Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die Deutsche Bundesbank läutet die Reformation der Makroökonomik ein – oder doch nicht?

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Der Makroökonom Rüdiger Bachmann hat in einem Interview mit FAZIT harte Kritik an den monetären Vorstellungen heterodoxer Ökonomen geübt. Mit diesem Beitrag bringen wir eine Replik von Dirk Ehnts. (gb.)

 

Ein Gastbeitrag von Dirk Ehnts

In dem Interview mit dem Makroökonomen Rüdiger Bachmann unter dem Titel „Es werden Scheindebatten geführt“ wurde jüngst an dieser Stelle über Geldtheorie diskutiert. Anlass waren meine Beiträge in der „Ökonomenstimme“, welche unter anderem Bezug nahmen auf einen Artikel der Deutschen Bundesbank, der im Monatsbericht April 2017 erschien. Im Folgenden möchte ich die Diskussion versachlichen und die wesentlichen Punkte herausarbeiten.

 

 

 

 

 

Herr Bachmann, die Bundesbank und ich sind uns in einigen Punkten einig: Geschäftsbanken schöpfen Geld durch Kreditvergabe, und die Zentralbank übt über ihre Zinsen einen Einfluss mindestens auf die Kreditnachfrage aus. In dem Moment der Kreditvergabe, wenn also die Unterschriften der beiden Parteien trocknen, erhöht die Bank den Kontostand des Kreditnehmers. „Dies widerlegt einen weitverbreiteten Irrtum, wonach die Bank im Augenblick der Kreditvergabe nur als Intermediär auftritt, also Kredite lediglich mit Mitteln vergeben kann, die sie zuvor als Einlage von anderen Kunden erhalten hat“, kommentieren die Autoren der Bundesbank in dem oben genannten Aufsatz.

Herr Bachmann erwähnt selbst, dass in manchen Einführungsveranstaltungen ein damit verbundenes Modell des „Geldmultiplikators“ gelehrt wird, in dem, so der Gesprächspartner Gerald Braunberger, „die Zentralbank über die Zuteilung von Zentralbankengeld die Menge des Geschäftsbankengeldes eng und mechanistisch steuern kann“. Laut Herrn Bachmann sind die Modelle in Einführungsvorlesungen „aus pädagogischen Gründen sehr einfach“; später würden die Studierenden dann realistischere Modelle kennenlernen.

An dieser Stelle möchte ich zwei Fragen aufwerfen. Erstens, gibt es innerhalb der Ökonomie einen Konsens über die Frage der Geldschöpfung, so wie ihn Bachmann ausmacht („Das ist den Ökonomen alles bekannt.“)?

Zweitens, inwiefern ist das Modell der Bank als Intermediär mit der Zentralbank als Institution, die via „Geldmultiplikator“ Kreditmengenwachstum und damit Inflation steuert, eine „Vereinfachung“?

 

Paul Krugman vs Steve Keen: Diskussionsbedarf

Kommen wir zu der Frage, ob innerhalb der Ökonomik ein Konsens herrscht. Vor inzwischen fünf Jahren gab es eine kurze, aber heftige Debatte zwischen den Makroökonomen Steve Keen (Heterodox United) und Paul Krugman (Mainstream City). Steve Keen legte vor mit folgendem Minsky-Zitat:

“For real aggregate demand to be increasing, . . . it is necessary that current spending plans, summed over all sectors, be greater than current received income and that some market technique exist by which aggregate spending in excess of aggregate anticipated income can be financed”.

Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage kann nach Hyman Minsky nur wachsen, wenn die geplante Ausgabenhöhe der Akteure höher liegt als die erhaltenen Einkommen, und folglich muss es eine Marktlösung geben, durch welche diese Differenz finanziert wird. Mit anderen Worten: Die Kreditschöpfung der Banken oder andere Finanzierungsarten wie die Ausgabe von Aktien oder Wertpapieren finanzieren zusätzliche Ausgaben, meist Investitionen. Diese werden eben nicht durch Einnahmen finanziert und auch nicht durch Konsumverzicht anderswo, wie es Herr Bofinger letzte Woche in seinem Beitrag auf FAZIT treffend herausarbeitete.

Paul Krugman, der gerade ein Modell mit Bezug auf Minsky entworfen hatte, war damit gar nicht einverstanden und konterte:

“If I decide to cut back on my spending and stash the funds in a bank, which lends them out to someone else, this doesn’t have to represent a net increase in demand”.

