Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Das große Klauen (3): Fernsehen nach Rezept

| 12 Lesermeinungen

Ute Biernat, Vorsitzende der Formatschutzorganisation FRAPA, erklärt fürs Fernsehblog, ab wann eine Idee für eine Fernsehsendung eigentlich schützenswert ist. Und warum es keine gute Idee sein kann, wenn alle ständig voneinander kopieren ohne sich um Formatlizenzen zu scheren.

Wenn Fernsehsender oder Produktionsfirmen Programme übernehmen wollen, die einem anderen Sender oder einer anderen Produktionsfirma gehören, kaufen Sie Formatlizenzen. Sie zahlen also Geld an den Erfinder einer Show. Dafür, dass diese Regelung eingehalten wird, setzt sich die FRAPA ein (Format Recognition and Protection Association), in der Produktionsfirmen aus aller Welt freiwillig Mitglied werden können und dann bei der FRAPA schützenswerte Konzepte anmelden. Der Verband soll auch im Streitfall zwischen zwei Produktionsfirmen, deren Ideen sich ähneln, vermitteln.

Vorsitzende ist Ute Biernat, Chefin von Grundy Light Entertainment, das unter anderem „Deutschland sucht den Superstar“ produziert und zum Konzern Fremantle Media gehört.

Und weil Formatschutz ein kompliziertes Thema ist, hat Das Fernsehblog Biernat mal gefragt, wie das alles überhaupt funktionieren soll. Zumindest theoretisch.

Bild zu: Das große Klauen (3): Fernsehen nach RezeptDas Fernsehblog: Frau Biernat, ab wann ist eine Idee für eine Fernsehsendung schützenswert?

Ute Biernat: Am ehesten dann, wenn es sich dabei um ein richtiges „Format“ handelt. Wenn Sie „Deutschland sucht den Superkicker“ machen wollen und acht Zeilen dazu aufschreiben, ist das erst einmal nur eine Idee. Viele unterschätzen, was ein Format ausmacht. Es gibt Leute, die kommen mit drei Seiten zu mir und wollen 100.000 Euro dafür haben. Eigentlich ist ein Format aber ein umfangreicher Regularienkatalog, der wie ein Rezept funktioniert, in dem zum Beispiel steht, welche Elemente zu welcher Zeit in eine Show hinein gerührt werden müssen, um das gewünschte Ergebnis zu bekommen. Mit so einer „Bibel“ lassen sich die Erfahrungen transferieren, die man mit seiner Sendung gemacht hat. Ein Format ist also ein auf Papier gebrachtes, fertiges Produkt.

Gibt es sowas wie Mindestbedingungen, wenn man ein Format entwickeln will?

Sie können nicht sagen: Ich hab einen Moderator, der Fragen stellt, einen Kandidaten, der Antworten gibt – und damit gehört mir das komplette Genre „Quiz“. Das ist ein bisschen wenig. Je detaillierter Sie hinterlegt haben, wie Ihre Sendung aussieht – am besten mit Setplänen, Lichtplänen, Spielregeln –, desto eher ist sie als Format schützenswert, weil das widerspiegelt, was man an Entwicklungsarbeit investiert hat, und sich so nachweisen lässt, wie sich ein Konzept von einem anderen unterscheidet.

Das heißt: Wenn ich meine Idee sehr genau ausarbeite, sind die Chancen gut, dass ein Sender anbeißt?

Ganz so einfach ist das nicht. Für die Sender in Deutschland ist ein Format leider immer noch am ehesten eine Sendung, die schon im Ausland erfolgreich war. Es ist ganz schwer, in Deutschland ein neues Produkt zu verkaufen, das noch nirgendwo gelaufen ist. Einfacher ist es durch bekannte Protagonisten – wenn also jemand wie Stefan Raab eine neue Show erfindet. Dann kann sich der Sender darauf verlassen, dass die Leute schon mal wegen ihm einschalten.

Wieviele Formate besitzt denn zum Beispiel Fremantle Media?

Das weiß ich auswendig: 278. Es könnten aber inzwischen auch drei dazu gekommen sein.

Warum ist es überhaupt so wichtig, Formate zu verkaufen?

Weil für die Entwicklung neuer Formate schnell mal sechsstellige Summen investiert werden. Diese Kreativarbeit finanziert keiner mehr, wenn er das Geld nicht mehr reinholen kann.

Könnte man nicht genauso gut sagen: Wenn ein Format prima läuft und ein anderer das nachmacht, unterstützt es den Erfolg nur, und beiden ist geholfen?

