Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Problem gelöst: So kriegen ARD und ZDF mehr junge Zuschauer

| 6 Lesermeinungen

Ständig behaupten die Programmverantwortlichen von ARD und ZDF, sie bräuchten Spartenkanäle und Internet-Portale um überhaupt noch junge Zuschauer erreichen zu können, weil die sonst gar nicht mehr einschalten. Ausgerechnet das ZDF beweist aber einmal im Jahr, dass das kompletter Humbug ist.

Wenn Sie den Herren beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk mal so richtig schlechte Laune machen wollen, dann müssen Sie sich nur neben sie setzen und fragen, warum ihre Sender eigentlich bei den unter 30-jährigen Zuschauern einen Marktanteil haben, der bedenklich in Richtung des Kindersenders Super RTL tendiert.

Immerhin: Das Problem ist erkannt. Auf Konferenzen und in Interviews erklären die Programmverantwortlichen von ARD und ZDF, mehr junge Zuschauer erreichen zu wollen, aber das mit eigens für die Zielgruppe gemachten Sendungen im Hauptprogramm kaum noch schaffen zu können – weil die ja dort keiner mehr finde. Als Alternative werden Spartenkanäle vorgeschlagen oder die „zeitsouveräne Nutzung“ auf speziellen „Portalen“ (also: Videos im Internet), anders kriege man diese internetaffinen jungen Menschen ja nicht mehr vor die Glotze. (Und selbst dabei stellt sich die ARD nicht gerade kompetent an.)

Einmal im Jahr widerlegt ausgerechnet das ZDF die vielen schönen Thesen vom jungen Publikum, das die öffentlich-rechtlichen Sender einfach so „überspringt“.

Um die Weihnachtsfeiertage und zwischen den Jahren feuert das Zweite nämlich einen Hollywood-Spielfilm nach dem nächsten raus, vielleicht, weil zu Weihnachten endlich Zeit ist, genüsslich ein paar Filme ohne Werbeunterbrechung zu sehen, und natürlich auch, weil man sich damit kurz vor Schluss noch mal den Monatsmarktenteil aufpolieren kann, damit die Jahresendabrechnung in der Zielgruppe der bis 49-Jährigen nicht ganz so traurig aussieht.

Das hat auch dieses Mal ganz erstaunlich funktioniert (alle Werte: Zuschauer 14-49 Jahre):

22. Dezember 2008, 20.15 Uhr: „James Bond: Der Morgen stirbt nie“
(2,38 Mio., 17,9 Prozent Marktanteil)

27. Dezember 2008, 22 Uhr: „Mission Impossible“
(1,14 Mio., 14,2 Prozent Marktanteil)

27. Dezember 2008, 23.40 Uhr: „Batman“
(0,67 Mio., 11,7 Prozent Marktanteil)

29. Dezember 2008, 22.15 Uhr: „Batman Begins“
(1,66 Mio., 17,1 Prozent Marktanteil)

30. Dezember 2008, 20.15 Uhr: „Inside Man“
(2,81 Mio., 21,8 Prozent Marktanteil)

2. Januar 2009, 20.15 Uhr: „Harry Potter und der Feuerkelch“
(4,99 Mio., 36,9 Prozent Marktanteil)

2. Januar 2009, 22.50 Uhr: „Sleepy Hollow – Köpfe werden rollen“
(1,12 Mio., 12,3 Prozent Marktanteil)

4. Januar 2009, 16.40 Uhr: „Harry Potter und der Feuerkelch“, Wiederholung
(2,13 Mio., 22,2 Prozent Marktanteil)

5. Januar 2009, 22.15 Uhr: „Armageddon – Das jüngste Gericht“
(1,51 Mio., 16,9 Prozent Marktanteil)

6. Januar 2009, 20.15 Uhr: „The Sentinel – Wem kannst du trauen?“
(2,45 Mio., 17,2 Prozent Marktanteil)

Zum Vergleich: Der durchschnittliche Marktanteil des ZDF lag im Jahr 2008 bei 7,0 Prozent, und das war schon durch Fußball-EM und Olympia beeinflusst. 2007 waren’s 6,7 Prozent.

Sowohl mit TV-Premieren als auch mit gut abgehangenen Spielfilmen („Sleepy Hollow“ lief auch schon 2008 im ZDF, „Armageddon“ ist schon hundertmal vom Privatfernsehen durchgednudelt worden) schaffen die Mainzer also Top-Quoten bei den 14- bis 49-Jährigen Zuschauern, nicht nur für ZDF-Verhältnisse, und selbst am späten Abend.

