Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Bachmanns Konferenzgeflüster (5): Was heißt hier Mainstream?

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Rüdiger Bachmann© privatRüdiger Bachmann

In Münster hat der Verein für Socialpolitik getagt. Das Netzwerk Plurale Ökonomik hielt eine Konkurrenzveranstaltung ab. Mittendrin war der Makroökonom Rüdiger Bachmann (University of Notre Dame). Mit Johannes Pennekamp spricht er über „ignorante“ Kritiker und begabte Nachwuchsforscher.

Herr Bachmann, gerade ist die wichtigste deutsch geprägte Ökonomenkonferenz in Münster zu Ende gegangen. Warum haben Sie nicht am regulären Programm teilgenommen, obwohl Sie ja Nachwuchsbeauftragter des Vereins für Socialpolitik sind?

In meiner Funktion als Nachwuchsbeauftragter hatte ich eine neue und sehr spannende Aufgabe. Und zwar habe ich zusammen mit anderen Amerika-erfahrenen Kollegen ein Jobmarktseminar angeboten, bei dem acht ausgesuchte Jungwissenschaftler zwei Tage an der Präsentation eines ihrer wissenschaftlichen Papiere gearbeitet haben.

Wie sah das konkret aus?

Ich habe zunächst eine Präsentation über den internationalen Jobmarkt und seine detaillierten Abläufe gehalten – die gleichen in ihrer Stilisiertheit ja fast einer traditionellen italienischen Oper. Ich habe auch die Besonderheiten des deutschen Berufungsverfahrens geschildert, und dann haben wir daran gearbeitet, wie man sein Papier in drei Minuten einem allgemein ökonomisch gebildeten Gegenüber erklären kann. Wir haben Jobinterviews geübt und an der Präsentation der Papiere vor einer Berufungskommission gefeilt.

Und, welches Fazit ziehen Sie?

Mich hat besonders und positiv die enorm gute Qualität der Bewerbungen und natürlich der schlussendlich ausgewählten Nachwuchswissenschaftler überrascht. Und zwar nicht nur von den üblichen Verdächtigen, also den internationalen Leuchttürmen wie Bonn, Mannheim und Zürich, sondern auch aus der Breite der deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten. Und die thematische Breite, die wir an diesen Tagen besprochen haben, widerlegt das in der breiten Öffentlichkeit doch oft immer noch vorherrschende Bild einer monolithischen ökonomischen Forschung an den Universitäten.

Zu dem Konfliktthema kommen wir gleich noch. Nennen Sie doch mal ein paar Beispiele, die diese Bandbreite zeigen.

Da gab es eher angewandte Papiere zu wettbewerbstheoretischen und wettbewerbspolitischen Problemen, zum Mindestlohn und seinen Verteilungswirkungen, zum Einfluss von Schulbildung auf spätere Löhne, ebenfalls unter Berücksichtigung von Verteilungswirkungen, zur Arbeitslosenrate über den Konjunkturzyklus, zu den Wohlfahrtswirkungen von Arzneimittelwerbung sowie theoretische Arbeiten zu Freundschaftsnetzwerken und Wissenstransmission in Netzwerken. Auch auf der methodischen Seite sah man Vielfalt und eine große Virtuosität des Nachwuchses in der Beherrschung der neuesten Verfahren.

Wir können uns also auf spannende Forschung des deutschsprachigen Nachwuchses freuen?

Die Substanz des deutschsprachigen wirtschaftswissenschaftlichen Nachwuchses ist exzellent, an der wissenschaftlichen Kommunikation haben wir gearbeitet. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass wir vielleicht noch nie so einen guten wissenschaftlichen Nachwuchs in der deutschen Ökonomik hatten, jedenfalls in dieser Breite. Was mir darum umso größere Sorge bereitet ist: Werden all diese hervorragend ausgebildeten Ökonomen auch gute Jobs bekommen; insbesondere: sind ausreichend Professuren für diese Generation da? Da bin ich leider nicht so zuversichtlich.

Es hat in diesem Jahr wieder eine Konkurrenzveranstaltung zur Tagung gegeben. Das Netzwerk Plurale Ökonomik, das eine angebliche paradigmatische Verengung der Disziplin bemängelt, hatte eingeladen. Und Sie waren auch dabei. Haben Sie die Seiten gewechselt?

Nein! Aber ich war bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Wie plural sollte die Jahrestagung deutschsprachiger ÖkonomInnen künftig sein?“ dabei. Zu dieser Diskussion war ich freundlicherweise von Helge Peukert und Christoph Freydorf vom Netzwerk Plurale Ökonomik eingeladen worden, ebenso wie Frank Beckenbach, Gustav Horn, Rolf Ptak und Carl Christian von Weizsäcker.

Was waren Ihre Argumente in dieser ja schon lange andauernden Debatte?

Ich habe natürlich erst einmal angemerkt, dass, wie gesagt, die VfS Jahrestagung schon sehr plural ist, und zwar sowohl thematisch als auch methodisch. Außerdem hat ja jüngst eine Ökonomenumfrage gezeigt, dass auch wirtschaftspolitisch, und zwar ganz entgegen dem Mythos, den deutsche Erzkeynesianer wie Gustav Horn oder Heiner Flassbeck gerne verbreiten, die sogenannten deutschen Mainstreamökonomen sehr unterschiedliche Ansichten haben, was zugegebenermaßen vielleicht nicht immer für die Ökonomen gelten mag, die sich am lautesten in den Medien äußern. Der Mainstream als Monolith ist also ein Phantasma, und man sollte vielleicht den Begriff des Mainstreams gar nicht mehr verwenden, obwohl ich das natürlich auch in diesem Interview wieder lose tue. Auf der anderen Seite heißt Pluralität selbstverständlich nicht „anything goes“, und auch nicht, dass bestimmte Gruppierungen wie eben das Netzwerk Plurale Ökonomik einen Alleinvertretungsanspruch auf Heterodoxie haben. Lordsiegelbewahrer haben grundsätzlich in der Wissenschaft nichts zu suchen, so dass dieses Jahr auf der Vereinstagung andere heterodoxe Ansätze in einer von Dennis Snower organisierten Veranstaltung zu sehen waren.