Dies ist nichts anderes als die Sichtweise der Bank als Intermediär: Die Ersparnisse der einen wandern in die Bank und die verleiht sie dann an jemanden anders. Da die Diskussion damit endete, dass sich beide Ökonomen zurückzogen auf die eigenen Positionen, kann ich daraus nur schließen: Hier besteht Diskussionsbedarf. Paul Krugman ist Nobelpreisträger und Kolumnist der New York Times und Steve Keen ist bzw. war Leiter der „School of Economics, History and Politics“ in Kingston bei London.

Es gibt noch weitere Indizien, die auf einen Diskussionsbedarf schließen lassen. So wurde der Artikel der Bank of England zur Geldschöpfung – „Money creation in the modern economy“ – bis heute satte 368-mal zitiert. Mein Artikel bei „Ökonomenstimme“ ist aktuell der meistgelesene Artikel der letzten 30 Tage mit über 6000 Aufrufen und inzwischen fast 300 Kommentaren – ein Rekord bei Ökonomenstimme. Die durchschnittliche Bewertung von 3,44 deutet wohl darauf hin, dass es sehr gemischte Reaktionen auf den Inhalt gab.

 

Die Dinge einfacher machen, aber nicht zu einfach

Wenn die beiden Theorien sich entgegenstehen und kein Konsens in der Disziplin herrscht, dann wäre dies an sich für die Ökonomik zwar unbefriedigend, aber kein Beinbruch. In der Physik koexistieren seit etwa einhundert Jahren Quantenelektrodynamik und Allgemeine Relativitätstheorie ohne große Probleme für die Reputation der Disziplin. Nun hat Herr Bachmann behauptet, die Lehre vom „Geldmultiplikator“ – Banken verleihen Geld von der Zentralbank gleich mehrfach weiter an Haushalte und Unternehmen – wäre ein Modell, welches „aus pädagogischen Gründen sehr einfach“ gehalten wäre. Meiner Meinung nach ist diese Aussage verharmlosend. Die Darstellung ist nicht vereinfacht, sondern schlichtweg falsch.

Weder die Bestimmung der Geldmenge durch die Zentralbank, so wie es das IS/LM-Modell beschreibt, noch die Idee der Umwandlung von Ersparnisse in Investitionen durch die Banken hält einer empirischen Überprüfung stand. So schreibt die EZB auf ihrer Internetseite: „The interest rates on the marginal lending and deposit facilities normally provide a ceiling and a floor for the overnight market interest rate“. Der Übernachtzins wird also durch die Zinssätze der Einlagefazilität nach unten und Spitzenrefinanzierungsfazilität nach oben beschränkt. Von Veränderungen der Geldmenge ist hier keine Rede. Auch Ulrich Bindseil, der geschäftsführende Direktor der EZB, der für das Tagesgeschäft zuständig ist, kritisiert in seinem weitverbreiteten Standardwerk „Monetary Policy Operations and the Financial System“ den Ansatz des „Geldmultiplikators“ als „wenig überzeugend“ („hardly convincing“, Seite. 32). Auch er sieht übrigens Kreditschöpfung als Prozess der Verlängerung der Bankbilanz.

Wenn also das Modell des „Geldmultiplikators“ keine Vereinfachung der Realität ist, sondern schlicht und einfach falsch, warum wird es dann gelehrt? Und wenn es gelehrt wird, warum wird den Studierenden dann nicht gesagt, dass sie hier eine Vereinfachung vor sich haben bzw. eine Verfälschung, die später dann gegebenenfalls korrigiert wird? In den aktuellen Lehrbüchern von Mankiw und Blanchard finden sich jedoch keine derartigen Hinweise. Auch im hinteren Buchteil gibt es keine Klarstellung bzw. Richtigstellung, Taylor-Regel hin oder her. Die Taylor-Regel besagt eh lediglich, dass die Zentralbank den Zins setzt – was die Studierenden dann verwirrt, weil sie ja auch schon die Geldmenge kontrolliert – und dass es einen Mechanismus gibt, der Zins und Investitionen miteinander verknüpft. Dieser Mechanismus, dass also niedrige Zinsen zu hohen Investitionen führen, funktioniert aber schon seit 2007 nicht mehr, und das ist ja Teil des Versagens der Modelle.

