Fazit – das Wirtschaftsblog

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Was können Ökonomen?

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Seriöse Ökonomik ist die Beschäftigung mit Modellen. Aber es gibt viele Modelle und nicht das Modell – und welches das richtige ist, entscheidet der Kontext. Das sind die Kernthesen von Dani Rodriks neuem Buch. Der Harvard-Ökonom beschreibt, was Ökonomen können, wo sie sich überschätzen und warum sich Kritiker mit der Forderung nach Methodenvielfalt irren. Rodrik ist ein interner Kritiker seiner Zunft, kein externer Revoluzzer.

Was bewirkt der Welthandel?© dpaWas bewirkt der Welthandel?

“History has not been kind to theorists who claimed to have discovered the universal laws of capitalism. Unlike nature, capitalism is a human, and therefore malleable, construction.” (Dani Rodrik)

Wer sich für ökonomische Fragen interessiert und in den kommenden Monaten nur ein Buch lesen will, sollte an diesem Werk nicht vorüber gehen. Dani Rodrik beschreibt in seinem neuen Buch, wie moderne Ökonomen arbeiten, was sie leisten, was man von ihnen erwarten darf und wo sie sich überschätzen. (Frühere FAZIT-Beiträge über Arbeiten Rodriks finden sich unter anderem hier und hier.) Das Buch setzt sich mit seiner eigenen Profession auseinander und nimmt gleichzeitig Kritik von Außenstehenden auf. Rodrik, einer der wichtigsten Entwicklungsökonomen unserer Zeit, weiß, dass Ökonomen allenfalls Kritik aus der eigenen Zunft akzeptieren. In der härtesten Münze, die moderne Ökonomen anerkennen – Publikationen in angesehenen Fachzeitschriften -, vermag der Harvard-Professor problemlos zu zahlen.

Es gibt nicht das Modell, sondern viele Modelle

Rodriks grundlegende Thesen lauten: Es ist gut, dass Ökonomen üblicherweise mithilfe von Modellen, also abstrakten, meist mathematisch formulierten Konstruktionen, arbeiten: „Modelle sind sowohl die Stärke als auch die Achillesferse der Ökonomik. Sie machen aus der Ökonomik eine Wissenschaft.“ Ihre Kernbestandteile sind klar definierte Annahmen und Mechanismen, die menschliches Verhalten abbilden. Aber: Es existiert nach seiner Überzeugung nicht ein Modell, mit dem Ökonomen die ganze Welt erklären können, sondern es liegt eine wachsende Zahl verschiedener Modelle vor und die Wahl des richtigen Modells für die Behandlung eines ökonomischen Themas ist vom Kontext abhängig: „Die Ökonomik ist eine Sozialwissenschaft, und Gesellschaften haben keine fundamentalen Gesetze – jedenfalls nicht auf die gleiche Weise wie Naturwissenschaften.“

Ein einfaches Beispiel: Wer einen Markt mit vielen Anbietern und Nachfragern analysieren will, kann mithilfe traditioneller Analysen, in denen jeder Anbieter und Nachfrage sich nach seinen individuellen Präferenzen verhält, mehr Erkenntnisse gewinnen als auf den ersten Blick erkennbar. Strategisches Verhalten in Form von Kooperationen bringt hier jedoch nichts. Nun betrachten wir einen Markt, den sich zwei große Anbieter teilen. Hier nützt die traditionelle Analyse eines Marktes mit vielen Anbietern wenig, aber schon ein einfaches spieltheoretisches Modell wie das bekannte „Gefangenendilemma“ verspricht Einsichten. Um Möglichkeiten und Grenzen von Modellen zu verdeutlichen, vergleicht Rodrik sie mit Fabeln: Sie sind (in der Regel) kurz und auf den Punkt gebracht. „Ein ökonomisches Modell erzählt immer eine Geschichte“, sagt auch der bekannte Ökonom Hal Varian. Urteilskraft ist gefordert, um das jeweils geeignetste Modell heranzuziehen.

