Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Das Erste schickt Heinz Erhardt durch den Häcksler

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Eine Minute dauert der großartige "G-Sketch" von Heinz Erhardt. Im Ersten dauerte er am Donnerstagabend noch anderthalb Minuten länger, weil der NDR sich vorgenommen hatte, den 100. Geburtstag des Komikers mit einer "einzigartigen Humor-Chartshow" zu feiern. Und zu der gehören natürlich: jede Menge Bluebox-Prominente.

Mit großer Energie wehrt sich der neue ARD-Programmdirektor Volker Herres gegen die Behauptung, öffentlich-rechtliche und private Sender würden sich immer mehr angleichen. Und er hat Recht: Die ARD ist nicht so schlimm wie RTL. Manchmal ist sie schlimmer.

Am Donnerstag zeigte das Erste die Show „100 Jahre Heinz Erhardt“, in der „die besten Gags und die schönsten Sketche“, die von den Zuschauern zuvor im Internet gewählt worden waren, noch einmal laufen sollten. Und wenn sich der für die Produktion verantwortliche NDR an dieses Versprechen gehalten hätte, wäre es sogar zu verschmerzen gewesen, dass wie bei jeder x-beliebigen Show im deutschen Fernsehen Promis auf einer Couch saßen, um einen Großteil der Sendezeit mit Eigenerinnerungen zu kontaminieren.

Gezeigt wurde als erstes: der „G-Sketch“, in dem Erhardt und seine Mitspieler eine komplette Konversation mit 79 G-Worten nacheinander bestreiten. Das ist sehr lustig und dauert normalerweise eine Minute. Im Ersten dauerte der Sketch aber noch anderthalb Minuten länger – weil es irgendjemand für eine gute Idee hielt, im Abstand weniger Sekunden Bluebox-Prominente mit ihren Kommentaren dazwischen zu schieben.

Und das hatten sie zu sagen:

Bild zu: Das Erste schickt Heinz Erhardt durch den Häcksler

Michael Kessler: „Der berühmte G-Sketch. Von Heinz Gerhardt.“
Dieter Hallervorden: „Mein absoluter Favorit ist der G-Sktech.“
Dieter Hallervorden: „Eine geniale Grundidee.“
Ottfried Fischer: „Komisch.“
Ottfried Fischer: „Versuchen Sie mal, einen Satz mit 15 Worten zu bilden, wo jedes Wort mit dem gleichen Buchstaben anfangt.“
Peter Kraus: „Du darfst dein dreister Dagolbert dich…“
Ottfried Fischer: „Und dann wissen Sie, was Heinz Erhardt gearbeitet hat.“
Peter Kraus: „Auf alle Fälle war es bravourös gemacht.“
Dieter Hallervorden: „Es ist eben auch unnachahmlich, wie der Mann mit dem Publikum spielt.“
Dieter Hallervorden: „…und je nachdem, wie die Leute reagieren…“
Ottfried Fischer: „Der G-Punkt.“
Peter Kraus: „Hahaha. Das gab’s damals noch nicht. Das wäre nicht erlaubt gewesen.“
Bürger Lars Dietrich: „Vielleicht hat er auch seine Sketchpartner während des Sketches zum Lachen gebracht.“
Peter Kraus: „Hahaha.“
Peter Kraus: „Das Schöne ist: Er war nicht unter der Gürtellinie.“
Michael Kessler: „Erinnert mich so ein bisschen an die Sprache, die man heute verwendet, bei SMS oder Email, ne?“
Michael Kessler: „Schön knapp.“
Dieter Hallervorden: „Haha.“
Michael Kessler: „Hahahahahahahaha.“
Dieter Hallervorden: „So unübertrefflich gespielt, mit so absurden Wendungen.“
Dieter Hallervorden: „Bis zur Schlusspointe hin. Schade finde ich nur, dass es mir nicht eingefallen ist.“
Peter Kraus: „Das war damals live auf der Bühne, rechts war ’ne Band. Wir haben’s noch gesehen.“
Michael Kessler: „Oaahh! Ein G-naller.“

Vielleicht war es leichtsinnig, den Fernseher mit der Erwartung eingeschaltet zu haben, das Erste könne Erhardt ganz klassisch feiern, womöglich sogar mit Showband und einem Ambiente, das ein bisschen an die Fernsehstudios aus den 60ern erinnert hätte (wie Peter Kraus kurz wieder einfällt, wenn er von „damals“ spricht), und nicht ans derzeit übliche Oliver-Geißen-Universalmodell. Womöglich bringt es auch nichts, sich zu fragen, was das für Leute sind, die Erhardts Sketche, die ja zum Wesentlichen durch ihr Timing leben, einfach so durch den Bluebox-Häcksler schicken, um ihre „einzigartige Humor-Chartshow“ (NDR-Ankündigung) zu produzieren.

Aber irgendwie hab ich den leisen Verdacht, dass für den Mann, den die ARD da am Donnerstagabend zwei Stunden als einen unserer größten Humoristen feierte, im Fernsehen, wie es heute ist, kein Platz mehr wäre.

