kann so auch dann die Wirtschaft mit dringend benötigtem Geld versorgen, wenn der Bankensektor dies nicht mehr kann.
    https://le-bohemien.net/2013/08/29/woher-das-geld/

  2. Nach dem Aktiengeld das Grundstücksgeld
    Ich habe einen zweiten Beitrag über die Arbeiten Wolfram Engels geschrieben. Er heißt: Welche Geldordnung ist optimal?

    https://blogs.faz.net/fazit/2015/07/14/welche-geldordnung-ist-optimal-6087/

  3. Ein Geldsystem ist keine eierlegende Wollmilchsau!
    Ob ein Glas halbvoll ist oder halbleer, ist eine Frage der Perspektive.
    Ebenso beim Geldsystem: Ob es gut oder schlecht funktioniert, wird jeder nach seinen Vorstellungen beantworten.

    Ein wenig intellektuelle Demut kann aber nicht schaden: Unser Geldsystem ist das Ergebnis einer langen historischen Entwicklung, an der viele Menschen mitgearbeitet haben. Die auch nicht dümmer waren als wir.
    Und immerhin hat die Wirtschaft nach dem II. WK weltweit doch recht gut funktioniert. Angesichts der extremen Komplexität des chaotischen Systems „Wirtschaft“ ist es keine triviale Leistung unseres Geldsystems, dass es seine Aufgabe als Mittler des Güteraustausches überhaupt weitgehend erfüllt hat.
    Wer also glaubt „Hoppla, jetzt komm ich, ich habe eine Idee, wie wir aus dem Geldsystem ein Menschheitsbeglückungssystem machen könnten, oder wie wir das System von jeglicher Störanfälligkeit reinigen können“ läuft leicht Gefahr, eine tragende Wand rauszuhauen, um dem Gebäude einen großartigen Festsaal einzuziehen.

    Störungen wie z. B. die Finanzkrise 2007/2008 ff. sind existenziell nur insoweit für eine Volkswirtschaft von Bedeutung, als sie realwirtschaftlicher Natur sind.
    Denn letztlich interessieren uns nicht Buchungsvorgänge auf Konten, sondern die Frage, ob die Realwirtschaft brummt oder nicht, ob wir 5% oder 10% Arbeitslose haben.
    Letztendlich waren es auch keine rein internen Störungen im Geldwesen, die zur Krise geführt haben. Sondern Störungen im Zusammenspiel von Geldwirtschaft und Realwirtschaft.
    Bei allen Überlegungen muss also die Realwirtschaft, bzw. müssen die realwirtschaftlichen Auswirkungen im Mittelpunkt stehen; das Geld(wesen) ist lediglich Mittel zum Zweck.

    Was kann ein Geldsystem (nicht) leisten?

    1) Es gibt (das hat wohl auch Wolfram Engels verkannt) keine Geldform, die einen intrinsischen Wert hätte. Wenn in einer belagerten Stadt die Lebensmittel ausgegangen sind, dann kauft Ihnen ein ganz Sack Gold, oder VW-Aktien, nicht eine einzige Scheibe Brot.

    2) „Gedeckt“ ist Geld deshalb immer nur durch das Güterangebot am Markt. Aber das ist noch zu einfach gedacht.
    Denn der Nominalwert der umlaufenden Geldmenge muss keineswegs mit dem Nominalwert der „am Markt“ angebotenen Gütermenge identisch sein. Entscheidend ist vielmehr, dass für die jeweils NACHFRAGEWIRKSAME Geldmenge ein entsprechendes Güterangebot verfügbar ist: Wer etwas kaufen will, muss das tun können, ohne dass es für die folgenden Käufer zu einer Verknappung des Angebotes kommt.
    Der Markt hat enorme Elastizitäten; aber irgendwann käme bei einer Güterverknappung dann doch das „Inflations-Ketchup“ aus der Flasche.

