Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die Ökonomie der Katastrophen

| 15 Lesermeinungen

Ökonomen befassen sich schon lange mit den wirtschaftlichen Folgen von Katastrophen – Naturkatastrophen ebenso wie von Menschen erzeugte Katastrophen. Jetzt schlägt ihre Stunde.

Manche Ökonomen entdecken gerade John Maynard Keynes wieder – den Keynes, der im Jahre 1940 die Schrift „How to pay for the War“ schrieb. Darin befasste sich Keynes mit den wirtschaftlichen Folgen einer kriegsbedingten Angebotsverknappung von Konsumgütern, weil die Preise vieler Rohstoffe stark stiegen, Teile der britischen Wirtschaft auf Rüstungsproduktion umgestellt werden mussten und Arbeitskräfte in die Armee einrückten. Die Arbeit ist sehr interessant, trifft unsere heutige Situation aber nur unvollkommen.

Aber es gibt anderes: Vor rund 20 Jahren begann sich der bekannte amerikanische Ökonom Robert Barro, für die Ökonomie von Katastrophen zu interessieren.  (Eine Arbeit haben wir in FAZIT vor ein paar Jahren hier erwähnt.) Auf der Basis früherer Erkenntnisse hat Barro nun mit zwei Mitarbeitern eine Arbeit veröffentlicht, in denen  er der Frage nachgeht, ob sich aus den ökonomischen Folgen der „Spanischen Grippe“ (1918 bis 1920) Erkenntnisse für unser heutige Lage gewinnen können.

Auf Basis der Daten aus 43 Ländern lässt sich schätzen, dass die „Spanische Grippe“ damals rund 39 Millionen Menschenleben kostete. Das waren etwa 2 Prozent der Bevölkerung. Das Problem mit diesen Zahlen ebenso wie mit der Berechnung der wirtschaftlichen Folgen der „Spanischen Grippe“ ist die zeitliche Übereinstimmung mit der Schlussphase des Ersten Weltkriegs und der vor allem in Europa sehr schwierigen frühen Nachkriegszeit.

Barro und seine Co-Autoren unternehmen gleichwohl Versuche, die Effekte der „Spanischen Grippe aus den Daten zu isolieren. Der Vergleich mit dem Coronavirus ist auch schwierig, weil der „Spanischen Grippe“ viele jüngere Erwachsene ohne bekannte Vorerkrankungen zum Opfer fielen. Und man kann sicherlich nicht die Gesundheitssysteme von 1920 und 2020 gleichsetzen.

Interessant sind die Ergebnisse trotz dieser Einschränkungen dennoch: Demnach führte die „Spanische Grippe“ im Durchschnitt der betrachteten Länder zu einem Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts von 6 Prozent und des Konsums von 8 Prozent. Für die Finanzmärkte lässt sich zeigen, dass nicht nur die realen Renditen von Aktien zurückgingen, sondern auch die realen Renditen kurzfristiger Staatspapiere.

Eine andere aktuelle und schon viel diskutierte Arbeit stammt von den Ökonomen Martin Eichenbaum, Sergio Rebelo und Mathias Trabandt. Sie versuchen, die wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus für die Vereinigten Staaten zu beschreiben und zu schätzen. Sie betrachten ihre Arbeit als einen ersten und keineswegs schon alle Fragen beantwortenden Beitrag, der Erkenntnisse aus der Epidemieforschung und der Makroökonomik zu verbinden.

Ein in der Epidemieforschung gebräuchliches Modell kommt unter der Annahme, dass sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infizieren, für die Vereinigten Staaten auf eine Zahl von 215 Millionen infizierten Menschen in Amerika, von denen rund 2,2 Millionen sterben werden, wenn die Politik nichts tut. In diesem Falle arbeiten die Menschen weiter wie bisher und sie konsumieren wie bisher. Die Wirtschaft läuft nur mit leichten Einschränkungen weiter und es kommt nach den Simulationen der Autoren nur zu einer leichten Rezession und wegen der Todesfälle zu einem Rückgang der Bevölkerung und des realen BIP von 0,65 Prozent.

Aber diese Strategie des einfachen Weitermachens hat einen erheblichen negativen Begleiteffekt: Dieses Verhalten trägt dazu bei, das Virus mit seinen tödlichen Folgen zu verbreiten. Die Autoren befassen sich dann mit der Frage, was passiert, wenn die Politik das tut, was sie in vielen Ländern bereits tut: Zu versuchen, die Ausbreitung des Virus aufzuhalten, um Menschenleben zu retten. Gleichzeitig sorgen diese Maßnahmen aber für  einen größeren wirtschaftlichen Schaden – jedenfalls auf kurze Sicht.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die optimale Politik darin besteht, die Einschränkungen des Lebens und der Wirtschaft hoch zu fahren, wenn die Rate der Infektionen hoch ist, bei einem Rückgang der Rate der Infektionen die Einschränkungen aber wieder zu lockern. Diese Politik ist sowohl besser, als gar nichts zu tun; sie ist aber auch besser als permanente langfristige Einschränkungen des Lebens und der Wirtschaft. Bei einer nach diesem Modell optimalen Politik nimmt der gesamtwirtschaftliche Konsum um 9,3 Prozent ab („a large and persistent recession“), aber dies sorgt für eine geringere Zahl von Infizierten und einer geringeren Zahl von Toten. Nach der Simulation kommt es bei optimaler Politik zu rund 1,7 Millionen Toten im Vergleich zu 2,2 Millionen, wenn die Politik nichts tut. 1)

Auch diese Zahlen sind, wie immer bei solchen Berechnungen, mit etwas Vorsicht zu betrachten und das verwendete Modell kann sicherlich weiter entwickelt werden. In dem Modell gibt es keine Kosten von Konkursen, keine Zerstörung von Lieferketten und die Wirtschaft kommt nach der Rezession wieder in Schwung. Aber ein Anfang ist gemacht, und das ist ja auch schon etwas in diesen Zeiten.


 

1) „The peak to trough decline in aggregate consumption is more than four times as large as in the standard SIR model (9,3 versus 2 percent). This larger decline in economic activity reduces the infection peak (5,1 percent   versus 8,4 percent) as well as the percentage of the population that becomes infected (52,7 versus 65 percent). Critically, the total number of U.S. deaths caused by the epidemic falls from 2,2 to 1,74 million.“


15 Lesermeinungen

  1. "Dürftige empirische Basis"
    … in ähnliche richtung geht das analytische niveau.
    gruss
    b.b.

  2. „…holzt er dann, keine Länge scheuend,
    so wie Sie hier in Kürze, herum.“

    da ist doch wieder schwung in der diskussion. na ja, dass herr peukert „herumholzt“, das bild ist gewiss unglücklich gewählt, immerhin vermerkt er einige sonderliche besonderheiten der ökonomie des us-amerikanischen lehrbuchmarktes, welche dortige studenten finanziell maltraitieren. auch hinweise auf die einfalt der vielfalt hiesiger lehrbücher mikroökonomischer theorie, welche dabei katalysatorenhaft von verlagsseitig zur verfügung gestellten, teilweise miserablen übersetzten powerpointfolien unterstützt werden, sind wirklich nicht holzig, sondern simpel zu evaluieren. man mag diese hinweise nicht mögen, aber die fakten sind halt so. und: bislang ist auf das interview mit Claus Peter Ortlieb, Ökonomie ist eigentlich keine Wissenschaft (FAS 09.05.2010) keine sachdienliche auseinandersetzung erfolgt. inquisitorisch kommt man diesem thema nicht bei.
    gruss
    b.b.

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