Eine Forderung des Netzwerks betrifft die Organisation der Großveranstaltung, man solle sich stärker am amerikanischen Vorbild orientieren. Was verbirgt sich dahinter?

Was die organisatorischen Fragen einer Jahrestagungsorganisation angeht, da bin ich ganz leidenschaftslos. Sicher, man kann Gründe dafür anführen, dass sich einmal im Jahr alle deutschsprachigen Organisationen, die irgendwie „wissenschaftlich“ Ökonomik betreiben, zu einer Großkonferenz treffen, wobei sie jeweils in Eigenregie ihre Konferenzprogramme gestalten. Vorbild hier ist die Tagung der Allied Social Science Associations (ASSA) in den Vereinigten Staaten. Das ist das Modell, das sich die Pluralen wünschen. Oder man sagt, jede Organisation macht ihr eigenes Ding und wer mit den jeweils anderen reden will, muss das dann halt dezentral organisieren. Dieses Modell haben wir zur Zeit in Deutschland. Ich persönlich mag eigentlich das ASSA-Modell, verstehe aber auch die Gründe für die andere Variante. Letztlich handelt es sich hier aber um eine pragmatische, organisationstechnische Frage, die man so oder so lösen kann.

Gab es den endlich mal ein paar neue, zielführende Ideen, in dieser Dauerdiskussion?

Insgesamt war die Diskussion mit den Pluralen seltsam unbefriedigend. Sie glich für mich etwas dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln. Zum Beispiel wurde natürlich wieder der übliche Vorwurf laut, dass Ökonomen die Finanzkrise nicht vorhergesagt hätten. Nachdem sowohl ich, als auch Carl Christian von Weizsäcker darauf hingewiesen haben, dass die sozialen Rückkopplungsphänome auf Finanzmärkten die moderne Ökonomik eben gerade nicht zu einer verkappten Naturwissenschaft machen – wie ja auch immer gerne von den Kritikern behauptet wird – und wir die üblichen Widerlegungen des Versagensvorwurfs gebracht hatten, wurde dann in der Tat von Gustav Horn konzediert: Man könne der Ökonomik unvollständige Vorhersagekraft in der Tat nicht zum Vorwurf machen. Der Mainstream habe aber nicht einmal eine Erklärung für die Finanzkrise und die anschließende Große Rezession. Wer auch nur ab und zu auf die großen Konferenzen unseres Faches in den letzten Jahren ging, der wird feststellen, dass jedenfalls in der Makroökonomik kaum noch Papiere ohne Krisenbezug geschrieben werden, was sich vielleicht noch als problematisch erweisen kann, wenn neue und andere Probleme auftreten. Und es ist ja auch klar warum: Da lassen sich heute am besten wissenschaftliche Sporen verdienen, das Anreizsystem wirkt also.

Und sonst?

Dann springt Gustav Horn zum Nobelpreisträger und Begründer der Theorie Realer Konjunkturzyklen Edward Prescott, den er zwar nicht namentlich nennt, und behauptet der Mainstream habe die Krise mit einer spontanen Erhöhung der Freizeitspräferenz der Haushalte erklärt, obwohl das zu keiner Zeit auch nur die Meinung einer nennenswerten Minderheit im Mainstream war. Frank Beckenbach wirft dem Mainstream vor, dass er keine Theorie des Geldes versehen mit Nichtlinearitäten habe. Dabei hat doch zum Beispiel der gerade Lesern dieses Blogs sehr bekannte Markus Brunnermeier aus Princeton, also einer Hochburg des Mainstreams, in den letzten Jahren bedeutende Arbeiten mit diesen Elementen geschrieben. Man fragt sich dann wirklich: Wird da einfach nicht gelesen oder wird so etwas bewusst ausgeblendet, um die Message an die eigene Klientel nicht zu verwässern? Dann wurde noch, ebenfalls von Gustav Horn, dem Mainstream vorgeworfen, dass er das Problem zustandsabhängiger Fiskalmultiplikatoren verkannt habe, also die Idee, dass Fiskalmultiplikatoren in einer Rezession besonders hoch sein können und deshalb Staatssparen in der Rezession vielleicht keine so gute Idee ist. Dabei hat es gerade in den letzten Jahren eine Fülle sowohl theoretischer als auch empirischer Literatur aus dem Mainstream dazu gegeben, die heute doch erst die wissenschaftlich-empirische Fundierung für die wirtschaftspolitischen Forderungen Gustav Horns liefert. Und so weiter und so weiter…

Sie klingen genervt. Sie sehen da also eine Ignoranz der Netzwerk-Vertreter?

Ja, schon. Schließlich habe ich zu dieser Literatur, bei aller Bescheidenheit, auch selbst beigetragen . Ganz nebenbei bemerkt: Mein Koautor in dieser Studie und guter Kollege und Freund, Eric Sims, ist, das darf ich wohl sagen, politisch eher dem konservativen Spektrum zuzuordnen, aber wir haben die Arbeit dennoch geschrieben und veröffentlicht, weil: die Daten sind nun einmal die Daten. Ein gutes Beispiel dafür, wie natürlich nicht ganz frei, aber doch freier von ideologischen Vormeinungen die jungen Vertreter des modernen Mainstreams sind.

