Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Gibt es Parallelen zwischen 1931 und der Eurokrise?

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Ohne die Analyse von Banken und Finanzmärkten lässt sich die Eurokrise nicht vernünftig erklären. Ähnliches gilt auch für die Ereignisse des Jahres 1931 in Deutschland. Es gibt Parallelen – aber auch Unterschiede.

Die Finanzgeschichte ist reich an Beispielen, wo zunächst viel kurzfristiges Geld in ein fremdes Land floss, das dort langfristig und nicht immer profitabel investiert wurde. Ein scheinbar nebensächliches Ereignis kann genügen, um das Vertrauen der ausländischen Kapitalgeber zu erschüttern. Ziehen sie ihre kurzfristigen Mittel schlagartig ab, gerät das Bankensystem im Empfängerland in große Schwierigkeiten, und mit dem Banksystem auch die Gesamtwirtschaft. Wir haben diese sogenannten Sudden-Stop-Krisen kürzlich für die Eurokrise und davor für Schwellenländer behandelt. Ein bekanntes historisches Beispiel ist die deutsche Krise des Jahres 1931.

Die Analyse der Vorgänge in Deutschland lässt sich in drei Phasen unterscheiden:

  • In der ersten Phase, die von den dreißiger Jahren bis in die Mitte der siebziger Jahre reichte, verstand man die Ereignisse des Jahres 1931 in erster Linie als eine Bankenkrise. Verbreitet wurde diese These, in der die Kredit- und Liquiditätspolitik eine wichtige Rolle spielten, unter anderem in einem früher viel gelesenen Buch von Karl Erich Born. Aus heutiger Sicht ist ein Problem dieser alten Literatur neben der einseitigen Interpretation eine unbefriedigende Theorie der Bank.
  • In der zweiten Phase, die mit einer Arbeit von Gerd Hardach (1976) begann, wurde die Krise in erster Linie als eine Währungskrise betrachtet. Das war lehrreich, aber auf andere Weise etwas einseitig.
  • In den neunziger Jahren begann, ausgehend von den Vereinigten Staaten, die theoretische und empirische Analyse sogenannter „Zwillingskrisen“, in denen Währungs- und Bankenkrisen als sich gegenseitig beeinflussende Faktoren wahrgenommen werden. (Wichtige frühe Arbeiten sind hier und hier.) Dabei finden wichtige Aspekte der modernen Theorie der Bank Berücksichtigung. Dieser Ansatz wurde vor allem von Isabel Schnabel (zum Beispiel hier und hier) auf die deutsche Krise des Jahres 1931 angewandt.

Was geschah 1931?

Schnabel vertritt die These, dass der Verweis auf die währungspolitischen Folgen der Kapitalabzüge, so wichtig sie sein mögen, nicht reichen, um die Vorgänge von 1931 zu erklären:

  1. Zum einen waren die Gefahren der kurzfristigen Auslandsfinanzierung der deutschen Banken damals sehr wohl bekannt, denn schon 1924 und 1927 war es zu bedeutenden Rückzügen von Auslandskapital gekommen.
  2. Zweitens verzeichneten viele Großbanken in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre einen deutlichen Rückgang der Eigenkapitalquoten, während sie andererseits viel Geld an einzelne Kreditnehmer vergaben und damit hohe Klumpenrisiken aufbauten. Mit anderen Worten: Auf beiden Seiten der Bilanz waren die Banken unvorsichtig. „Angesichts der hohen Auslandsverschuldung bei geringer Liquiditätshaltung und der hohen Kreditrisiken bei geringem Eigenkapital muss man folgern, dass das schlechte Abschneiden der Großbanken in der Krise von 1931 nicht zuletzt das Ergebnis einer hochriskanten Geschäftspolitik war“, schreibt Schnabel. Dazu muss man sehen, dass erst nach der Bankenkrise eine Bankaufsicht in Deutschland eingeführt wurde – die Banken agierten vorher freihändig und die Großen zudem wohl unter der Annahme, dass sie im Zweifel vom Staat gerettet würden. Ein weiterer Aspekt war ein erstaunliches Maß an Inkompetenz. Der Bankier Albert Hahn traf in den späten dreißiger Jahren im New Yorker Exil den früheren Vorstandsvorsitzenden der in der Krise untergegangenen Großbank Danat, der das Debakel von 1931 als eine Art persönlicher Beleidigung auffasste und im Grunde keine Ahnung hatte, was damals geschehen war.
  3. Drittens ist bemerkenswert, dass trotz der Vorläufer von 1924 und 1927 die Banken 1931 keine hohe Liquiditätsreserven hielten, um auf allfällige Abzüge von Auslandskapital vorbereitet zu sein. Zudem hielten die Banken damals einen großen Teil der Liquidität in Form von Wechseln, die als Folge der Bemühungen der Reichsbank, den Wechselkurs zum Gold stabil zu halten, plötzlich gar nicht mehr so liquide waren. „Bereits 1924 hatte die Reichsbank Kreditrestriktionen einführen müssen, um eine Währungskrise abzuwenden. Wechsel waren demnach hinsichtlich ihres Liquiditätsgrades anders zu beurteilen als Bargeld oder Einlagen bei anderen Banken“, konstatiert Schnabel.
  4. Schließlich war die Reichsbank auch in anderer Hinsicht wenig hilfreich. Einerseits befand sie sich im klassischen Konflikt einer Notenbank in einem System fester Wechselkurse, die sich zwischen der externen Stabilität (Wechselkurs) und binnenwirtschaftlichen Notwendigkeiten entscheiden muss. Die Reichsbank optierte für die externe Stabilität und garnierte ihre Maßnahmen mit einer Diskriminierung kleinerer und potentiell gesünderer Banken. Wir zitieren wieder Schnabel: „Als die Golddeckung der Währung sich der vorgeschriebenen Grenze von 40 Prozent näherte, sah sich die Reichsbank gezwungen, Kreditrestriktionen einzuführen, so dass eine freie Rediskontierung von Wechseln nicht mehr möglich war. Die Stadt Berlin, Sitz der Großbanken, wurde von diesen Restriktionen ausgenommen, so dass die Großbanken weiterhin in großem Umfang Rediskontierungen von Wechseln durchführen konnten. Dies ging so weit, dass Banken wie die Danatbank reine Finanzwechsel diskontieren konnten, die den Standards der Reichsbank eigentlich nicht genügten. Den Provinzbanken war es hingegen sogar verwehrt, gute Handelswechsel bei der Reichsbank zu rediskontieren.“

Die gesamtwirtschaftlichen Folgen

Welche gesamtwirtschaftlichen Folgen hatten diese Verwerfungen vor allem im Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland? Das Auslandskapital in Deutschland stammte überwiegend aus den Vereinigten Staaten und auch in Nordamerika gab es eine schwere Bankenkrise. Eine interessante empirische Untersuchung stammt von Albrecht Ritschl und Samad Sarferaz. Die wichtigsten Ergebnisse sind:

  1. Entgegen einer verbreiteten Sicht wurde die Krise in Deutschland kaum aus den Vereinigten Staaten, – wo 1929, also vor der Bankenkrise von 1931, der berühmte Börsenkrach stattgefunden hatte –  befeuert. Dessen Wirkung wird von den Autoren als „insignificant and quantitatively negligible“ bezeichnet.
  2. In beiden Ländern war der Einfluss der heimischen Geldpolitik auf die Wirtschaft gering.
  3. Ganz anders sieht es mit den Wirkungen der Zustände in der Bankbranche aus. Sie wirkten zum einen auf die jeweilige nationale Wirtschaft, aber zusätzlich wirkte die deutsche Bankenkrise stark auf die amerikanische Wirtschaft, während die amerikanische Bankenkrise kaum auf die deutsche Wirtschaft wirkte. Und für den Zustand der Banken spielte die Geldpolitik keine besondere Rolle: „We find that banking conditions cannot be explained by monetary conditions but themselves have marked real effects.“

Und heute?

Wir können keinen vollständigen Vergleich vornehmen, aber auf einzelne Punkte hinweisen. Es existieren Parallelen in der Vorgeschichte der Krise. Ein wesentlicher Unterschied besteht in einer angemesseneren Reaktion der Geldpolitik heute im Vergleich zu früher. Aber auch wenn die Regulierung heute besser ist als damals, lassen auch für unsere Zeit regulatorische Ineffizienzen konstatieren.