    3) Hier führe ich den Begriff des „Erstgeldempfängers“ ein.
    Geld als eine „Schuld“ der Banken zu bezeichnen, ist bei Zentralbanken völlig sinnlos. Bei Geschäftsbanken ist es (nur) realwirtschaftlich sinnlos. (Finanzwirtschaftlich macht es schon Sinn, Bankeinlagen dort als eine Schuld anzusehen. Denn eine Geschäftsbank schuldet ihren Einlegern Zentralbankgeld, und das kann sie nicht selbst herstellen.)
    Realwirtschaftlich ist jede Geldform ein Gutschein, der vom Bankensystem „im Auftrag“ der Volkswirtschaft an einen Kreditnehmer ausgehändigt wird.
    Dieser ist der „Erstgeldempfänger“, weil die Gewährung eines Bankkredits ja zugleich ein Geldschöpfungsakt ist. Der Erstgeldempfänger hat ein volkswirtschaftlich gefährliches Privileg: Er darf dem Markt Güter entnehmen (kaufen), ohne dass er selber dort etwas eingebracht hätte.
    Im Grundsatz kann ein Markt nur als Tauschsystem funktionieren. Bei Warengeld ist das im Prinzip gewährleistet: Wer Gold für Eisen gibt, der tauscht (bei „angemessener“ Mengenrelation, die u. a. aus dem unterschiedlichen Herstellungsaufwand resultiert) Ware gegen Ware.
    Wer das Eisen (oder Gold) nur mit einem bedruckten Stück Papier „bezahlt“, hat im realwirtschaftlichen Sinne NICHT bezahlt.
    Das Geldsystem muss also dafür sorgen, dass er irgendwann doch noch bezahlt.
    Das kreditäre Geldsystem gewährleistet das (im Prinzip), indem es einen „zeitverzögerten Tausch“ ermöglicht. Bis zum Tilgungszeitpunkt muss sich der Kreditnehmer das ausgegebene Geld (+ Zinsen) wieder beschaffen. Das kann er im Grundsatz nur dadurch, dass er seinerseits am Markt etwas verkauft. Damit ist der Tauschakt vollendet; realwirtschaftlich hat der Kreditnehmer erst jetzt bezahlt. Den „Gutschein“ gibt er dann an die Bank zurück; damit ist das kreditär geschöpfte Geld automatisch wieder „vernichtet“.

    4) Beim Willkürgeld fehlt jeglicher Mechanismus, der den „Erstgeldempfänger“ zur Wertschöpfung zwingt. So z. B. in Deutschland 1923: Der Staat ging einkaufen mit reinem „Druckereigeld“ ohne Deckung. (Ein Staat speist natürlich keine Güter in den Markt zurück. Hier wird das Gleichgewicht dadurch wiederhergestellt, dass er via Besteuerung seinen Bürgern Kaufkraft entzieht – und damit seine Schulden tilgt.)
    Engels‘ Aktienfondsgeld wäre Willkürgeld: Die Banken könnten sich für lau (bzw. für die Druckkosten der Banknoten) die ganze Wirtschaft unter den Nagel reißen.
    Die „Citoyage“ von Martin Stöcker wäre Willkürgeld und ebenso
    Die „Credere“ von Martin Finger.
    Diese Geldschöpfungsformen fehlt ein Mechanismus, der den „Erstgeldempfänger“ zwingt, nicht nur einzukaufen, sondern (zwar zeitverzögert) zu tauschen. Also letztlich auch zu produzieren.

    5) Nicht nur in dieser Hinsicht ist unser gegenwärtiges Geldsystem ein Selbstregelmechanismus. Indem die Geldschöpfung der Geschäftsbanken weitgehend „endogen“ erfolgt (entsprechend der Nachfrage) ist (im Prinzip) auch immer die „richtige“ Menge im System.
    Willkürgeldsysteme dagegen müssen eine allwissende Zentralbank fingieren (Vollgeld: Joseph Huber u. a.) oder operieren mit starren Mechanismen (Martin Finger: 1.000 Credere p. M.). (Oder man lässt, wie 1923, einfach die Druckerpressen mit Höchstgeschwindigkeit laufen.)

    6) KEIN Geldsystem kann eine Vermögenskonzentration verhi

    • Nachtrag
      6) KEIN Geldsystem kann eine Vermögenskonzentration verhindern; das ist einfach der falsche Adressat. Vermögenskonzentrationen sind eine Folge des Eigentumssystems.

    • Korrekt!
      Sie haben vollkommen Recht. Bei der Citoyage handelt es sich nach Ihrer Klassifikation um Willkürgeld; eben das, was man eigentlich unter der Seigniorage im ursprünglichen Sinn versteht. Allerdings wird die Entscheidung über die Höhe nicht willkürlich von der Regierung getroffen, sondern nach meinem Vorschlag von der Zentralbank im Rahmen ihres 2 % Inflationsziels, das sie nämlich ohne dieses Instrument mit ihren klassischen geldpolitischen Instrumenten an der Nullzinsgrenze gar nicht erreichen kann, da die Inflation nämlich primär durch die Entwicklung der Lohnstückkosten determiniert wird. Der Monetarismus ist tot: Es lebe der Monetarismus!