Eine weitere immer wiederholte Behauptung ist die, dass der Mainstream den Markt als Ideal ansehe.

Durch die ständige Wiederholung wird die Behauptung nicht wahrer. Jede vernünftige Vorlesung der Mikroökonomik wird von dem Begriff der Allokation und zwar zunächst ohne Rekurrierung auf Märkte ausgehen, die dann erst in einem zweiten Schritt als ein mögliches Mittel zur Erreichung gesellschaftlich erwünschter Allokationen eingeführt werden sollten. Die Bedingungen zu verstehen, wann das Märkte besser oder schlechter können und über Alternativen nachzudenken ist letztlich der Inhalt der VWL-Forschung seit mindestens dreißig Jahren, wahrscheinlich länger. Es geht ja auch gar nicht anders, der „ideale“ Markt ist bereits verstanden und ausgeforscht, so dass schon aus forschungspraktischen Gründen Themen wie Marktversagen, aber auch Staatsversagen eine größere Rolle spielen. Wenn überhaupt dient dabei der „ideale“ Markt als forschunspragmatische Referenz – das Adjektiv „ideal“ ist hier also nicht normativ gemeint – ganz einfach weil er sehr gut verstanden und weil er ein relativ simples Konstrukt ist, während es Abweichungen in der Realität zu tausenden gibt.

Und was ist mit der fehlenden Realitätsnähe, die oft, auch von dem Netzwerk, kritisiert wird?

Ich halte den mir etwas unreflektiert erscheinenden Realitätsbegriff für eine Vereinigung, die wirtschaftswissenschaftliche Grundlagen diskutieren will, befremdlich. Da hörte man dann auch auf dem Podium so Formulierungen wie „Die Wirtschaftswissenschaften müssen realitätsnäher werden“. Schön und gut, aber was heißt Realität hier eigentlich? Wo ist diese unkonstruierte Realität? Wirtschaftswissenschaftliche Modelle und Theorien werden immer von wichtigen Dingen abstrahieren und sich ihrer eigene Realität konstruieren müssen. Nehmen wir Sex, ich vermute, dass Sex ganz allgemein eine wirklich wichtige Antriebsfeder des menschlichen Handeln ist, aber müssen die Agenten in meiner Konjunkturtheorie wirklich Sex haben, damit sie realitätsnäher wird? Vielleicht sollte ich das mal ausprobieren.

Das wäre ganz sicher ein pluraler Ansatz!

Spaß beiseite. Nehmen wir einmal das Beispiel der Integration von Finanzmärkten in Makromodelle. Nach dem Kriterium der Realitätsnähe hätte es die rein theoretischen Forschungen zu diesem Thema in den 1990er Jahren nie geben dürfen, weil es damals ja relative Ruhe an den Finanzmärkten und kein Überschwappen auf die Realwirtschaft gab, jedenfalls in den entwickelten Ländern. Genau aus diesem Grunde war ja diese Forschung zwar da, aber eben doch etwas ein Nischenthema. Ich könnte mir gut vorstellen, dass damals diejenigen, die heute fragen „Warum keine Finanzmärkte in DSGE Modellen?“, diesen Forschungszweig als akademisches Glasperlenspiel denunziert hätten. Nein, Grundlagenforschung ist schon deshalb wichtig, weil man nie weiß, wann man sie mal brauchen kann. Das haben wir ja gesehen.

Aber dennoch ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass es nicht schaden kann, andere Fächer und Disziplinen in die Forschung stärker zu integrieren. Oder sehen Sie das anders?

Gerade weil soziale Realität auch konstruierte ist, braucht es natürlich das Konzert und die Perspektiven der anderen Sozialwissenschaften und, ja klar, auch interdisziplinären Austausch, der ja aber auch stattfindet, etwa in der Verhaltensökonomik, in Law and Economics, der Neuroökonomik, der Politischen Ökonomik, der Wirtschaftsgeschichte, etc. Natürlich wurde dieser interdisziplinäre Austausch auf dem Podium auch gefordert, und von mir dann begrüßt, wobei natürlich nicht jeder Ökonom auch interdisziplinär arbeiten muss. Und wenn man dann zugestimmt hat, wird sofort die Angriffsstrategie gewechselt. Ja, aber der ökonomische Imperialismus zerstöre ja gerade die Identität der anderen Sozialwissenschaften. Und man müsse auch schon radikale Vielfalt innerhalb der Ökonomik selbst haben. Was den ökonomischen Imperialismus angeht: Liegt das nicht eher an den anderen Sozialwissenschaften, wenn diese ökonomische Methoden übernehmen? Gibt es wirklich Beispiele dafür, wo aus der Ökonomik heraus anderen Sozialwissenschaften Methoden aufgezwungen wurden? Und das mit der radikalen Vielfalt innerhalb der Ökonomik – ist das nicht letztlich eine relativ uninteressante semantische Frage, ob man eine bestimmte Herangehensweise als Ökonomik oder als etwas anderes bezeichnet? Ich finde es ganz gut, wenn die Ökonomik einen wenn auch atmenden Kern hat. Solange man auch noch marxistische Analysen durchführen darf, ist doch alles gut, selbst wenn man das vielleicht heute nicht mehr als Ökonomik bezeichnet im Mainstream. Überhaupt nehme ich manchmal ein etwas pegidaähnliches „Man wird doch mal sagen dürfen“-Syndrom bei manchen Vertretern der Heterodoxie wahr.

