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Wie Oliver Pocher bei Kerner seinen Wechsel zu Sat.1 bekannt gab (und was Harald Schmidt davon gewusst hat)

Am Mittwoch war Oliver Pocher mit Atze Schröder bei „Johannes B. Kerner“ zu Gast und lästerte so lange, bis jeder mal was abbekommen hatte – Mario Barth, Angelina Jolie, Heidi Klum, Boris Becker, Mario Barth. Nebendran saß Kerner, grinsend, aber irgendwie auch peinlich berührt, weil es nicht alle Tage vorkommt, dass in seiner Show jemand alle beleidigt, zu denen er sonst als Gastgeber freundlich sein muss, damit sie wiederkommen. Und stellte dann doch noch eine interessante Frage:

„Gibt’s irgendjemanden, den ihr per se ausschließen würdet von eurem Humor? Also sagen würdet: über den reißen wir keine Witze?“


Screenshot: ZDF

Pocher antwortete ziemlich eindeutig: „Nee, es gibt niemanden.“ Dabei war das natürlich geflunkert. Es gibt exakt eine Person, die von Pochers Humor ausgenommen ist: Harald Schmidt. Wenn die Sprache auf Schmidt kommt, wird Pocher erstaunlich schmallippig und redet plötzlich im schönsten Konsensdeutsch davon, wie gut die Zusammenarbeit mit Schmidt gewesen sei , wie wichtig die Erfahrung für ihn war und wie schön die Zeit. Gestern stammelte er:

„Wir haben wirklich ein extrem gutes, und auch freundschaftliches, äh, zumindest kollegiales Verhältnis.“

Gegrinst hat er dabei nicht. (Video in der ZDF-Mediathek ansehen.)

Am heutigen Donnerstag läuft nun die letzte Ausgabe von „Schmidt & Pocher“. Und wenn man mag, kann man die Show in der vergangenen Woche als Generalprobe fürs Finale verstehen, in der alles wie immer war. Abgesehen davon, dass der doppelte Stand-up zu Beginn der Sendung einen merkwürdigen Eindruck hinterlässt, weil die beiden Gastgeber dann nicht zusammen auf der Bühne stehen, sondern nacheinander vors Publikum treten und jeder sein eigenes Humorprogramm abfeiert.

Noch rätselhafter war an diesem Donnerstag in der vergangenen Woche bloß, was genau Schmidt da vorzutragen hatte: jede Menge Spott über seinen alten Arbeitgeber nämlich, und zwar ohne dass es einen konkreten Anlass gegeben hätte. (Jedenfalls gab es dafür bereits geeignetere Wochen.) Mit dem Umweg darüber, dass sich arabische Investoren bei Daimler eingekauft haben, schlug Schmidt vor, dass auf diese Weise doch auch Pro Sieben Sat.1 gerettet werden könnte und zeigte eine kleine Grafik des Kursverlaufs:

„Dieselbe Firma, dieselbe Aktie – damals 30 Euro, heute 1,15 Euro.“


Screenshot: Das Erste

Dazu lästerte Schmidt intensiv über Haim Saban, der die Sendergruppe mal kurzzeitig besessen hatte, aber schon längst keine Rolle mehr spielt, und brachte zum Vergleich den Daimler-Investor Khadem Al Qubaisi als neuen Besitzer ins Spiel:

„Wen hätten Sie lieber als Eigentümer eines deutschen Fernsehsenders? Bei wem würden Sie lieber sagen: Ich drück dich. Oder wie immer die aktuelle Parole gerade heißt.“

Pocher saß schon hinten am Schreibtisch und war sehr, sehr still.

Und so ein Zufall: Sechs Tage später gab er bei Kerner bekannt, künftig bei Sat.1 zu moderieren. Der F.A.Z. sagte Pocher, Schmidt habe keinen Einfluss auf die Entscheidung gehabt, er habe mit ihm lediglich über die Gründung seiner eigenen Produktionsfirma gesprochen (die den Produktionsauftrag an eine Tochter von Spiegel TV weiterreichen soll, wie die „Süddeutsche“ berichtet. Deshalb wohl auch der Auftrag bei Kerner, das von derselben Spiegel-TV-Tochter produziert wird).

Aus Pochers Sicht muss man den Weggang vermutlich eine konsequente Entscheidung nennen, weil Sat.1 der einzige große Sender ist, bei dem er derzeit das sein kann, was er sich selbst am ehesten zutraut: die Nummer 1. Das wäre weder bei RTL (mit Günther Jauch) oder Pro Sieben (mit Stefan Raab) möglich gewesen, und erst recht nicht mehr im Ersten, das Schmidt schon längst die Alleinherrschaft zurückversprochen hat. Eine Überraschung ist die Personalie trotzdem – offenbar auch für die ARD gewesen, wo man nach Bekanntwerden des Wechsels so reagierte, wie man das am besten kann: peinlich.

„Ohne Oliver Pocher geht’s auch, wie man in der ARD sagt“, lässt sich Programmchef Volker Herres in einer knappen Pressemitteilung zitieren. Und klingt dabei so beleidigt, dass man Pocher, selbst wenn man seinen Humor ablehnen mag, zu seiner Entscheidung nur beglückwünschen kann. Vielleicht hätte Herres auch früher etwas ahnen können – und einfach mal Harald Schmidt fragen. Der hat es doch gewusst.

Oder?

Oder die Regie bei „Schmidt & Pocher“ hat am vergangenen Donnerstag geradezu sensationell prophetische Arbeit geleistet.


Screenshot: Das Erste

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