Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Geldpolitik neu denken?

| 23 Lesermeinungen

Hat die expansive Geldpolitik eine Zukunft? Wie kann sie sich wieder mehr Handlungsspielraum verschaffen? Claudio Borio hält viele alte Weisheiten für prüfenswert. Und in Australien wird diskutiert, ob der dortige Zentralbankrat überhaupt etwas von Geldpolitik versteht.

Die jährlich in Frankfurt ausgerichtete Konferenz “The  ECB and its Watchers” ist traditionell sehr international ausgerichtet und mit Befürwortern wie Kritikern der aktuellen Geldpolitik besetzt. Dies sorgt für unterschiedliche Standpunkte und manchmal auch für lebhafte Diskussionen. Von den zahlreichen interessanten Beiträgen in diesem Jahr soll an dieser Stelle der Vortrag Claudio Borios kurz behandelt werden. Borio ist Leiter der Abteilung für Geld und Wirtschaft in der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), der Bank der Zentralbanken. Er ist seit viele Jahren als ein Kritiker der Geldpolitik der großen Zentralbanken bekannt – ohne allerdings in das Untergangs-Gedröhne von Katastrophenökonomen zu verfallen.

Folgende Punkte sind wichtig:

  • Auf absehbare Zeit sieht Borio die Geldpolitik notwendigerweise weiterhin in einem expansiven Krisenmodus. Das kritisiert er nicht. Er fürchtet aber, dass bisher als außergewöhnlich wahrgenommene geldpolitische Instrumente wie Anleihenkäufe und Negativzinsen nach der Krise zu Instrumenten für eine gewöhnliche Geldpolitik werden. Das fände er nicht gut.
  • Borio bestreitet nicht positive Wirkungen etwa von Anleihekäufen in Krisen. Dieses Instrument habe sogar besser gewirkt als befürchtet. Allerdings ließen die positiven Wirkungen solcher Instrumente im Zeitablauf nach und die negativen Nebenwirkungen sollten nicht unter den Tisch gekehrt werden.
  • Er ist sehr kritisch gegenüber dem nachhaltigen Einsatz von Ankündigungen in der Geldpolitik, um die Inflationsrate zu beeinflussen. Das lässt sich als Kritik an aktuellen Diskussionen in Zentralbanken betrachten, durch die Ankündigung (“Forward Guidance”) höherer Inflationsziele die Menschen zu mehr Ausgaben zu veranlassen, um damit die höhere Inflation zu erreichen. Untersuchungen zeigten, dass viele Menschen ihre Inflationserwartungen nicht an Inflationszielen von Zentralbanken ausrichteten, sondern an Inflationsraten aus der jüngeren Vergangenheit. Die Menschen hätten längst erkannt, dass Zentralbanken die Inflationsrate nicht punktgenau steuern könnten.
  • Auch die Zentralbanken sollten akzeptieren, dass sie zumindest ein Stück weit die Kontrolle über die Inflation verloren hätten. So sei ein enger Zusammenhang zwischen dem Wirtschaftswachstum und der Inflationsrate (“Phillips-Kurve”) nicht mehr nachweisbar.
  • Damit wird aber auch die Strategie von Zentralbanken fragwürdig, im Falle sehr niedriger Inflationsraten durch immer weitere geldpolitische Lockerungen mehr Wirtschaftswachstum und Inflation erzeugen wollen. Borio kritisiert damit das Mantra: “Der Weg zu höheren Zinsen geht zunächst über Zinssenkungen.”
  • Schon lange kritisiert Borio die Neigung von Zentralbanken, niedrige Leitzinsen mit einem säkularen Rückgang des sogenannten natürlichen Zinses zu erklären, auf den die Geldpolitik reagieren müsse. Borio bestreitet dabei nicht einen säkularen Rückgang des natürlichen Zinses, aber nach seiner Ansicht haben die Zentralbanken selbst zu diesem Rückgang beigetragen.

