Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Wie Vox sich selbst in die Suppe spuckt

| 15 Lesermeinungen

Mal angenommen, die Relevanz von Fernsehsendern ließe sich nicht bloß in Quoten messen, sondern in Verschwörungstheorien, dann müsste Vox in der vergangenen Woche in die erste TV-Liga aufgestiegen sein. Der Sender hat nämlich Ärger mit seiner Show "Mein Restaurant".

Mal angenommen, die Relevanz von Fernsehsendern ließe sich nicht bloß in Quoten messen, sondern in Verschwörungstheorien, dann müsste Vox in der vergangenen Woche in die erste TV-Liga aufgestiegen sein.

Der Sender hat nämlich Ärger mit seiner Show „Mein Restaurant“ (FAZ.NET-Fernsehkritik zum Start am 11. Oktober). In der kämpfen fünf Teams aus Hamburg, München, Leipzig, Köln und Berlin darum, ein eigenes Restaurant eröffnen und behalten zu dürfen. Eröffnet ist seit einem Monat, jetzt geht’s ums Behalten. Die Zuschauer bestimmen alle zwei Wochen, welches Lokal wieder dicht machen muss, am Ende bleibt nur eines übrig. Vor zwei Wochen mussten bereits die Betreiber des Leipziger „Tessa Nova“ die Schlüssel abgeben, in der vergangenen Woche hat es das Berliner „Bloom“ getroffen (Video bei vox.de ansehen).

Blöd nur, dass vor Bekanntgabe der Entscheidung in einem Online-Immobilienportal eine Anzeige auftauchte, mit der das „Bloom“ schon zur Pacht angeboten wurde, und das auch noch mit den verschwörerisch klingenden Sätzen:

Ausriss Immobilienanzeige 'Bloom'

Im Netz fragten sich die Nutzer daraufhin: Wird bei „Mein Restaurant“ etwa geschummelt? Nee, sagt Vox-Chefredakteur Kai Sturm. Die Produktionsfirma Granada, die „Mein Restaurant“ für den Sender herstellt, habe die Immobilien von deren Besitzern für die Dauer der Show gepachtet. Die vier Restaurants, die wieder schließen müssen, kommen nachher auf den freien Markt. Sturm sagt:

„Der Besitzer der Berliner Immobilie hat die Anzeige ohne Absprache mit uns eingestellt.“

Inzwischen ist die Anzeige wieder verschwunden. Die Skepsis der Zuschauer nicht. Denn es gibt da noch ein zweites Missgeschick, und das ist ein bisschen komplizierter: In den vergangenen beiden Wochen besuchte Gastro-Kritiker Jürgen Schiller als geheimer Testesser jedes Restaurant und entschied, welche beiden Lokale am wenigsten überzeugten und für das Zuschauer-Voting nominiert werden. Komisch war, dass es in Berlin offenbar zwei Versionen davon gab. Die erste war in der Vorschau auf die Sendung am 18. November zu sehen. Und in der nimmt Schiller (hinten links) mit einem Herren und einer Dame am Tisch Platz:

Vorschau auf das Testessen im 'Bloom'
Screenshot: Vox

Als der Test, von dem weder die Kandidaten noch deren Mitarbeiter wissen durften, dann aber in der folgenden Sendung gezeigt wurde, saß Schiller (rechts) plötzlich einem ganz anderen Herrn im braunen Sakko gegenüber:

Zweites Testessen im 'Bloom'
Screenshot: Vox

Und als die Berliner Kandidaten Lena und Martin nach dem Besuch auf dem Tisch Schillers Karte „Sie wurden soeben getestet“ entdeckten, sagte Lena verärgert:

„Das war der einzige Tisch, bei dem ich gar nicht war.“

Die Berliner Kandidaten entdecken den Test
Screenshot: Vox

Obwohl sie Schiller doch kurz davor bedient hatte und ihm dabei direkt in die Augen sah. Chefredakteur Sturm erklärt das so:

