Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Was ist Geld und warum hat es einen Wert? (Teil 2)

| 31 Lesermeinungen

Das ist eine der Kernfragen der Wirtschaftstheorie. “Wir verstehen das Problem heute noch schlechter als früher”, klagt der renommierte Ökonom Martin Hellwig. Wir skizzieren in drei Teilen den Vortrag, den er auf der Tagung des Vereins für Socialpolitik in Wien gehalten hat. Im ersten Teil unserer kleinen Reihe hatten wir uns mit dem Wesen des Geldes befasst. Heute beschäftigen wir mit der Frage, ob Geld in die dominierende neoklassische Gleichgewichtstheorie passt.

In diesem Beitrag müssen wir etwas Theorie betreiben, aber wir versuchen, es möglichst einfach zu halten.

Der Wert des Geldes – ein kleiner Blick in die Theoriegeschichte

Ein altes Verfahren, aus dem sich ein Wert des Geldes bestimmen ließe, wäre die  Quantitätsgleichung: Geldmenge mal Umlaufsgeschwindigkeit ist gleich dem Preisniveau mal der realen Wirtschaftsleistung. Dem hielt John Hicks in einem in der monetären Ökonomik berühmten Aufsatz von 1935 die Frage entgegen: Warum wird der Wert des Geldes mechanisch abgeleitet, wenn der Wert von Gütern in der neoklassischen Theorie auf einem Optimierungskalkül beruht? Eine solche Vorgehensweise wäre auch für das Geld eine Voraussetzung, um Geld analytisch in die dominierende Gleichgewichtstheorie zu integrieren.

Einen systematischen Versuch unternahm wohl als erster Ökonom Donald Patinkin, aber schon kurze Zeit später konstatierte mit Frank Hahn ein führender Kenner der Gleichgewichtstheorie, dass sich das Geld so leicht nicht integrieren lässt. Denn – und das ist die wesentliche Frage: Woher soll Geld in einer friktionslosen Welt seinen Wert beziehen? Weder gibt es in der heutigen Welt ein Versprechen des Geldproduzenten (Zentralbank), das von ihm produzierte Geld auf Verlangen in ein werthaltiges Gut zu transferieren, noch wirft Bargeld eine pekuniäre Rendite ab.

 

Geld als Wertaufbewahrungsmittel

Eine Möglichkeit besteht darin, Geld als Wertaufbewahrungsmittel zu betrachten und so in die Gleichgewichtstheorie zu integrieren. Ein Gedanke (unter mehreren) ist, Geld in einem Modell zu untersuchen, in dem mehrere Generationen von Menschen vorkommen: Im einfachsten Fall (Samuelson 1958) gibt es eine jüngere arbeitende Bevölkerung und eine ältere Generation im Ruhestand. Die ältere bezieht Güter von der jüngeren, indem sie diese Güter mit Geld bezahlt. Aber warum gibt die jüngere Generation die Güter gegen das Geld her, anstatt die Güter selbst zu konsumieren? Nun, sie geht davon aus, dass sie, wenn sie selbst alt ist, dann auch mit Geld Güter von der nachfolgenden Generation kaufen kann.

Der Wert des Geldes beruht hier alleine auf der Annahme, dass Geld auch in Zukunft einen Wert als Tauschmittel besitzt, und diese Erwartungen werden im Modell nicht enttäuscht. Das Geld hat aber keinen intrinsischen Wert.  Der Nobelpreisträger Jean Tirole hat Geld in diesem Zusammenhang vor längerer Zeit als “Bubble” bezeichnet; dieselbe Bezeichnung findet sich auch in der modernen “I-Theory” von Brunnermeier/Sannikov.

Was taugt das Argument? Das Problem ist, dass Geld nur so lange als Wertaufbewahrungsmittel funktioniert, wie es kein verzinsliches Asset gibt, das ansonsten die Eigenschaften von Geld besitzt. In vielen ökonomischen Modellen wird dieses Thema ausgespart, weil in ihnen kein anderes finanzielles Asset als Geld vorkommt. Aber damit wird dem Thema ausgewichen. Hellwig schreibt: “Wenn es neben dem Papiergeld ein Consol gibt, einen Schuldtitel mit ewiger Laufzeit und konstantem Couponzins, und wenn Papiergeld und Consols in allen Transaktionen gleichermaßen verwandt werden können, so gibt es kein Gleichgewicht, in dem Papiergeld etwas wert ist.”1) Um mit dem Geld in der Gleichgewichtstheorie weiter zu kommen, muss man daher annehmen, dass sich Geld und ewiglaufende Staatsanleihen nicht nur in punkto Verzinsung unterscheiden. Worin könnte ein Unterschied bestehen? Das führt direkt zur Frage, ob man Geld wegen seiner Zahlungsmitteleigenschaft in die Gleichgewichtstheorie einbauen kann.

