Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

25 Jahre RTL: Ein Fall für die Couch

| 3 Lesermeinungen

RTL feiert silbernes Jubiläum und beweist mit schockierenden alten Ausschnitten, dass es sich einmal um einen Sender gehandelt haben muss, bei dem nicht jede Show gleich aussah. Und sogar die Geburtstagssendung selbst war revolutionär - fast.

Schauen Sie sich mal dieses Bild an:

Bild zu: 25 Jahre RTL: Ein Fall für die Couch

Fällt Ihnen was auf? Warten Sie, hier sieht man’s noch besser:

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Hammer, oder? Und hier verschwinden die letzten Zweifel:

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Tatsache. Kein Sofa. 

Es muss ich um eine RTL-Show handeln, der Standard-RTL-Show-Moderator steht in der Standard-RTL-Show-Kulisse, alles ist wie immer, aber es fehlt das Sofa!

Einen Augenblick lang dachte ich, RTL habe das Unvorstellbare gewagt und sich und uns zu seinem 25. Geburtstag eine Show geschenkt, die anders ist als all die Shows, die RTL sonst immer zeigt. Aber es stellte sich heraus, dass sich das Sofa nur ein bisschen verspätet hatte, aber nach dem ersten Block, im dem – wie immer – Menschen vor einer Blue-Box sitzen und mit Halbsätzen kommentieren, was sie und die Zuschauer gerade sehen…

Bild zu: 25 Jahre RTL: Ein Fall für die Couch

…also danach war dann auch das Sofa da und es war fast alles wie immer:

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(Später nahm dann statt Günther Jauch, Bruce Darnell und Dieter Bohlen Atze Schröder auf dem Sofa Platz, und es war exakt alles wie immer.)

Man darf das nicht klein reden, das Revolutionäre an der Entscheidung, die Sendung ohne das Sofa zu beginnen, vermutlich waren x Sondersitzungen diverser RTL-Gremien nötig, um diese Abweichung vom vorgeschriebenen RTL-Show-Standard zu genehmigen.

Prominente und Zuschauer staunten angesichts der Ausschnitte aus der RTL-Geschichte, was da früher alles im Sender gelaufen war. Nicht nur, wie unbeholfen und unfertig das oft daher kam, sondern auch welche Bandbreite von Genres es einmal im RTL-Programm gegeben hat – verglichen mit der heutigen Armut und Einfalt. Der mit Abstand erfolgreichste kommerzielle Sender und Taktangeber im deutschen Fernsehen hat fast nur noch eine einzige Art von Show im Programm: eben die, in der Prominente abwechselnd auf dem Sofa und vor der Blue-Box kurze Filmausschnitte kommentieren, in dem immer gleichen Studio, in dem höchstens zwei drei Kulissen verschoben oder die Sofabezüge ausgetauscht werden, wenn statt „25 Jahre RTL“ hier „Die ultimative Chart-Show“ produziert wird, mit der immer gleichen, hinter einem Halbkreis-Tor verborgenen Ecke für die Show-Acts. Unvorstellbar, dass RTL seinen Geburtstag in anderer Form gefeiert hätte, als große Gala, ohne die Schlafmützigkeit eines Oliver Geißen, als Dokumentation, Feature, intime Talkrunde. Es gibt diese Formen nicht im RTL-Programm, um Geschichten aus der Geschichte zu erzählen, es muss alles so sein wie immer, und die Quoten geben, wie man so schön sagt, RTL Recht. 

Und es sind nicht nur die Shows: Auch für Geschichten aus dem Leben gibt es bei RTL nur noch eine einziges Genre. Ob die „Super-Nanny“ hilft oder „Rach, der Restauranttester“ kommt, ob Ausreißer gesucht oder Schulden getilgt werden: Erzählweise, Dramaturgie, Tonfall sind immer gleich. 