Zwei Schlussfolgerungen sind aus dem Einsatz von Geldmultiplikator-Modellen in Lehrbüchern der Makroökonomik zu ziehen: entweder wissen es die Lehrbuchautoren und die Dozenten nicht besser, oder sie nehmen eine Fehlinterpretation der Studierenden in Kauf. Beides sollte man zum Anlass nehmen, den aktuellen Einsatz dieser Lehrbücher zu überdenken. Dabei sollte man auch die Lehrbücher der Einführungsveranstaltungen durchsehen, denn auch die hängen häufig noch der überholten Theorie des „Geldmultiplikators“ an. Gerald Braunberger fand viele Lehrbücher mit „richtiger“ Geldtheorie, aber keines der Werke war eines zur Makroökonomik. Genau da aber liegt das Problem, den Makroökonomie hören meist alle Studierenden (inklusive der BWLer) im Bachelor-Studium und Geldtheorie nur noch ein Teil (VWLer, aber auch nicht alle) im Master-Studium. Es geht also die Mehrzahl der Studierenden mit einer falschen Vorstellung der Funktionsweise von Geld von der Universität ab.

Es sind die weitverbreiteten makroökonomischen Lehrbücher von Mankiw, Blanchard aber auch Krugman, in denen die Geldschöpfung nicht korrekt dargestellt wird. Diese Lehrbücher werden an vielen deutschsprachigen Universitäten genutzt, ohne dass auf die Irrtümer der Geldtheorie hingewiesen werden würde. Die Freie Universität (FU) Berlin beispielsweise listet für ihre Veranstaltung „Grundlagen der Makroökonomie“ als Literatur die Werke von Mankiw (plus Arbeitsbuch) und Blanchard auf. In meiner Zeit als Vertretungsprofessor an der FU hatte ich das Gefühl, dass die Studierenden im Bachelor Economics keine andere Geldtheorie kannten als den „Geldmultiplikator“.

Bei Blanchard wird der „Geldschöpfungsmultiplikator“ erklärt, bei Mankiw ist es ebenso, wie ein Aufsatz von Di Muzio und Noble aufzeigt (Seite 89): der Kunde bringt Bargeld zur Bank, und diese verleiht dann sein Geld weiter. Krugman/Obstfeld/Melitz, deren Standardwerk „Internationale Wirtschaft“ wohl an den meisten Unis benutzt wird, schreiben u. a. auf Seite 440: „Einlagen werfen deshalb Zinsen ab, weil sie in Wirklichkeit Kredite an die Bank darstellen“. Der Kreditnehmer nimmt also einen Kredit auf, die Bank schreibt ihm Einlagen gut auf seinem Konto, und dann verleiht der Kreditnehmer seine Einlagen zurück an die Bank? Das passt so nicht zusammen, und das Resultat ist Verwirrung statt Klarheit an einem der wesentlichen Punkte der Ökonomik, nämlich der Rolle des Geldes.

 

Die stille (R)Evolution der Makroökonomie

Inzwischen haben viele Ökonomen die Sichtweise der Kreditschöpfung als Bilanzverlängerung übernommen, u. a. die Bank of England, die Bundesbank, die EZB sowieso, der Princeton-Ökonom Markus Brunnermeier, Joseph Stiglitz und das Lehrbuch des CORE-Projekts, welches vom Institute for New Economic Thinking unterstützt wird. Auch mein eigenes Buch erklärt die Kreditschöpfung der Banken (wie auch der Zentralbank) in der Eurozone als Bilanzverlängerung. Dass Autoren wie Wicksell, Keynes und Schumpeter die Kreditschöpfung schon Anfang des 20. Jahrhunderts verstanden, ist dabei zwar für das Verständnis einer modernen monetären Ökonomie des 21. Jahrhunderts irrelevant, sollte aber in ideengeschichtlichen Vorlesungen behandelt werden.