 

Geld als Zahlungsmittel

In vielen ökonomischen Modellen wird angenommen, dass Menschen Güter tauschen. Tatsächlich aber werden Güter üblicherweise gegen Geld getauscht. Wenn dieses “Zwischenschalten” von Geld keine Folgen für das Wirtschaftsleben hätte, könnte man es in der Theorie unterschlagen (wie es auch häufig geschieht). Als einflussreich haben sich in der Theorie Arbeiten des amerikanischen Ökonomen Robert Clower aus den sechziger Jahren erwiesen. Er entwickelte aus einer bekannten Erkenntnis – “Money buys goods and goods buy money but in a monetary economy goods do not buy goods. Really, without money the world would not go around” – Elemente einer keynesianisch geprägten Ungleichgewichtstheorie, die wir an dieser Stelle nicht vertiefen wollen.2)

Clowers Arbeiten gaben aber Anlass, analytisch dem Nutzen von Geld als Zahlungsmittel in modernen Modellen nachzuspüren. Das Ergebnis sind die sogenannten “Cash-in-Advance”-Modelle, die man in Lehrbüchern finden kann. Die Wirtschaftssubjekte müssen Geld halten, um Käufe vornehmen zu können – der Wert des Geldes besteht darin, dass es eine Zahlungsmittelfunktion ausübt, die zum Beispiel ein Consol nicht ausüben könnte.3) In diesen Modellen wird die Tatsache, dass Menschen Ressourcen für die Haltung von Geld mobilisieren müssen, als eine Einschränkung wirtschaftlichen Handelns verstanden: Wenn es nicht den Zwang zur Geldhaltung für Käufe gäbe, könnten alternativ zinstragende Anlagen erworben werden.

Hellwig sieht mit diesen Modellen Probleme: “Es ist widersinnig, dass die Verwendung von Geld als Restriktion erscheint und nicht als Erleichterung.” Denn heißt es nicht gewöhnlich in der Geldtheorie, dass die Verwendung von Geld im Vergleich zur Güterwirtschaft das Tauschen erheblich erleichtert?4)

Der spätere Nobelpreisträger Robert Lucas hat in einem für die Cash-in-Advance-Literatur bahnbrechenden Aufsatz die Verwendung von Geld als vorteilhaft mit Bezug auf den Anfall von Informations- und Transportkosten sowie einer geringen Möglichkeit, beim Tausch betrogen zu werden, bezeichnet, aber Hellwig hat schon in seinem Aufsatz von 1993 die Frage aufgeworfen, ob solche Überlegungen im Rahmen der Gleichgewichtstheorie fehl am Platze sind. Vertreter des Ansatzes wie Clower und Lucas haben die Verwendung von Cash-in-Advance-Modellen mit einer Annäherung als die Realität begründet (in der Realität braucht man meistens erst einmal Geld, ehe man Güter kaufen kann), aber Hellwig überzeugt dies nicht, weil die Gleichgewichtstheorie nun einmal ihrem Wesen nach sehr abstrakt ist. Man könnte noch ergänzen, dass empirische Untersuchungen von Cash-in-Advance-Modellen bestenfalls durchwachsene Ergebnisse gebracht haben.

Bevor die Cash-in Advance-Modelle entwickelt wurden, gab es das in vielen Lehrbüchern erwähnte Modell von Allais/Baumol/Tobin zur Analyse des Geldes aus dem Transaktionsmotiv, wobei angenommen wird, dass den Haushalten als Alternative zur Geldhaltung ein verzinsliches Asset zur Verfügung steht.5) Die Frage, wie ein Haushalt sein Einkommen innerhalb einer Periode (zum Beispiel eines Monats) auf seine gewünschten Ausgaben aufteilt, ist dann auch von der Verzinsung des Assets (sowie den Gebühren für den Kauf und Verkauf des Assets) abhängig.

