Das Fernsehblog

Eine Woche "Eine für alle": Positivdenken mit der ARD

So. Jetzt hab ich mir also pflichtbewusst die ersten sechs Folgen der neuen ARD-Serie „Eine für alle – Frauen können’s besser“ angesehen, und damit war der Sonntagabend dann auch schön im Eimer. Aber man muss ja ehrlich sein: Wahrscheinlich hätte es schlimmer kommen können. Jetzt hat die ARD halt noch eine Serie, die so aussieht wie die Dokusoaps, die davor laufen. Gäbe es den Vorspann nicht, könnte man zumindest den Eindruck haben, „Marienhof“ sei einfach um 20 Minuten und einen pseudo-realistischen Handlungsstrang aus der Wirtschaftswelt verlängert worden.

Dabei ist die ARD doch so stolz auf ihre Serie, in der ein Finanzinvestor ein baden-württembergisches Traditionsunternehmen übernimmt, um es abzuwickeln und die Arbeitsplätze nach Fernost zu verlagern. (Wie man das von diesen Heuschrecken eben gewöhnt ist: Pro Sieben Sat.1 wird ja auch längst aus China gesteuert, wenn Sie Ihren Wagen zu A.T.U. bringen, wird der zur Reparatur ohne dass Sie’s merken nach Indien geschickt, und die Mitarbeiter der Kabel-Deutschland-Hotline müssen irgendwo am anderen Ende der Welt sitzen, so teuer und so umständlich wie das ist, wenn Sie dort ein Problem mit Ihrem Kabelanschluss melden wollen. Private-Equity-Unternehmen eben.)


Foto: ARD

Jedenfalls findet ARD-Programmchef Volker Herres, dass das eine tolle Leistung war, so eine Serie zu beauftragen, bevor irgendwer was von einer Wirtschaftskrise ahnen konnte: „Wenn Sie so wollen, hat die Aktualität die Fiktion eingeholt. Das macht es für Zuschauer besonders spannend“, zitierte ihn der „Tagesspiegel“ diese Woche.

Ja, fantastisch. Was wünschen sich Zuschauer in einer Zeit, in der die Nachrichten überlaufen vor schlechten Meldungen, sehnlicher als noch mehr schlechte Meldungen in ihrem Unterhaltungsprogramm? Ist doch besonders spannend, wenn so eine neue Serie sich eine ganze Woche Zeit lässt, ihr Publikum Folge für Folge mitzureißen: Ein Unternehmer wird gezwungen, seine Firma zu verkaufen, die neuen Eigentümer planen eine „grundlegende Redimensionierung unter großzügiger Freisetzung von Humankapital“, die Mitarbeiter stehen vor der Entlassung, schöpfen aber neuen Mut, indem sie noch härter arbeiten, um die Firma zu erhalten, was sich nach sechs Folgen als hoffnungslos herausstellt. Zwei Desaster in der ersten Woche – Mensch, da kann man’s kaum abwarten, am Montag wieder einzuschalten.

Es ist natürlich der denkbar schlechteste Zeitpunkt für so eine Serie, mitten in der Krise noch mehr Krisenthemen zu produzieren, und deshalb eigentlich auch kein Wunder, dass die niedrigen Quoten in der ersten Woche selbst wieder Krisenmeldungen provozierten.

Immerhin: Etwas Gutes hat „Eine für alle“ dann doch. Für die Werbekampagne zum Sendestart hat die zuständige ARD Werbung die gebeutelte Werbeindustrie ordentlich subventioniert und ganze Städte mit Citylight-Postern zugeklebt bzw. Zeitungen und Magazine mit Anzeigen vollgeschaltet. Das-Erste-Marketingleiter Dietmar Pretzsch verriet der Fachzeitschrift „Horizont“ kürzlich:

„Die Kampagne für ‚Eine für alle‘ ist die größte, die wir jemals für Das Erste gemacht haben. Sie übertrifft von der Länge und vom Volumen her jede unserer ‚Sportschau‘-Kampagnen.“

Das Mediavolumen für die Kampagne liege „deutlich jenseits der 5 Millionen Euro“, zitiert „Horizont“ Pretzsch weiter. Und: „Wenn wir so ein großes Projekt auf die Schiene bringen, dürfen wir nicht an dieser Ecke anfangen zu sparen und jeden Euro zweimal umdrehen. Damit würden wir das ganze Projekt riskieren. Wir haben den unbedingten Willen zum Erfolg.“

Da sieht man’s mal: Beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen haben sie das Positivdenken noch nicht verlernt – also: außer im Programm natürlich.

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