Klingt nicht so, als hätte die Podiumsdiskussion eine große Annährung gebracht. Was haben Sie denn mitgenommen von der Veranstaltung?

Eines habe ich gelernt in dieser Diskussion, und zwar ein gewisses generationelles Problem. Ich glaube nämlich inzwischen besser zu verstehen, wen die Generation von Gustav Horn und Frank Beckenbach als eigentlichen Gegner, als zu kritisierenden Mainstream ansieht. Das sind nämlich die Ordoliberalen, die einst in Deutschland die wirtschaftspolitische Debatte beherrscht und auch akademisch die Keynesianer von den Lehrstühlen verjagt haben. Das ging ganz klar aus Frank Beckenbachs sehr interessanter historisch-soziologischer Analyse der deutschen Ökonomikgeschichte hervor. Und auch aus Gustav Horns Attacke gegen den sogenannten Hamburger Appell , der ja hauptsächlich aus einem ordoliberalen Dunstkreis erfolgte. Nur – Newsflash – die Ordoliberalen spielen schon längst keine Rolle mehr in den Führungsetagen des Vereins für Sozialpolitik und sind schon gar keine wichtige Kraft mehr unter den forschungsstarken deutschen Ökonomen. Es ist wohl so, dass manchmal im Sachverständigenrat auch bei den jüngeren, forschungsstarken Vertretern vielleicht doch eher konservative wirtschaftspolitische Positionen dominieren, aber ich bezweifle, dass dies Auswirkungen auf den Verein für Sozialpolitik, was dessen wissenschaftliche Arbeit angeht, hat. Außerdem: Wie viele Leser ja vielleicht wissen, habe ich selbst die Ordoliberalen bekämpft. Vielleicht bin ich ja gar kein Mainstream, wenn das so ist.

Mal angenommen, das hier liest ein Student. Muss der nicht ziemlich verwirrt sein, von diesem Streit?

Das kann schon sein. Darum muss der Dialog mit den Studierenden über die Lehre auch gesucht, weitergeführt und ausgebaut werden. Ich denke wir können das von Vereinsseite, und wenn man so will von Mainstreamseite, auch durchaus selbstbewusst tun, aber letztlich kann Lehre nur funktionieren, wenn Lehrende und Studierende an einem Strang ziehen. Zumal nach meinem Eindruck oftmals die im Netzwerk Plurale Ökonomik zu den besseren, mindestens aber zu den interessierteren Studierenden zu gehören scheinen. Ich bin zwar aufgrund einer dummen Überschrift über einem Artikel mal als „Klappehaltenprofessor“ verschrien gewesen, wobei mir nichts ferner liegt, als die Diskussion mit Studierenden zu blockieren. Aber ich kann jetzt schon ankündigen, dass diese Debatte bei der nächsten Vereinstagung verstärkt und vertieft fortgesetzt werden wird.


25 Lesermeinungen

  1. Video zur Debatte in Münster
    Eine Video der Debatte in Münster mit Bachmann, Horn, von Weizsäcker & Co. ist jetzt online. Hier ist der Link:

    https://www.youtube.com/watch?v=21s9geLc_Y8

  2. Erwiderung: Zwei Geschichten (II)
    @ Ruediger Bachmann, 19. September 2015 um 17:32 Uhr, Zwei Geschichten:

    „Oekonomen, vor allem solche, die verbal arbeiten wollen, brauchen doch eigentlich, wenn man ehrlich ist, kaum finanzielle
    Ressourcen, auch kaum Mitarbeiter“
    Da Sie insb. Bremen genannt haben, muss ich hier dringend etwas richtigstellen. Das mit der „verbalen“ Ökonomik (wie Sie das nennen), trifft eher auf mich zu, wobei ich das so auch nicht unbedingt stehen lassen würde, aber das würde jetzt hier zu weit führen und vom Thema ablenken. Die Personen aus Bremen sind keineswegs „verbale“ Ökonomen, sondern arbeiten auch mathematisch. Ich würde auch meinen, dass das auf einen großen Teil der Heterodoxen allgemein zutrifft.

    „(ausser fuer die Lehre; ich zum Beispiel habe in Notre Dame keine Mitarbeiter, die meisten Kollegen auch nicht, nur diejenigen die grosse
    Datenprojekte machen, brauchen solche; die international erfolgreichen VWL Fakultaeten in Deutschland in Bonn und Mannheim haben sich weitestgehend vom Mitarbeitersystem verabschiedet).“

    Mein Hinweis auf die Ressourcen-Knappheit läuft auf einen anderen Punkt hinaus, von dem Sie mit Ihren Hinweisen offenbar abdriften: Mir ging es um die wissenschaftliche Reproduzierbarkeit, im Sinne von Promotionen und Habilitationen begleiten. Dazu will ich vorausschicken, dass ich mich mit dem amerikanischen Hochschulsystem zu wenig auskenne, aber zumindest in Deutschland hängt die wissenschaftliche Reproduzierbarkeit stark von der personellen Ausstattung ab. Promovieren ist idR zwar kein Problem (sofern Sie eine adäquate Betreuung finden), aber für Habilitanden benötigen Sie schon Postdoc-Stellen. (Im Gegensatz zu Promovierenden sind Postdocs teuer, Habil-Stipendien sind rar gesät und einige Stiftungen achten darauf, dass Forschungsprojekte keine Habilitation ermöglichen …)

    Konkret zu Bonn weiß ich nicht, was Sie meinen. Mir fällt schon auf, dass dort ein akademischer Mittelbau existiert, der auch Instituten zugeordnet ist. Meiner Einschätzung nach hat gerade Bonn in der Vergangenheit von einem Sonderforschungsbereich 303 in Sachen wiss. Reproduktion profitiert: Es gibt nicht wenige, die in dem Bereich habilitiert bzw. promoviert haben und heute Professor sind.