Außenseiter fragen: Entrückt die ausgiebige Verwendung von Mathematik die Modelle nicht der Realität? Nein, konstatiert Rodrik. Der Grund, warum Ökonomen Mathematik verwenden, werde meist missverstanden. Es gehe nicht um die Demonstration höheren Wissens: „Mathematik spielt im wesentlichen zwei Rollen in der Ökonomik, die beide kein Ruhmesblatt sind: Erstens ermöglicht die Mathematik die klare und transparente Darstellung der Elemente eines Modells. Die zweite Tugend der Mathematik ist, dass sie die interne Konsistenz eines Modells garantiert – einfach ausgedrückt, dass die Resultate aus den Annahmen folgen.“ Verbale Darlegungen beinhalteten dagegen die Gefahr von logischen Fehlschlüssen oder der Auslassung wesentlicher Sachverhalte und kollabierten oft, wenn man sie mathematisch formuliere: „Ich sage meinen Studenten: Ökonomen benutzen Mathematik nicht, weil sie so schlau sind, sondern weil sie nicht schlau genug sind.“ Im Prinzip erforderten ökonomische Modelle keine Mathematik und es sei nicht die Mathematik, die Modelle nützlich oder wissenschaftlich mache.

So wie Außenseiter die Rolle der Mathematik zu kritisch sähen, gebe es am anderen Ende des Spektrums Ökonomen, die sich leider in die Mathematik verliebt hätten. Der Verfasser zitiert als abschreckendes Exempel die nachfolgende Einführung in ein Paper: “We establish new characterizations of Walrasian expectations equilibria based on the veto mechanism in the framework of differential information economies with a finite measure space of agents.” Das klingt nicht gerade lesefreundlich und leicht zugänglich. Rodrik erinnert aber daran, dass wesentliche wirtschaftliche Anwendungen aus hoch mathematischen und scheinbar abstrusen Modellen abgeleitet wurden. Er erwähnt unter anderem die mit Nobelpreisen ausgezeichnete Auktionstheorie.

Woher kommt Ungleichheit?

Mit diesem Grundgerüst arbeitet sich Rodrik durch die Frage, wie Ökonomen Modelle bauen und wie Ökonomen die für konkrete Fragestellungen geeigneten Modelle wählen. Danach behandelt er den Zusammenhang von Modellen und Theorien. Dem Wort Theorie steht er durchaus distanziert gegenüber; in der Realität handele es sich bei sogenannten Theorien um Ansammlungen von Modellen, die sorgsam angewandt werden sollten und vor deren allgemeiner Aussagekraft man sich hüten müsse. Solange man in diesem Sinne nicht zu viel von ihnen erwarte, könnten diese Theorien sehr nützlich sein.

Versuchen wir uns an einem Exempel Rodriks: In den Vereinigten Staaten hat seit den siebziger Jahren die Ungleichheit der Einkommen zugenommen. Es fällt auf, dass dieser Prozess zeitlich in etwa mit einer größeren Internationalisierung der amerikanischen Wirtschaft, sprich: der Globalisierung, einher gegangen ist.

Nun erinnern wir uns an Einführungen in die reale Außenhandelstheorie und dort an die sogenannten Faktorproportionentheoreme, die noch heute in jedem Lehrbuch auf den vorderen Seiten zu finden sein dürften. Aus dem Heckscher-Ohlin-Modell folgt, dass die Vereinigten Staaten in Schwellenländer vor allem solche Produkte ausführen, die qualifizierte Arbeit erfordern, während ein Schwellenland wie Mexiko vor allem solche Produkte in die Vereinigten Staaten verkauft, die mit einfacher Arbeit hergestellt werden. Aus dem Stolper-Samuelson-Modell folgt ergänzend, dass deswegen die qualifizierte Arbeit sehr viel besser entlont wird und die einfache Arbeit unter Lohndruck gerät. Das ist in den Vereinigten Staaten gut für die Bezieher hoher Arbeitseinkommen und schlecht für die Bezieher niedriger Arbeitseinkommen: Die Einkommensschere geht auseinander. (Der Fachbegriff heißt “skill premium”.) Voilà, wir haben die zunehmende Ungleichheit in den Vereinigten Staaten mithilfe von Standardmodellen aus der realen Außenhandelstheorie erklärt. Wer behauptet, dass VWL schwierig ist?

Doch langsam. Aus der Anwendung dieser Modelle folgt umgekehrt, dass sich in Ländern wie Mexiko die Einkommensschere schließen müsste, denn dort profitieren ja die Bezieher einfacher Arbeit besonders vom Außenhandel. Allerdings zeigte die Empirie das genaue Gegenteil; auch in Schwellenländern ist der Abstand zwischen Löhnen für einfache und komplizierte Arbeit wie in den Vereinigten Staaten gewachsen und nicht geschrumpft. Unsere einfache Erklärung ist bestenfalls ein Teil der Wahrheit. Hat die Lohnentwicklung vielleicht gar nichts mit dem Außenhandel zu tun? Oder existieren im Außenhandel Einflüsse, die weitaus stärker wirken als die traditionellen Faktorproportionentheoreme?

