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Wirtschaftsnobelpreis abschaffen?

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Ein angesehener schwedischer Forscher fordert, den Wirtschaftsnobelpreis abzuschaffen. Sein Argument ist hart: Wirtschafts-Absolventen seien korrupter als andere Leute.

Die Medaille von Wirtschafts-Nobelpreisträger Dale Mortensen© dpaDie Medaille von Wirtschafts-Nobelpreisträger Dale Mortensen

Die Attacke kommt zum richtigen Zeitpunkt: Heute Nachmittag vergibt die Schwedische Wissenschaftsakademie den Wirtschaftsnobelpreis, und am Morgen fordert eines ihrer prominenteren Mitglieder dessen Abschaffung. Mit einem ganz neuen Argument.

Denn die Abschaffung an sich wird ständig gefordert. Die Position der Wirtschaftswissenschaften war immer schwächer als die der anderen Nobelpreis-Disziplinen. Die anderen stammen aus dem Erbe des Dynamit-Erfinders Alfred Nobel, der in seinem Testament verfügt hat, sie sollten an die Menschen gehen, die der Menschheit den größten Nutzen gebracht hätten. Dabei definierte er auch die Disziplinen – und die Ökonomik fehlte. Nobel selbst soll die Ökonomen sogar gehasst haben.

Doch 1968 stiftete die schwedische Reichsbank, die Nationalbank Schwedens, zu ihrem 300-jährigen Bestehen einen weiteren Preis: den „Preis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel“. Seit 1969 wird er nach dem gleichen Muster vergeben wie die Preise für Chemie und Physik, und zwar von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Dass die Wirtschaftswelt so auf den Preis guckt, liegt sicher nicht nur daran, dass es ein Nobelpreis ist – sondern auch daran, dass der Nobelpreis die bedeutendste Auszeichnung für Ökonomen ist.

Selbst das hat dem Preis schon Kritik eingetragen. Einer der ersten Preisträger, Friedrich August von Hayek, glaubte so sehr an das verteilte Wissen, dass er selbst die Abschaffung des Preises forderte – er gebe seinen Trägern zu viel Autorität. Andere kritisierten, dass der Preis (ähnlich wie die Preise für Literatur und Frieden) immer auch eine politische Dimension hat.

Sind Wirtschaftswissenschaftler korrupter?

Rothstein argumentiert jetzt anders. Er selbst hat keine formale Position innerhalb der Akademie über seine Mitgliedschaft hinaus, gehört aber zu den angeseheneren Politikwissenschaftlern des Landes. Dieses Ansehen hat er sich unter anderem mit seiner Arbeit über Korruption erworben. Jetzt argumentiert er in einem Gastbeitrag in der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter auf Grundlage mehrerer Studien: Absolventen der Wirtschaftswissenschaften seien korrupter als andere Leute. Dabei geht es ihm nicht um Befangenheitsvorwürfe gegen Forscher, gegen die die Ökonomen schon einige Transparenzinitiativen gestartet haben. Nein, Rothstein geht es um die Absolventen.

Er beruft sich dabei zum Beispiel auf eine Studie des Münsteraner Ökonomen René Ruske, der ausgezählt hat, dass im amerikanischen Kongress in den Jahren 2005 bis 2009 die Abgeordneten korrupter gewesen seien, die Volkswirtschaft studiert hatten – zumindest nach Ansicht der Transparenzorganisation „Crew“.

Moral-Probleme unter Volkswirten und auf Märkten werden schon seit einiger Zeit thematisiert. Armin Falk und Nora Szech sind nach einem – umstrittenen – Experiment mit Mäusen davon überzeugt, dass der Markt Moral zersetzt. Volkswirte selbst gelten schon seit 1993 als egoistischer als andere Menschen.

Und was hat das mit dem Nobelpreis zu tun?