Screenshots: Das Erste


40 Lesermeinungen

  1. Ich hab nach einer DVD nur das...
    Ich hab nach einer DVD nur das Ende mitbekommen – war wohl besser so. Meine erste Reaktion war aber auch, erstmal verblüfft in der Bildschirmecke zu kontrollieren, dass da wirklich die ARD-1 steht und nicht das Sat.1-Logo. Sogar die Gäste waren ja zu einem großen Teil die üblichen Verdächtigen. Hat da wirklich nicht irgendwer einfach die Aufnahmen für „Die Hit-Giganten: Heinz Erharts beste Gags!“ für viel Geld ans ÖR verschachert?

  2. Das Schmerzhafteste war ja...
    Das Schmerzhafteste war ja für mich mit ansehen zu müssen, wie die wunderbare Ina Müller sich für diesen Unsinn verheizen liess…

  3. Ist es denn nicht ein klares...
    Ist es denn nicht ein klares Zeichen an und für sich? Ein Heinz E. wird auch noch nach Jahrzehnten im TV gezeigt, Filme wiederholen sich regelmässig, Gedenkstunden, Rückblenden und vieles mehr. Und einmal ungeachtet der unsäglichen Blueboxprominenten: Das ein Mann wie Heinz E. heute noch so erfolgreich und beliebt ist, sollte den aktuellen Comedians (und die, die sich als solche schimpfen) vielleicht ein Signal senden. Das gleiche Signal, dass der noch lebende Loriot immer wieder sendet: Sich Zeit nehmen, Anspruch haben. Nicht mit dem Hammer die Gags ins Programm gekloppt.
    Feiner Humor der den Namen Humor verdient, Wortwitz in Vollendung, zeitlos und immer wieder heiter amüsant. Wie viele von uns können Gedichte vom Heinz mitsprechen? Die Made hinter eines Baumes Rinde, Ritter Fips und seine Brüstung, die Nase die nicht fliegen kann. Und wie viele der heute Pubertierenden werden in 20 oder 30 Jahren noch einen Spruch von Dieter Nuhr oder Johann König oder Cindy aus Marzahn auf die Reihe bringen?
    Ich hasse als 33-jähriger „Früher war alles besser“-Sprüche, aber: Manchmal war die fehlende Vielfalt im TV (und Supermarkt) in Garant dafür, dass der Konsument nicht von oben bis unten mit allem vollgemüllt wird. Aber Hauptsache, die Regale sind gut gefüllt.
    Darian, gefüllt seit 1975.

  4. So ein schlechtes Timing gibts...
    So ein schlechtes Timing gibts in der Tag selbst bei RTL nicht. Es gab nicht einen Sketch, den man ohne Unterbrechungen genießen konnte.
    Total unlustig war auch der nachgespielte G-Sketch von den B-Promis auf der Couch.

  5. Ich will mir gar nicht...
    Ich will mir gar nicht ausmalen, was sich die ARD zum 100ten Geburtstag Loriots ausdenkt.

  6. Es war etwa so, gestern 20:15...
    Es war etwa so, gestern 20:15 Uhr nach der Tagesschau: Ich überlegte, was und ob ich Fernsehen schaue sollte, auf Top Modell hatte ich keine Lust, als ich dann sah, dass es eine Heinz Erhardt-Sendung geben würde dachte, toll, das schaue ich. Dann wurden die Gratulanten erwähnt… und ich dachte, oh nein, lieber doch nicht, dann kam Ina Müller und ich dachte wiederum: na gut, dann doch. Ina ist super.
    Kurz nach der hier dokumentierten Stelle und diesem Tweet:
    https://twitter.com/TVundso/statuses/1227772416
    habe ich dann abgeschaltet bzw. umgeschaltet.
    Das war ganz ganz schlimm. Man kann diese Sender (ARD, ZDF) was Unterhaltung betrifft einfach nicht schauen. Es geht einfach nicht. Wenn ich nur die Wahl hätte zwischen ARD/ZDF und 9Live oder Teleshopping und ich mich entscheiden müsste, was mich mehr unterhalten soll… ARD/ZDF wären es nicht. So schlimm ist das.

  7. Tja...

    Das kommt davon, wenn...
    Tja…
    Das kommt davon, wenn man mit Gewalt etwas Geniales noch „verbessern“ will..
    Heinz Erhard kann am Besten noch immer für sich selber sprechen..
    Schade um die Sendezeit

  8. Ich bin heute noch...
    Ich bin heute noch erschüttert, dass das möglich ist, so unsensibel einen
    Erste Klasse Komiker zu zerfleddern. Hat der NDR das mit dem ‚Flachbildschirm‘
    falsch verstanden? Nach längerer Zeit hatte ich mich auf nen Fernsehabend gefreut und dann das…. Darian s.o. hat recht, vollgemüllt passt absolut.
    Gute Nacht ARD- sucht man sich jetzt den Programmablauf analog zu den Nachrichten aus? Das kann ja heiter werden. Immerhin!!

  9. habe ausgeschaltet...
    habe ausgeschaltet

  10. tja die Zeiten ändern sich...
    tja die Zeiten ändern sich ÖR ist nicht mer was es mal war,die FAZ ist nicht mehr was sie mal war, das Internet wars immer schon….. anspruchslos

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