Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Ökonomen am Pranger

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Es ist ein Wunder, dass in diesem Land überhaupt noch etwas läuft. Denn unsere Wirtschaftsstudenten werden an den Universitäten zu weltfremden Modell-Fetischisten abgerichtet. Stupide lernen sie mathematische Modelle, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Eigennutz steht dabei über allem. Überlegungen zu Ethik und Ideengeschichte? Sind ihnen völlig fremd.

So lautet, etwas überspitzt, die Kritik, die seit der Finanzkrise mit voller Wucht auf die Wirtschaftswissenschaft einprasselt. Vorgebracht wird sie von Studenten, kritischen Ökonomen und Vertretern anderer Sozialwissenschaften. Ihr Wunsch: mehr Vielfalt an den Wirtschaftsfakultäten. Gesprochen wird dabei mehr über- als miteinander. Vertreter des sogenannten Mainstreams, wie der Münsteraner Finanzwissenschaftler Johannes Becker, fühlen sich angegriffen. Der Ton der „Pluralen“ reiche von „spöttisch bis offen aggressiv“, schreibt er im Ökonomenblog „Makronom“. Das bedauert Becker, denn „Fundamentalopposition“ gefährde den Erfolg der Bewegung – die man doch eigentlich sympathisch finden müsse: Nichts sei falsch daran, wenn junge Menschen aktuelle ökonomische Probleme diskutieren und mehr Ideengeschichte und Wissenschaftstheorie im Curriculum fordern. Die spitze Replik der Pluralen, die bald erscheint: „Wie kann man sie nicht mögen: etablierte VWL-Professor*innen, die die Erfolge der Pluralen Ökonomik loben und sich Sorgen um unsere Zukunftsperspektiven machen.“

Das ist, grob zusammengefasst, der Stand der Diskussion. Zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise ist das ernüchternd. Was die Frage aufwirft, ob der viel gescholtene Mainstream wirklich so starr ist wie behauptet – oder die Pluralen die Augen vor dem verschließen, was sich in dem Fach tatsächlich tut.

Eine erste Beobachtung auf der Suche nach Antworten: Es gibt wohl kaum eine andere Wissenschaft, in der so viel reflektiert und an Althergebrachtem gezweifelt wird. Das gilt zwar leider nicht für die Vorlesungen für Bachelor-Studenten, in denen ein verkürztes Standardprogramm durchgeackert wird, aber sehr wohl für die Spitzenforschung. Aktuelle Veröffentlichungen erfolgreicher „Mainstreamforscher“ untermauern das. Bruno Frey (Universität Basel) und David Iselin (ETH Zürich) haben in ihrem Buch Dutzende einst etablierte ökonomische Ideen zusammengetragen, „die man vergessen sollte“. Auf der Abschussliste: „Märkte sind effizient“, „Volatilität bedeutet Risiko“, „Mehr Auswahl ist immer besser“, „Das Coase-Theorem“, „Ökonomie hat nichts mit Religion zu tun“. Annahmen zu bezweifeln sei der Kern der Ökonomie, schreiben die Autoren. Viele Ökonomen würden heute Ideen vertreten, die mit der Orthodoxie und Teilen des Lehrbuchwissens kollidierten.

Plurale Kritiker mögen einwenden, dass es sich bei vielen Beispielen eher um Korrekturen innerhalb des bestehenden Systems handelt als um einen echten Paradigmenwechsel. Was zu der Gegenfrage führt, welche Alternative es zu diesem Entdeckungsverfahren innerhalb des Systems gibt, wenn man sich nicht in einer beliebigen Vielfalt mehr oder minder begründbarer Ansätze verlieren möchte.

Eine klare Position hierzu vertritt der angesehene Harvard-Ökonom Dani Rodrik. Er geht auf die Kritiker ein, macht Zugeständnisse, verteidigt aber im Kern seine Disziplin: Auch wenn manch einer die Modellwelt der Ökonomen als zu enges Korsett ansehe, so habe sich diese doch als sehr nützlich dafür erwiesen, sozialen Phänomenen auf den Grund zu gehen. „Die Regeln haben meine Forschung diszipliniert und sichergestellt, dass ich weiß, worüber ich spreche“, schreibt Rodrik. Sie seien keineswegs so einengend, „dass sie mich davon abgehalten hätten, Interessen und Pfaden nachzugehen, die unorthodoxe Schlussfolgerungen produzieren“. Der von den Pluralen vorgebrachte Vorwurf, die Etablierten bildeten einen Club, der Außenstehenden verschlossen sei, laufe ins Leere. Es komme ständig vor, dass von den bestehenden Annahmen abgewichen wird. Aber nicht alle Annahmen seien gleich akzeptabel. Je größer die Abweichung, desto besser müsse man sie begründen.