Nun waren die vergangenen Jahrzehnte nicht nur die Ära der Globalisierung, sondern auch ein Zeitalter erheblichen technologischen Wandels. Technischer Fortschritt geht mit Nachfrage nach qualifizierter Arbeit einher. Diese beiden Effekte zusammen haben dazu geführt, dass amerikanische Unternehmen einen Teil der mit dem technischen Fortschritt verbundenen qualifizierten Arbeit in Schwellenländer ausgelagert haben. Das heißt: Sie haben so weit wie möglich qualifizierte Arbeit in Ländern wie Mexiko beschäftigt – die für dortige Verhältnisse sehr hoch, nach amerikanischen Standards aber immer noch niedrig bezahlt wurde. Damit konnte wachsende Einkommensungleichheit in den Vereinigten Staaten, aber auch in Mexiko erklärt werden. Der Fachbegriff lautet “skill-biased technological change”. In den neunziger Jahren wurden Studien vorgelegt, nach denen 80 bis 90 Prozent der wachsenden Einkommensungleichheit mit diesem Effekt erklärt wurden und 10 bis 20 Prozent mit der traditionellen Außenhandelstheorie. Die ehrwürdigen Faktorproportionentheoreme sind nicht irrelevant und niemand muss sie aus den Lehrbüchern verbannen. Ihre Relevanz hängt vom jeweiligen Kontext ab.

Aber auch hier endet die Geschichte nicht. Eine bekannte Beobachtung aus den Vereinigten Staaten lautet, dass dort in den vergangenen Jahrzehnten die ohnehin schon sehr hohen Einkommen besonders stark gestiegen sind und man kann sich fragen, ob dieser Effekt ganz oder überwiegend mit einer steigenden Arbeitsproduktivität erklärt werden kann. Die neuere Forschung verweist auf unterschiedliche Begründungen wie, unter anderem, ein unnatürlich starkes Wachstum des Finanzsektors oder einen “crony capitalism”, bei dem sich Manager hohe Einkünfte zulasten der Aktionäre und der anderen Mitarbeiter zuschanzen. Zu diesen Aspekten liegen zum Beispiel Arbeiten von Piketty/Saez vor.

Rodriks Botschaft aus diesem Beispiel ist klar: Es gibt nicht ein Modell zur Erklärung der wachsenden Ungleichheit der Einkommen. Die Entwicklung der Realität und die Entwicklung neuer Modelle geht idealerweise Hand in Hand. Und die neuen Modelle treten neben die alten, aber ersetzen sie nicht notwendigerweise.

Die Fehler der Ökonomen

Anschließend setzt sich der Verfasser mit typischen Fehlern von Ökonomen auseinander. Vereinfacht lauten diese Selbstüberschätzung, Neigung zu ideologisch verbrämten Vereinfachungen und Unkenntnis der relevanten Modellwelt. Wir beschränken uns nur kurz auf den Hinweis, dass es schon lange Modelle gab, deren Analyse vor dem Jahr 2008 auf die Gefahren für die Finanzstabilität hinwiesen. Wer damals die Schlangen vor den Filialen der britischen Bank Northern Rock sah und sich als Ökonom unversehens Gedanken über die Bedeutung von Einlagensicherungssystemen machte, hatte etwas übersehen: Das einschlägige Modell von Diamond/Dybvig stammt aus dem Jahre 1983 und dürfte sich in jedem besseren Lehrbuch über Finanztheorie finden.

In diesem Kapitel bringt Rodrik auch seine seit langem vorgetragene Kritik an einer unkritischen Betrachtung der Globalisierung und besonders des jederzeitigen Nutzens kurzfristiger internationaler Kapitalströme. Kritikern des Mainstreams schreibt er allerdings ins Gewissen, dass ein gewaltiger Unterschied vorliege zwischen Ökonomen, die sich in der Öffentlichkeit als simpel gestrickte wirtschaftspolitische Lautsprecher betätigen und forschungsorientierten Ökonomen, die untereinander sehr harte Fach- und Sachdebatten führen, weil viele Dinge eben nicht einfach und offensichtlich sind. Da geht es dann nicht selten hoch her: “Wer glaubt, dass sich Ökonomen gegenüber Außenstehenden rüde benehmen, sollte einmal an einem ihrer Seminare teilnehmen.”