      Ist es uns also ernst mit dem Inflationsziel – und dafür gibt es gute Gründe – , dann brauchen wir ein solches Instrument, wenn die Gewerkschaften aufgrund kurzfristiger Interessen sowie wegen des Gefangenendilemmas die makroökonomisch notwendigen Lohnerhöhungen nicht durchsetzen wollen/können und die Regierungen wegen des parasitären Steuersenkungswettbewerbs den Finanzschaum nicht redistributiv abschöpfen können: https://www.fuw.ch/article/unternehmen-horten-liquiditat-im-uberfluss/.

      Was die Kapitalakkumulation angeht haben Sie ebenfalls Recht. Der Matthäus-Effekt wirkt aber insbesondere bei der Geldvermögenskonzentration besonders destruktiv. Insofern verschafft eine Citoyage hier etwas Linderung. Die eierlegende Wollmilchsau gibt es in der Tat nicht. Von daher hatte ich ja auch einen 10 Punkteplan entworfen, in dessen Mittelpunkt ein zentralbankfinanziertes Bürgergeld steht (= Citoyage aka Helicopter Money) und als weiteren zentralen Punkt eine redistributive Erbschaftssteuer gefordert. Citoyage und Erbschaftssteuer wirken progressiv, da Willkürgeld grundsätzlich die Assetinflation befeuert und somit den Redistributionseffekt via Erbschaftssteuer fördert. Der Selbstregelmechanismus unseres Geldsystems bedarf etwas aktivierender Hilfe, damit der Matthäus-Effekt nicht seine destruktive Kraft entfalten kann: https://zinsfehler.wordpress.com/2013/10/13/zehn-masnahmen-fur-ein-europa-in-frieden-freiheit-und-wohlstand/

      LG Michael Stöcker

  4. Zur Kommentardebatte Finger - Braunberger (s. o.)
    Finger: „Ich denke die Vorstellung, eine Altersvorsorge durch Kapital könne unabhängig von Menschen funktionieren noch für lange Zeit utopisch ist. ….. können ….. Sachwerte keine Konsummöglichkeiten per se in die Zukunft transportieren. Vor allem wenn keine Kinder geboren wurden.“
    Braunberger: „Es behauptet ja auch niemand, dass die Nutzung des Sachkapitals ganz ohne Menschen stattfinden wird. ….. Eine Getränkeabfüllanlage mit einer Restlebensdauer von 40 Jahren transportiert 40 Jahre lang per se Konsummöglichkeiten in die Zukunft. Ungewiss ist, ob die Konsummöglichkeiten künftig genutzt werden.“

    Die o. a. Äußerungen bewegen sich mehr im Bereich der Debatte um die Rentenfinanzierung als in einer spezifischen Geldsystemdebatte.
    Es sollte aber jedem klar sein [ist es freilich nicht!], dass es sinnlos ist, die optimale Organisation der Rentenfinanzierung (Umlageverfahren vs. Kapitaldeckungsverfahren) ohne enge gedankliche Verknüpfung mit den Funktionsmechanismen des Finanzwesen und der Realwirtschaft zu erörtern.

    Prof. Hans Werner Sinn als Advokat einer (partiellen) Rentenfinanzierung durch das Kapitaldeckungsverfahren hängt tatsächlich der Vorstellung an, dass Sachkapital mehr oder weniger losgelöst vom Humankapital produktiv sein könne.
    1998 hatten 33 Wirtschaftswissenschaftler auf Basis der Vorstellungen von Prof. Sinn das Gutachten „Grundlegende Reform der gesetzlichen Rentenversicherung“ verfasst. Dieses geht allen Ernstes davon aus, dass fehlendes Humankapital einfach durch Sachkapital ersetzt werden könne: „Heute bleibt nur noch der Weg, die langfristig fehlenden Erwerbstätigen durch Realkapital zu ersetzen“ heißt es dort z. B.
    Die Idee ist, durch mehr Investitionen den Wachstumspfad zu steigern.
    Diese Investitionen sollen durch Vorsorgesparen quasi erzwungen bzw. aus anderer Sicht quasi automatisch generiert werden.

    Auf meiner Webseite „Rentenreich“ habe ich diesen Gutachteninhalt zu der Überschrift verdichtet „Sinn substituiert die Konjunktion: rettet er die Renten durch ökonomische Akzeleration?“ (https://www.beltwild.de/rentenreich.htm; die „Konjunktionssubstitution“ besteht darin, dass Sinn aus den Produktionsfaktoren „Humankapital UND Realkapital“ kurzerhand ein „H. ODER R.“ macht.).

    Das ist doppelter Müll:
    – Der mögliche Grad an Ersetzbarkeit von Menschen durch Maschinen usw. ist abhängig vom technischen Stand, aber auch von den „Produkten“: Altenpflege ist personalintensiver als Automobilproduktion.
    – Geldsparen generiert eben NICHT zwangsläufig höhere Investitionen bzw. aus anderer Perspektive: Gespartes Geld verwandelt sich keineswegs automatisch in Investitionen.

