Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Soll der Staat wirklich so viel Geld ausgeben?

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Schuldenmachen oder Sparen: Was hilft der Wirtschaft in der nächsten Krise wirklich? Die Frage ist wichtig für die Koalitionsverhandlungen.

© dpaJamaika-Verhandler.

Die Kassen des deutschen Fiskus laufen über – das kann teuer werden. In diesen Tagen beginnen die Sondierungsgespräche der künftigen Jamaika-Koalition. Politisch sind sich die vier Parteien nicht unbedingt nah, und deshalb liegt in den Verhandlungen eine Lösung nahe: Es bekommt einfach jeder seine Ausgabenwünsche erfüllt, solange Geld da ist oder noch etwas länger. Bei vier Parteien kann eine Menge zusammenkommen. 30 Milliarden Euro Mehrausgaben seien möglich, hat das Finanzministerium ausgerechnet. Die Wünsche aus den Wahlprogrammen aber lassen sich locker auf 100 Milliarden Euro summieren. Und dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass die Bundesregierung schnell jährlich -zig Milliarden Euro mehr für ihre Schulden bezahlen muss, falls die Zinsen wieder steigen.

Wenn sich die Verhandler überhaupt für wissenschaftlichen Rat interessieren, dann haben sie in den vergangenen Wochen vielleicht gehört, dass es aufs Geld nicht unbedingt ankäme. Jedenfalls zieht so mancher diesen Schluss aus einer Analyse der an der angesehenen amerikanischen Universität von Kalifornien in Berkeley forschenden Wissenschaftler Alan Auerbach und Yuriy Gorodnichenko ziehen, die im August auf der geldpolitischen Konferenz in Jackson Hole vorgestellt worden ist.

Die beiden haben die Finanzpolitik 25 reicher Länder in den vergangenen 20 Jahren analysiert, vor allem während der Finanzkrise. Das Ergebnis: Wenn ein Land in der Krise steckt, muss es Geld ausgeben, dadurch lässt sich die Krise entschärfen. Mehr noch: Auch in guten Zeiten komme es nicht so sehr auf Haushaltsdisziplin an. Denn auch wenn ein Land in guten Zeiten hohe Schulden angehäuft habe, könne es in der Krise neue Kredite aufnehmen. Gibt eine Regierung nämlich in der Krise Geld aus, dann verbessert sie damit die Wirtschaft so sehr, dass sie anschließend auch die bestehenden Schulden besser zurückzahlen kann. Und das wüssten auch die Investoren, deshalb gewährten sie ihnen weiteren Kredit.
Das schuldengeplagte Griechenland fehlt zwar im Datensatz der beiden Berkeley-Ökonomen komplett. Trotzdem folgern sie munter weiter: Die Krise wäre viel milder verlaufen, wenn die beteiligten Regierungen nur mehr Geld ausgegeben hätten.

Sind Schulden doch gefährlich?

Aber stimmt das wirklich? Ebenfalls aus Berkeley kommt jetzt eine neue, ähnliche Untersuchung, die zu einem ganz anderen Ergebnis gelangt. Das Ehepaar Christina und David Romer hat gleichfalls die Folgen von Finanzkrisen analysiert, allerdings mit etwas anderen Ländern und über einen längeren Zeitraum als ihre beiden Kollegen. Griechenland ist bei Romers eines von vielen Beispielen; ihre Analyse fängt schon 1967 an. So zählen sie auch die norwegische Wirtschaftskrise der frühen 1990er Jahre mit. Ihr Ergebnis: Der Spielraum vieler Industrienationen zur Reaktion auf neue Krisen ist gering geworden. Diese beiden Forscher machen sich inzwischen große Sorgen über den schwindenden Spielraum, den die entwickelten Wirtschaften noch zur Reaktion auf neue Krisen haben, dass durchaus Grund zur Sorge besteht.

Das Ganze beginnt mit der Geldpolitik, also mit Zinsen und anderen Maßnahmen der Notenbank. Die Folgerung der Romers aus den Daten der vergangenen Jahre ist klar: Notenbanken können Krisen dann gut bekämpfen, wenn sie im Krisenfall ihre Zinsen senken können. Sind die Zinsen aber schon so tief, dass die Notenbanken kaum noch Spielraum bis zur Null oder bis zu negativen Zinsen haben, dann senken sie ihre Zinsen im Krisenfall weniger. Zwar mögen sie Anleihen kaufen oder mit anderen neuen Maßnahmen versuchen, Geld in die Wirtschaft zu bringen. Aber wenn die Zinsen schon zu Beginn der Krise nahe null sind, dann können die Notenbanken kaum noch wirksam etwas gegen die Krise tun.

