Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Trifft Inflation vor allem die Ärmeren?

| 28 Lesermeinungen

Die offiziellen Inflationsraten sind seit Jahren sehr niedrig. Aber stimmen sie auch?

Viele Menschen halten ihre persönliche „gefühlte“ Inflationsrate für weitaus höher als die offiziell ausgewiesene. So  wurde in der Wahrnehmung vieler Menschen der Euro zum „Teuro“, obgleich die offizielle Inflationsrate seit Einführung des Euros niedriger liegt als die Inflationsrate in der D-Mark-Ära. Manche Ökonomen springen auf diesen populären Zug auf und raunen über angeblich in Wirklichkeit viel höhere Inflationsraten bis 8 Prozent, ohne allerdings nachvollziehbare Berechnungen zu präsentieren. (Wenn es welche gäbe, würden sie diese sehr wahrscheinlich präsentieren…)

Man kann das Thema seriös anpacken. Eine bekannte These lautet beispielsweise, die Inflation treffe vor allem die Ärmeren stärker, als es die offizielle Inflationsrate zeige. Zwei Frankfurter Ökonomen, Alfons Weichenrieder und Eren Gürer, haben in einer neuen Arbeit diese These für europäische Länder getestet. Das Ergebnis: Sie stimmt für die meisten Länder – aber nur eingeschränkt für Deutschland. Überprüft haben sie die Entwicklung von Verbraucherpreisen für die Zeit von 2001 bis 2015 in 25 Ländern der Europäischen Union. Das sind ihre wichtigsten Ergebnisse:

  1. Die Entwicklung der Verbraucherpreise ist sehr ungleich. So sind im Zeitraum von 2001 bis 2015 die Verbraucherpreise in den 25 Ländern im Durchschnitt um 44,7 Prozent gestiegen. Bricht man diesen Anstieg über 15 Jahre auf einzelne Jahre herunter, ergibt sich eine jährliche Inflationsrate von 2,7 Prozent.
  2. Hinter dem durchschnittlichen Anstieg der Verbraucherpreise verbergen sich überdurchschnittliche Preisanstiege für Güter und Dienstleistungen, die im Konsum ärmerer Menschen eine große Rolle spielen. Hierzu zählen Tabak (188 Prozent), Wasser (138 Prozent), Postdienste (107 Prozent), Strom und Gas (106 Prozent) sowie Mietausgaben ( 70 Prozent).
  3. Hingegen lassen für Güter und Dienstleistungen, die für Reiche eine größere Rolle als für Arme spielen, unterdurchschnittliche Preisanstiege erkennen: Dies gilt beispielsweise für Reisen oder teure Haushaltsgegenstände.
  4. Nicht erstaunlich ist daher, dass im europäischen Durchschnitt eine für den typischen Warenkorb von armen Menschen errechnete Inflationsrate ueber der Inflationsrate liegt, die sich für einen Warenkorb errechnet, der die Konsumgewohnheiten reicher Menschen abbildet. Die Differenz macht für den europäischen Durchschnitt 0,7 Prozent aus – und das ist gar nicht so wenig.
  5. Der europäische Durchschnittswert sagt aber nichts über die Situation in den einzelnen Ländern aus. Sie zeigt zum Teil erhebliche Unterschiede.
  6. Es gibt zwei Länder, in denen die Inflationsrate für Arme und für Reiche identisch ist und daher keine Benachteiligung von Ärmeren konstatiert werden kann: Italien und Portugal.
  7. Es gibt mehrere Länder, in denen die Inflationsraten für Arme und Reiche sich nur geringfügig unterscheiden. Hierzu zählt Deutschland, aber auch Belgien, Spanien und Frankreich.
  8. Es gibt mehrere Länder, in denen die Inflationsraten für Arme und Reiche weit zuungunsten der Armen auseinandergehen: Hierzu zählen Großbritannien, Tschechien, Ungarn, Lettland, Slowenien und die Slowakei.

28 Lesermeinungen

  1. Äpfel und Birnen sind Früchte
    Trotzdem stimmt die Gleichung 5 Äpfel + 7 Birnen = 12 Bärpfel nicht. Aber das werden Wirtschaftwissenschaftler nie verstehen, weil sie kein wissenschaftliches Fundament haben, das die Dimensionsgleichheit ihrer Rechnungen garantiert. Deshalb jonlieren sie auch so gerne mit Prozenten und relativen Angaben herum. Da kann man solange rumdefinieren, bis sich dann noch Äpfel pro Person und Dollar multipliziert mit dem Bruttosozialprodukt herauskürzen. Und wenn nicht ? Dann eben nicht. Wen schert’s. Im übrigen können wir alle, Milliardär oder Hartz IV Empfänger nur sehr ähnliche Kalorienmengen verdauen, ohne zu verfetten. Alles andere ist ‚on top‘. Und 2.7 % Preissteigerung auf diese Kalorien, selbst wenn man sie statt Kartoffeln in Form von Hummer zu sich nimmt, sind für den Hartz 4 Bezieher deutlich schmerzhafter, als für den reichen Konsumenten. Die Wahrheit offenbart sich nie im Relativen, erst im Absoluten. Und auch nur dann, wenn man seinen Maßstab kennt und definieren kann. Wirtschaftwissenschaften…