Haushalte treffen hier Portfolioentscheidungen und ein Punkt, auf den Hellwig in seiner Diskussion abstellt, lautet: Wer ist eigentlich die Gegenpartei, wenn die Tauschzeitpunkte von Geld in Assets und umgekehrt von Haushalten und Unternehmen nicht synchronisiert sind und der Markt für Geld nicht immer geräumt wird? Was dann? Wer sagt, dass ein Finanzintermediär wie eine Geschäftsbank für den Ausgleich sorgen könnte, müsste eine Antwort auf Hellwigs Frage haben: “Was ist in diesem Modell die Rolle von Intermediären, die sich darauf beschränken, ‘da’ zu sein? Was ist deren Kalkül?” Wer den Markt für Geld durch die Zentralbank räumen lassen will, müsste im Rahmen der Gleichgewichtstheorie eine Antwort auf Hellwigs Frage finden: “Funktioniert Laisser faire nicht in diesem Rahmen?”

 

Bestands- und Stromgrößen

Abschließend kommen wir noch einmal auf das Thema Bestands- und Stromgrößen zurück. “Portfolioanalyse, Kapitalmarkttheorie und Bankentheorie befassen sich mit Bestandsgrößen”, schreibt Hellwig. “Geld ist eine Bestandsgröße, aber eine, die beim einzelnen nicht konstant bleibt, sondern im Zahlungsprozess auf und ab geht.” Nun aber gilt auch: “Der Zahlungsprozess ist eng verbunden mit Strömungsgrößen wie Konsum, Investitionen, Produktion und Einkommen.”

Hellwig fragt: “Wie modellieren wir die Dynamik von Bestands- und Strömungsgrößen so, dass die Sonderrolle von Geld berücksichtigt wird?”6)

Auf meine Frage, ob es eine moderne Arbeit gibt, die diesen Anspruch erfüllt, antwortete Hellwig kurz und bündig: “Nein.”

 

Im dritten und abschließenden Teil der Reihe befassen wir uns im übertragenen Sinne mit einer Geldtheorie ohne Geld.

 

 


  1. In einer Arbeit aus dem Jahre 1993, in der Hellwig den damaligen Stand der Geldtheorie zusammengefasst hatte, gelangte er nach diesem Befund zu dem Schluss: “This negative result unermines practically all our textbook models of closed-economy and open-economy macroeconomics.”
  2. Die Hochzeit dieser Schule waren die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Wer in seinem Bücherschrank das Makro-Lehrbuch von Felderer/Homburg besitzt, wird darin ein Kapitel finden. An der Uni hatten wir eine Monografie von Kurt Rothschild gelesen. In unseren Tagen hat Richard Werner versucht, auf der Basis dieser Ungleichgewichtstheorie zu argumentieren.
  3. Wir beschränken uns hier auf den einfachen Fall exogenen Geldes. Es gibt auch Modelle, in denen Kreditgeld verwendet wird.
  4. Um zur oben erwähnten neokeynesianischen Ungleichgewichtstheorie Clowers und seiner Mitstreiter zurückzukehren: Dort sorgt die Cash-in-advance-Einschränkung im Zusammenhang mit Friktionen in der Wirtschaft für die Möglichkeit einer Rezession. Hellwig schreibt kopfschüttelnd: “It is all the more paradoxical that the cash-in-advance constraint in our models make the use of money as a medium of exchange appear to be the source of an effective-demand problem.”
  5. In den Lehrbüchern wird das Modell meist anhand des Aufsatzes von James Tobin (1956) behandelt, aber die Priorität gehört Maurice Allais, dessen Arbeit in französischer Sprache erschienen und deshalb den amerikanischen Ökonomen unbekannt geblieben war.
  6. Ein Versuch einer solchen Modellierung findet sich in der Nobelpreis-Vorlesung Tobins (1981), der aber den heutigen Anforderungen an ökonomische Modellierung nicht mehr genügt.

31 Lesermeinungen

  1. Gerald Braunberger sagt:

    Contra "Geldproduktion aus dem Nichts"
    Georg Quaas (Universität Leipzig) hat eine bemerkenswerte Demontage der Idee einer “Geldproduktion aus dem Nichts” und des Geld-Buches von Dirk Ehnts veröffentlicht: https://mpra.ub.uni-muenchen.de/82759/17/MPRA_paper_82759.pdf

    Gruß
    gb

  2. KeimB sagt:

    Wo bleibt der 3. Teil der Erörterung
    über Geldtheorien ohne Geld.