    „Warum sollten das die Heterodoxen in Hamburg und Bremen nicht
    gehabt haben, um ihre grossen Wuerfe zu machen? Soweit ich das sehe, hat man nicht geliefert und damit wird meine Gut-Schlecht Version der Geschichte plausibler.“

    Vielleicht haben Sie mit dem „Liefern“ in Teilen (!) Recht. Vielleicht sind aber einzelne Strömungen so jung, dass der große Wurf noch nicht gelingen konnte, sie noch in den Kinderschuhen stecken blieben. Vielleicht hat mensch sich auch vereinzelt lieber im eigenen Lager die Köpfe eingeschlagen. Vieles ist denkbar. Aber das war hier gar nicht mein Punkt bzgl. der Mitarbeiterausstattung: Es ging mir um die wissenschaftliche Reproduzierbarkeit.

    „Brauchte
    es Macht, die Alten loszuwerden? Natuerlich! Waren die Alten einfach nur schlecht? Ja! Nur ein Fallbespiel, aber die Heterodoxen fordern ja immer, dass auch Fallbeispiele als Evidenz gelten
    duerfen.“

    Ähnliche Geschichten können Sie auch aus den 1970er Jahren erzählen, flankiert durch Drittelparität und mit umgekehrten Vorzeichen (nämlich für die Heterodoxen), wobei ich mich über die Qualität der „Alten“ nicht auslassen möchte. (Bestes Beispiel: Helmut Arndt in Berlin.) Ich würde hier auch nicht das Ergebnis einer Machtkonstellation automatisch mit wiss. Qualität in Verbindung bringen.

    „Ich glaube, ein weiteres Charakteristikum des Mainstreams gegenueber den Heterodoxien ist doch auch: es muss nicht immer ums Ganze gehen. Die Staerke des Mainstreams besteht doch
    meines Erachtens auch darin, dass er sich wichtige, aber konkrete Fragen vornimmt und diese zu beantworten versucht. […] Protip an die Heterodoxen: nehmen Sie sich mal solche Fragen konkret vor und tragen Sie
    zu deren Beantwortung bei – die Lehrstuehle, Publikationen, DFG-Gelder werden kommen. Es wird allerdings keine DFG Gelder fuer die Ueberwindung des Kapitalismus geben.“

    Hier erliegen Sie wahrscheinlich erneut einem Stereotyp, den sie auch noch weiter forcieren. Wer sagt Ihnen denn, dass es den Heterodoxen „immer ums Ganze“ geht? Wer sagt, dass sich Heterodoxe nicht auch „wichtige[n], aber konkrete[n] Fragen“ widmen und diese „zu beantworten“ versuchen? Wer sagt Ihnen, dass Gelder für die Überwindung des Kapitalismus bei der DFG beantragt werden? Und selbst wenn, warum sollten Ökonomen nicht für etwas Gelder bekommen, das z. B. in Soziologie offenbar durchaus förderungswürdig ist? (Stichwort: Postwachstumsgesellschaft) Sie die unwissenschaftlicher, marxistischer usw.?

    Sie machen es sich damit viel zu einfach.

    Gerade was die DFG-Gelder betrifft, übersehen Sie, dass z. B. Bremen lange Zeit die Mitgliedschaft in der DFG verwehrt wurde. Soll das an der wissenschaftlichen Qualität gelegen haben? Ich habe daran meine Zweifel, weil ja durchaus renommierte und sorgfältig arbeitende Wissenschaftler dort gearbeitet haben (z. B. Heinz Kurz, Harald Hagemann). Es fällt außerdem auf, dass Heterodoxe bei der DFG tendenziell nicht gefördert werden, während sie bei alternativen Förderinstitutionen 50% bis 100% ihrer Anträge gefördert bekommen. Ich gehe nicht davon aus, dass alternative Förderinstitutionen geringere wissenschaftliche Standards anlegen oder gezielt besonders allgemeine und groß angelegte Würfe zur Überwindung des Kapitalismus fördern.

  3. Erwiderung: Zwei Geschichten (I)
    @ Ruediger Bachmann, 19. September 2015 um 17:32 Uhr, Zwei Geschichten:

    Danke, dass Sie sich die Zeit für eine Erwiderung genommen haben. Allerdings geraten bei Ihrer Polemik leider wieder ein paar Dinge durcheinander.

    „Herr Thieme (wie auch Arne Heise, mit dem ich uebrigens zum gleichen Thema vor kurzem einen laengeren Emailaustausch hatte) erzaehlt die Geschichte
    der deutschen Wirtschaftswissenschaften – in gut marxistischer Art und Weise – als Geschichte von Oben und Unten […]“

    Die „gute marxistische Art und Weise“ mag vielleicht Ihr Eindruck sein, Sie befinden sich damit aber auf dem Holzweg. Die Untersuchung, die sie ansprechen, war keineswegs marxistisch angelegt, sondern eher sozialökonomisch, basierend auf Kategorien wie Sozialkapital, wiss. Kapital usw. (Bourdieu).
    Und für mich persönlich passt der Marxismus-Vergleich auch wenig, da ich mich nur nebenher einmal mit ein paar Versatzstücken von Marx beschäftigt habe (ich selbst beziehe mich in meiner Arbeit nicht auf ihn). Mit Ihrer Behauptung könnten Sie also bezüglich meiner Person ein paar doch recht überzogene Erwartungen wecken …

