Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die Reichen und das Virus

| 18 Lesermeinungen

Politiker fordern eine Vermögensabgabe. Die Geschichte zeigt: Nach der Pandemie könnten sie damit Erfolg haben.

Foto: dpa

Kri­sen sind oft eine Zeit, in der viele Leute For­de­run­gen wie­der­ho­len, die sie so­wie­so schon immer ge­stellt haben – nur eben mit einer neuen Be­grün­dung. So wirk­te es in der ver­gan­ge­nen Woche auch ge­le­gent­lich. Die De­bat­te über ge­mein­sa­me An­lei­hen der Eu­ro­staa­ten kam zu­rück, und Sas­kia Esken, die SPD–Vor­sit­zen­de, for­der­te eine Ver­mö­gens­ab­ga­be. Sie war nicht die Ein­zi­ge: Auch die fran­zö­si­schen Öko­no­men Em­ma­nu­el Saez und Ga­bri­el Zu­c­man, beide in Ber­ke­ley leh­rend, haben ge­mein­sam mit einem Kol­le­gen schnell ein Mo­dell über­schla­gen: Man könne doch zehn Jahre lang von Millio­nä­ren ein Pro­zent des Ver­mö­gens über zwei Mil­lio­nen Euro ein­ziehen, von jedem Mil­li­ar­där drei Pro­zent des Ver­mö­gens ober­halb der ers­ten Mil­li­ar­de. Auch von ihnen ist das keine neue For­de­rung. Kann man die Ver­mö­gens­ab­ga­be darum ge­trost als Echo alter Dis­kus­sio­nen igno­rie­ren? Nein. Denn ab­hän­gig davon, wie die Co­ro­na-Pan­de­mie aus­geht, rückt die Ab­ga­be tat­säch­lich in den Be­reich des Mög­li­chen.

So viel zeigt die Ge­schich­te: Für große Steu­er­erhö­hun­gen gibt es wenig Ge­le­gen­hei­ten. Selbst wenn die Wäh­ler sich in Um­fra­gen immer wie­der hö­he­re Steu­ern wün­schen, set­zen sie ihren Wunsch sel­ten durch. Oft fehlt das letz­te Ar­gu­ment, das hohe Steu­ern für Rei­che rich­tig fair er­schei­nen lässt. Schlie­ß­lich haben die Mil­li­ar­dä­re ihr Ver­mö­gen in der Regel recht­mä­ßig er­wor­ben. Viele haben es sich – wenn auch mit tat­kräf­ti­ger Un­ter­stüt­zung der Ge­sell­schaft – selbst er­ar­bei­tet; der um­strit­tens­te Weg, wie die Mil­li­ar­dä­re an ihr Geld ge­kom­men sind, ist oft: Sie haben es von ihren El­tern oder Gro­ß­el­tern ge­erbt. Gegen all das lässt sich im Fair­ness­emp­fin­den der Men­schen schwer ar­gu­men­tie­ren. 

Nach Kriegen gibt es oft Vermögensabgaben

Doch nach gro­ßen Ka­ta­stro­phen ist das an­ders. Die Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Ken­neth Sche­ve und David Sta­sa­va­ge haben das vor ei­ni­gen Jah­ren sys­te­ma­tisch un­ter­sucht. Ihr Er­geb­nis: Ob die Be­völ­ke­rung sich in Um­fra­gen für hö­he­re Steu­ern aus­sprach, war egal – es ge­schah wenig. An­ders war es nach Krie­gen, vor allem nach bei­den Welt­krie­gen des 20. Jahr­hun­derts. Da­mals hatte die Mehr­heit der Be­völ­ke­rung große Opfer hin­neh­men müs­sen, sei es als Sol­da­ten, weil sie ver­trie­ben wur­den oder weil ihr Be­sitz in den Kämp­fen zer­stört wurde. Wer nach dem Krieg noch Ver­mö­gen hatte, galt im bes­ten Fall als Glücks­pilz, oft aber auch als Kriegs­ge­win­ner – keine gute Po­si­ti­on, um für die Recht­mä­ßig­keit des ei­ge­nen Ver­mö­gens zu ar­gu­men­tie­ren. Oft wur­den nach dem Krieg hohe Ver­mö­gen mit Ab­ga­ben be­legt. Selbst Ein­kom­men wur­den in vie­len Län­dern in den 50er Jah­ren hoch be­steu­ert, mit der Zeit aber ver­blass­te die Er­in­ne­rung an den Krieg, und die Spit­zen­steu­er­sät­ze san­ken – so er­zäh­len Sche­ve und Sta­sa­va­ge die Ge­schich­te.