„Wir haben mit unserem Tester Jürgen Schiller in Berlin zweimal gedreht, weil wir beim ersten Mal einen kompletten Tonausfall hatten. In einem Brillenetui, das auf dem Tisch lag, war ein Mikrofon versteckt, aber die Technik hat total versagt.“

Vox beteuert zugleich, dass – wie bei den anderen drei Restaurants – ausschließlich der erste Test relevant für die Bewertung war, die über die Nominierung entschied, dass es also keine Ungleichbehandlung gegeben habe. Und das, obwohl Schiller in seiner Videoanalyse am Schluss der Nominierungssendung kritisierte, er habe im „Bloom“ 30 Minuten auf Brot warten müssen und die Fischsuppe habe nicht geschmeckt – das waren allerdings die Fehler aus dem zweiten Test, der tatsächlich im Fernsehen lief.

Die Erklärung dafür ist so einfach wie erstaunlich: Die Berliner Kandidaten sind informiert worden, dass die Aufnahmen wiederholt werden müssen, und sollten ihre Fehler aus dem ersten – geheimen – Test für den zweiten nachstellen, also das Brot noch einmal zu spät an den Tisch bringen. Schiller hat noch einmal die Fischsuppe probiert, um diesmal ohne Tonprobleme zu erklären, dass ihm diese nicht schmecke.  Gezwungen habe man Lena und Martin dazu aber nicht, versichert Katja Rieger, Leiterin der Programmentwicklung Unterhaltung bei Vox. (Kandidat Martin berichtet im Vox-Forum hingegen von einer vertraglichen „Mitwirkungspflicht“.) Doch es ist natürlich fatal für die Sendung, dass ausgerechnet beim entscheidenden Testessen etwas schiefgeht und nachher alle so tun (müssen) als sei nichts gewesen. Vor allem, wenn es das Publikum trotzdem merkt, weil im Schnitt geschlampt wurde.

Eigentlich hätte die Test-Aktion nach so einer Panne komplett wiederholt werden müssen, aber das konnte oder wollte Vox nicht riskieren, aus Kostengründen wohl, und um nicht den kompletten Zeitplan durcheinander zu bringen. Dass man sich stattdessen dazu entschloss, Szenen für eine Sendung nachzudrehen, die im Wesentlichen davon lebt, dass die Zuschauer sie als authentisch erleben, war ein schwerwiegender Fehler. Durch die Geheimniskrämerei hat Vox die Verschwörungstheorien im Netz geradezu herausgefordert.

Das ist vor allem deshalb schade, weil sich der Sender bisher so viel Mühe gegeben hat, mit „Mein Restaurant“ eine Show zu etablieren, die nicht wieder der hundertste Abklatsch einer Uralt-Idee ist, wie es sie im deutschen Fernsehen schon zuhauf gibt. Inzwischen belohnen das auch die Zuschauer: Nach den eher enttäuschenden Quoten der vergangenen Wochen lag „Mein Restaurant“ am vergangenen Freitag mit 1,36 Millionen Zuschauern erstmals über Senderschnitt.

Vielleicht kann Vox denen wenigstens den Gefallen tun, sich beim Schummeln künftig geschickter anzustellen.


15 Lesermeinungen

  1. <p>@peer: Kein Abklatsch, aber...
    @peer: Kein Abklatsch, aber Du taggst das trotzdem unter Granada? Warum nicht gleich „Hells Kitchen“? Oder meintest Du, dass das zumindest die erste deutsche Version ist?

  2. Der Link [...Kandidat Martin...
    Der Link […Kandidat Martin berichtet im >Vox-Forum< hingegen von einer...] geht in den internen Bearbeitungsbereich. Eventuell korrigieren. Der Kommentar darf dann gerne gelöscht werden. Beste Grüße quox

  3. @agvchemie: Die deutsche...
    @agvchemie: Die deutsche Granada produziert die Sendung, also ist die Verschlagwortung meiner Meinung nach angemessen.