Christina und David Romer rechnen vor: Wenn die Geldpolitiker in einer Krise noch genug Spielraum zur Zinssenkung haben, dann stürzt die Wirtschaftsleistung in solchen Situationen nicht weit in die Tiefe, sondern schrumpft im Durchschnitt nur um rund drei Prozent und erholt sich danach auch relativ schnell wieder. Wenn die Zinsen aber schon vor der Krise nahe null waren, ist das ganz anders. Dann gibt es regelrechte Abstürze, im Durchschnitt um mehr als sieben Prozent.

Außerdem haben die Romers ausgerechnet: Auch hohe Schulden sind in Krisen desaströs. Wenn eine Regierung nicht mehr ins Defizit gehen kann, weil sie schon zu viele Kredite aufgenommen hat, dann geht die Wirtschaftsleistung in einer Krise um durchschnittlich acht Prozent zurück. Wenn die Regierung im Krisenfall dagegen noch Spielraum für neue Schulden hat, bleibt der Rückgang unterhalb von zwei Prozent, also ziemlich moderat, und ist auch schon nach rund vier Jahren wieder ausgemerzt – eine relativ kurze Frist für eine große Finanzkrise.

Zwei verschiedene Studien

Wer hat recht? Romer und Romer, die vor der Verschuldung warnen? Oder ihre beiden Kollegen, die Finanzminister und Haushaltspolitiker zum beherzten Geldausgeben ermutigen? Oder passen die beiden Studien, die so unterschiedlich zu sein scheinen, am Ende doch zusammen? Auerbach und Gorodnichenko haben herausgefunden: Wenn verschuldete Regierungen Schulden aufgenommen haben, sind sie damit meist gut durchgekommen. Christina und David Romer haben genauer hingesehen und ergänzen: Das liegt daran, dass diese verschuldeten Regierungen in der Krise von vornherein weniger neue Schulden gemacht haben. Vielleicht haben sie schlicht bemerkt, dass sie sich mehr nicht leisten konnten. Die Spekulation, dass zusätzliche Schulden die Krise verkürzt hätten, ließe sich dann nicht mehr aufrechterhalten.

Wo ist die Grenze? Wie viel Schulden kann sich ein Land leisten? Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren von mehr als 80 Prozent der Wirtschaftsleistung hin zu weniger als 70 Prozent entwickelt. Die amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff haben einmal festgestellt, dass sich irgendwo oberhalb einer Schuldenquote von 90 Prozent der Wirtschaftsleistung die Lage verschlechtert. Dabei unterlief ihnen zwar ein peinlicher Excel-Fehler, doch auch nach der Korrektur dieses Fehlers hatte ihr Ergebnis weitgehend Bestand. Romer und Romer testen für ihre Analyse eine weitere Grenze. Sie nehmen an: Bei einem Schuldenstand von 130 Prozent der Wirtschaftsleistung kann eine Regierung nicht mehr ordentlich auf eine Krise reagieren. Aber schon vorher verschlechtern sich ihre Voraussetzungen kontinuierlich. Das passt auf jeden Fall zu ihren Ergebnissen.

In einem aber sind sich alle vier Fachleute aus Berkeley übrigens einig: Sie warnen davor, in guten Zeiten hohe Schulden zu machen. Auch Auerbach und Gorodnichenko sagen: In guten Zeiten bringt es der Wirtschaft wenig, wenn die Regierung übermäßig viel Geld ausgibt.

Vielleicht trifft dieser Appell doch auf Gehör. Aus den Sondierungsgesprächen ist zu hören, die Schwarze Null habe doch einige Fans.

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Der Autor:



Patrick Bernau


21 Lesermeinungen

  1. vcaspari sagt:

    Fiskalpolitik in der BRD
    In den Jahren von 1992 bis 2009 war die Wirkungsrichtung der Fiskalpolitik in der BRD in 8 Jahren prozyklisch und in 10 Jahren antizyklisch. Für den Zeitraum von 1970 bis 1992 untersuchen wir das gerade.

    Ist die Wirkungsrichtung prozyklisch, hätte man die Staatsausgaben eigentlich zurückfahren können. Häufig handelt es sich hierbei um Probleme, die man auf die Trägheit fiskalischer Entscheidungs- und Ausführungsprozesse zurückführen kann; Stichwort “Zeitinkonsitenz”. Aber es gibt ja auch ganz andere als konjunkturelle Ursachen der Staatsausgabenausweitung. Meistens sind es sozialpolitisch motivierte Ausgaben, die aber dauerhaft und nicht temporär erhöht werden.
    Wenn man zur Abwendung einer Rezession mit dem Bau von Kindergärten reagiert, um via Bauindustrie Multiplikatoreffekte zu erzielen, dann bleiben die Kindergärten und die Beschäftigten auch über die Rezession hinaus bestehen und führen zu höheren Ausgaben, die man aber im Aufschwung oder im Boom gar nicht mehr benötigt.