  3. Gerald Braunberger sagt:

    Kritik an der Geldtheorie
    Georg Quaas zur Kritik an der makroökonomischen Geldtheorie im “Wirtschaftsdienst”:

    https://ftdwirtschaftswunder.files.wordpress.com/2017/10/664-669-quaas.pdf

    Gruß
    gb

  4. ASCI sagt:

    Was ist Geld?
    An Herrn Braunbergers Bericht, den Anmerkungen Herrn Hellwigs und einigen anderen Leserkommentaren zeigt sich, dass die scheinbar einfache Frage “Was ist Geld?” noch immer einer Antwort harrt. Eine besondere Herausforderung stellen dabei die unterschiedlichen Erscheinungsformen dar, die zeit- und zum Teil auch örtlich einzigartig zu sein scheinen und darum mit eigenen Kategorien vom übrigen Geld abgegrenzt werden (müssen). Wir haben Giralgeld, Papiergeld, Münzgeld, Gold, Fiatgeld, Staatsgeld, etc., etc. Das ist sehr unbefriedigend, denn näher an der Wissenschaft wäre es, eine Oberkategorie, sprich Definition zu haben, die Geld umfassend beschreibt und all die Spezialformen dann als Unterarten des grossen Ganzen erscheinen lässt. Wie Herr Braunberger (Hellwig) schön illustriert, konnte dieses Problem noch nicht gelöst werden.
    Es könnte jedoch sein, dass die Ökonomen zu sehr in ihren Denkmustern gefangen sind, um eine wirklich befriedigende Antwort zu liefern. Gerade heute (29.9.2017) ist ein interessantes Interview mit einer Psychologin in der NZZ erschienen, das vielleicht einen Ausweg weist: https://www.nzz.ch/gesellschaft/frauen-sind-bessere-sparer-ld.1319006 . Zitat: “Frage: Was ist Geld? Antwort: Das zentrale psychologische Merkmal von Geld ist Vertrauen.” Der langen Rede kurzer Sinn: versuchen wir es einmal mit der einfachen Antwort: “Geld ist Vertrauen”! Wie wir u.a. hier https://www.nzz.ch/meinung/geldmenge-und-inflation-geld-steht-fuer-vertrauen-ld.141356 und hier https://www.oekonomenstimme.org/artikel/2017/05/von-nichts-kommt-nichts–auch-nicht-geld/ sehen, kommen wir bereits recht weit damit.

    • michaelstoecker sagt:

      Vertrauen in wen oder auf was?
      Die Frage ist, worauf wir denn da vertrauen, Herr Müller. Herr Heismann hat hier bereits einen wichtigen Hinweis gegeben: die Demokratie (siehe Kommentar weiter unten). Aber das alleine reicht noch nicht. In einem Kreditgeldsystem sind es insbesondere die einheitlichen Bonitätsstandards bei der Kreditvergabe: https://zinsfehler.com/2014/04/01/geldmythen/ sowie https://soffisticated.wordpress.com/2012/04/06/bonitat-die-leitende-gesellschaftliche-differenzierungsnorm/.

      Und hier noch die offizielle Sicht der EZB: https://www.ecb.europa.eu/explainers/tell-me-more/html/what_is_money.de.html.

      LG Michael Stöcker

    • Renee_Menendez sagt:

      Geld ist was gilt...
      Rein etymologisch entstammt der Begriff “Geld” aus dem was “gilt” und bezeichnet diejenige Sache, die eine Schuld tilgen kann. Bei dem was “gilt” kann das jede beliebige Sache sein, die übergeben werden muß, um eine Schuld zu tilgen. Die Übergabe einer Brötchentüte beim Bäcker bedeutet ebenso die Tilgung einer Schuld, wie die Übergabe der vereinbarten Gegenleistung – üblicherweise Geld. Damit man jetzt nicht wieder auf die Idee kommt, daß da Geld gegen Brötchen getauscht würde: bei einem Kaufvertrag werden zwei Schuldverhältnisse vereinbart, die rechtlich separat voneinander erfüllt werden, denn es handelt sich hierbei um zwei verschiedene Erfüllungsgeschäfte – deren Erfüllung zwar kausal zusammenhängen mag, die aber rechtlich gesehen selbständig sind.

      Ebenso wie der Bäcker seine Schuld erfüllt, indem er die Brötchentüte übergibt, so erfüllt der Käufer seine Geldschuld, indem er die Sache Geld übergibt und damit seine Geldschuld tilgt. Und schon weiß man was Geld ist: es ist diejenige Sache, welche eine Geldschuld tilgen kann, wobei Geldschulden üblicherweise in der Landeswährung abgeschlossen werden. Von daher ist Geld gleichbedeutend mit dem “gesetzlichen Zahlungsmittel” als da wären Zentralbanknoten und Münzen. Und eigentlich wäre der Fall damit erledigt.

