Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Boing, Zisch, Klonk: "DSDS" und die Geräusche-Explosion

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Bei "Deutschland sucht den Superstar" zu scheitern, heißt für viele Kandidaten nicht bloß, von Dieter Bohlen gedemütigt zu werden. Das eigentlich Herabwürdigende ist, auf welche Art RTL die erfolglosen Sänger fürs Fernsehen inszeniert: als Witzfiguren wie im Zeichentrickfilm.

Woran erinnern Sie diese Geräusche?
Das hier?
Und diese vielleicht?

Sollten Sie jetzt zuerst an „Deutschland sucht den Superstar“ gedacht haben, wäre es vielleicht ratsam, künftig nicht mehr soviel RTL zu sehen.

Am Samstagabend hat der Sender den letzten Zusammenschnitt der Castings gezeigt, die im vergangenen Jahr von über 30.000 Bewerbern besucht wurden. Für die Ausstrahlung im Fernsehen kommt es dabei seit einiger Zeit nicht mehr darauf an, dass jemand besonders gut singt. Viel wichtiger sind die Kandidaten, die sich vor der Kamera so schräg anstellen, dass die Postproduktion nachher ein paar Zeichentrick-Geräusche unter ihre Darbietungen legen kann, um aus einer eigentlich peinlichen Situation eine vermeintlich witzige zu machen. In der vor zweieinhalb Wochen gestarteten sechsten Staffel übertreibt es RTL mit den Boings, Zischs und Klonks allerdings gewaltig.

Am Auftritt von Cosimo aus Stuttgart lässt sich das besonders schön zeigen, weil in den paar Minuten, die davon im Fernsehen zu sehen waren, kaum ein Moment vergeht, der nachträglich nicht mit Soundeffekten aufgemotzt wurde. Schauen Sie sich das bitte mal an.

Wenn Cosimo sich über die Augenbrauen fährt, gibt es einen zackigen Sound dazu. Wenn er an seiner Brille rüttelt, wird ein Doing-Doing-Geräusch eingespielt. Peinliche Szenen werden mit einem lauten Mööööp eingefroren. Es gibt sogar einen eigenen Trailer für die Kandidaten, die schon mal bei einem Casting waren, rausgeschmissen wurden, und – wie Cosimo – trotzdem wiederkommen, um sich eine weitere Abfuhr zu holen.

Bild zu: Boing, Zisch, Klonk: "DSDS" und die Geräusche-Explosion
Screenshot: RTL

Vor einem anderen Kandidaten reißt die Produktion, nachdem Bohlen ihn schon klein gemacht hat, einen virtuellen Abgrund auf, stößt ihn hinein und lässt ihn mit einem dran montierten Fallschirm hinab in die Tiefe gleiten.

Bild zu: Boing, Zisch, Klonk: "DSDS" und die Geräusche-Explosion
Screenshots: RTL

Manchmal hab ich den Eindruck, bei Grundy Light Entertainment, das „DSDS“ für RTL produziert, ist im Schnitt die Kiste mit den Toons umgekippt und niemand hat sich die Mühe machen wollen, die  kleinen Quieker, die anschließend über die Schaltpulte gehüpft sind, wieder einzufangen. Das Problem dabei ist nicht nur, dass das die Macher von „Who Framed Roger Rabbit“ schon vor 21 Jahren um ein Vielfaches lustiger hinbekommen haben. Sondern auch, dass es sich bei denen, die jetzt für RTL quieken, weder um Schauspieler noch um Zeichentrickhelden handelt, sondern um echte Menschen, denen es nicht egal sein wird, wenn sich nachher alle über sie lustig machen.

Die Produzenten merken nicht mal mehr, wie sehr sie diese Situationen überdrehen, bis sie nicht mehr witzig sind, sondern bloß anstrengend und demütigend.

2008 hat die Kommission für Jugendschutz der Landesmedienanstalten gegen RTL ein Bußgeld in Höhe von 10.000 Euro verhängt, weil der Sender bei „DSDS“ „beleidigende Äußerungen und antisoziales Verhalten“ als Normalität dargestellt habe. Die Begründung bezieht sich vor allem auf die deftigen Beleidigungen Dieter Bohlens gegenüber den Kandidaten. Aber das eigentlich Herabwürdigende an „DSDS“ ist, dass die Sendung durch die Nachbearbeitung der Castingszenen aus echten Menschen, die offensichtlich nicht wissen, dass sie nicht singen können, Comicfiguren macht, und die sich dagegen nicht mehr wehren können.