Was der unkonventionelle Entwicklungsökonom Rodrik an der eigenen Zunft kritisiert, ist die Überhöhung einzelner Modelle zu allmächtigen Erklärmaschinen. Modelle seien immer dann gut, wenn sie richtig eingesetzt werden. Genau das hätten Ökonomen verlernt, zum Beispiel vor der Finanzkrise. Ökonomen hätten zahlreiche Ansätze in den Schubladen gehabt, die gefährliche Fehlentwicklungen als solche enttarnen konnten. Der dominante Glaube an die Effizienz der Märkte habe sie dafür blind gemacht.

Unter dem Strich sieht Rodrik genügend Spielraum für Wandel. Die Forschung sei heute eine völlig andere als vor drei Dekaden: Empirie und Feldforschung sind der Goldstandard; psychologische, institutionelle und historische Faktoren bestimmen die Agenda.

Es ist also möglich, vom Rand ins Zentrum zu rücken – vorausgesetzt, man bringt genügend theoretische und praktische Substanz mit. Ob das bei jedem Alternativansatz der Fall ist, müssen sich die Pluralen kritisch fragen. Unbestritten sollte jeder Ökonom lernen, was es mit dem Marxismus auf sich hat. Doch nicht zwangsläufig erwächst aus einer ideengeschichtlichen Bedeutung ein Anspruch auf Lehrstühle und Forschungsgelder.

Auch die etablierte Forschung hat Nachholbedarf. Frey und Iselin kritisieren eine „Machtstruktur“ in der hierarchisch organisierten Disziplin. Konformismus wird belohnt, Doktoranden denken aus Karrieregründen mehr über Veröffentlichungen in bestimmten Fachzeitschriften nach als über eigene Forschungsinteressen. Wirtschaftsethiker weisen zu Recht darauf hin, dass der Geist des längst begrabenen „Homo Oeconomicus“ im eng gefassten Rationalitätsbegriff weiterlebt. Und sowohl Rodrik als auch Frey und Iselin bemängeln eine „fehlende Narrationskultur“: Ökonomen schaffen es zu selten, ihre Erkenntnisse und deren Vielfalt als gute Story zu verpacken, was zu Missverständnissen führt.

Es ist sinnvoll, über all das zu streiten. So wie in Siegen, wo es seit einem Jahr einen Studiengang „Plurale Ökonomik“ gibt, oder an der alternativen Cusanus Hochschule an der Mosel. Finanzwissenschaftler Becker fordert in seinem Blogeintrag zum konstruktiven Dialog auf. Die Pluralen schlagen in ihrer Replik eine gemeinsame Tagung im kommenden Jahr vor. Nur zu.


15 Lesermeinungen

  1. Punkt 5 vollständig
    5. Die Kapitalkontroverse (Re-switching Debatte, Cambridge-Cambridge-Kontroverse) der 1960er und 1970er hat Keynes in der AT von 1936 antizipiert. Es ist das Problem der Aggregation einer Vielzahl von einzelnen qualitativ verschiedenen Größen (beispielsweise die einzelwirtschaftlichen Produktionsfunktionen): „Gegen eine solch Definition spricht das schwerwiegende Argument, dass die Produktion der Gesellschaft einen inhomogenen Komplex von Gütern und Dienstleistungen darstellt, der genaugenommen überhaupt nicht messbar ist, außer in Sonderfällen, wie z.B. wenn sämtliche Bestandteile eines Produktionskomplexes in der gleichen Proportion in einem anderen Produktionskomplex enthalten sind“(GT 34). Dann heißt es unmissverständlich: „Das Problem, ein Realprodukt mit einem anderen zu vergleichen und dann das Nettoprodukt durch die Gegenüberstellung von neuen Bestandteilen der Ausrüstung gegen die Abnutzung von alten Bestandteilen zu berechnen, gibt uns Rätsel auf, die, man kann es mit Überzeugung sagen, keine Lösung zulassen.“ Pigou, so Keynes, tut es aber, aber nur, da „er verstohlen (die) Änderungen in Wertgrößen einführt“.

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