      Nun wird die ganze Geschichte durch Banken ein wenig verkompliziert, so besteht die Menge “Zentralbankgeld” ja aus den Forderungen von Banken an die Zentralbank und aus Bargeld, so daß es sich hierbei weniger um eine wohldefinierte Menge handelt, sondern aus einem Konglomerat unterschiedlichster Dinge. Immerhin kann man als strukturbildendes Merkmal konstatieren, daß sich “Zentralbankgeld” aus Geld sowie der Referenz auf Geld zusammensetzt und so gesehen der Begriff “Zentralbankgeld” immerhin noch einen konkreten Sachverhalt beschreibt.

      Eine Stufe weiter finden wird dann das sog. “Giralgeld”, was man nach dem vorstehenden unschwer als eine Referenz 2. Ordnung auf die Referenz 1. Ordnung kategorisieren kann. Während die Referenz 1. Ordnung noch ohne Vertrauen auskommt, weil eine Zentralbank ihre Verbindlichkeiten in unbeschränkter (!) Höhe mit Bargeld begleichen kann, ist die Referenz 2. Ordnung durchaus an das Vertrauen gebunden, daß die Verfügungsrechte, die ein “Kontoguthaben” repräsentiert auch tatsächlich geltend gemacht werden können – wie man weiß ist das gelegentlich schon mal problematisch.

      Es ist also nicht so schwer die Strukturmerkmale des Geldsystems zu sortieren – wenn man am richtigen Punkt ansetzt.

      Warum und wieso ein Baumwollzettel zu einem Geldschein wird ist allerdings noch ein eigenes Thema:
      https://soffisticated.wordpress.com/2017/01/06/und-was-ist-nun-geld/

    • ASCI sagt:

      Geld ist Vertrauen: Langversion
      Ihre Frage “Vertrauen in wen oder auf was?” ist natürlich genau richtig. Ich habe diese Frage in den erwähnten Texten erörtert (zusätzlich empfehle ich neu auch: https://www.s-e-i.ch/archive/principle9.htm ). Dort gibt es eine Langversion der Definition, die geht ungefähr so: Geld ist eine Forderung, die auf dem Vertrauen in die Institution(en) beruht, die sicherstellt, dass die Forderung erfüllt wird. Das ist etwas komplizierter als “Geld ist Vertrauen” (und weniger sexy) aber für einen Kommentar sollte es genügen. Die Bühne hier gehört ja Herrn Braunberger und Herrn Hellwig, nicht mir.

    • michaelstoecker sagt:

      Die Bühne gehört Faust II
      Vielen Dank für Ihre Antwort, Herr Müller. Ich stimme mit Ihnen in sehr vielen Punkten überein (siehe hierzu auch mein Kommentar vor Ort zu Ihrem Beitrag: https://www.oekonomenstimme.org/artikel/2017/05/von-nichts-kommt-nichts–auch-nicht-geld/#c2490). Aber Ihre Definition weist mAn eine kleine Ungenauigkeit auf, die es allerdings in sich hat. Denn Geld ist in einem zweistufigen Geldsystem KEINE Forderung, sondern stets das Geforderte. Von daher passt Ihre Definition besser dazu, unser GeldSYSTEM zu beschreiben, als das Geld im Sinne des gesetzlichen Zahlungsmittels an sich (hier passt die Definition von Herrn Menendez: Geld = Schuldentilgungsmittel). Hier mein Vorschlag einer Definition auf Basis Ihres (Vertrauens)Ansatzes:

      Unser zweistufiges Kreditgeldsystem basiert zu einem überwiegenden Teil auf Forderungen, die ihren Ursprung in der Kreditvergabe der Geschäftsbanken haben. Die Akzeptanz solcher Forderungsansprüche basiert auf dem Vertrauen in die staatlichen Institutionen, diese Forderungen auch rechtlich durchzusetzen.

      In Gegensatz zu manch diffusen Vorstellungen der Vollgeldbewegung und/oder 100 %-Money ist die Kreditschöpfungsfähigkeit der Geschäftsbanken kein Bug, sonder das konstituierende Feature einer arbeitsteiligen Gesellschaft: https://www.perrymehrling.com/2017/09/cryptos-fear-credit/. Auch der dort verlinkte weiterführende Beitrag von Mehrling ist durchweg interessant.