    „Ich und die meisten anderen Insider
    erzaehlen diesselbe Geschichte als eine von Gut und Schlecht. Wer hat nun Recht? Letztlich lassen sich beide Geschichten nicht im strikten Sinne falsifizieren, es kommt also
    immer auf Plausibilitaet und Ueberzeugungskraft an. Wahrscheinlich sind Elemente beider Geschichten wahr.“

    Ich weiß hier nicht, wie Sie das mit „Gut und Schlecht“ meinen oder wo Sie Gegensätze aufeinanderprallen sehen. Ich will klarstellen, dass meines Wissens bestimmte Personen aus dem „Mainstream“ z. B. bei der Besetzung in den Neuen Bundesländen ebenso wie Heterodoxe von Ausgrenzung betroffen sein konnten (nämlich dann, wenn der jeweilige „Stallgeruch“ nicht passte). Bei den „Heterodoxen“ fällt das nur schwerer ins Gewicht, weil da ohnehin weniger Personen vorhanden waren und „heterodoxe“ Strömungen bisweilen als gänzlich gegensätzlich angesehen wurden.

    Aber schauen Sie sich doch mal die Kategorie B.50 der JEL-Klassifikation an. Da finden Sie neben Marx u. a. auch Sraffa/ Neoricaridanismus, Altinstitutionalisten und vor allem die feministische Ökonomik. Sie können auch die für den deutschen Sprachraum relevanten Strömungen wie Neoricaridanismus, Postkeynesianismus, an Marx orientierte Theorie oder die Sozialökonomik nehmen. Die Zahl der Lehrstühle, die in diesen Gebieten forscht, ist – vorsichtig ausgedrückt – extrem überschaubar. Auch in der Besetzung der Lehrstühle in den neuen Bundesländern fällt das auf. Deshalb sieht mir das mehr nach einem systematisch-strukturellen Ausgrenzungsproblem aus. Jedenfalls fällt es mir schwer, zu glauben, dass all die jüngeren Heterodoxen mit postkeynesianischen, neoricardianischen, usw. Hintergrund nicht gut genug gewesen wären, um auf einen Lehrstuhl zu kommen.

    Der Umkehrschluss, dass dann wirklich gutes Personal auf Lehrstühle gekommen wäre (den Sie hier nicht ziehen, der aber vielleicht aus Ihrer Äußerung gezogen werden könnte), stimmt meiner Erfahrung nach auch nicht.

    „1) Ich hoffe, wir sind uns einig, dass es durchaus sein kann, dass auch in den Sozialwissenschaften bestimmte Ansaetze/Schulen, etc. ohne Verlust absterben koennen, weil sie
    einfach wirklich nicht mehr plausibel/fruchtbar sind.“

    Klar, Sie haben Recht, ein physiokratischer Lehrstuhl hätte heute schon einen extrem exotischen Wert. ;-) Aber dennoch würde ich es mir nicht so einfach machen wie Sie.

    i) Was heißt „absterben“?
    i.a) Wenn Sie „vergessen“ meinen, dann möchte ich Ihnen entschieden widersprechen. Einmal, weil diese „alten“ und „widerlegten“ Ansätze die Geltungsbedingungen für spätere Ansätze sind: Aus ihnen sind spätere Ansätze hervorgegangen. Zum anderen, weil in den „alten“ Ansätzen ggf. bestimmte „Fehler“ gemacht wurden, die heute auch gemacht werden könnten. Die Dokumentation dieses Scheiterns halte ich für wichtig. Es muss ferner möglich sein, ggf. ein paar Stufen tiefer einen (alten) Gedanken neu aufzugreifen, ihn zu vertiefen. Wissenschaft ist schließlich immer an den Kontext gebunden, d. h. heute könnten Fragen aktuell sein, die zwischenzeitlich als nicht relevant angesehen wurden, aber weit davor bearbeitet wurden. Ein Kollege sagt dazu immer: „Bücher lesen schützt vor neuen Entdeckungen.“ Ich denke, dass daran etwas Wahres dran ist.

    i.b) Wenn Sie mit „absterben“ meinen, dass die Strömungen nicht durch Lehrstühle vertreten sein sollten, mögen Sie mit den Physiokraten ein „plausibles“ Beispiel anführen, aber als allgemeine Aussage tu‘ ich mich schwer damit. Ich denke z. B. an die Wirtschaftskulturforschung/ Wirtschaftsstilforschung (Neohistorismus), die in Deutschland immer in den Kinderschuhen stecken blieb, nicht wirklich systematisch weiterentwickelt werden konnte und praktisch nicht durch einen Lehrstuhl vertreten war. Die halte ich für durchaus fruchtbar, zumal auch als sinnvollen Hinweisgeber für Modellbauökonomen (Kann ich mein Modell auf Sachverhalt A in Land XY anwenden? Welche Variablen habe ich dann zu beachten? usw.). Bei der feministischen Ökonomik bin ich mir auch nicht sicher, ob dieser Strang „absterben“ sollte. Die von dort angestoßenen Fragen sind ja bis heute aktuell (gender pay gap usw.).

    ii) Prinzipiell besteht das Problem, zu klären, was „nicht mehr pausibel/ fruchtbar“ ist. Plausibel oder fruchtbar für wen? Beides – „plausibel“ wie „fruchtbar“ – sind doch Wertungen, die ihrerseits nach Kriterien verlangen und die unterschiedlich sein können. Ich sehe hier die Gefahr, in eine Geschichtsschreibung der ökonomischen Theorie abzudriften, die von Fachleuten (der Dogmengeschichte) als „whig theory“ bezeichnet wird: „Gut“, „plausibel“ usw. ist das, was sich durchgesetzt hat, über den Rest muss mensch sich keine Gedanken mehr machen …