Nur mal so dahin gefragt: Was wäre eigentlich, liebes ZDF, wenn du dir ein paar Blockbuster übers Jahr aufhöbest, um die direkt vor eigenproduzierte Sendungen zu setzen, die sich für ein jüngeres Publikum eignen würden. Dann bräuchte der Programmdirektor keine Angst haben, dass die Sendung keiner findet, denn: die Blockbuster werden von den jungen Zuschauern ja augenscheinlich ganz gut gefunden, selbst wenn sie dann so ein exotisches Programm wie das ZDF einschalten müssen. Und die Chance, dass die alten nicht gleich wegzappen, ist auch größer, weil so ein Film sich ja nicht nur für junge eignet.

Wäre das nicht toll: ARD und ZDF holen sich mit Hollywood das junge Publikum zurück und zeigen im Umfeld wieder ein Programm, das für Gebührenzahler gemacht ist, die nicht mit Jopi Heesters zur Schule gegangen sind?


6 Lesermeinungen

  1. Lieber Peer, bitte sei...
    Lieber Peer, bitte sei vorsichtig, es könnte dich jemand von ARD oder ZDF hören. Gute Vorschläge, genauso wie gute Programme, haben da aber eine sehr geringe Lebenserwartung. Es ist also besser, dieses Wissen vor den Intendanten, Fernsehräten, sonstigen Gremien, Verwaltungsleitern, usw. usf. geheim zu halten; sie würden es sowie so nur vernichten.
    Das die ÖR ihre ganze Munition zwischen dem 20.12 und dem 2.1 verschießen ist ja nix neues. Einigermaßen erfolgreiche Filme laufen meist erst ab 23 Uhr, dafür nudelt man vorher z.B. eine Degeto Liebesschnulze (ARD) oder ein Cornwall Liebesdrama basierend auf einem Tränen-Saft und Schmalz Roman einer senilen Kitsch-Autorin durch. Die ÖR müssen sich nebenbei viel weniger Gedanken um ihr Publikum machen als die Privaten: wenn bei denen keiner zuschaut, fehlen die Werbeeinnahmen, die Gebühren laufen weiter. Die ÖR bräuchten eigentlich gar nicht nach dem Marktanteil zu schielen und könnten sich in der Nische gut einrichten, leider fehlt ihnen dazu auch die Traute: sie produzieren daher, meiner Meinung nach einen durchgängigen Kompromiss. Mal Niveau, mal Information, mal was Banales, mal was für die Jungen, dann was für die Alten, dann ein wenig Boulevard, dann dieses und dann jenes. Keine Linie, kein Konzept, kein Profil. Bei der ARD heißen die Eckpunkte doch inzwischen TAgesschau, Pilawa, Tagesthemen…

  2. Mitleser sagt:

    @Peer Schader
    "weil man sich...

    @Peer Schader
    „weil man sich damit kurz vor Schluss noch mal den Monatsmarktenteil aufpolieren kann,“
    Ist es wirklich realistisch anzunehmen, dass sich ein Sender mit 5 Filmen zum Jahresende einen Marktanteil aufpolieren kann? Natürlich nicht. Aber es ist ein Standardargument.
    „Was wäre eigentlich, liebes ZDF, wenn du dir ein paar Blockbuster übers Jahr aufhöbest“
    Das ZDF hat z.B. im Sommer letzten Jahres mehrere Wochen Blockbuster um 20:15 gezeigt, so wie auch das Montagskino seit 15 (?) Jahren etabliert ist. Und Flug 93 (lief im Oktober oder November) wollen wir auch nicht vergessen. Es ist also keineswegs so, dass man sich nur zum Jahreswechsel bequemt.
    Das große Problem liegt eher darin, dass die Sender nicht durchgehend das junge Publikum ansprechen und auch für das ältere Publikum noch genügend Brüche haben, die einem guten Audience Flow entgegensprechen. Die Privaten haben das erkannt und halten sich gar nicht erst mit Nachrichtenmagazinen, Dokumentationen oder politischer Berichterstattung auf.
    Bei einer Annahme muss man aber zustimmen: Ein junges Publikum bekommt man nur mit Hollywood und populärem Sport.

  3. Mitleser sagt:

    @Zu-schauer-lich
    " sie...

    @Zu-schauer-lich
    “ sie produzieren daher, meiner Meinung nach einen durchgängigen Kompromiss“
    Klar. Der Weg des geringsten Widerstands. Aber auch die einzige Möglichkeit, wenn man alle erreichen soll.
    Die Jungen werden zusätzlich bei den Privaten berieselt (und wollen offensichtlich auch kaum anderes sehen) und die Alten sind die, die zurückgeblieben sind und jetzt rundum versorgt werden.
    Natürlich ist das eigentlich nicht so richtig im Sinne des Erfinders. Aber der Erfinder (die Medienpolitik) hat uns nunmal mit ARD und ZDF zwei konkurrierende Systeme vorgesetzt. Es ist nicht vorgesehen, dass die sich absprechen, oder ergänzen, dass einer für jung, der andere für alte da ist. Das was wir jeden Tag zu sehen bekommen, ist das Ergebnis des falschen Rahmens. Und wenn der Rahmen schon nicht stimmt, müssen wir uns nicht wundern, dass der Inhalt suboptimal ist. Für mich haben nicht die Sender versagt, sondern die, die den Rahmen vorgeben und kontrollieren.