    DAS meint Finger mit
    „In unserem Geldsystem gibt es keinen Zusammenhang zwischen [Geld-]Sparen und Investitionen. Im Gegenteil führt [Geld-]Sparen in unserem System dazu, dass die Geldmenge umso stärker ausgeweitet werden muss damit für die Schuldner genügend Geld im Umlauf bleibt, um Tilgungen von Krediten leisten zu können.“
    Braunbergers Entgegnung
    „Die Kausalität ist anders. Es gibt ein Geldsystem, um Sparen und Investitionen zusammenzubringen“
    liegt neben der Sache. Zum einen ist die historisch ältere Funktion des Geldes die Erleichterung des Güteraustauschs (Investitionen gab es in damals ja kaum). Mithin war der „Zweck“ der Gelderfindung vielleicht der Kredit, aber sicherlich nicht die (kreditäre) Aufbringung von Investitionskapital.

    Vor allem aber verschleiert diese Formulierung die bittere Realität, dass sich Geldsparen auf der Mikro-Ebene eben keineswegs immer in volkswirtschaftliches Sparen (= Investitionen) umsetzt.
    Zum einen wandert sie in kreditfinanzierten Konsum (US-Immobilienkrise!). Der hält zwar zunächst die Wirtschaft in Schwung. Auf Dauer fehlt es aber an dem, was ich „Eigengeld“ genannt habe (https://beltwild.blogspot.de/2010/03/aufraumarbeiten-enthullen-ben-bernankes.html): Wenn die Geldkapitalsammler weder investieren noch konsumieren, sondern nur verleihen, haben die Kreditnehmer keine Chance, selber (genügend) Geld zu verdienen, um ihre Schulden zu tilgen. (DIESER Aspekt, dass es eben NICHT ausreicht, wenn der Rubel „irgendwie“ rollt, sondern dass auch die Eigentumsverhältnisse bei der Geldversorgung wesentlich sind, bleibt in der wirtschaftswissenschaftlichen Debatte anscheinend unterbelichtet.)

    Zum anderen hat heutzutage die Finanz“industrie“ wohl auch „Kopfkissenäquivalente“ entwickelt: Derivate usw., wo das Geld in der „reinen“ Finanzsphäre verbleibt (vgl. meinen Blott „Kipper, Wipper, Notenbanken“ https://beltwild.blogspot.de/2009/01/die-credit-default-swaps-als.html). Wenn das zutrifft, wäre die (empirisch beobachtbare) überproportionale Geldmengensteigerung mit dem Bemühen des Bankensystems zu erklären, die Realwirtschaft überhaupt am Laufen zu halten. Wie Finger sagt:
    „dass die Geldmenge umso stärker ausgeweitet werden muss, damit für die Schuldner genügend Geld im Umlauf bleibt“.

    Generell habe ich (als Laie) allerdings den Eindruck, dass die wirtschaftswissenschaftliche Debatte um das Geld und das Ineinandergreifen von Geld- und Realwirtschaft
    a) vom Interesse der Kapitalbesitzer verseucht ist, die Möglichkeit realwirtschaftlicher Störungen aufgrund einer Überakkumulation von Geld zu verschleiern (z. B. „Say’s law“). (Wobei diese Interessen aber keineswegs BEWUSST in die Volkswirtschaftslehre eingespeist worden sein müssen!) und
    b) auf einem relativ primitiven Niveau geführt wird. Anstatt aus beobachtbaren Fakten und (scheinbaren) Widersprüchen Fragen und Arbeitshypothesen herzuleiten (https://beltwild.blogspot.de/2010/02/es-ist-nicht-gut-dass-der-mensch-allein.html) und ein Forschungsprogramm zu formulieren (https://beltwild.blogspot.de/2013/03/manhattan-project-fur-die_1.html) fühlt sich jeder Wirtschaftswissenschaftler offenbar verpflichtet, vermeintliche Lösungen zu präsentieren.

    Die extensive Verwendung von Mathematik in der VWL ist ja schön. Noch schöner wären brauchba

    • Nachtrag
      Die extensive Verwendung von Mathematik in der VWL ist ja schön. Noch schöner wären brauchbare Modelle und Arbeitshypothesen, die zunächst einmal verbal beschreiben (oder Mutmaßungen anstellen), was Sache ist.
      DANN kann man die einschlägigen Daten sammeln und sichten; vielleicht auch mathematisch aufbereiten.
      Aber wenn die Modellannahmen falsch oder unklar sind, dann nützt die ganze Mathematik nichts.

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