Vielleicht ist das kein Zufall bei einem Sender, der von Anke Schäferkordt als Buchhalterin verwaltet wird. Sie hat gestern der „Süddeutschen Zeitung“ eines ihrer typischen Interviews gegeben, denen man nie anmerkt, ob sie überhaupt ein einziges Programm ihres Senders jemals gesehen hat, geschweige denn so etwas wie Leidenschaft dafür entwickelt hätte. „Was uns auszeichnet, ist unsere Vielfalt“, sagt sie, und auf die Frage, was das kommerzielle Fernsehen der Gesellschaft gebracht habe, antwortet sie: „Vielfalt, Qualität und Wettbewerb, der wach hält.“

Natürlich sagt sie auch den Satz, den alle Fernsehmanager als Mantra gewählt haben: „Wir haben die vielfältigste und qualitativ stärkste Fernsehlandschaft weltweit.“ Leider werden die Schäferkordts nie dazu aufgefordert, diese Behauptung zu begründen und zu erklären, inwiefern zum Beispiel das britische oder amerikanische Fernsehen eintöniger und schlechter wäre. In der „Süddeutschen“ konnte die RTL-Chefin sogar sagen: „Wir haben ein Vollprogramm und bieten in großem Umfang Informationsformate an“, ohne dass der Interviewer sie darauf hinwies, dass ihr Sender die Zuschauer zwischen 19.05 Uhr und 22.15 Uhr an keinem Tag der Woche mit auch nur einem einzigen Informationsprogramm behelligt. 

Dabei wäre es so leicht: Oliver Geißen könnte in der Prime-Time die „Ultimative News-Show“ präsentieren, in der Günther Jauch, Rosi Mittermaier, Atze Schröder und Aleksandra Bechtel kurze Clips von aktuellen Neuigkeiten launig kommentieren und Peter Kloeppel als regelmäßiger Gast gelegentlich Faktenbroken einwirft. Vom Sofa aus, klar. 


3 Lesermeinungen

  1. Wie will RTL dann eigentlich...
    Wie will RTL dann eigentlich den 30, 35, usw. Geburtstag feiern?
    Mit einer Show, in der Menschen in einer Bluebox sitzen und in den Hintergrund sind Szenen aus den besten RTL-Bluebox-Shows der Nuller Jahre eingestanzt? Oder doch einfach nur wieder mit Tutti Frutti, Salvatore und Hans Meiser?

  2. Hat überhaupt einer...
    Hat überhaupt einer mitbekommen dass RTL 25 Jahre alt geworden ist? Ich nicht.

  3. Im Interview wird vor allem...
    Im Interview wird vor allem eins deutlich: Frau Schäferkordt ist eine kühle Rechnerin. Mehr aber auch nicht. Freude scheint die nicht zu haben.
    So erwähnt sie schon wieder, dass RTL aktuell mehr Zuschauer hätte als ‚heute‘, was aber durch Zuschauer bei 3sat nicht stimmt und außerdem hat auch RTL aktuell im letzten Jahr Zuschauer verloren. Klappern gehört zum Geschäft.
    Mittags um 12 ist sie vermutlich bei Tisch und kann nicht in ihr Programm schauen, denn sonst würde sie Punkt 12 nicht als Informationsformat zählen. Und wenn Explosiv als Informationsformat gilt, dann muss man das Brisant wohl auch zugestehen. Mich schüttelt es. Das Fehlen von Nachrichtensendungen zieht sich aber durch alle Privaten. Selbst die Nachrichtensender wissen, wann weniger mehr ist.
    Dass die deutschen Markt als vielseitig bezeichnet, mag sein, aber ist sie schon jemals darauf eingegangen, dass RTL so gut wie keine eigenen Unterhaltungsformate hat? Egal ob nun Supernanny, Restaurantkritiker, zahlreichen Bohlenformate oder der Millionär, alles stammt aus fernen Ländern, die Frau Schäferkord die Kreativität ersparen.
    Dass sie weniger Öffentlich-Rechtliche fordert überhört man bereits, ist dies doch zum Reflex verkommen. Sobald sie aber ihren Bohlen oder den Kakerlakenverzehr routiniert auspackt, kann es gar nicht genug arte oder 3sat geben.

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