    Daraus folgt: Borio ruft dazu auf, die Grenzen geldpolitischer Handlungsfähigkeit zu akzeptieren und Geldpolitik langfristiger auszurichten, anstatt kurzfristig auf jede Zielverfehlung zu reagieren. Und er erinnert daran, dass es auch andere Politikbereiche gibt, die für das wirtschaftliche Wohlergehen Verantwortung tragen. Dazu zählt er auch die Notwendigkeit, Strukturreformen durchzuführen.
Ob die derweil in Australien ausgebrochene Kritik an der dortigen Geldpolitik positive Folgen haben wird, ist noch nicht abzusehen. Dort hat ein ehemaliger Mitarbeiter der Ökonomischen Abteilung in einer bekannt gewordenen E-Mail heftige Kritik am Zentralbankrat der Reserve Bank of Australia geübt und ihm unterstellt, dort verstehe man nicht nur nichts von Geldpolitik, man interessiere sich für die Arbeiten der Ökonomen auch gar nicht. Auch aus der Politik wurde kürzlich die Zentralbank heftig kritisiert.
 
Der Vorwurf der Inkompetenz ist schon etwas erstaunlich, weil der Gouverneur der Zentralbank, Phillip Howe, international hohes Ansehen genießt und der besonders hart attackierte Vize-Gouverneur Guy Debelle ebenso wie Howe seine Doktorarbeit am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und damit an einer der führenden Wirtschaftsfakultäten der Welt geschrieben hat. Der Reserve Bank wird vorgeworfen, dass sie angesichts der Folgen der Corona-Krise nicht energisch genug ihre Geldpolitik lockert und bisher ebenso auf Anleihekaufprogramme wie auf Negativzinsen verzichtet.
 

23 Lesermeinungen

  1. rum sagt:

    "EZB-Chefin Lagarde stellt zentrales Prinzip in Frage"
    Geldpolitik neu gedacht, siehe:

    https://www.faz.net/aktuell/finanzen/ezb-chefin-lagarde-stellt-zentrales-prinzip-in-frage-17003513.html

    Geldpolitik wird einfach zu Politik.

    So eine geniale Idee konnte nur von Politikern kommen.

  2. ChWeise sagt:

    Renditeabstände
    @ Gerald Braunberger
    Danke für den Hinweis auf die Renditeabstände. Deren Entwicklung nach Krisen halte ich für eine logische Konsequenz der Erwartung der Marktteilnehmer, dass die EZB nach Krisen weiterhin den Markt mit Liquidität fluten wird. Das Ausmaß der Flut lässt sich an der Entwicklung der Zentralbankbilanzen ablesen. Durch das Fluten der Märkte wird ein Angebotsüberhang bewirkt. Der führt zu fallenden Preisen (Zins). Zwischen der Zinsentwicklung und den Aktionen der Zentralbanken besteht ein kausaler Zusammenhang. Der niedrige Zins (vulgo Nullzins) zeigt an, dass die Marktteilnehmer keinen Ausfall der Gläubiger erwarten. Soweit so gut. Probleme bereiten aber (i) die sozialen Auswirkungen (Disparitäten bei der Einkommensentwicklung) (ii) die Fehlsteuerung der Investitionen, weil sich das falsche Preissignal im gesamten System ausbreitet. Die daraus resultierenden Ineffizienzen erhöhen wiederum den Kreditbedarf. So ist ein sich verstärkender Kreislauf entstanden. Es scheint mir eindeutig, dass die Staatsausgaben im gesamten EU-Raum über einen längeren Zeitraum durch die Zinsentwicklung nach oben getrieben wurden, weil sich ergebende Spielräume regelmäßig ausgenutzt und auf eine Schuldenreduzierung verzichtet wurde.

  3. ChWeise sagt:

    Haben sich die Realeinkommen halbiert?
    @Gerald Braunberger
    Ich meine eine Halbierung kann für Bezieher höherer Einkommen argumentiert werden. Niedrigverdiener hingegen profitieren überproportional von den subventionierten Lebensmittelpreisen. Mit einem (guten) Einkommen ein Haus und eine auskömmliche Altersversorgung bezahlen, ist für die heutigen Generationen in der Regel nicht mehr drin. Bei der Generation “Praktikum” reicht es nur noch für das iphone und selbst das müssen die Eltern bezahlen.

    • Gerald Braunberger sagt:

      Das wäre wohl die erste Inflation in der gesamten Weltgeschichte, bei der Reiche schlechter wegkommen als Arme. Ueblicherweise und aus gutem Grund ist das genaue Gegenteil der Fall. Und subventionierte Lebensmittelpreise als Retter der Armen? Sorry, aber da stimmt nichts mehr.
      Gruß gb

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