      Die Geschichte mit dem Vertrauen und der Inflation ist zentraler Bestandteil in Faust II. Hier die zwei wichtigsten Szenen:
      https://www.youtube.com/watch?v=AhNmtHBx6pg&index=3&list=PLYusIpl7XQ5xzAh25ECYBrwLSmyC9u5Zu
      https://www.youtube.com/watch?v=wacLWDEeJSQ&index=8&list=PLYusIpl7XQ5xzAh25ECYBrwLSmyC9u5Zu. Sogar die zentrale Krisenursache vieler Finanzkrisen (die Immobilienblase) wurde dort bereits thematisiert:

      Narr
      Und kaufen kann ich Acker, Haus und Vieh?

      Mephistopheles
      Versteht sich! Biete nur, das fehlt dir nie.

      Narr
      Und Schloß, mit Wald und Jagd und Fischbach? –

      Mephistopheles
      Traun!
      Ich möchte dich gestrengen Herrn wohl schaun!

      Narr
      Heut abend wieg’ ich mich im Grundbesitz! –

      Mephistopheles
      Wer zweifelt noch an unsres Narren Witz!

      LG Michael Stöcker

    • ASCI sagt:

      anderer Ort
      Sehr geehrter Herr Stoecker
      Besten Dank fuer Ihre Antwort und Ihren alternativen Vorschlag. Wie erwaehnt, halte ich dieses Forum nicht fuer passend, um ueber meine und Ihre Ideen zu diskutieren, darum werde ich mich einer Antwort enthalten und hoffe, dass wir an einem anderen Ort und bei anderer Gelegenheit die Diskussion vertiefen koennen.
      Freundliche Gruesse
      Christian Mueller

  5. bodo3000 sagt:

    Nachtrag: "A monetary theory of production"
    … für Bibliotheksliebhaber: enthalten in: THE COLLECTED WRITINGS OF JOHN MAYNARD KEYNES, VOLUME XIII, THE GENERAL THEORY AND AFTER, PART I PREPARATION, 1973, pp 408-411.

    Haptisch angenehmer, und in demselben Band Diskussionen, welche heutige Diskussionen befeuern sollten. Wenn denn die Perzeptionsfähigkeit Richtung WERT-theorie entwickelt sein sollte.

    Mit fröhlichem Grusse

    B. Behrendt

    • Gerald Braunberger sagt:

      Man darf vielleicht ergänzen, dass es die “Collected Writings” seit 2011 auch in einer Paperback-Ausgabe gibt, die optisch nicht so schön ausfällt wie die alte Hardcover-Ausgabe, aber dafür billiger zu haben ist.

      Gruß
      gb

  6. bodo3000 sagt:

    GE und Geld: Martin Hellwig
    „Intertemporale Modelle“ – mal konkret:
    angenommen der Zustand einer Wirtschaft ist durch die Parameter T (Technologie als Summe der vorhandenen Techniken), U (gegebene Nutzen [utility]) und V (Verteilung der Ressourcen) definiert. Das Werden dieser Parameter wird nicht erklärt (was automatisch die banale Feststellung impliziert, ein erreichter Zustand sei aufgrund einer gegebenen Anfangsverteilung effizient, muss aber nicht sozial, gerecht etc. sein). Die Wirtschaft befindet sich nach dem Wirken des Auktionators im Gleichgewicht.
    Nun kommt ein „externer Schock“ und verändert eine, zwei oder drei der Parameter. Es beginnt ein Un-Gleichgewichtszustand. Wieder setzt die Tätigkeit des Auktionators ein und moderiert hin zu einem neuen Gleichgewicht.
    Ist das ein intertemporales Modell, also der Vergleich zweier Gleichgewichtszustände miteinander?
    Danke und Gruss
    B. Behrendt

  7. bodo3000 sagt:

    1933 diese ueberlegungen ...
    ..
    https://www.hetwebsite.net/het/texts/keynes/keynes1933mtp.htm

    wo bleibt die (fachliche) replik!?

    mit altmodischen (wissenschaftlichen) interesse.

    gruss
    b. behrendt

  8. UweKulick sagt:

    Ist Geld theoriefähig?
    Geld erklären? Selbst Bundesbank-Vorstände vermögen das bisweilen nicht. Auch Herr Hellwigs Theorien oder die hier in Teil1 und 2 der FAZ-Reihe gebotene Zusammenfassung seiner Sicht ist nicht ganz stimmig. Beispiel: Münzgeld und Banknoten gehören nicht in einen Topf.

    Münzgeld ist staatliches Geld, Banknoten aber sind Zentralbankgeld, und die Zentralbank ist als unabhängiges Organ definiert, eine zwar irgendwie öffentlich-rechtliche Organisation, aber nicht Ausgabestelle staatlichen Geldes, sondern von Banknoten.