  4. Anmerkungen zu: Aber wo sind die Schüler?
    „Die Frage ist natürlich, warum die alten Heterodoxen so wenige Schüler an den Unis haben? Hatten die Schüler als Heterodoxe keine Chancen auf Rufe oder fehlte es an sehr guten Schülern? Ich kann das von außen nicht beurteilen. Denn es gab ja nicht nur die von Ihnen erwähnte Berufungswelle in den Siebzigern, doch wohl auch noch eine in den Neunzigern im Zusammenhang mit den Unis in den neuen Bundesländern.“

    Ich denke, einmal die allgemeinen Berufungsmöglichkeiten (dazu gleich noch etwas). Dann wiederum der Zugang zu Fördermitteln – Heterodoxe haben bei der DFG so gut wie keine Chance und sind auf div. Stiftungen angewiesen. Dann spielt auch die generelle Ausstattung eine Rolle, besonders Postdoc-Stellen, weil Sie nur darüber auch Habilitationen begleiten können. Es gibt zwar auch den Umweg über das Ausland und heute die Juniorprofessuren (früher mal Assistenzprofessuren), aber der Regelfall sieht in Deutschland immer noch die Habilitation als Zugangsvoraussetzung für eine Professur vor. Da sah es bei den Heterodoxen – mit Ausnahme einzelner Vertreter – nicht ganz so gut aus, d. h. dass sie nicht so viele „Schüler“ produzieren konnten, wie „Mainstream-Kollegen“, die vielleicht auch noch in einen Sonderforschungsbereich eingebunden waren. Noch viel weniger von den „Schülern“ haben es in eine ordentliche Professur geschafft. Ich gehe dabei nicht davon aus, dass die Personen zu schlecht für eine Professur qualifiziert waren. Hier wird wohl ein gewisser Dogmatismus bei den Berufungsverfahren eine Rolle gespielt haben.

    Was die Schülerproduktion betrifft, müssen auch die Unterschiede an den Hochschulstandorten bedacht sein. Soweit ich weiß, wurden z. B. die Professuren in Bremen zunächst ganz bewusst nicht mit viel Personal ausgestattet.

    Was die Neunziger und die neuen Bundesländer anbelangt: Da ist der von Ihnen genannte Helmedag meines Wissens der einzige, der in eine ordentliche Professur gelangt ist. Ich schätze mal, dass es Zufall war. Ansonsten ist mein Eindruck der, dass praktisch die alten „Schulen“ – hier aber mehr bezogen auf bestimmte Personen und Hochschulstandorte – ihr „Modell“ in den Osten transferiert haben. In Leipzig war z. B. der Kölner Einfluss spürbar (Ordoliberale), an anderen Orten sicher der Einfluss anderer „Schulen“. Wer dann „im Westen“ nichts werden konnte, konnte somit auch im Osten nichts werden, was im Besonderen auch für „Heterodoxe“ galt. Aber ich gebe zu, dass ich hier spekulieren muss. Mein Eindruck ist der, dass auch hier Dogmatismus eine Rolle spielt: Wer den notwendigen Stallgeruch nicht hatte, wurde nicht berufen – ich gehe davon aus, dass das zwar auch auf normale Ökonominnen und Ökonomen zutraf, die Heterodoxen davon aber im besonderen Maße betroffen waren. (Es mag hier auch der politischen Situation geschuldet gewesen sein: Die Expertise z. B. von marxistischer Ökonomen aus dem Westen wird nach Zusammenbruch der DDR im Osten vielleicht nicht besonders gefragt gewesen sein.)

    Wenn Sie das Thema allg. interessiert, dann schauen Sie mal hier: https://www.boeckler.de/11145.htm?projekt=S-2012-575-1%20B
    Bei Metroplis ist gerade ein Sammelband „Sozialökonomie – ein Zukunftsprojekt“ erschienen, der einen Beitrag von Arne Heise zum Thema enthält.

    Weil Sie in Ihrer Betreffzeile danach fragten, wo die Schüler abgeblieben sind: Soweit ich weiß, ist das noch nicht eingehend untersucht worden. Meiner Einschätzung nach ist ein Teil an Fachhochschulen oder Berufsakademien gelandet. Dort können sie sich aber nicht so „reproduzieren“ wie ihre Kolleginnen und Kollegen von der Uni, weil sie nicht habilitieren können. Neben der entsprechenden Lehrbelastung ist auch die Reputation der FH-Profs nicht so hoch, d. h. sie gelten mehr oder minder als Profs zweiter oder dritter Klasse. Insofern hat mensch sie nicht unbedingt auf dem Schirm. Andere sind aus der Wissenschaft ganz ausgestiegen oder arbeiten zwar wissenschaftsnah, aber außerhalb der Unis (z. B. in Gewerkschaften, Verlagen). Wieder andere sind in anderen Disziplinen zu finden, wo sie von Ökonomen normalerweise auch nicht ernst genommen werden. Wenn Sie also fragen, wo die Schülerinnen und Schüler der Heterodoxen geblieben sind, dann müsste die Antwort lauten, dass ein Teil ins „wissenschaftliche Exil“ gegangen, ein anderer Teil ausgestiegen ist. Schauen Sie sich die Situation des wiss. Nachwuchses heute an – dann ist das auch nicht verwunderlich. Insofern ist die Unterfinanzierung der Hochschulen sicher auch Teil einer Antwort.

