Das Fernsehblog

Wie Vox sich selbst in die Suppe spuckt

Mal angenommen, die Relevanz von Fernsehsendern ließe sich nicht bloß in Quoten messen, sondern in Verschwörungstheorien, dann müsste Vox in der vergangenen Woche in die erste TV-Liga aufgestiegen sein.

Der Sender hat nämlich Ärger mit seiner Show „Mein Restaurant“ (FAZ.NET-Fernsehkritik zum Start am 11. Oktober). In der kämpfen fünf Teams aus Hamburg, München, Leipzig, Köln und Berlin darum, ein eigenes Restaurant eröffnen und behalten zu dürfen. Eröffnet ist seit einem Monat, jetzt geht’s ums Behalten. Die Zuschauer bestimmen alle zwei Wochen, welches Lokal wieder dicht machen muss, am Ende bleibt nur eines übrig. Vor zwei Wochen mussten bereits die Betreiber des Leipziger „Tessa Nova“ die Schlüssel abgeben, in der vergangenen Woche hat es das Berliner „Bloom“ getroffen (Video bei vox.de ansehen).

Blöd nur, dass vor Bekanntgabe der Entscheidung in einem Online-Immobilienportal eine Anzeige auftauchte, mit der das „Bloom“ schon zur Pacht angeboten wurde, und das auch noch mit den verschwörerisch klingenden Sätzen:

Im Netz fragten sich die Nutzer daraufhin: Wird bei „Mein Restaurant“ etwa geschummelt? Nee, sagt Vox-Chefredakteur Kai Sturm. Die Produktionsfirma Granada, die „Mein Restaurant“ für den Sender herstellt, habe die Immobilien von deren Besitzern für die Dauer der Show gepachtet. Die vier Restaurants, die wieder schließen müssen, kommen nachher auf den freien Markt. Sturm sagt:

„Der Besitzer der Berliner Immobilie hat die Anzeige ohne Absprache mit uns eingestellt.“

Inzwischen ist die Anzeige wieder verschwunden. Die Skepsis der Zuschauer nicht. Denn es gibt da noch ein zweites Missgeschick, und das ist ein bisschen komplizierter: In den vergangenen beiden Wochen besuchte Gastro-Kritiker Jürgen Schiller als geheimer Testesser jedes Restaurant und entschied, welche beiden Lokale am wenigsten überzeugten und für das Zuschauer-Voting nominiert werden. Komisch war, dass es in Berlin offenbar zwei Versionen davon gab. Die erste war in der Vorschau auf die Sendung am 18. November zu sehen. Und in der nimmt Schiller (hinten links) mit einem Herren und einer Dame am Tisch Platz:


Screenshot: Vox

Als der Test, von dem weder die Kandidaten noch deren Mitarbeiter wissen durften, dann aber in der folgenden Sendung gezeigt wurde, saß Schiller (rechts) plötzlich einem ganz anderen Herrn im braunen Sakko gegenüber:


Screenshot: Vox

Und als die Berliner Kandidaten Lena und Martin nach dem Besuch auf dem Tisch Schillers Karte „Sie wurden soeben getestet“ entdeckten, sagte Lena verärgert:

„Das war der einzige Tisch, bei dem ich gar nicht war.“


Screenshot: Vox

Obwohl sie Schiller doch kurz davor bedient hatte und ihm dabei direkt in die Augen sah. Chefredakteur Sturm erklärt das so:

„Wir haben mit unserem Tester Jürgen Schiller in Berlin zweimal gedreht, weil wir beim ersten Mal einen kompletten Tonausfall hatten. In einem Brillenetui, das auf dem Tisch lag, war ein Mikrofon versteckt, aber die Technik hat total versagt.“

Vox beteuert zugleich, dass – wie bei den anderen drei Restaurants – ausschließlich der erste Test relevant für die Bewertung war, die über die Nominierung entschied, dass es also keine Ungleichbehandlung gegeben habe. Und das, obwohl Schiller in seiner Videoanalyse am Schluss der Nominierungssendung kritisierte, er habe im „Bloom“ 30 Minuten auf Brot warten müssen und die Fischsuppe habe nicht geschmeckt – das waren allerdings die Fehler aus dem zweiten Test, der tatsächlich im Fernsehen lief.

Die Erklärung dafür ist so einfach wie erstaunlich: Die Berliner Kandidaten sind informiert worden, dass die Aufnahmen wiederholt werden müssen, und sollten ihre Fehler aus dem ersten – geheimen – Test für den zweiten nachstellen, also das Brot noch einmal zu spät an den Tisch bringen. Schiller hat noch einmal die Fischsuppe probiert, um diesmal ohne Tonprobleme zu erklären, dass ihm diese nicht schmecke.  Gezwungen habe man Lena und Martin dazu aber nicht, versichert Katja Rieger, Leiterin der Programmentwicklung Unterhaltung bei Vox. (Kandidat Martin berichtet im Vox-Forum hingegen von einer vertraglichen „Mitwirkungspflicht“.) Doch es ist natürlich fatal für die Sendung, dass ausgerechnet beim entscheidenden Testessen etwas schiefgeht und nachher alle so tun (müssen) als sei nichts gewesen. Vor allem, wenn es das Publikum trotzdem merkt, weil im Schnitt geschlampt wurde.

Eigentlich hätte die Test-Aktion nach so einer Panne komplett wiederholt werden müssen, aber das konnte oder wollte Vox nicht riskieren, aus Kostengründen wohl, und um nicht den kompletten Zeitplan durcheinander zu bringen. Dass man sich stattdessen dazu entschloss, Szenen für eine Sendung nachzudrehen, die im Wesentlichen davon lebt, dass die Zuschauer sie als authentisch erleben, war ein schwerwiegender Fehler. Durch die Geheimniskrämerei hat Vox die Verschwörungstheorien im Netz geradezu herausgefordert.

Das ist vor allem deshalb schade, weil sich der Sender bisher so viel Mühe gegeben hat, mit „Mein Restaurant“ eine Show zu etablieren, die nicht wieder der hundertste Abklatsch einer Uralt-Idee ist, wie es sie im deutschen Fernsehen schon zuhauf gibt. Inzwischen belohnen das auch die Zuschauer: Nach den eher enttäuschenden Quoten der vergangenen Wochen lag „Mein Restaurant“ am vergangenen Freitag mit 1,36 Millionen Zuschauern erstmals über Senderschnitt.

Vielleicht kann Vox denen wenigstens den Gefallen tun, sich beim Schummeln künftig geschickter anzustellen.

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