Die Ge­schich­te der Ver­mö­gens­ab­ga­ben in Deutsch­land passt dazu her­vor­ra­gend. An­ders als die Ver­mö­gen­steu­er wird die Ver­mö­gens­ab­ga­be nur ein­mal er­ho­ben, an einem Stich­tag wird er­mit­telt, was zu be­zah­len ist – auch wenn sich die Zah­lun­gen über Jahre er­stre­cken kön­nen. Exakt so funk­tio­nier­ten um den Ers­ten Welt­krieg herum zwei Ab­ga­ben na­mens Wehr­bei­trag und Kriegs­ab­ga­be. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg kam der west­deut­sche Las­ten­aus­gleich: Die Ver­mö­gen wur­den am 21. Juni 1948 be­wer­tet, ei­ni­ge Frei­be­trä­ge wur­den ab­ge­zo­gen, auf den Rest fie­len oft 50 Pro­zent Steu­ern an. Zu zah­len war das Geld al­ler­dings nicht so­fort, son­dern in vier­tel­jähr­li­chen Raten über bis zu 30 Jahre. Das Geld floss an Men­schen, die durch den Krieg Ver­mö­gen ver­lo­ren hat­ten.

Seuchen und Pandemien verringern die Ungleichheit

Krie­ge sind al­ler­dings nicht die ein­zi­gen Ka­ta­stro­phen, die große Um­wäl­zun­gen der Un­gleich­heit aus­lö­sen. Das zeigt der ös­ter­rei­chi­sche His­to­ri­ker Wal­ter Schei­del, der eine große Ge­schich­te der Un­gleich­heit er­ar­bei­tet hat. Er stellt fest: Ähn­li­che Aus­wir­kun­gen wie Krie­ge haben Re­vo­lu­tio­nen, Staats­zu­sam­men­brü­che – und Seu­chen.

Große Krank­heits­aus­brü­che sind we­ni­ger gut un­ter­sucht als Krie­ge, zum Glück gab es davon in den ver­gan­ge­nen 150 Jah­ren nicht so viele. Ei­ni­ge grund­sätz­li­che Ar­gu­men­ta­ti­ons­mus­ter las­sen sich aber di­rekt über­tra­gen: Wer ge­winnt und wer gro­ßen Scha­den da­von­trägt, das ist oft zu­fäl­lig. Vor der Co­ro­na-Krise hätte nie­mand damit ge­rech­net, dass Rei­se­ver­an­stal­ter und Fahr­rad­händ­ler bald zu den gro­ßen Ver­lie­rern ge­hö­ren, Tank­stel­len­be­trei­ber aber nicht so hart ge­trof­fen wer­den. In der Co­ro­na-Krise be­ginnt jetzt schon der Deu­tungs­streit dar­über, wel­che Be­rufs­grup­pen ihre Löhne ver­dient oder noch hö­he­re ver­dient haben, wel­che also sys­tem­re­le­vant sind, und wel­che nur als Kri­sen­ge­win­ner durch­ge­hen dür­fen; sie sind durch­aus in Ge­fahr, nach Ab­flau­en der Krise auf die eine oder an­de­re Weise die Rech­nung zu be­zah­len.

Kommt es auch nach der Corona-Pandemie so?

Ob es tat­säch­lich so kommt, ist na­tür­lich noch längst nicht si­cher. Vie­les wird davon ab­hän­gen, wie groß und ein­präg­sam die Co­ro­na-Krise noch wird: Wie schnell lässt sich die Aus­brei­tung des Virus ein­däm­men? Kön­nen die Läden bald wie­der öff­nen, wie schnell ar­bei­ten die Fa­bri­ken wie­der im Nor­mal­be­trieb, kau­fen die Men­schen bald wie­der ein? Kann der Staat mit all sei­nen Fi­nanz­hil­fen die Fol­gen für die wirt­schaft­li­chen Kri­sen­ver­lie­rer halb­wegs in Gren­zen hal­ten? 