Die Erfahrung lehrt uns: Das Original ist erfolgreich, die erste Kopie vielleicht auch noch, bei der zweiten Kopie wird’s dünn, danach sehr schwierig. Wenn es zu viel vom selben gibt, kommt es vor, dass ein ganzes Genre umkippt – wie bei den Nachmittagstalkshows in den 90ern, von denen kaum welche übrig geblieben sind. Wir Produzenten tun uns keinen Gefallen, wenn wir uns zu oft zu nahe kommen. Deshalb ist die Halbwertzeit vieler Formate inzwischen auch geringer. Früher hielt eine Idee vielleicht 10 Jahre. Heute werden viele nach zwei, drei Jahren wieder vom Sender genommen, unter anderem weil es so viele ähnliche Sendungen gibt.

Ist es nicht so, dass in Deutschland alle immer irgendwo ein bisschen klauen und deshalb keiner was sagt, wenn bei ihm geklaut wird?

Schön wäre, wenn die Produzenten sich da offener austauschen würden. Wir haben jahrelang nicht miteinander geredet. Ich erhoffe mir da von der neuen Produzentenallianz einen stärkeren Impuls. Auch die Sender müssen den Formatschutz akzeptieren, wenn sie mit ihren Formaten im internationalen Geschäft Geld verdienen möchten.

Foto: Grundy Light Entertainment


12 Lesermeinungen

  1. widerspiegelt statt...
    widerspiegelt statt „wiederspiegelt“

  2. hmh, format hin, format her....
    hmh, format hin, format her. ich habe nun leider noch immer nicht verstanden, wie man das abgrenzt: was ist denn nun ein „richtiges Format“, was ein „nicht-richtiges“ und was eine geklautes format …?

  3. Interessant!
    Danke für das...

    Interessant!
    Danke für das Interview, Peer!

  4. @BloodyFox: So soll es sein....
    @BloodyFox: So soll es sein. Danke.

  5. Was ist der wichtigste Satz?...
    Was ist der wichtigste Satz? „Für die Sender in Deutschland ist ein Format leider immer noch am ehesten eine Sendung, die schon im Ausland erfolgreich war.“

  6. Ist nicht das Medium Fernsehen...
    Ist nicht das Medium Fernsehen selbst das Problem? Leistet es – egal ob öffentlich-rechtlich oder privat organisiert – irgendwelche sinnvollen Beiträge für unsere Kulturgesellschaft? Aus meiner Sicht ist das Fernsehen im Zeitalter des Internet gänzlich verzichtbar.

  7. "Produzentenallianz"? Wer hat...
    „Produzentenallianz“? Wer hat denn da geklaut? Die Allianz klagt doch alles in Grund und Boden was ansatzweise „Allianz“ im Namen trägt…

  8. Na genau da (in der zwieten...
    Na genau da (in der zwieten Antwort) widerspricht sich die Dame doch. Es ist also nicht das Format an sich, sondern die Optik und genauen Inhalte, die sich nach deutschem Recht auch als Werk bezeichnen lassen, nicht aber das Format selbst zu schützen. Was sie da nennt läuft doch alles auf Leistungsschutzrechte aufführender Künstler, Sprachwerke, Musikwerke, etc. hinaus. Und dass man da rechtliche Handhabe hat, ist klar … Die Bloße Idee: Ich mache ein paar wetten, andere setzen darauf und müssen bei Fehleinschätung bestraft werden ist so sicher nicht schützenswert und wurd eja auch vor der Fernsehsendung shcon tausendfach ausgeübt. 😉

  9. @ Dresia: stimmt, ich finde...
    @ Dresia: stimmt, ich finde auch dass die 15-Sekünder gähnender Katzen auf Youtube einen ausreichenden Beitrag für das Bewegtbildsegment unserer Kulturgesellschaft leisten. Und die ganzen Serien und Reportagen werden die demnächst sicher auch gratis und direct-to-torrent produzieren … dann gehts dem Fernsehen wie dem Buch, das wurde glaub ich damals abgeschafft als das Kino kam 😉
    Ich denke jedenfalls es gibt weltweit noch genug schützenswerte Formatideen – Freemantle hat mit der Idol-Lizenz an deren Durchsetzung natürlich ein verstärktes Interesse.

  10. Im Prinzip kann man das...
    Im Prinzip kann man das vielleicht analog zu Erfindungen und den dazugehörigen Patenten sehen. Die Idee an sich ist noch nicht wirklich eine Erfindung, das Entscheidende ist die Umsetzung, wie man etwas gestalten muss, damit die Idee in der Realität auch funktioniert. Ich denke schon, dass bei „Wer wird Millionär“ die Art der Musik, die Joker, der Umstand, dass die Kandidaten ungecastet sind etc, dieses Quiz zu etwas besonderem machen.
    Ich denke, je ausgelutschter ein Genre ist, desto genauer muss die Umsetzung ausgearbeitet sein. Ich kann mir aber vorstellen, dass bei etwas wirklich Neuem – wo die Idee das Überraschende ist – ein paar Seiten reichen dürften. Aber vielleicht lieg ich falsch und auch „Schlag den Raab“ wurde bis ins kleinste Detail ausformuliert und konnte nur so als Format verkauft werden.

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