    Der Wert des Geldes wird ermittelt

    1. statistisch: Aus einem Warenkorb von Neuware, der jährlich berechnet wird vom statistischen Bundesamt, um die Inflationsrate zu ermitteln.
    2. juristisch: Von unüberwindlich illiquiden Schuldnern werden durch Gerichtsvollzieher der geschuldeten Betragshöhe entsprechende Vermögens- und Eigentumswerte gepfändet bzw. beschlagnahmt. Hierzu ist ein hoher Kenntnisstand über den Wert von Gebrauchtware erforderlich!

    Und wo kommen die Preise von Neuware- und Gebrauchtmarkt her? Für Neuware ist Preisfestlegung hierzulande anscheinend mittlerweile in alleräußerstem Maße Sache von Kartellen, derart gleichen sich die Produktpreise verschiedener voneinander unabhängiger, aber zusammen den Markt beherrschenden Ladenketten!!!! Diese Kartelle existieren einfach, sind aber naturgemäß intransparent, so dass die Preisentwicklung für Neuware ein Rätsel bleibt. An Produktionskosten mitsamt Einhaltung von Mindestlöhnen orientiert sie sich gnadenlos nicht. Nur wer genug Skandal macht, wie die Milchbauern, kann wenigstens hin und wieder sein Existenzrecht gegen die Preiskartelle durchsetzen.

    Der Neuware-Markt pfeift also völlig aufs Kartellrecht, und das Kartellamt schreitet nicht ein, weil es weiß, es würde mehr kaputt machen als heilen durch kartellrechtliche Prinzipienreiterei. Selbst der Wettbewerbskommissar der EU kann sich wahrscheinlich im größten EU-Land nur eine blutige Nase holen, wenn er eingreifen würde.

    Der Gebrauchtwarenmarkt ist dank Online-Auktionen heutzutage sehr viel stärker von Angebot und Nachfrage geprägt. Da gibt es tatsächlich Marktpreise, durchbrochen nur gelegentlich durch Flohmärkte und Sammlerbörsen, wo ein Überangebot bestimmter Waren für diese manchmal immer noch mehr Schnäppchen ermöglicht als ebay & Co., sowie durch spezielle dem wachsenden Prekariat entgegenkommenden Second-Hand-Verkaufseinrichtungen.

    Geld lässt sich also famos aus der Praxis erklären. Alle Theorie muss anscheinend scheitern, zumal wirtschaftswissenschaftliche Theorien der Natur dieser Wissenschaften wegen unendlich beliebig sein können und damit im Prinzip immer belanglos. Insofern hat Mario Draghi mit Recht die Grundhaltung Angela Merkels übernommen: “Wir schaffen das!”. Vielleicht muss die Lehre vom Geld als rein empirische Wissenschaft praktiziert werden.

    Wo aber kommt die Masse des umlaufenden Geldes her? Bekanntlich aus der Kreditschöpfung der Geschäftsbanken. Das viel kritisierte “Giralgeld”, das durch Kredittilgung wieder verschwindet, entsteht aber nicht aus dem “Nichts”. Der Buchbetrag, der einem Kreditkunden bei Kreditaufnahme gutgeschrieben wird, entsteht genau da, wo erwünschte Einkäufe von Infrastrukturen, Produktionsmitteln, Konsumgütern und Dienstleistungen ohne das Geld nicht nicht getätigt werden könnten. Damit kommt das Geld nicht aus dem Nichts, sondern aus der Befriedigung von Bedürfnissen des aktuellen Wirtschaftslebens an sich, das all diese Dinge produziert und nachfragt. Bei aller Kritik am Giralgeld hat es den Vorteil, dass es genau dann entsteht und dort hinfließt, wenn und wo es für die Wirtschaft auch gebraucht wird. Während irgendwo schlummernde langfristig angelegte Buchgeldvermögen noch nicht einmal in die Geldmenge M3 eingerechnet werden. Und in den Jahren nach den Finanzkrisen 2008 und 2010 ergab es sich, dass der Hauptkritikpunkt am Geldsystem, nämlich an dessen Verzinsung, faktisch zusammenbrach durch Nullzinsen, ja sogar Minuszinsen auf Guthaben. Im kontrafaktischen Zeitalter kümmert das die “Zinskritiker” aber nicht weiter :-)