Außenseiter schießen daneben

Im abschließenden Kapitel bewertet er die Kritik von heterodoxen Ökonomen und Außenstehenden an der modernen Wirtschaftslehre.Dazu zählen Vorwürfe, die Modelle der Ökonomen seien zu simpel, sie enthielten unrealistische Annahmen, sie verzichteten auf soziale und kulturelle Aspekte, sie verherrlichten den Markt und viele Modelle seien nicht empirisch überprüfbar. Rodrik findet keinen Kritikpunkt wirklich überzeugend.

Auch greift er den gerade auch in Deutschland geäußerten Vorwurf auf, es fehle an einem Methodenpluralismus. Keine akademische Disziplin gestatte die Anwendung von Methoden, die sich zu weit von den verwendeten Praktiken unterschieden, stellt Rodrik klar: „Ein aufstrebender Ökonom muss klare Modelle formulieren und die dazu passenden statistischen Techniken anwenden können.“ Der Verfasser gibt zu bedenken, dass die bevorzugten Arbeitsweisen des Mainstreams keineswegs unveränderlich blieben: In seiner Jugend sei vor allem theoretisch gearbeitet worden, heute spiele die Empirie eine größere Rolle.

Eine wichtiges Buch

Dies ist kein dickes, aber ein wichtiges Buch. Nicht, dass alles unumstritten wäre, was Rodrik schreibt – er zieht seit Jahren innerhalb seines Faches, in dem er häufiger als unorthodox wahrgenommen wird, auch Kritik auf sich. Aber es ist ein schönes Buch in seiner Komposition und in der Art, wie der Verfasser scheinbar komplizierte Zusammenhänge auch für interessierte Laien verständlich schildern kann. Rodrik stellt viele verschiedene Modelle vor, erklärt, warum alte Modelle nicht einfach vergessen werden, und bringt zahlreiche praktische wirtschaftspolitische Anwendungen, die aus scheinbar hoch theoretischen Konstrukten folgen. Mittendrin schreibt er auf wenigen Seiten eine konzise Dogmengeschichte.

Rodrik schildert die Anfälligkeit von Ökonomen für Ideologien und Moden und ihre Fehleinschätzungen, die ihnen gerade in Phasen von Selbstzufriedenheit unterlaufen. Auch Rodriks eigene Arbeiten sind offen für Zweifel und Widerspruch. Es handelt sich um eine Wissenschaft, die von nicht-perfekten Menschen betrieben wird, die eine Welt beschreiben, deren Bevölkerung sich nicht wie ein Heer kalkulier- und steuerbarer Roboter verhält. Es ist eine sehr schöne Wissenschaft.


33 Lesermeinungen

  1. FarshadFeyzi sagt:

    Mehr Interdisziplinarität in der Ökonomie erforderlich
    In diesem Artikel erkennt man sehr gut, wie schwer vorhersagbar die Ökonomie ist. Hier wird die Schwierigkeit der Modellierung zur Verhaltens- und Ergebnisbeschreibung in der Makroökonomie analysiert. Selbst die Validierung von Modellen durch die Empirie funktioniert nicht immer richtig. Also es gibt noch viel zu tun für die jungen Wissenschaftler.
    Mein Tipp: Mehr Interdisziplinarität!

  2. Gerald Braunberger sagt:

    Keynes on Models
    Wie Dani Rodrik in dem LSE-Video berichtet, hat John Maynard Keynes die Kernthese seines neuen Buches bereits 1938 (in einem Brief an Roy Harrod) geäußert:

    “Economics is a science of thinking in terms of models joined to the art of choosing which models are relevant to the contemporary world.”

  3. Gerald Braunberger sagt:

    Rodrik im Video
    Ein Vortrag Dani Rodriks an der LSE in London:

    https://www.youtube.com/watch?v=Yxbcb7hxZP0&list=PLDcsaphsDjB2oyL_z0IxePR_kTI2Ex6dD

  4. Gerald Braunberger sagt:

    Paul Romer on Math
    “Good mathematical theory is valuable because it encourages clear writing and thereby produces clearer thoughts in the mind of the author. It encourages clear writing by limiting the vocabulary that the author uses. The mathematical equations depend on a limited set of symbols. In good theory, each symbol is tightly bound to specific, precisely defined word or phrase from the vocabulary. The combination of the equations and the words used in the theory give the words and symbols precise meaning. The prose in good theory does not pull in vaguely defined terms that are not in this vocabulary.”