Dass auch Bohlens Grimassen öfters mit Soundeffekten unterlegt werden, ist hingegen bloß – naja, sagen wir: konsequent.


10 Lesermeinungen

  1. Dabei wird aber außer Acht...
    Dabei wird aber außer Acht gelassen, inwiefern sich durch das Wissen der Kandidaten um eben diese Herabwürdigung selbige ändert oder nicht ändert. Es ist ja nun nicht so, dass diese Nachbearbeitung völlig neu wäre (auch wenn sie meines Erachtens nach nun häufiger eingesetzt wird). Man muss also davon ausgehen, dass die Kandidaten wissen, dass sie im Falle eines miserablen Auftritts zum Gespött gemacht werden. Vielleicht sind sich einige nicht der Konsequenzen bewusst, vielleicht ist es aber für einen Teil auch gerade das, was sie reizt (für ihre 15 Minuten Ruhm tun Menschen ja bekanntlich nahezu alles) – die Mehrheit allerdings sollte (und wird) sich doch im Klaren darüber sein, was dort auf sie zukommt.

  2. @rotwang: "Vielleicht sind...
    @rotwang: „Vielleicht sind sich einige nicht der Konsequenzen bewusst…“ – ich glaube, genau darum geht es. Vor allem bei denen, die nicht mal wissen, dass sie nicht singen können.

  3. Aber was heißt das nun? Muss...
    Aber was heißt das nun? Muss man die in besonderer Weise schützen? Haben die auf Grund mangelnder Selbstreflexion mehr Rechte im Fernsehen nicht vorgeführt zu werden als die, denen eine solche Vorführung nichts ausmacht? Und wie sollen solche Menschen den Umgang mit Medien und mit ihrem eigenen Versagen lernen, wenn man sie konsequent aus solchen Sendungen fernhielte oder ihre Auftritte dort nicht kommentieren oder erst gar nicht ausstrahlen würde?

  4. @rotwang: Sie haben meine...
    @rotwang: Sie haben meine Lieblingsfrage vergessen: „Wer soll das entscheiden?“

  5. Richtig.

    Was ist ihre Antwort...
    Richtig.
    Was ist ihre Antwort darauf?
    Ich jedenfalls möchte mich nicht als Zuschauer in die Rolle des Vormunds fügen müssen, weshalb ich die Situation so akzeptiere wie sie ist und mir denke, dass jeder selbst mit den Konsequenzen fertig werden muss.

  6. @rotwang: Hab keine. Finde...
    @rotwang: Hab keine. Finde Ihren Vorschlag aber auch noch nicht die optimale Lösung.

  7. Man kann selbst entscheiden,...
    Man kann selbst entscheiden, indem man umschaltet. Vielleicht wird diese Seuche des Fernsehen dann auch endlich für immer abgesetzt.

  8. Also gerade diesen...
    Also gerade diesen schwäbischen Ex-Friseur unter solchen moralischen Perspektiven beurteilen zu wollen, halte ich für verfehlt. Der Kandidaten mit Fallschirm und Abgrund war grenzwertig. So schlimm wie im vergangenen Jahr (Raimund und die Dicke von Radio Megaboom) ist es in dieser Hinsicht bei weitem nicht.
    Was aber stimmt ist, dass sie total over the top sind in ihrer Präsentation. Mich wundert, dass sie immernoch so gute Quoten haben. American Idol hingegen verliert im Moment wieder mal Zuschauer gegenüber der vergangenen Staffel. Dort versuchen sie auch immer noch einen drauf zu setzen und wecken entsprechend der dortigen Ausrichtungen Erwartungen auf die dramatischste, emotionalste Szene in der Geschichte des Formats in den Teasern, die aber immer enttäuscht werden.
    Die einzig gute Casting-Show, sowohl was die Castings, die gesamte Konzeption, Dramatik, Aufmachung, Spannung usw. betrifft ist meiner Meinung nach X-Factor in UK. Dort ist alles in perfekter Balance. Und dort steigen die Quoten.
    Auf meinem Blog (oben) findet man auch einiges zu diesem Thema (Castingshows im Vergleich und X-Factor).

  9. Mein Gott, was für ein...
    Mein Gott, was für ein schlechter Journalismus.

  10. zum weiteren, heiteren...
    zum weiteren, heiteren Illustrieren finden die Herren von RTL auch weitere Geräusche bei https://www.soundarchiv.com/ . Vielleicht werden wir beim nächsten Mal ja mit seltenen Tierlauten überrascht.

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