    • Zwei Geschichten
      Wie ich vorhergesagt habe: Herr Thieme (wie auch Arne Heise, mit dem ich uebrigens zum gleichen Thema vor kurzem einen laengeren Emailaustausch hatte) erzaehlt die Geschichte
      der deutschen Wirtschaftswissenschaften – in gut marxistischer Art und Weise – als Geschichte von Oben und Unten: „Ich gehe dabei nicht davon aus, dass die Personen zu schlecht
      für eine Professur qualifiziert waren. Hier wird wohl ein gewisser Dogmatismus bei den Berufungsverfahren eine Rolle gespielt haben.“ Ich und die meisten anderen Insider
      erzaehlen diesselbe Geschichte als eine von Gut und Schlecht. Wer hat nun Recht? Letztlich lassen sich beide Geschichten nicht im strikten Sinne falsifizieren, es kommt also
      immer auf Plausibilitaet und Ueberzeugungskraft an. Wahrscheinlich sind Elemente beider Geschichten wahr.

      Ich will (auch in Erwiderung auf Herrn Thieme) noch ein paar weitere Punkte fuer „meine“ Story anbringen:

      1) Ich hoffe, wir sind uns einig, dass es durchaus sein kann, dass auch in den Sozialwissenschaften bestimmte Ansaetze/Schulen, etc. ohne Verlust absterben koennen, weil sie
      einfach wirklich nicht mehr plausibel/fruchtbar sind. Es sollte also klar sein, dass nicht JEDES Verschwinden bestimmter Ansaetze eine negative Konsequenz von reinen Machtverhaeltnissen
      ist. Nehmen wir etwa die Physiokratie, den Malthusianismus oder die voelkische VWL unter den Nazis (Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld). Weint denen noch einer eine Traene nach?

      2) Herr Thieme spricht die Ressourcenknappheit in Hamburg und Bremen an und die Antipathie der DFG gegen die Heterodoxie (die ja nur die Antipathie des Mainstreams ist, denn der
      entscheidet ja in der DDFG). Aber wie plausibel ist das als Grund? Oekonomen, vor allem solche, die verbal arbeiten wollen, brauchen doch eigentlich, wenn man ehrlich ist, kaum finanzielle
      Ressourcen, auch kaum Mitarbeiter (ausser fuer die Lehre; ich zum Beispiel habe in Notre Dame keine Mitarbeiter, die meisten Kollegen auch nicht, nur diejenigen die grosse
      Datenprojekte machen, brauchen solche; die international erfolgreichen VWL Fakultaeten in Deutschland in Bonn und Mannheim haben sich weitestgehend vom Mitarbeitersystem verabschiedet).
      Es handelt sich hier ja gerade nicht um grossbetriebliche Experimentalwissenschaften (Ausnahme sind Computerressourcen, aber auch da sind die Heterodoxen ja eher nicht so
      drin, wenn man von den agent-based Sachen einmal absieht). Wie ja immer wieder zurecht in der Kritik am heutigen Hochschulmanagement angemerkt wird,
      brauchten die grossen geistes- und sozialwissenschaftlichen Meister fuer ihre Grosswerke hauptsaechlich eines: Zeit und Ruhe. Warum sollten das die Heterodoxen in Hamburg und Bremen nicht
      gehabt haben, um ihre grossen Wuerfe zu machen? Soweit ich das sehe, hat man nicht geliefert und damit wird meine Gut-Schlecht Version der Geschichte plausibler.

      3) Notre Dame – ein Mikrobeispiel fuer die Evidenz der Gut-Schlecht Version. Mein heutiges Department war ja lange Jahre ein etwas marxistisch angehauchtes Oekonomikdepartment.
      Wer hat damit aufgeraeumt? Nicht etwa der boese neoklassische Mainstream, sondern ein Germanist und ein Religionshistoriker als Dekane. Warum? Weil es ein dysfunktionales Department war,
      das sich intern stritt, von dem sich die Studenten reihenweise abgewandt hatten, das keinen Forschungsoutput produzierte, etc. Notre Dame heute? Ein Department, das in weltweitem
      wissenschaftlichen Austausch steht, dem die Studenten in Massen zustroemen, das erfolgreich jungen Wissenschaftler anzieht, etc. Eine „neoklassische“ Erfolgsgeschichte. Brauchte
      es Macht, die Alten loszuwerden? Natuerlich! Waren die Alten einfach nur schlecht? Ja! Nur ein Fallbespiel, aber die Heterodoxen fordern ja immer, dass auch Fallbeispiele als Evidenz gelten
      duerfen.

      4) Ich glaube, ein weiteres Charakteristikum des Mainstreams gegenueber den Heterodoxien ist doch auch: es muss nicht immer ums Ganze gehen. Die Staerke des Mainstreams besteht doch
      meines Erachtens auch darin, dass er sich wichtige, aber konkrete Fragen vornimmt und diese zu beantworten versucht. Wie gross ist der Fiskalmultiplikator, wovon haengt seine Groesse ab?
      Wie kann Geldpolitik an der Nullzinsgrenze aussehen? Was treibt Ungleichheit, wie haengt Ungleichheit mit intergenerationaler Mobilitaet zusammen? Etc. Oder etwa aus dem Mikrobereich:
      tut es Schuelern gut, wenn sie in kleineren Klassen lernen oder wenn man Lehrer besser bezahlt? Protip an die Heterodoxen: nehmen Sie sich mal solche Fragen konkret vor und tragen Sie
      zu deren Beantwortung bei – die Lehrstuehle, Publikationen, DFG-Gelder werden kommen. Es wird allerdings keine DFG Gelder fuer die Ueberwindung des Kapitalismus geben.

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