    Gegenwärtig befindet sich die deutsche Volkswirtschaft in einem Konjunkturhoch und nahe an der Vollbeschäftigung. Eigentlich besteht kein Bedarf an antizyklischer Fiskalpolitik, denn es liegt kein Nachfragedefizit vor. Da in der BRD sowohl die Verkehrsinfrastruktur, als auch die Netzinfrastruktur etwas schwächelt, kann man wachstumspolitische Impulse setzen, die vor allem die Angebotsseite der Volkswirtschaft verbesseren. Da Infrastruktur eine langlebige Investition ist und mehrere Generationen ihren Nutzen daraus ziehen, wäre auch die Belastung zukünftiger Generationen effizient (zumal der Zins niedrig ist) und zudem gerecht.

  2. vcaspari sagt:

    Daten zur Staatschuldenqute der BRD
    Momentan (17:58) liegt das BIP in der BRD bei 3.204 Mrd Euro und wächst pro Sekunde um 2786,53 Euro. Die Staatsschulden liegen bei rund 2.200 Mrd. und sinken(!) um 186,74 Euro pro Sekunde. Die aktuelle Schuldenquote liegt bei rund 66% des BIP.

    Wenn ein privater Haushalt € 40.000 Bruttojahreseinkommen hat, dann dann läge seine Verschuldung bei € 26.400. Jeder, der sich ein Eigenheim zugelegt hat, ist oder war deutlich höher verschuldet. Unternehmen sind i.d.R. noch viel höher verschuldet.

  3. skatfreund sagt:

    Trennung Geldpolitik - Fiskalpolitik
    Es gibt wie ja auch im Blog beschrieben, wenngleich manchmal die Übergänge etwas sehr fließend sind, zwei “Fronten” an denen eine Krise bekämpft werden kann – Geldpolitik und Fiskalpolitik.

    1. Geldpolitik : An der Nullzinsgrenze wird der geldpoltische Zahn verdammt schnell Stumpf. Das Problem ist aber eher, dass der Zins in einer Volkswirtschaft langfrsitig immer auf Null fällt. Die Gründe hierfür liegen in einer allgemein zunehmenden Ersparnis bei zunehmendem Wolhlstand in Verbindung mit einer hieraus ebenfalls resultierenden abnehmenden Investitionsnachfrage. Verstärkt wird das ganze noch durch eine eventuelle Umverteilung von unten nach oben ( = mehr Ersparnis durch Verschiebung von Einkommen mit niedriger GNS zu Einkommen mit hoher GNS ) und durch ein hohes Inflationsziel ( wie zur Zeit üblich ), da Inflation bzw. ihre Beibehaltung wiederkehrende Zinssenkungen erfordert.
    Daher mein Vorschlag : Gerade “reiche”, entwickelte Volkswirtschaften sollten möglichst niedrige Inflationsziele anstreben und Maßnahmen ergreifen, dem unausweichlichen Rückgang des natürlichen Zinses entgegenzuwirken, um die Handlungsfähigkeit der Geldpolitik zu erhalten.

    2. Fiskalpolitik : Wenn man davon ausgeht, dass eine Wirtschaftskrise nur entweder A.) aus einem Nachfragemangel ( Übersparung ) oder B.) psychologischer Natur ( Pessimismus ) entstehen kann, ist klar, dass die Fiskalpolitik bei A.) sofort und zwingend wirkt, wenn an den richtigen Stellschrauben angesetzt wird, und bei B.) zumindest gute Chancen hat, helfend zu wirken.

    Das Problem des Fiskalpolitik liegt wohl in ihrer Behäbigkeit ( bis sich 4 Parteien durchringen in welchen Projekten die zusätzlichen Mittel aus dem langatmig beschlosssenen Nachtragshaushalt investiert werden sollen ) und der Unmöglichkeit, eine wirklich restriktive Haushaltspolitik gegen das gierige Wahlvolk ( siehe ein paar Antworten weiter unten ) durchzusetzen.

    Geldpolitische Impulse können hingegen sehr schnell und einfach umgesetzt werden, wirken aber lange nicht so direkt und haben auch mögliche ungewollte ebenwirkungen , z.B. auf Wechselkurse.

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