Das Fernsehblog

Nebenbei wird halt gesungen: RTL macht "DSDS" zur Dokusoap

Ist eigentlich Dieter Bohlen noch bei „Deutschland sucht den Superstar“ dabei? Man hört gar nichts mehr von dem Mann. Was ist denn mit seinen unverschämten Sprüchen? Den Provokationen? Dem Zoff mit anderen Jurymitgliedern?

Hat Bohlen seinen Zenit womöglich überschr… – oh, Entschuldigung, wir müssen kurz unterbrechen und schalten für eine Sensationsnachricht ins Pressezentrum von „Deutschland sucht den Superstar“:

„Das gab es so noch nie in einer Live-Show von DSDS: Die Kandidaten gehen aufeinander los. Millionen Zuschauer wurden am vergangenen Samstag Zeuge wie es zum Eklat kam. Nach Annemaries Auftritt kochten in der Kandidaten-Lounge die Emotionen hoch. Und auch nach der aufregenden Live-Show geht es mit den Anfeindungen untereinander weiter.“
(RTL-Pressemitteilung)

Haben Sie nicht gesehen? Ach, das macht wirklich nichts.

Es gab da eine hässliche Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Kandidaten, wegen der es im Studio beinahe zu Rangeleien gekommen wäre (jedenfalls sah das vor dem Fernseher so aus), und die RTL jetzt umfassend in „Punkt 6“, „Punkt 12“, „Punkt 12“, „Punkt 12“ und „Explosiv“ nachbereiten kann, am besten weiterhin in Zusammenarbeit mit „Bild“ und „Bravo“, die fleißig mithelfen, Skandälchen zu produzieren, auf die dann in der Show eingegangen wird. Natürlich kann man der Ansicht sein, das sei die richtige Taktik, um die Sendung im Gespräch zu halten. Obwohl man als Zuschauer schon länger das Gefühl hat, nicht mehr unterscheiden zu können: Was ist echt? Und wann führt RTL uns mit seinen Kooperationspartnern an der Nase herum, um nachher eine knackige Pressemitteilung raushauen zu können?

In den vergangenen Jahren hat sich einiges geändert: „Deutschland sucht den Superstar“ ist zu einer Show umgekrempelt worden, die eigentlich keinem Genre mehr zuzuordnen ist, weil in ihr von allem ein bisschen was drinsteckt: Comedy, Dokusoap, „Big Brother“ — und irgendwo auch noch ein Fitzelchen Talentwettbewerb.

Ute Biernat, Geschäftsführerin des „DSDS“-Produzenten Grundy Light Entertainment, sagt:

„Wir haben uns am Anfang kaum getraut, Entertainer mit in die Show zu nehmen, weil wir gedacht haben: Solche Leute gibt’s bei uns in Deutschland gar nicht. Aber Deutschland ist eben doch verrückter als man annimmt — das haben wir allerdings erst unterwegs gemerkt.“

Natürlich gab es in früheren Staffeln Kandidaten wie Daniel Küblböck und Lorenzo, die als Exoten die Show bereichern sollten. Neu ist aber, dass selbst Dieter Bohlen inzwischen offen sagt: Schräge Typen, die so mittelgut singen, sind uns lieber sind als gute Sänger, die nicht aus sich herausgehen können.

Auch die Erzählweise in der Show hat sich verändert: Früher waren die Einspielfilme vor den Auftritten dazu da, Oma und Opa erzählen zu lassen, wie stolz sie auf ihren Enkel sind. Heute werden ganze Lebensgeschichten erzählt, manchmal lustig, manchmal vor Emotionen triefend.

Kandidat Marc ist im Kinderheim aufgewachsen und hat in der vergangenen Woche Kinder, die heute dort untergebracht sind, durchs „DSDS“-Studio geführt. Sarah beendete quasi vor laufenden Kameras ihre Verlobung, um bei „DSDS“ dabei sein zu können. Und dass die Harfen-Frau Cornelia am Samstag rausgewählt wurde, ist ein echter Verlust, aber nicht bloß wegen ihrer Stimme, sondern vor allem, weil Dieter Bohlen jetzt die Suche nach einem Mann für sie nicht mehr fortführen kann. Dabei versichert Biernat:

„Wir suchen die Leute nicht nach ihren Geschichten aus, aber wir erzählen jetzt mehr über sie. Unser Ziel ist es, den Zuschauern zu vermitteln: Wer ist das? Wo kommen die her? Was sind das für Menschen? Deshalb gehen wir mit den Kandidaten jetzt auch nicht mehr geschlossen über Weihnachtsmärkte, sondern erzählen lieber, wie sie zuhause sind. Die Geschichten werden persönlicher, dadurch lassen sich die Kandidaten leichter auseinander halten.“

Die Strategie hat einen ziemlich einfachen Grund:

„Wir hatten in der zweiten Staffel das Problem, dass sich viele Bewerber angesehen haben, wie weit die Kandidaten aus der ersten Staffel gekommen sind und dann versucht haben, sich genauso zu verhalten. Da sind wir ganz schön reingefallen. Und deswegen erzählen wir heute so viel individueller.“

Natürlich werden die „DSDS“-Macher hoffen, dass jemand wie Vanessa noch eine Weile dabei bleibt. Immerhin hat sie versprochen, die Kilos, die sie in den vergangenen Wochen zugelegt hat, wieder abzuspecken. Im Einspielfilm am Samstag war sie deswegen mit der RTL-Kamera beim Ernährungsberater, im Fitnessstudio und in der Konditorei, um sich dort von den leckeren Torten zu verabschieden. Das war witziger als die Sketchcomedys, mit denen RTL derzeit samstags die Zuschauer quält, die auf die Entscheidungsshow warten, zeigt aber auch schön, wie gefährlich „DSDS“ langsam in Richtung Dokusoap kippt.

Und bei diesem Genre vertritt RTL neuerdings bekanntlich eine sonderbare Ansicht: dass es den Zuschauern nämlich egal ist, ob sie darin „echte“ Menschen und „echte“ Fälle sehen — oder bloß Schauspieler, die so tun als ob. Warum sollte das mittelfristig nicht auch für „DSDS“ gelten, wenn sich auf diese Weise „Eklats“ noch viel besser steuern ließen?

Der Aufwand, den RTL für die samstäglichen Liveshows treibt, ist in jedem Fall einzigartig für einen Privatsender in Deutschland: die riesige Bühne, die Kamerachroeographie, das Orchester. Wer weiß, wie lange sich werbefinanzierte Sender in der derzeitigen Lage sowas noch leisten wollen. Grundy-LE-Chefin Ute Biernat glaubt:

„‚DSDS‘ ist eine der letzten großen, teuren Sendungen im Fernsehen, langfristig wird es davon nicht mehr so viele geben, weil die Sender jetzt alle aufs Geld schauen müssen.“

Fotos: RTL

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