Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Sind die Leistungsbilanzsalden ein Schicksal?

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Die Amerikaner haben ein hohes Leistungsbilanzdefizit, Deutschland und China haben hohe Leistungsbilanzüberschüsse. Warum? Menzie Chinn sagt: Die Gründe sind heute andere als früher. Vor allem die Finanzpolitik könnte die Salden beeinflussen. Das werden aber  weder die Amerikaner noch die Deutschen hören wollen (Jackson Hole Teil 3).

Die diesjährige geldpolitische Konferenz von Jackson Hole hat sich nicht unmittelbar mit Geldpolitik befasst, sondern mit dem aktuellen wirtschaftlichen und politischen Umfeld. Nachdem wir in den ersten beiden Beiträgen unserer kleinen Reihe die Innovationen in der amerikanischen Wirtschaft und die mögliche Rolle expansiver Finanzpolitik in einer künftigen Rezession behandelt haben, kommen wir heute zu dem vieldiskutierten Thema Leistungsbilanzsalden. In Jackson Hole hat der Ökonom Menzie D. Chinn die Ursachen heutiger Leistungsbilanzsalden behandelt. Ein interessantes Ko-Referat stammt vom Chefökonomen des Internationalen Währungsfonds, Maurice Obstfeld.

Chinn hat dankenswerterweise eingängige theoretische Erklärungen von Leistungsbilanzsalden angeführt, um eine strukturierte Diskussion zu ermöglichen. Er unterscheidet fünf Gruppen von Erklärungen:

  • Leistungsbilanzdefizite entstehen in Ländern, die entweder hervorragende Wachstumsperspektiven besitzen, oder aber in denen aus speziellen Gründen eine hohe Konsumneigung besteht. Chinn nennt dies die „Lehrbuch-Erklärung“. Beispiele für die erste Gruppe von Ländern sind Schwellenländer, die im wirtschaftlichen Aufholprozess viel Auslandskapital anziehen. Ein Beispiel für die zweite Gruppe von Ländern wären die Vereinigten Staaten.
  • Die zweite Erklärung stellt auf die sogenannten „Zwillingsdefizite“, bestehend aus wachsenden Staatsschulden und Leistungsbilanzdefiziten, ab. Ein Beispiel wären die Vereinigten Staaten in den achtziger Jahren. Auf der Gegenseite sind Länder, die zum Beispiel als Folge einer alternden Bevölkerung Kapital in Länder mit vielversprechenderen Renditechancen exportieren. In diese Kategorie fiele Deutschland.
  • Die dritte Erklärung stellt auf eine „Exportbesessenheit“ mancher Volkswirtschaften ab, die, im merkantilistischen Geiste, die Auffassung vertreten, dass mit höheren Exporten automatisch auch höherer Wohlstand verbunden ist. Die „Exportbesessenheit“ würde man manchen asiatischen Staaten zuschreiben, nicht wenige Kritiker würde auch Deutschland in diese Liste aufnehmen.
  • Die vierte Erklärung stellt auf eine „Sparschwemme“ ab. Sie erklärt starke Kapitalexporte aus Schwellenländern vor allem in die Vereinigte Staaten mit unterentwickelten Finanzmärkten in den Schwellenländern. Die Leistungsbilanzsalden sind dann die Spiegelbilder der Kapitalbilanzsalden. Eine Variante dieser Erklärung ist der gegenwärtig sehr populäre Verweis auf die Vereinigten Staaten als Produzent einer global akzeptierten sicheren Kapitalanlage („safe asset“).
  • Eine fünfte Erklärung zielt auf Leistungsbilanzsalden als Ergebnisse der Verzerrung von Wechselkursen durch staatliche Instanzen, zum Beispiel Notenbanken, ab, in deren Folgen sich Leistungsbilanzsalden aufblasen.

Wie leicht ersichtlich, schließen sich diese Erklärungen nicht gegenseitig aus. Mehrere können zur gleichen Zeit zutreffen. Und im Zeitablauf können einzelne Erklärungsmuster an Bedeutung gewinnen, andere an Bedeutung verlieren. Zum Beispiel wird heute weniger über „Zwillingsdefizite“ geschrieben als vor zwanzig Jahren. Andererseits ist die Erklärung von Salden durch eine Nachfrage nach sicheren Kapitalanlagen erst in den vergangenen Jahren sehr populär geworden (das Phänomen gab es aber schon früher).