  4. Ein Vorschlag, den ich schon...
    Ein Vorschlag, den ich schon ewig mit mir rumtrage, und nun endlich auch mal sagen kann 😉 das wäre der folgende:
    Statt einfach die Nachrichtenmagazine immer boulevardesker werden zu lassen, sollten ARD und ZDF einfach die Programmformate der Privaten kopieren und in niveauvoll und intelligent machen. Etwa eine Castingshow mit anderer Musikauswahl und älteren wie jungen Kandidaten, ein besseren Jury (aber bitte nicht so ein Musicalquatsch mit Gottschalk). Auch im Reality-Bereich gibts noch einiges was ich gerne sehen würde: Etwa ein „Amazing Race“ durch die Kulturhauptstädte Europas (mit gebildeten Kandidaten, vielleicht sogar Professoren oder ähnliches), dann natürlich ein Casting im Theatermillieu (etwa Schauspieler, Intendanten, Bühnenbildner) und nicht zu vergessen einen kleine Businessshow ala Apprentice oder Last Millionaire usw. usf. Immer mit Geist, Witz, Niveau und Verstand.
    Das Steinzeit-Experiment hat ja schon bewiesen, dass sie sowas können, wenn sie wollen. Das war wirklich aufregend, auch wenn ich teilweise vergessen habe es zu schauen, weil ich halt ARD und ZDF so gut wie nie einschalte.

  5. Mitleser sagt:

    @ThomasTelevision
    "Etwa ein...

    @ThomasTelevision
    „Etwa ein „Amazing Race“ durch die Kulturhauptstädte Europas“
    Das gab es schon. Robert Stadlober reiste mit ein paar Freunden nach Osteuropa und Frau Bauerfeind ist nach ihrer Jagd nach Moskau demnächst nach Istanbul unterwegs. Ersteres lief unter Ausschluss der Öffentlichkeit bei EinsFestival und das Zweite wurde bei 3sat regelrecht verheizt.
    Auch die „Charlotte Roche unter“-Reihe ist ein sehr schönes Format. Auch dies war versteckt auf einem Nieschenkanal zwischen unpassenden Sendungen.
    Die Living-History-Formate (Steinzeit, Schwarzwald, Schiff, Bräuteschule, Gutshaus) sind langsam ausgelutscht, außer man strebt eine BigBrother-eske Peinlichtkeitsshow an. Ist vielleicht nicht so gut.
    Ansonsten ist dein Vorschlag erstrebenswert. Dazu passend läuft seit 15 Wochen mittwochs im Theaterkanal eine kanadische Serie, die an einem Theater spielt. Teils skurrile Geschichten, toll gespielt und mit kultuellem Anstrich.
    Es gibt also schon eine Reihe guter Formate, auch wenn die Fernsehkritik dies gern übersieht (Karambolage!), die Sender nichts für die Bekanntheit tun (1-2-3 Moskau) und der Zuschauer ebenfall kein Interesse hat, sich durch den Dschungel zu kämpfen (3sat spätabends).

  6. @Mitleser:

    Was Amazing Race...
    @Mitleser:
    Was Amazing Race betrifft meine ich ja keine Reisereportage, obwohl das auch superinteressant klingt (wie alle Deine TV Tipps), sondern ein Wettrennen. Und ohne Prominente sondern mit interessanten Menschen, ich glaub sowas ähnliches gab es mal in der Mongolei oder so, keine Ahmung ob das im ÖR war.
    Das Living-History ausgelutscht ist kann sein, aber es muss ja nichts historisches sein, sondern etwas extremes, spannendes und aufregendes. Discovery hat mit dem Alaska-Expermient letztes Jahr auch ein ganz interessantes Format gehabt.
    Mittwochs Theaterkanal klingt gut, da werde ich heute mal schauen, was das ist, wenn es heute kommt 🙂 Das ich da noch nicht draufgestoßen bin obwohl ich mich für so etwas interessiere, ist auch bezeichnend. Bis ich Sachen wie „Inas Nacht“ oder „Durch die Nacht mit…“ entdeckt habe, das hat auch lange gedauert.
    Um auf Peer zurückzukommen, solche Sachen in der Art und alles was Du auch genannt hast, könnten ja locker nach den Hollywoodfilmen laufen. Wobei nach einem Hollywood-Film 20:15 Uhr ja sowohl auf ARD wie auch ZDF erstmal die Nachrichten laufen müssen. Ärgerlich. Das sollte doch reichen, wenn einer der beiden am Spätabend News bringt. Die Zielgruppe kennt die Infos und Meinungen ohnehin schon aus dem Netz.

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