  4. <p>Ob im Schnitt geschlampt,...
    Ob im Schnitt geschlampt, der Ton geklemmt oder im Bild verrutscht: Ich finde es weit bedenklicher, dass sich Menschen mit guten Ideen engagieren, ein Gewerbe eröffnen nur um es anschließend wieder schließen zu müssen – obgleich einige Bilder den Eindruck vermittelt haben, dass selbst die angeblich so desaströs laufenden Fresstempel gut besucht waren.
    Da wäre es meiner Meinung nach doch viel sinniger, einen bunten Strauß der TV-Formate zu arrangieren:
    Erst mit „mein Restaurant“ eröffnen.
    Wenn`s nicht läuft: Mit den „Kochprofis“ von RTL2 auf Vordermann bringen
    Finanzielle Probleme sichert Herr Zwegert von RTL ab
    Die Bude wird neu eingerichtet von „Wohnen nach Wunsch – das Haus!“
    Psychologisch betreut werden die Kandidaten bei Angelika Kallwass
    Abschließend ein klärendes Gespräch bei Oliver Geissen
    In diesem Sinne…

  5. @Darian-van-Dark: Ich will...
    @Darian-van-Dark: Ich will jetzt hier nicht für Vox pressesprechen, aber ich verstehe das Format schon so: 5 Teams kriegen eine Chance, nur eines kann gewinnen, das ist allen von vornherein klar. Und dieses eine Team bekommt durch das Zuschauervoting ihr selbst aufgebautes (von Vox bezahltes) Restaurant geschenkt. Die anderen können sich die Restaurants theoretisch zurückmieten – dann eben zu einem marktüblichen Preis. So wie jeder andere, der sich ein Restaurant aufbaut, auch. Und ich würde mal davon ausgehen, dass das gar nicht so unrealistisch ist. Selbst wenn der Sender das jetzt gerade nicht so kommunizieren kann, weil sonst die Spannung raus wäre.

  6. <p>@Peer: Ok, das wusste ich...
    @Peer: Ok, das wusste ich nicht (hab es nicht gesehen, bin nur über den tag gestolpert). Tx.

  7. @Peer Schader:

    Bei jederlei...
    @Peer Schader:
    Bei jederlei TV-Format ist den meisten wohl vorher klar, auf was sie sich im „Groben und Ganzen“ einlassen, obgleich niemand der medial meist Unerfahrenen vorher damit gerechnet hätte, hinterher Szenen der „Vernichtung“ noch einmal nachspielen zu müssen. Ich finde es dennoch bezeichnend, welch Unsummen TV-Sender für versucht pfiffige Formate ausgeben und uns Zuschauern eine Macht „suggestieren“, die wir gegen Bezahlung einer Anrufgebühr ausüben. Das ganze noch untermalt von einem der auszog sich Restaurantkritiker zu nennen und schon aufgrund dieser Bezeichung überkandidelt so tun MUSS als hätte er Ahnung.
    Alles in allem könnte man die zur Schließung auserwählten doch konsequent unterstützen und sich der Tatsache freuen, Menschen in Lohn und Brot geschickt zu haben. Demnächst heißt es dann noch: „Mein Flughafen“, „Mein Autohaus“ oder „Mein Puff“ – welche der Kandidaten haben das beste Konzept, sie als Zuschauer entscheiden, unser geheimer Tester trifft die Vorauswahl:
    „Hmm, also herb im Abgang, sehr gute Mundarbeit, nur die Aufmachung ein wenig lieblos. Ansonsten guter Service und das alles für nur 50 Euro mit Küssen!“
    In diesem Sinne: 😉

  8. <p>Das mit dem "Wir müssen...
    Das mit dem „Wir müssen das ganze noch einmal wiederholen“ kenne ich aus einer Quizsendung, bei der ich mal teilgenommen hatte.
    Ich war jedoch so „verwegen“, meine falsche Antwort aus Versuch 1 beim Versuch Nr. 2 zu variieren – war aber immer noch falsch. 😉

  9. @Jens: Hoffentlich war's nicht...
    @Jens: Hoffentlich war’s nicht die Eine-Million-Euro-Frage.

  10. <p>Warum wird das Ergebnis des...
    Warum wird das Ergebnis des Zuschauer Votings, also die Zahlen, nicht veröffentlicht?

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