    Quelle:
    https://paulromer.net/clear-writing-produces-clearer-thoughts/

  5. EnnoSchroeder sagt:

    Rodrik ist kein typischer Oekonoem, und eine typische VWL-Ausbildung produziert keine Rodriks
    Rodrik nutzt orthodoxe Methoden und orthodoxe theoretische Konzepte auf kreative Weise und ist dazu ein kenntnisreicher Beobachter der globalen Wirtschaft. Dabei zitiert er Albert Hirschman und andere Denker und bedient sich reichhaltig bei den Politikwissenschaften. Rodrik ist damit kein typischer, sondern ein aussergewoehnlicher, etablierter Oekonom.

    Schnitt zum VWL-Studium an der Humboldt-Universitaet Berlin. Fast das gesamte Studium besteht aus dem Verschieben von Kurven und dem Loesen von intertemporalen Gleichgewichtsmodellen. Diese “Skills” kann man sich mit Mitschriften und dem Studium der Vorlesungsfolien aneignen. Man kann das VWL-Studium an der Humboldt-Universitaet erfolgreich und mit Bravur abschliessen, ohne auch nur ein einziges Buch gelesen zu haben. Mit dem Untersuchungsgegenstand (also real existierenden oder mal existierenden Wirtschaften) muss man sich nicht auskennen. Ideengeschichte, Wissenschaftstheorie, oder Politikwissenschaften kommen im Studium ueberhaupt nicht vor.

    Wer ein Studium an der Humboldt-Universitaet durchlaeuft, der gewinnt an Schlauheit (man wird ganz exzellent auf Intelligenstests wie den GRE vorbereitet), aber nicht an Weisheit (man wird niemals so breit aufgestellt sein wie Rodrik).

    Die Humboldt-Universitaet ist nur ein Beispiel, weil ich dort seinerzeit studiert habe. Ich gehe davon aus, dass es an anderen Hochschulen nicht grossartig anders aussieht. (Eine Ausnahme moechte ich fuer die Kurse von Albrecht Ritschl machen, wo lesen dazugehoerte.)

  6. Radergummi sagt:

    Specific "General Theory"
    “Es gibt nicht das Modell, sondern viele Modelle”
    Damit hat Rodriks recht. Allerdings ist das eine triviale Aussage, denn sie schließt die zukünftige Existenz eines solchen – dem einen – Modell nicht aus, sondern ist lediglich eine Zustandsbeschreibung. Denn alle existierenden Modelle sind irgendwelchen Modellkategorien zugehörig oder stellen selbst eine Subkategorie irgendeiner Modellklasse dar.
    Das impliziert logisch notwendig ein Modell, dass diese Eigenschaft bis aufs Äußerste ausreizt bzw. zu dem alle existierenden Modellklassen eine Subkategorie bilden. Natürlich unter der Bedingung, dass diese Klassen keinen logischen Fehler enthalten. Die Wahrscheinlichkeit dafür das ein solcher enthalten ist, wird aber durch die Nutzung von Mathematik und empirischer Verifikation minimiert.

    Wenn man diesen Faden weiterspinnt, muss man ideengeschichtlich sehr früh ansetzen, um ein Modell zu entwickeln, dass ALLE existenten Ansätze miteinschließt, die konsequent immer weiter ausgebaut wurden. Wahrscheinlich wird man dafür noch hinter Walras ansetzen müssen oder eben einen Strang verfolgen, der diesen Weg nicht mathematisch verfolgt hat.
    Außerdem dürften gemachte Annahmen Modellspezifikationen darstellen, selbst die grundlegendsten Annahmen über bspw. Marktform und dem Informationsstand der Agenten.

    Worüber es sich lohnt in diesem Zusammenhang kurz nachzudenken ist Folgendes: Würde man ein solches Modell, die maximale Abstraktion des Phänomens Ökonomie, erkennen (können)? Wenn ja, woran? Würde es noch die äußerst spezifische Annahme teilen, dass Präferenzen von Agenten irgendeine Rolle spielen und irgendeine Chance auf Durchsetzung gegenüber heute präferierten Ansätzen und Autoren wie Rodriks besitzen?

    PS: Schwierig; an genannter Eigenschaft; nein und fraglich.

  7. MF87 sagt:

    Oxford U.P. Edition
    preisgünstiger statt Norton .