Aber liegt das am Studium? Oder nur daran, dass egoistische Leute eher Wirtschaftswissenschaften studieren? Rothstein schiebt solche Effekte darauf, dass Studenten viel über den „Homo oeconomicus“, den hyperrationalen, egoistischen Menschen, lernen. Yoram Bauman und Elaina Rose haben diese Frage allerdings schon 2009 untersucht – ihr Ergebnis: Wer im Nebenfach VWL studiert, wird tatsächlich während des Studiums egoistischer. Hauptfach-Studenten nicht.

Bleibt die Frage, ob die Abschaffung des Nobelpreises überhaupt die richtige Reaktion wäre. Sehen wir mal auf einige Nobelpreise der vergangenen Jahre, zum Beispiel für Elinor Ostrom, Robert Shiller oder Daniel Kahneman: Der Nobelpreis hat damit auch transparent gemacht, dass es in der Volkswirtschaft schon lange nicht mehr nur um den „Homo Oeconomicus“ geht.

Update: Den Preis in diesem Jahr hat Angus Deaton bekommen. Wir stellen ihn hier vor.

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31 Lesermeinungen

  1. Pingback: Ein Nobelpreis für den Helfer der Armen - Fazit - das Wirtschaftsblog

  2. Naja: "Wirtschaftsnobelpreis abschaffen?"
    Vielleicht … Aber wenn ein „Nobelpreis“ abgeschafft werden muss, dann ist es der – ohnehin unechte – Osloer „Friedensnobelpreis“, der nun wirklich als nichts anderes als eine Farce bezeichnet werden kann …

  3. Pingback: Kleine Presseschau vom 13. Oktober 2015 | Die Börsenblogger

  4. Ansatzänderung
    Auch wenn ich eine Reihe der Nobelpreisträger persönlich (Krugman) wie auch fachlich (Fama, schon wieder Krugman) ablehne und ihr Nobelpreis viel zu oft als Autoritätsargument genutzt wird, ist diese Begründung Unsinn.

    Statt eine mehr oder weniger wichtige Auszeichnung zu streichen sollte man sich lieber einmal über das gelehrte Menschenbild Gedanken machen und einfache (für das Grundstudium taugliche) Alternativen entwickeln (oder wiederentdecken).
    Davon ab sind sich halbwegs vernünftige Ökonomen im Gegensatz zu manchem Politik- und Kulturwissenschaftler darüber im Klaren, dass der Homo Oeconomicus lediglich ein Modellagent ist, der notwendig ist, um quasi-psychologische quantitative Ökonomie zu betreiben.
    Ändert man den formalen Ansatz, kann man auch dieses roboterhafte Menschenbild wieder loswerden. Dazu muss aber sehr früh in der ökonomischen Ideengeschichte angesetzt werden, weil schon Gleichgewichtstheorie tendenziell dazu einlädt, irgendwelches optimales Handeln vorauszusetzen.

  5. Solange die
    die Baryonenasymmetrie ungeklärt ist, muß der Physik Nobelpreis ausgesetzt werden.

    Die Baryonenasmmetrie der Teilchenphysik ist die beobachtete große Dominanz der Materie gegenüber der Antimaterie im Universum. Sie ist eines der wichtigsten noch nicht verstandenen Phänomene der Teilchenphysik, da sie nicht durch das Standardmodell erklärt werden kann.
    Und absolut unmoralisch handeln Chemiker, wenn sie das Bose-Einstein Kondensat in ihren Kaffee mischen.

    Und darüber hinaus, auch der Medizin-Nobelpreis gehört ausgesetzt, solange man Schnupfen und Grippe nicht medikamentös verhindern kann. Das ist doch mit menschlichem Leid und familiären Katastrphen verbunden.
    Zum Glück gibt es keinen Nobel Preis für Ingenieurwesen – bei den Messbetrügereien bei VW und Audi.

  6. Pingback: Von der Abschaffung des Wirtschaftsnobelpreises zum Wirtschaftsnobelpreis für Angus Deaton | Wirtschaftswurm

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