    • BRAVO
      … korrekt: ’s mangelt an ’ner WERTtheorie. da ist und bleibt der „cantillon-effekt“ eben nur saeuerlicher schlagobers auf die dominante region der wirtschafswissenschaften. aber es generiert aufregung – oekonomie als event! dazu nicht spröde: „marxematik und menschenglueck“ (FAZ 06.06.2018 p 9). uebrigens: dezidierte bemühungen wie manchige nannte der „Alte“: „breimaeulig“. sorry.
      vergnügter gruss
      b.b.

  2. Persönlicher Inflationsrechner
    Auf der Seite des Statistischen Bundesamtes (destatis) gibt es einen persönlichen Inflationsrechner. Dort kann jeder selbst nachsehen, ob er sozusagen zu den Armen oder zu den Reichen gehört.

    Sehr empfehlenswert! Vor allem für diejenigen Foristen, die irgendwas von „bezahlten / gefälschten“ Statistiken raunen.

    Übrigens: Die steigenden Energie-, Miet-, Nebenkosten- und Wasserpreise, die wesentlich zur Benachteiligung der Armen führen, gehen zum Großteil auf staatliches Handeln zurück. Beschwerden also bitte an Ihren Bundestagsabgeordneten richten!

  3. Als wenn sich jemand Sorge um die Prekären machte
    Was geändert werden sollte ist nicht zu finden. Geht es denn lediglich um die Beschau des Zustands. Es ist vollständig belanglos wer Mehr belastet wird, durch Inflation. es geht darum das Prekäre leben können muss, vor allem die Kinder.
    Das Reiche, hier kommt es auf die Position an, nicht selten auf Firmenkosten abrechnen indem sie Firmenautos fahren und sonstige „Wohltaten“ über die Firma abrechnen scheint niemanden in den Sinn zu kommen.

  4. @ Keim
    Fällt Ihnen nichts Intelligenteres ein, als die Ärmeren zum ALDI zu jagen – wo diese aber eh schon hingehen, falls das Ihren Erfahrungshintergrund erreicht? Kaum einer kann sich noch den Luxus leisten, auf teuren Wochenmärkten direkt vom Bauern oder im Feinkostladen einzukaufen, oder auch nur bei Tante Emma (wo gibt es die denn eigentlich noch, bitteschön?!?). Statt rein in ökonomischen Kategorien zu denken, sollten Sie etwas mehr Phantasie entwickeln. Schön, dass diese Zahlen, die Herr Braunberger referiert, endlich einmal beweisen, dass es sich nicht um schiere Behauptungen handelt. Es ist doch klar ersichtlich, dass Kapital unter den aktuellen Gesetzen und Regelungen zur Besteuerung etwa eine „Gravitation“ entwickelt, die weiteres Kapital oder andere Werte sich weiter an wenigen Punkten der Gesellschaft akkumulieren lässt. Das sind rein mathematische Vorgänge. Wohin entwickeln sich denn z.B. die Einnahmen bei Dividenden von Aktionären, von denen die einen vielleicht 10 Aktien halten, die anderen aber 500.000? Bei stinknormalen Zinsanlagen ist es das Gleiche. Rechnen Sie das mal 10 oder sogar 20 Jahre hoch. Ohne ernstzunehmende Umverteilung von Reichtum werden Sie irgendwann Verhältnisse wie im Feudalismus haben. Ihr ALDI-Ratschlag – vielleicht sollte er doch Satire sein?

  5. Dank an die Wissenschaftler und an die FAZ
    Ich sähe das auch so, wenn die Untersuchung meine alte „Waschzetteltheorie“ nicht bestätigt hätte. Fakten sind bei allen Vorbehalten, die im Forum geäußert wurden, ein Wert an sich. Zur Kritik sei bemerkt, dass die Ergebnisse natürlich nur ceteris paribus gelten; man kann nichts analysieren, wenn alle Aspekte zugleich im Mixer landen. Jadoch: das Thema Mehrwertsteuerbelastung blieb draußen (wirkt sie unsozial, weil Reiche ihr den – höheren – Sparanteil entziehen?). Außerdem die höchst umstrittene Inflationsmessung: Was glauben Sie, wäre los, wenn der Reichen liebste Spielzeuge (nur mal die Immobilien) in die Rechnung eingingen? Wir müssten für letztere ein paar Tränen vergießen, und die Geldpolitik EZB erwiese sich als offensichtliche Inflations- und Preisblasenpumpe, die sie mit der aktuellen Definition nicht ist. Das mindert den Wert der Untersuchung, richtig gelesen, aber nicht im Geringsten. Partielles Wissen ist umfassender Ahnungslosigkeit vorzuziehen, oder;))

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