  8. […] Quasi-Naturgesetzlich vs. Einsicht in die Notwendigkeit Karl Marx sprach in seiner „Kritik der politischen Ökonomie“, wie in seinem Hauptwerk Das Kapital von der Quasi-Naturgesetzlichkeit. Quasi-naturgesetzlich insofern auch, als sich die Akteure blind gegenüber den grundlegenden Triebkräften dieser politischen Ökonomie verhielten. Also erst ob dieser Blindheit sich ökonomische „Gesetze“ wie Naturgesetze verhielten. Das allerdings ist nur die polemische Seite der von Hegel stammenden Erkenntnis, dass die Wahrheit immer konkret ist, und dass man daher auch zwischen dem abstrakt-Allgemeinen und konkret-Allgemeinen unterscheiden müsse. Im abstrakt-Allgemeinen steht zum Beispiel der Einzelne – als Subjekt, wie als gesellschaftliche Kategorie -, dem Allgemeinen unvermittelt entgegen, im konkret-Allgemeinen hingegen ist als Besonderheit aufgehoben und als wirksam erkannt. Die ganze Qualität eines Wirkungszusammenhangs erklärt sich aus dieser Besonderheit. […]

  9. Devin08 sagt:

    Quasi-Naturgesetzlich vs. Einsicht in die Notwendigkeit
    Karl Marx sprach in seiner „Kritik der politischen Ökonomie“, wie in seinem Hauptwerk Das Kapital von der Quasi-Naturgesetzlichkeit. Quasi-naturgesetzlich insofern auch, als sich die Akteure blind gegenüber den grundlegenden Triebkräften dieser politischen Ökonomie verhielten. Also erst ob dieser Blindheit sich ökonomische „Gesetze“ wie Naturgesetze verhielten. Das allerdings ist nur die polemische Seite der von Hegel stammenden Erkenntnis, dass die Wahrheit immer konkret ist, und dass man daher auch zwischen dem abstrakt-Allgemeinen und konkret-Allgemeinen unterscheiden müsse. Im abstrakt-Allgemeinen steht zum Beispiel der Einzelne – als Subjekt, wie als gesellschaftliche Kategorie -, dem Allgemeinen unvermittelt entgegen, im konkret-Allgemeinen hingegen ist als Besonderheit aufgehoben und als wirksam erkannt. Die ganze Qualität eines Wirkungszusammenhangs erklärt sich aus dieser Besonderheit.
    Wenn der Mainstream unserer Ökonomen vor 2008 hätte begreifen können oder wollen, dass Güter und Dienstleistungen eine reale und keine virtuelle Natur besitzen, und dass Menschen keine steuerbaren Roboter sind, und deren Beziehungen und Verhalten also niemals vollständig, ja nicht mal annähernd vollständig, in einer Theorie oder einem Modell abgebildet werden können, die ausschließlich als Geldtheorie auf dem Markt ist, wäre uns vielleicht diese Finanzkrise erspart geblieben. Natürlich unter der Voraussetzung, dass die übrigen Akteure diesen Ökonomen dann zu folgen bereit gewesen wären. Aber selbst dieser Faktor, also dass niemand ihnen folgt, muss in einer richtigen Theorie Platz finden. Denn natürlich verhalten die Menschen sich opportunistisch, wenn man ihnen die Wahl dazu lässt, bzw. sie gar dazu verführt.
    Objektiv betrachtet, war die Subprime-Krise Ausdruck einer Selbstverführung, sprich: einer Hybris. Selbst die Hauptakteure in diesem Geschehen, bzw. gerade die, scheinen davon ausgegangen zu sein, dass man Schuldenpakete durch ihre Verkleinerung und Umverpackung schließlich bis ins Nirwana verschieben könnte. Und weil dem so ist, also weil die Akteure auf dem Markt immer wieder den gleichen Phantasmen folgen (Marx spricht von einem notwendigen Phantasma!), lässt sich die Selbstbewegung des Kapitals nicht widerspruchsfrei erklären. Die sie tragenden und solchermaßen in Kämpfen verwickelten Klassenkräften und Klasseninteressen spielen das Zünglein an der Waage. Und es mag als Ironie verstanden werden, dass ausgerechnet die Kräfte der Seite, die aktuell schwach zu sein scheinen, nämlich die der Lohnarbeit, eine der Bedingungen dafür sein könnten, dass die starken Kräfte, nämlich die des Kapitals, so fundamental irren. Ihre praktische Stärke ihre Schwäche in der Theorie ausmacht. Es fehlt beiden Seiten quasi die „Einsicht in die Notwendigkeit“. Eine Notwendigkeit, die in Form des Kampfes für eine bestimmte historische Zeit sie entgegengesetzt zusammenschweißt. Als quasi Schicksalsgemeinschaft in Feindschaft. Und wo diese fehlt, also wo der Klassenkampf schwach, bzw. asymmetrisch verläuft, also die eine Seite die andere absolut dominiert, erzwingt die Krise die Einsicht. Könnten das die Ökonomen in ihren zukünftigen Betrachtungen miteinbeziehen, würden sie vielleicht weniger irren.