All das ist ent­schei­dend für zwei Fra­gen: Ers­tens dafür, wie groß die wirt­schaft­li­chen Um­wäl­zun­gen der Krise wer­den. Und zwei­tens dafür, wie hoch die Staats­schul­den an­schlie­ßend sind.

Die Fi­nanz­kri­se zeigt im­mer­hin: Man­che Kri­sen wer­den auch ohne Ver­mö­gens­ab­ga­be be­wäl­tigt. Nach der Fi­nanz­kri­se wurde statt­des­sen eine Ban­ken­ab­ga­be ein­ge­führt, um die Ver­ant­wort­li­chen zur Kasse zu bit­ten. Die oft ge­wünsch­te Fi­nanz­trans­ak­ti­ons­steu­er da­ge­gen stockt; nicht zu­letzt weil sich her­aus­ge­stellt hat, dass sie in vie­len Va­ri­an­ten die An­le­ger här­ter trifft als die Ban­ken.

Die Fi­nanz­kri­se zeigt auch, dass es durch­aus Spiel­raum für eine her­kömm­li­che Schul­den­rück­füh­rung gibt: In den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren hat es Deutsch­land ge­schafft, einen Schul­den­stand von mehr als 80 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung unter 60 Pro­zent zu drü­cken – und das ohne grö­ße­re An­stren­gun­gen. Im Staats­haus­halt war immer noch Platz für so­zia­le Wohl­ta­ten wie die Rente mit 63; die Ge­sund­heits­aus­ga­ben stie­gen von 3600 Euro auf 4500 Euro je Bun­des­bür­ger, 20 Mil­li­ar­den Euro für In­ves­ti­tio­nen wur­den nicht ab­ge­ru­fen. Der Schul­den­ab­bau war im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt ein­fach, weil die Zin­sen nied­rig waren, die Wirt­schaft wuchs und Deutsch­lands de­mo­gra­phi­sche Pro­ble­me immer noch nicht voll aus­ge­bro­chen sind. Trotz­dem tau­gen die ver­gan­ge­nen zehn Jahre viel­leicht als Vor­bild: Wenn die Pan­de­mie nicht teu­rer wird, geht es viel­leicht auch ohne Ver­mö­gens­ab­ga­be.

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18 Lesermeinungen

  1. AnatolChristoph sagt:

    Titel eingeben
    Abgesehen von allen, sicherlich sinnvollen, ökonomisch fokussierten Abwägungen zur Besteuerung von Reichtum, lohnt vielleicht einmal der Blick auf sozialpsychologische Aspekte. Nützt Reichtum, schadet Reichtum, worin liegt der Sinn einer Anhäufung privaten Vermögens in Umfängen, die kein Mensch benötigt, um all seine Bedürfnisse zu befriedigen, es sei denn, diese Bedürnisse reichen in irrationale Sphären hinein. Reichtum bis in objektiv vertretbare Höhen nützt, um als Leistungsanreiz zu dienen, zur Motivation, seine individuellen Fähigkeiten möglichst sozialverträglich einzusetzen. Reichtum jenseits einer bestimmten Grenze schadet, weil es für die Menschen drumherum als ungerecht empfunden wird, wenn Wenige Ressourcen für sich in Anspruch nehmen, die sie erstens gar nicht mehr sinnvoll nutzen können und zweitens dem Markt und damit der Gesellschaft vorenthalten. Das ist der in jeder Neujahrsansprache thematisierte Verlust an gesellschaftlicher Solidarität. Und die Zahlen sprechen ja offensichtlich für sich. Mit der sich immer weiter öffnenden Schere in der Vermögensverteilung verstärkt sich der Zweifel der Menschen an dieser angeblich so wichtigen und vielbeschworenen Solidarität. Warum nur sollte ein Arbeiter ein Loblied auf bestehende Verhältnisse singen, wenn sein Konzernvorstand das hundertfache seines Arbeitslohns auf privaten Konten bunkert? Und sagen wir bitte nicht der Krankenschwester, ja der Herr Vorstandsvorsitzende von Daimler, VW oder der Deutschen Bank leistet ja auch hundertmal mehr als sie. Es muss irgendwo so etwas wie eine ökonomische Vernuft geben, die zwar Leistung belohnt, aber Maßlosigkeit Einhalt gebietet. Diesen moralischen Standard haben wir offensichtlich weder in Deutschland und schon gar nicht in den übrigen großen Industrienationen erreicht. Vielleicht hilft Corona, einmal weg von finanztechnischen Erwägungen, den Blick wieder auf die Fragen nach Sinn und Unsinn von zügelloser Reichtumsvermehrung, nach sozialer Gerechtigkeit und nach den Grundlagen eines fäiren, aufgeklärten und menschlichen Umgangs in unserer Gesellschaft nachzugehen.