Wichtig ist zudem: Leistungsbilanzsalden sind nicht statisch. Die ehemals bedeutenden Leistungsbilanzüberschüsse mancher ölexportierender Staaten sind verschwunden. China hat immer noch einen hohen Überschuss der Leistungsbilanz, aber gemessen am BIP sinkt er – so wie im vergangenen Jahr übrigens auch der deutsche Leistungsbilanzüberschuss in Relation zum BIP zurückgegangen ist. Und es gibt viele Prognosen, nach denen die Salden auf mittlere Sicht weiter zurückgehen sollten.

Chinn überprüft nun anhand der Daten, welche aktuellen Schlüsse aus den Salden zu ziehen sind. Seine erste Schlussfolgerung lautet: Es ist weder realistisch noch wünschenswert, dass sie alle verschwinden. Denn das amerikanische Leistungsbilanzdefizit erklärt sich zum Teil spiegelbildlich durch internationale Kapitalzuflüsse, die Dollaranleihen als sichere Kapitalanlage wertschätzen. Niemand aber kann ein Interesse daran haben, dass sich amerikanische Staatsanleihen nicht länger als sichere Kapitalanlage eignen. Umgekehrt ist es auch nicht zu kritisieren, dass aus Ländern wie Deutschland viel Geld international angelegt wird, was über den Einfluss auf die Kapitalbilanz auch die Leistungsbilanz beeinflusst.

Chinns zweite Schlussfolgerung ist: Finanzpolitik könnte eine Rolle in der Reduzierung von Salden spielen und hier stimmt ihm Obstfeld zu, denn dies ist auch die Position des IWF. So könnte eine straffere amerikanische Finanzpolitik zur Reduzierung des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits beitragen, während eine expansivere Finanzpolitik in Deutschland, zum Beispiel durch mehr öffentliche Investitionen in Infrastruktur, zu einer Reduzierung des deutschen Leistungsbilanzüberschusses führen würde. Wie Obstfeld betont, zeigen sich die Regierungen in Washington und in Berlin für solche Vorschläge wenig empfänglich.


20 Lesermeinungen

  1. Leistungsbilanz und Innovation
    Eine der wichtigsten Ursachen für die hohen Ungleichgewichte bei Handels- und Leistungsbilanzsalden wird in dem Text ebenso wenig erwähnt wie in den Kommentaren.

    Dies ist die höchst unterschiedlich entwickelte Innovationsfähigkeit und Forschungsintensität der einzelnen Industrienationen.

    Auf dem berühmtem Gipfel in Lissabon haben sich die EU-Mitgliedsländer vor geraumer Zeit das Ziel gesetzt, die Forschungsausgaben auf drei Prozent des Sozialprodukts zu steigern. Enthalten sind in dieser Größe sowohl die staatlichen als auch die privaten Aufwendungen für Forschung und Entwicklung.

    Bis dato haben nur wenige europäische Länder diese Schwelle annähernd erreicht oder sogar übertroffen. Hierzu gehören Dänemark, Deutschland, Finnland, Österreich und Schweden sowie außerhalb der EU die Schweiz; diese Staaten investieren alle mindestens 2,8 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung in die Innovationen von morgen.

    Diese sechs forschungsintensiven Länder erzielen in der ganz überwiegenden Zahl nachhaltige Überschüsse im Außenhandel. Eine Ausnahme ist Österreich, wo das Handelsdefizit jedoch durch die Dienstleistungsbilanz (Tourismus) kompensiert wird. Finnland leidet aktuell unter der Krise des nationalen High-Tech-Champions Nokia.

    Die meisten EU-Staaten sind hingegen nach wie vor weit von der Drei-Prozent-Schwelle entfernt. Zu den Nachzüglern gehören sämtliche südeuropäischen Krisenstaaten – von Griechenland über Italien bis zu Spanien und Portugal.

    In diesen vier Ländern belaufen sich die privaten und staatlichen F+E-Ausgaben jeweils nur auf 0,8 bis 1,3 Prozent des Sozialprodukts. Das ist das Niveau von Entwicklungsländern.

    Auch Frankreich und Großbritannien sind weit von der Zielmarke entfernt, die sich die EU einst auf dem legendären Gipfel in Lissabon gegeben hat.

    Diese sechs Länder verzeichneten in den vergangenen Jahrzehnten in der Regel hohe bis sehr hohe Defizite im Außenhandel. Lediglich Italien kann seit etwa vier Jahren Überschüsse im internationalen Warenverkehr erzielen.

    Mit diesen Angaben ist zwar kein wissenschaftlicher Nachweis erbracht. Die Ergebnisse sind jedoch m. E. eindeutig:

    Länder, die genügend für Bildung und Forschung tun, müssen in der Regel kein gravierendes Leistungs- oder Handelsdefizit befürchten.

    Hingegen geraten Volkswirtschaften, die bei Investitionen in Innovationen knausern, rasch ins weltwirtschaftliche Abseits.

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