In meinen Artikel bei Ökonomenstimme und anderswo habe ich immer betont, dass viele heutige Lehrbücher der Makroökonomie und die aktuelle Sichtweise der Bundesbank nicht zusammenpassen. Die Bundesbank war lange Jahre monetaristisch geprägt, u. a. durch Otmar Issing, einen der Gründungsväter des Euros, der noch 2010 eine Rückkehr des Monetarismus prophezeite. Die Geburtsfehler des Euros sind heute weitestgehend behoben, es ist eher der fehlende fiskalische Gegenpart, welcher die Eurozone unten hält. Otmar Issing hat also auf wackliger theoretischer Basis eine stabile Zentralbank geschaffen – eine Leistung, der Anerkennung gebührt. Heute hat sich die Bundesbank, übrigens letzte Woche vor genau 60 Jahren gegründet, von den alten monetaristischen Positionen emanzipiert und ist nun in ihrer Geldtheorie progressiver als große Teile der akademischen Welt. Um nichts Anderes ging es mir in dieser Debatte, als dies aufzuzeigen.

 

 


Zum Thema „Geld und Makroökonomik“ sind zuletzt erschienen:

 

 


25 Lesermeinungen

  1. Drei Fälle von Theorie-Vergleich
    Meine bescheidenen naturwissenschaftlichen Kenntnisse zusammenkratzend, würde ich sagen: Bei konkurrierenden Theorien gibt es in der Physik drei grundsätzliche Fälle: 1. Neue und alte Theorie schließen sich kategorisch aus. 2. Divergierende Theorien führen eine pragmatische Koexistenz. 3. Die alte Theorie ist ein Spezialfall der neuen.

    Zu 1: Peter Bofinger vergleicht die real- und die geldwirtschaftliche Modellierung des Finanzsystems mit dem geozentrischen und dem heliozentrischen Weltbild. Diese beiden Sichtweisen schließen sich gegenseitig aus: Entweder kreist die Sonne um die Erde oder die Erde um die Sonne. Die Konkurrenz zwischen den Theorien von Kepler und Ptolemäus ist allerdings schon vor langer Zeit entschieden worden. Kein seriöser Astronom vertritt heute noch geozentrische Auffassungen.

    Ganz anders ist die Situation in den Wirtschaftswissenschaften. Realwirtschaftliche Modelle (beispielsweise DSGE-Modelle) werden heute in der Makroökonomie – wenn ich dies richtig sehe – sehr viel häufiger angewandt als die vermeintlich moderneren finanzwirtschaftlichen Modelle. Insofern hat Bofinger unrecht. Der Wettstreit zwischen den beiden Schulen ist noch lange nicht entschieden.

    Zu 2: In der Physik haben wir zuweilen die Situation, dass verschiedene, sich auf den ersten Blick ausschließende Theorien eine friedliche Koexistenz führen. So gibt es zur Erklärung des Lichts sowohl die Wellentheorie als auch die Photonentheorie. Photonen sind Elementarteilchen, also eigentlich genau das Gegenteil einer Welle.

    Es ist bisher offenbar nicht gelungen, die beiden Theorien miteinander zu vereinigen. Wenn ich es recht verstehe, wenden Physiker mal die eine, mal die andere Theorie an, je nachdem welche Naturphänomen beschrieben und erklärt werden sollen. Da gehen die Wissenschaftler recht pragmatisch vor. Das Licht hat, je nach Blickwinkel (pardon for the pun), mal Wellen-, mal Teilchen-Charakter.

    Ein ähnliches Vorgehen würde ich auch für die Ökonomie vorschlagen. Warum sollen nicht verschiedene Modelle in Forschung und Lehre nebeneinander bestehen können? Bofinger weist darauf hin, dass Knut Wicksell mal realwirtschaftliche, mal finanzwirtschaftliche Modelle angewandt hat. Dies muss meines Erachtens kein Mangel sein, sondern kann umgekehrt einen Vorzug bedeuten. Auf eine einheitliche, umfassende Grand Theory, die alles erklären könnte, werden wir in der Ökonomie wohl noch sehr lange warten müssen.

    Zu 3: Wenn sich in der Physik eine neue Theorie durchsetzt, dann bedeutet dies nicht, dass die alte Theorie automatisch auf den Müllhaufen wandert. Vielmehr wird deren Gültigkeitsbereich meist nur eingeschränkt. So hat Albert Einstein keineswegs Isaac Newton „widerlegt“. Vielmehr zeigt die Spezielle Relativitätstheorie lediglich auf, dass Newtons Mechanik nur unter bestimmten Bedingungen gilt: Körper bewegen sich mit Geschwindigkeiten, die sehr viel kleiner sind als die Geschwindigkeit des Lichts etc. pp. (Ich hoffe, hier liest kein Physiker mit …)

    Steffen Homburg hat darauf hingewiesen, dass dies in der Ökonomie ganz ähnlich ist. Die entsprechende Passage aus der Ökonomenstimme hat Volker Caspari hier schon zitiert. In meinen Worten würde ich sagen: Es ist schlicht unsinnig zu sagen, dass der Geldmultiplikator generell wahr oder falsch ist. Ob dieses Modell Erklärungs- und Prognosekraft besitzt, hängt entscheidend von den vorherrschenden Bedingungen auf den Geldmärkten ab.