  10. SeTh78 sagt:

    Lieber Herr Braunberger…
    … erstmal danke für den Beitrag bzw. den Hinweis auf Rodriks Buch, den ich gerne aufnehme – insb. weil mich Rodriks Kritik an der Heterodoxie interessiert.

    Dessen ungeachtet bin ich über folgende Stelle im Beitrag gestolpert, die ich gerne kommentieren möchte:

    „Außenseiter fragen: Entrückt die ausgiebige Verwendung von Mathematik die Modelle nicht der Realität? Nein, konstatiert Rodrik. Der Grund, warum Ökonomen Mathematik verwenden, werde meist missverstanden. Es gehe nicht um die Demonstration höheren Wissens: ‚Mathematik spielt im wesentlichen zwei Rollen in der Ökonomik, die beide kein Ruhmesblatt sind: Erstens ermöglicht die Mathematik die klare und transparente Darstellung der Elemente eines Modells. Die zweite Tugend der Mathematik ist, dass sie die interne Konsistenz eines Modells garantiert – einfach ausgedrückt, dass die Resultate aus den Annahmen folgen.‘ Verbale Darlegungen beinhalteten dagegen die Gefahr von logischen Fehlschlüssen oder der Auslassung wesentlicher Sachverhalte und kollabierten oft, wenn man sie mathematisch formuliere: ‚Ich sage meinen Studenten: Ökonomen benutzen Mathematik nicht, weil sie so schlau sind, sondern weil sie nicht schlau genug sind.‘ Im Prinzip erforderten ökonomische Modelle keine Mathematik und es sei nicht die Mathematik, die Modelle nützlich oder wissenschaftlich mache.

    So wie Außenseiter die Rolle der Mathematik zu kritisch sähen, gebe es am anderen Ende des Spektrums Ökonomen, die sich leider in die Mathematik verliebt hätten.“

    1) Ich würde gerne einmal wissen, was mit „Außenseitern“ gemeint ist. Ist das womöglich der Versuch, bestimmten Kritikerinnen und Kritikern die Kompetenz zur Kritik abzusprechen?

    Ich erinnere deshalb kurz an das Interview mit Claus Peter Ortlieb – selbst Mathematiker – hier in der FAZ: „Ökonomie ist eigentlich keine Wissenschaft“ (https://www.faz.net/-gum-6sqk9). Das mag sicher etwas plakativ sein (da Ortlieb in der heterodoxen Gemeinde gerne zitiert wird und er hier hauptsächlich auf Lehrbücher, statt auf die Forschung abzielt), und vielleicht viele Kolleginnen und Kollegen die Hände über den Kopf schlagen lassen. Aber ich denke, dass dieses Interview mit einem „Außenseiter“ einige Aspekte enthält, die zumindest bedenkenswert sind (z. B. Hinsichtlich der Klarheit und Exaktheit der Mathematik).

    2) Es ist etwas eigenartig, wenn der Mathematik „Tugenden“ zugeschrieben werden. Bei der zweiten „Tugend“ scheint mir Konsistenz für Tautologie und Deduktion zu stehen. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich trifft, da Konsistenz im wissenschaftstheoretischen Sinne Widerspruchsfreiheit bedeutet (aber nicht zwangsläufig tautologisch sein muss). Inwiefern Tautologie oder Deduktion in diesem Kontext eine Tugend – ein immerhin ethischer (!) Begriff – sein soll, erschließt sich mir nicht. Zugleich ist damit aber auch eine Grenze aufgezeigt: Denn es lassen sich keine starke (!) Emergenz oder Offenheit abbilden. (Die Offenheit ist übrigens einer der Punkte, die Steve Keen* zwar als Argument der heterodoxen Kritiker – hier vor alle: Tony Lawson – gegen eine exklusive Verwendung der Mathematik im ökonomischen Mainstream relativiert, aber dennoch gelten lässt.)

