Das Fernsehblog

Misteln, schöne frische Misteln!

Es gibt Neues vom Heilkräutersender Nummer eins und der Misteltherapie, die derzeit in der ARD-Telenovela „Sturm der Liebe“ so oft erwähnt wird.

Der Verdacht, dass es sich dabei um Schleichwerbung handeln könnte, ist ja inzwischen bekannt. Die ARD hat sich etwas schwammig dazu geäußert. Und die Kommentatoren unter beiden Beiträgen, die dazu bisher im Fernsehblog erschienen sind, diskutieren Argumente dafür und dagegen. (Vielen Dank für die rege Beteiligung.)

Gegen ein Themenplacement sprach, wie viele Kommentatoren angemerkt haben, dass Fred, der die Misteltherapie in der Telenovela empfiehlt, kurz nach dieser Empfehlung gestorben ist. Und welcher Hersteller möchte schon, dass seine Präparate mit einem solchen schnellen Tod in Verbindung gebracht werden? Nun ja: Auch dafür haben die Autoren von „Sturm der Liebe“ eine Lösung gefunden. In Folge 794, die am Freitag ausgestrahlt wurde, ist Viktoria noch geschockt über den Tod ihres Freundes und fängt einen Streit mit der Ärztin an.

„Sturm der Liebe“, Folge 794, 27. Februar 2009:

Viktoria: Ich versteh das nicht. Er hat sich doch wohl gefühlt mit der Misteltherapie.
Ärztin: Nein, nein, er hat sich vor allem gut gefühlt wegen der Opiate, die seine Schmerzen gelindert haben.
Viktoria: Ja, aber er war fit, er hatte Pläne – mit Sizilien!
Ärztin: Er wollte einfach bis zuletzt am Leben teilnehmen. Ihr Freund wusste, wie es um ihn steht. Und er hat sich diesem Schicksal tapfer gestellt. Aber es war ein aussichtsloser Kampf, ob mit oder ohne Misteltherapie.
Viktoria: Das sagen Sie doch nur, weil sie selber nicht weiter wissen.
Ärztin: Wie kommen Sie denn darauf?
Viktoria: Durch uns Krebspatienten wird Ihnen doch erst klar gemacht, wie wenig Sie eigentlich können. Und wenn dann einer sagt, er macht diesen ganzen Medizinzirkus nicht mehr mit, dann heißt es nur: Tja, selber schuld, wenn Sie sterben.
Ärztin: Gut, Frau Tarrasch, ich geh jetzt.


Screenshot: Das Erste

Nachher diskutiert Veronika noch einmal mit Felix über Freds Tod – und kommt zu einer ziemlich eindeutigen Diagnose:

Felix: Ich hab viel über Krebs gelesen, es gibt keine zwei Fälle, die man vergleichen kann.
Viktoria: Dann hast du sicher auch gelesen, wie viele Fälle von der so genannten Schulmedizin einfach aufgegeben worden sind. Und da ist es völlig verständlich, dass man in so einer Situation alles versucht, was es an alternativen Verfahren gibt.
Felix: Ja, wenn es was bringt, aber es hat nichts gebracht.
Viktoria: Doch. Die Misteltherapie hat ihm ein ganzes Jahr geschenkt. Hätte er weiter diesen Weißkitteln vertraut, wäre er doch schon viel früher gestorben.
Felix: Du hast aber viel mehr Zeit, viel mehr Zeit als nur ein Jahr, du hast ein ganzes Leben. Die Misteln, die werden dich nicht heilen, die zerstören keine Krebszellen.
Viktoria: Aber die Chemos helfen mir doch auch nicht, im Gegenteil, schau doch an, was sie aus mir gemacht haben.
Felix: Ok, ich versteh dich, aber bitte versuch, mich auch zu verstehen. Mach die Knochenmarktransplantation.
Viktoria: Mir wird schon schlecht, wenn ich ein Krankenhaus nur von außen sehe.
Felix: Dann suchen wir ein anderes, wo es dir besser gefällt.
Viktoria: Wo es mir besser gefällt? Felix, diese Kill-all-Chemo tötet alles hier in mir drin, alles. Kein Mensch weiß, ob es irgendwas bringt. Darum geht’s.
Felix: Bitte überleg’s dir nochmal.
Viktoria: Was meinst du, warum ich aus dem Krankenhaus abgehauen bin? Es gibt Entscheidungen, die trifft man allein. Ganz allein.


Screenshot: Das Erste

Beim allem Verständnis für den Appell, vorsichtig mit dem Verdacht auf Themenplacement umzugehen: Schöner kann man einem Krebspatienten gar nicht erklären, welche angeblichen Chancen die Misteltherapie ihm bietet. Sie wird keine Wunder vollbringen, erklärt Felix, die Stimme der Vernunft – aber sie hat Fred „ein ganzes Jahr geschenkt“, fügt Viktoria hinzu, und ohne sie wäre er „schon viel früher gestorben“.

Die klassische Medizin kommt denkbar schlecht weg – als „so genannte Schulmedizin“, in der „Weißkittel“ bei Krebs einfach „nicht weiter wissen“, „wenig können“ und kühl ihren „Medizinzirkus“ durchpeitschen, ohne Rücksicht auf Einzelfälle, die „einfach aufgegeben werden“.

Mal angenommen, das alles hat tatsächlich rein gar nichts mit Themenplacement zu tun, die Autoren wollten bloß Kritik an der klassischen Medizin üben, brauchten eine alternative Heilmethode, die sich – wie die ARD ja sagt – an der „Lebenswirklichkeit“ orientiert und stießen bei ihren Recherchen auf die Misteltherapie. Dann ist es immer noch hochgradig erstaunlich, dass weder der Bavaria noch der federführenden Redaktion im WDR auffällt, wie sehr sie sich mit solchen impulsgebenden Dialogen in den Dienst einer Industrie stellt, die großes Interesse daran zu haben scheint, dass ihre Alternativmethode bekannt wird (oder bleibt) – vor allem, wenn diese Industrie sich bis vor wenigen Jahren noch in ARD-Serien einkaufen konnte.

Ich dachte ja bisher, die ARD hat aus dem Skandal von 2005 etwas gelernt, nämlich mindestens, dass sie auf jeden Fall den Eindruck vermeiden muss, auch nur im Entferntesten von Dritten manipulierbar zu sein, auch nicht in Unterhaltungssendungen. Aber langsam bin ich mir da nicht mehr so sicher.

(Mit Dank an die Kommentatoren für die Hinweise.)

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