    Wenn dies so ist, dann darf der Geldmultiplikator m. E. durchaus an den Universitäten gelehrt werden. Den Studenten sollte aber natürlich gesagt werden, dass dies ein vereinfachendes Modell ist.

    Genauso pragmatisch verfahren doch die Naturwissenschaften. Zunächst wird den Schülern und Studenten die relativ einfach zu verstehende Mechanik á la Isaac Newton beigebracht. Erst dann kommen so furchtbar komplizierte Dinge wie Quantenmechanik und Relativitätstheorie auf die Lehrpläne. Würden die jungen Menschen unvermittelt mit Zeitdilatation und Unschärferelation konfrontiert, würden ihnen vermutlich die Köpfe zerspringen.

    Warum sollte eine solch pragmatische Didaktik nicht auch in der Ökonomie sinnvoll sein?

    Liebe Ökonomen, ihr seid immer so verbissen und ideologisch. Versucht doch mal, etwas lockerer und pragmatischer zu werden.

  2. @Gerald Braunberger, 1. August 2017 um 17:27 Uhr
    Lieber Herr Braunberger,

    Sie schrieben:
    „Ich finde etwas ganz Anderes sehr interessant: Ökonomen sehr unterschiedlicher Provenienz ziehen bezüglich der Auseinandersetzungen in der Ökonomik Vergleiche zur Physik, obgleich viele Ökonomen und darunter nicht zuletzt Heterodoxe der Ansicht sind, dass solche Vergleiche NICHT statthaft sind.“

    Das ist in der Tat interessant. Allerdings muss ich Sie korrigieren. Sie haben zwar Recht, es mag diesen Vorwurf in der pauschalen Form geben. Es gibt aber auch Kollegen, die das differenzierter angehen. Hier ein kleines Beispiel, das mir spontan(auch zum Überblick) einfällt: Anders Ekelund: More ideology than heat – Mirowski’s “More Heat Than Light” revisited
    https://hetecon.net/documents/ConferencePapers/2011Non-Refereed/Ekeland_AHE2011080P.pdf

    Jedenfalls ist mein Eindruck, dass oft nicht die Vergleiche, Analogien usw. zur Physik an sich kritisiert oder als „nicht statthaft“ angesehen werden. Sondern es steht viel mehr in der Kritik, sich nur selektiv der Physik zu bedienen, bisweilen auch nicht „up to date“ zu sein. Interessant ist übrigens, dass dies nicht nur auf die Physik zutrifft. Ich werfe dazu nur einmal schlagwortartig Biologie, Verhaltensbiologie und Neuro-Science in den Raum. (Die Evolutionsökonomik mag dazu auch genügend Anlass finden, hier etwas selbstkritisch vor der eigenen Türe zu kehren… ;-) )

    Ein junger Kollege aus Linz hat hier übrigens einmal die Metaphern untersucht, die von Ökonominnen und Ökonomen in der Finanzkrise genutzt wurden: Da waren noch weitere Vergleiche üblich, z. B. zur Medizin und anderen Naturwissenschaften. Siehe: https://blog.arbeit-wirtschaft.at/oekonomische-krisen-als-krankheiten-und-katastrophen/

    Ich denke aber, dass der von Ihnen benannte Vergleich von Bofinger zwischen kopernikanischem und ptolemäischem Weltbild eine andere Ursache hat. Und zwar vermute ich, dass das eher auf die Rezeption der wissenschaftstheoretischen Literatur zurückgeht, wo gerne darauf als historische Beispiele und zur Illustration zurückgegriffen wird (z.B. Chalmers Wege der Wissenschaft). Insofern kann es gut sein, dass es sich schlicht um die Bezugnahme auf etablierte Beispiele für veränderte „Weltbilder“ handelt.