  1. Vor der Krise von 2008 hatten sich viele europäische Banken kurzfristig in Dollar verschuldet und diese Dollars zum Teil langfristig in den Vereinigten Staaten und über den Globus verteilt. Als nach dem Fall von Lehman Brothers die europäischen Banken Schwierigkeiten bekamen, ihre kurzfristigen Dollar-Verbindlichkeiten am Markt zu erneuern (ein weiterer Fall von „Sudden Stop“), sprangen die Zentralbanken für eine Übergangszeit in Form von Swap-Geschäften zwischen der Fed und anderen Zentralbanken ein. Damit wurde verhindert, dass wie 1931 europäische Banken wieder Probleme mit ihren Dollar-Finanzierungen bekamen. Die Fehler der großen Zentralbanken in den zwanziger Jahren wurden vor einigen Jahren sehr einprägsam von Liaquat Ahamed beschrieben. Im Herbst 1931 sabotierte die Reichsbank dann den Lautenbach-Plan.
  2. Da kein Goldstandard existierte, waren die Zentralbanken nach 2008 nicht zur Aufrechterhaltung von Wechselkursen verpflichtet. Sie konnten daher ohne Probleme die jederzeitige Zahlungsfähigkeit der Banken in ihrem Zuständigkeitsbereich sichern – das trifft auch für die EZB zu. Es gab vorübergehende Liquiditätsprobleme einzelner Banken, aber kein Liquiditätsproblem des europäischen Bankensystems. Das gilt auch für die Jahre seit dem Ausbruch der Eurokrise 2010 – einem weiteren Fall eines „Sudden Stops“. In dieser Hinsicht hat die moderne Geldpolitik von den Fehlern ihrer Vorgänger in der Zwischenkriegszeit gelernt.
  3. Aber die Regulierungen waren und sind ineffizient. Auch in unserer Zeit konnte nicht verhindert werden, dass sich Banken mit wenig Eigenkapital in riskante Projekte stützten. Und die für die Zukunft gedachten neuen Regulierungen – Eigenkapitalregeln, Liquiditätsregeln und Regeln für die Abwicklung maroder Banken – werden von Fachleuten kritisiert. Insofern ist man heute weiter als vor 85 Jahren, aber ein befriedigender Zustand ist immer noch nicht erreicht.

22 Lesermeinungen

  1. Pingback: Artikel über Wirtschaft und Devisen 17. April | Pipsologie

  2. Geldpolitik und Banken - damals und heute
    Aus einer aktuellen Arbeit von Fratianni/Giri:

    „The role of banks in the two crises offers similarities and dissimilarities. The similarity is that a banking crisis, regardless of the timing, has a big impact on the real economy. The difference is that in the 1930s banking crises occurred after the implosion of the real economy, whereas in 2007-2009, the banking (financial) crisis occurred before the recession.
    Moving to the differences, the first is the large number of bank failures in the 1930s. One consequence of these failures was to create a climate of distrust in banks, which induced the public to cash large amounts of deposits. Banks, in turn, were also fearful of the economic environment and reacted by raising the ratio of bank reserves to deposits as a precautionary strategy. The end result was a sharp decline in the money multiplier, the main driver of the collapse of the money stock in
    the United States and Germany. In the Great Financial Crisis (gemeint ist die Krise ab 2007, gb.), on the other hand, there was no manifestation of the public’s distrust in banks because of the protection of deposit insurance and the currency-deposit ratio remained virtually unchanged.

    An even more significant difference is the monetary policy reaction in the two crises. In the 1930s, the monetary authorities either failed to counteract the collapse of the money multiplier with sufficiently large injections of monetary base or failed to understand the process of money creation. Either way, it is a gross negligence. Not such a negligence has occurred in the Great Financial Crisis. The monetary authorities had learned the lesson of the 1930s and were not reticent to create monetary base at unprecedented rates.“

    Quelle: https://docs.dises.univpm.it/web/quaderni/pdfmofir/Mofir117.pdf

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