  2. dieRommels sagt:

    Politik: Solidarität predigen aber Wein saufen
    Ich finde wir sollten diese politisch getriebenen Grabenkämpfe, angesichts der gewaltigen Summe von 1,x Billionen die wir ja irgendwie wieder zurückzahlen müssen, beiseitelegen. Ja für die meisten Arbeitnehmer und kleine/mittlere Betriebe sind die Zeiten besonders schwer. Dennoch finde ich es nicht in Ordnung, wenn ein Manager freiwillig auf einen Teil seiner Bezüge verzichtet ihn anstelle zu loben, zu fragen war dies alles. Ich finde auch unsere Fußballprofis egal wie viel sie bekommen, haben auch ein Lob für ihren Verzicht verdient.
    Deswegen hätte ich mir auch von den Politikern eine deutlichere Solidarität erwartet, denn von ihrem Griff in die Staatskasse geht eine viel größere Signalwirkung aus.
    Und unser Beitrag sollte sein helfen Steuerschlupflöcher zu schließen und Schwarzarbeit zu bekämpfen, denn wir müssen die Last ja irgendwie solidarisch verteilen.

  3. KapitaenBlaubaer sagt:

    Um Gottes Willen ...
    Bloß nicht die Reichen, unser nationales Rückgrat! Unsere Besten, unserer Unverzichtbaren, die wahre Verkörperung der Systemrelevanz auf zwei Beinen. Ihr Geld steckt in Aktien, Gold, Immobilien, Kunstwerken, Oldtimern, Yachten. All diese Märkte würden kollabieren, wenn man Ihnen 1% (!!) ihres Vermögens (Nicht des Einkommens) abnehmen würde. Wo kämen wir denn da hin!? Schaffen wir lieber neues Giralgeld, das genau in diese Märkte fließen kann und die Sause am Laufen hält. Verschweigen wir weiter seriöse Konzepte, die den Mittelstand schonen und dennoch helfen würden, die Schuldenlast zu reduzieren. Tun wir alles dafür, dass die Zinsen niedrig bleiben und Menschen in Aktien getrieben werden. Wir haben das Perpetuum Mobile und das Schneeballsystem in ein Konzept gepackt. Hosianna (passt doch wunderbar in die Zeit). Oh ihr fantastischen Weitsichtigen. Auch ein Daniel Stelter irrt, wenn er in seinem Buch “Schulden” Piketty zwar widerlegen will, aber vor 6 Jahren genau zu dem irrigen Schluss kommt: Leute, versteckt euer Geld, es wird unweigerlich dazu kommen, die höchsten Vermögen zu reduzieren. – Nein, das ist Enteignung, das Ende des Abendlands – schlimmer als die Türken vor Wien. “Gebt den Reichen, was den Reichen ist, und Gott, was Gottes ist.” Schon unser Religionsstifter wusste es, auch wenn er es etwas anders formuliert hat. Verschont uns arme Millionäre, nehmt die Last von unseren breiten Schultern. Wir leiden schon genug – unter unserer heiligen Ignoranz und Arroganz! Amen! Blog zu, Flasche leer – oder wie war das?

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