    LG
    ST

    • Es bedarf schon eines beachtlichen Maßes an Dreistigkeit, sich am 29. Juli über diese Diskussion bei Twitter unter anderem mit Bemerkungen wie „gähn“ sowie Emoticons, die Schlafen und zwinkerndem Gesicht ausdrücken, lustig zu machen, um drei Tage später zu genau dieser Diskussion einen Leserkommentar beizusteuern. Wer sich auf Twitter befindet, kann es mit diesem Link nachvollziehen:

      https://twitter.com/EconomicEthics/status/891263652912910336

      Dies, um zu dokumentieren, wes Geistes Kind manche Leute sind.

      Gruß
      gb

  3. Autoritäre Einstellungen
    Den Text von Ehnts habe ich nochmals überflogen und dabei einige Passagen entdeckt, die ein sehr befremdliches Verständnis von Wissenschafts- und Lehrfreiheit offenbaren. So schreibt Ehnts – und diese Feststellung ist ja wohl kritisch gemeint:

    „In meinen Artikel bei Ökonomenstimme und anderswo habe ich immer betont, dass viele heutige Lehrbücher der Makroökonomie und die aktuelle Sichtweise der Bundesbank nicht zusammenpassen.“

    Ja, das wollen wir doch inständig hoffen! So sehr ich oft mit den Auffassungen der Bundesbank sympathisiere – es wird doch wohl erlaubt sein, dass die Autoren von wissenschaftlichen Lehrbüchern andere Positionen als die Bundesbank vertreten! Das Wesen der Wissenschaft besteht in Kritik, nicht in der Affirmation der herrschenden Auffassungen. Schon gar nicht sind Geldtheoretiker Erfüllungsgehilfen der Zentralbanken.

    Ebenso bedenklich erscheint mir folgender Absatz:

    „Zwei Schlussfolgerungen sind aus dem Einsatz von Geldmultiplikator-Modellen in Lehrbüchern der Makroökonomik zu ziehen: entweder wissen es die Lehrbuchautoren und die Dozenten nicht besser, oder sie nehmen eine Fehlinterpretation der Studierenden in Kauf. Beides sollte man zum Anlass nehmen, den aktuellen Einsatz dieser Lehrbücher zu überdenken. Dabei sollte man auch die Lehrbücher der Einführungsveranstaltungen durchsehen, denn auch die hängen häufig noch der überholten Theorie des „Geldmultiplikators“ an.“

    Soll das nun bedeuten, dass eine externe Instanz darüber befindet, welche Lehrbücher an den Universitäten zugelassen sind und welche nicht? Welche Modelle und Theorien in diesen Büchern vorgestellt werden und welche nicht?

    Soweit mir bekannt, entscheiden Hochschullehrer und Fakultäten völlig frei, welche Lehrbücher den Studenten empfohlen werden und welche nicht. Dies geht keine andere Instanz etwas an – weder die Universitätsleitung, noch den Wissenschaftsminister noch irgendeine Zensurbehörde.

    Kein Ökonomie-Professor hat das Recht, anderen Ökonomie-Professoren vorzuschreiben, dass sie den Geldmultiplikator nicht lehren dürfen. Manche Wissenschaftler halten die Theorie prinzipiell für richtig (unter den aktuellen Bedingungen aber nicht für relevant), andere sind gegenteiliger Meinung.

    Solche Differenzen gibt es in allen wissenschaftlichen Disziplinen. Meiner Ansicht nach ist dies ein essentielles Charakteristikum von lebendiger Wissenschaft. Ohne Dissens und Diskussion gibt es keinen Erkenntnisfortschritt!

    Es sind doch sonst gerade die Heterodoxen, die lautstark mehr Pluralität in Lehre und Forschung fordern. Kommt es aber zum Schwur, dann verlangen freilich ausgerechnet die Heterodoxen Denk- und Lehrverbote. Sie sind, wie Rüdiger Bachmann feststellte, oft erheblich autoritärer als die Orthodoxen aus dem Mainstream.

    Mein lieber Herr Ehnts, wir leben nicht in Nord-Korea, sondern in einem freien Land. Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland garantiert ausdrücklich Wissenschaftsfreiheit. In Artikel 5 des Grundgesetzes heißt es: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“

    • Analogien
      Naja, in seinem FAZIT-Beitrag ist Dirk Ehnts weitaus zurückhaltender als in seinem letzten Beitrag in der „Ökonomenstimme“. Dort war der Geldmultiplikator noch ein „neoklassischer Irrtum“ und wenn man der Ansicht ist (zurecht oder zu unrecht), dass etwas gänzlich falsch ist, ist es vielleicht nicht der geeignetste Lehrbuchstoff – auch wenn man dies mit Verweis auf die Freiheit von Forschung und Lehre natürlich nicht verbieten kann.