    3) Die Gründe für die Verwendung der Mathematik in der Ökonomik scheinen mir auch etwas einseitig ausgelegt. Zu berücksichtigen wäre, dass Mathematik auch (!) als „Geheimsprache“ zur Verschleierung, zum Beeindrucken oder zur Ausgrenzung verwendet wird. Es gibt durchaus Kritik, die das aufgreift bzw. genau in diese Richtung geht. Zu nennen wäre hier z. B. Walter Ötsch in „Mythos Markt“ oder – wer es weniger heterodox möchte – Daniel Rubinstein in der FAZ:

    „Die formalisierte Sprache begrenzt erheblich das Publikum, das sie wirklich versteht; die Ab-straktheit verwischt Faktoren, die im natürlichen Denken berücksichtigt würden; und der formale Charakter erzeugt die Illusion, dass die Theorie wissenschaftlich sei.“ (https://www.faz.net/-gsf-77yw6)

    Der Verweis auf Ökonomen, die sich in die Mathematik verliebt hätten, ist m. E. fast schon eine Verniedlichung des Problems.

    4) Die “Tugenden” der Transparenz und Konsistenz haben noch eine zweite Seite: Mir nützt die Transparenz und Konsistenz von Modellen wenig, wenn ich diese Modelle nicht verbal artikulieren kann. Denn im letzten Fall besteht die Gefahr von „Herrschaftswissen“. Ökonomisch gesprochen wird es sicherlich einen Punkt geben, ab dem der Grad an mathematischer Modellierung einen abnehmenden Grenznutzen produziert; die Komplexität Ausmaße annimmt, unter denen sich Modelle nicht mehr kommunizieren lassen.

    5) Im Text heißt es: „Keine akademische Disziplin gestatte die Anwendung von Methoden, die sich zu weit von den verwendeten Praktiken unterschieden, stellt Rodrik klar: ‚Ein aufstrebender Ökonom muss klare Modelle formulieren und die dazu passenden statistischen Techniken anwenden können.‘“

    Wenn Rodrik wirklich so argumentiert, bewegt er sich hart am naturalistischen Fehlschluss. Nur, weil etwas so ist, muss es doch nicht auch weiterhin so sein sollen. Zudem schmuggelt er in seine Aussage auch noch ein Gummi-Adjektiv ein: Denn was sind „klare“ Modelle? Wer legt das fest?

    6) Sie schreiben: „Es handelt sich um eine Wissenschaft, die von nicht-perfekten Menschen betrieben wird, die eine Welt beschreiben, deren Bevölkerung sich nicht wie ein Heer kalkulier- und steuerbarer Roboter verhält.“

    Steht das nicht etwas im Gegensatz zu den „Tugenden“, die Rodrik für die Mathematik in der Ökonomik (und somit für die Begründung ihrer Anwendung) in Anschlag bringt? Wenn Modelle in seinem Sinne „konsistent“ sein sollen – also „die Resultate aus den Annahmen folgen“ –, dann wird in meinen Augen alles andere als eine Welt beschrieben, „deren Bevölkerung sich nicht wie ein Heer kalkulier- und steuerbarer Roboter verhält.“

    * Keen,

    • SeTh78 sagt:

      Die Quelle fehlte noch ...
      * Keen, Steve (2009): Mathematics for pluralist economists. In: Reardon, Jack [Hrsg.]: The Handbook of Pluralist Economics Education, London & New York: Routledge, S. 150-168.

    • Gerald Braunberger sagt:

      Titel eingeben
      Lieber Herr Thieme,

      mit Außenseitern waren Wissenschaftler gemeint, die sich nicht dem Mainstream verbunden fühlen. Damit ist keine Aussage über deren Qualifikation getroffen – ich kenne Ökonomen, die sich definitiv nicht im Mainstream sehen, aber von mathematischen Modellen in der Ökonomik deutlich mehr verstehen dürften als ein durchschnittlicher Mainstream-Ökonom.

      “Tugend” ist eine Übersetzung des von Rodrik gebrauchten Wortes “virtue”.

      Gruß
      gb.

    • SeTh78 sagt:

      Lieber Herr Thieme,
      in Ordnung, alles klar.

      “ich kenne Ökonomen, die sich definitiv nicht im Mainstream sehen, aber von mathematischen Modellen in der Ökonomik deutlich mehr verstehen dürften als ein durchschnittlicher Mainstream-Ökonom.”

      Sehe – und kenne – ich ähnlich. Insofern ist es m. E. auch ein Stereotyp seitens des Mainstreams, zu behaupten, die hetreodoxen Ökonomen würden Mathematik ablehnen oder gar keine Ahnung davon haben.

      Gruß
      SeTh

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