    Ist das als Kredit geschöpfte Geld erstmal im Umlauf, so wird die Wohltat für das Wirtschaftsleben, als das es geboren wurde, gewürdigt als sein wie oben beschrieben durch Neuwarenmarkt und Gebrauchtwarenmarkt bestimmter materieller Wert, das reine Buch-Geld, das eben nicht aus dem Nichts kommt, bleibt also auch Tauschwert-Mittel bis zum Tage seines Verschwindens durch seine Verwendung als Bankkredittilgung. Wohl dem, der in einer Nullzins-Phase seine Kredite aufnehmen und den Zins langfristig vertraglich zugunsten der Tilgung festnageln kann. Steigt der Zins eines Tages wieder steil an, wird für alle befristeten Kredit-Verträge mit geringer Tilgung der Zins womöglich doch noch zum Problem nach der Umschuldung auf Hochzins. Die Zinsverteufelung kommt aus dem religiösen Glauben. Nur wenige nehmen wahr, dass auch der Schuldenerlass von der Religion geboten ist: Alle 50 Jahre ein „Jubeljahr“ des allgemeinen Schuldenerlasses. Im Reformationsjahr sollte man auch daran erinnern, dass Luther die Freiheit nicht erfunden hat. Die Befreiung zumindest von ewiger Zinsknechtschaft über viele Generationen war viel früher schon alttestamentarisches Gesetz. In modernen Zeiten müssten Initiativen wie „Occupy Debt“ als permanente Institution eingerichtet werden und für permanenten pö-a-pö-Schuldenerlass sorgen durch Deals mit billigen Schrottanleihen, deren Schuldtitel nach dem Kauf nicht eingetrieben werden, sondern in Luft aufgelöst. Geldgaben als Sozialleistung zum pö a pö Schuldenausderweltschaffen, sowas wäre viel preiswerter als etwa ein bedigungsloses Grundeinkommen.

  9. Heismann sagt:

    Demokratie garantiert den Wert des Geldes
    Noch kurz eine Überlegung zu der Frage: Welchen Wert hat das Geld?

    So gestellt, lässt sich die Frage meines Erachtens nicht beantworten. Geld an sich gibt es nur als Abstraktum. In der Realität geht es immer um bestimmte Währungen, deren Gültigkeit in der Regel nach Raum und Zeit beschränkt ist.

    Einige wenige Währungen haben auch außerhalb der Jurisdiktion der jeweiligen Zentralbanken große Bedeutung, die meisten jedoch nicht. Der US-Dollar ist nach wie vor die globale Leitwährung. Auch der Euro, das britische Pfund, der Schweizer Franken und der japanische Yen sind international als Handels-, Investitions- und Reservewährung akzeptiert.

    Hingegen spielt der Yuan/Renminbi an den internationalen Finanzmärkten bis dato praktisch keine Rolle, obschon die Regierung in Peking seit Jahren bemüht ist, die chinesische Währung international aufzuwerten. Allenfalls als Handelswährung konnte sich der Yuan in gewissem Maße durchsetzen. Als Reservewährung wird er praktisch von keiner Zentralbank gehalten.

    Warum ist dies so? Weshalb wird der Franken von den Investoren weltweit geschätzt, der Yuan hingegen nicht? Wo doch die Wirtschaftskraft Chinas zig Mal so groß ist wie die der Schweiz?

    Die Antwort ist (in Anlehnung an den norwegisch-amerikanischen Ökonomen Mancur Olson) in der Geschichte der beiden Länder und ihren gänzlich unterschiedlichen Systemen zu suchen. China ist nach wie vor eine Diktatur; das Sagen hat dort einzig und allein die KP. Die Schweiz ist hingegen eine der ältesten Demokratien der Welt. Rechtsstaatliche Prinzipien sind tief in der Kultur des Landes verankert.

    Geldgeschäfte sind sehr rechtsintensiv. Die Investoren möchten wissen, ob ihre Geschäftspartner die Kontrakte respektieren. In der Schweiz ist dies mit einer sehr viel größeren Wahrscheinlichkeit zu erwarten als in China, Libyen oder Nordkorea.

    London und New York sind unbestritten die Finanzzentren der Welt. In Europa hat Zürich eine überregionale Bedeutung. Dies ist – wie ich es sehe – exakt darauf zurückzuführen, dass die Schweiz, die USA und Großbritannien die drei Länder mit der längsten rechtsstaatlichen Tradition auf diesem Planeten sind.

    Mit einem Wert: Demokratie garantiert den Wert des Geldes, Diktatur vernichtet ihn.

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