      Ich finde etwas ganz Anderes sehr interessant: Ökonomen sehr unterschiedlicher Provenienz ziehen bezüglich der Auseinandersetzungen in der Ökonomik Vergleiche zur Physik, obgleich viele Ökonomen und darunter nicht zuletzt Heterodoxe der Ansicht sind, dass solche Vergleiche NICHT statthaft sind.

      So vergleicht (nicht nur) Peter Bofinger die Unterschiede zwischen geld- und güterwirtschaftlichen Betrachtungen mit den Unterschieden zwischen dem kopernikanischen und dem ptolemäischen Weltbild. Und in seinem jüngsten Beitrag in der „Ökonomenstimme“ vergleicht Stefan Homburg unterschiedliche Betrachtungen des Geldmultiplikators mit Newtons klassischer Mechanik und der Quantenmechanik.

      Ob sich Ökonomen mit solchen Vergleichen einen Gefallen tun?

      Gruß
      gb

    • @ Gerald Braunberger
      Das ganze Zitat von Stefan Homburg lautet:
      “ Newtons klassische Mechanik wurde durch die Quantenmechanik keineswegs widerlegt, sondern als ein für große Massen gültiger Spezialfall aufgehoben. Analog ist der Geldmultiplikator in einem Regime knapper Reserven weiterhin anwendbar. Bei hohen Überschussreserven wird hingegen der Reservezins zum zentralen Instrument der Geldpolitik.“

      Das ist doch eine schöne Analogie, weil sie treffend ist. Bofingers Analogie ist da weniger treffend, weil keines der beiden Weltbilder „wahr“ ist. Das Kopernikanische ist eleganter und einfacher, weil elliptische Bewegung „einfacher“ als epizyklische Bewegung ist. Nähme man Bofingers Analogie ernst, müßte man schließen, dass beide Sichtweisen – die monetäre und ie güterwirtschaftliche nicht „wahr“ sind, sondern vom Standpunkt des Beobachters abhängen. Ich vermute aber, dass er es so nicht, sondern ganz anders gemeint hat: der monetäre Standpunkt sei modern, der güterwirtschaftliche alt und überkommen. Die Analogie setzt auf falsche Vorurteile und ist damit ein rhetorisches Mittel.

    • Ein Gefallen?//Per Analogie räsonieren ...
      vielleicht hilfreich wenn die Widerstandsfähigkeit einer Wirtschaftswissenschaftler nachlässt,hat aber nichts von tun mit die analytische Beschäftigung Theorien ohne Werturteilen,die sogenannte
      Rationalität stricto sensu ,im Gegenteil wenn gerade Empfehlungen ,wirtschaftspolitische,beabsichtigt werden,oder die sogenannte Rationalität
      latu sensu.Folgerichtig
      Folgerichtige Bereicherungen im Betrachtung genaueren Formulierungen oder Perzeptionen:Die
      Mathematik und Statistik.
      {Z.B.
      Ragnar Frisch bewunderte und war fasziniert von Physiker .}

      Lit.:“The Significance and Basic Postulates of Economic Theory „,T.W.Hutchison [Reprints of Economic Classics,Kelley,New York 1965].

    • Paul Samuelson hatte für Kritiker der neoklassischen Vorstellung vom Gleichgewicht die Frage parat: Wie oft haben Sie schon ein Ei auf dem Kopf stehen sehen?

      Gruß
      gb

  4. Keen´s Minsky-Zitat
    Sollte analytisch präzisiert werden, was es heißt, wenn die Ausgaben in gegebener Periode geplant im Aggregat > als die laufenden Einkommen oder die geplanten Einkommen sind. Die Differenz von Ausgaben und Einnahmen sind die geplanten Zusatzeinkommen, also Einnahmen von wem (z.B. im Ausland), die nicht ausgegeben werden. Einer Erhöhung der Nachfrage durch Kreditinanspruchnahme muss also auf der anderen Seite ein dementsprechend hoher Konzumverzicht stehen.

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